Das Star-Trek-Prinzip

Wie ich wurde, was ich bin IV

Ich liebe Star Trek, besonders die zweite Serie „The Next Generation“. Ich liebe das Pathos des Vorspanns: „Der Weltraum – unendliche Weiten. Wir befinden uns in einer fernen Zukunft. Dies sind die Abenteuer des neuen Raumschiffs Enterprise, das viele Lichtjahre von der Erde entfernt unterwegs ist, um fremde Welten zu entdecken, unbekannte Lebensformen und neue Zivilisationen. Die Enterprise dringt dabei in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“

Die Menschheit hat den 3. Weltkrieg hinter sich und, o Wunder, daraus gelernt. Besiegt ist alles, was sie hindert, zu sich selbst zu kommen: Krieg und Hunger, Krankheit und Neid. Die Menschen kooperieren, erfüllen alle eine wichtige Aufgabe in der Gemeinschaft, haben Zeit für Kunst und Liebe und können sich dem widmen, für das sie geschaffen sind: Ihrer Neugier. Ihrem Forscherdrang.

Die Neugier steht schon ganz am Anfang der menschlichen Entwicklung. Ohne Neugier wäre weder das Rad erfunden worden noch das Smartphone. Auch die Bibel thematisiert sie, in der Geschichte, die wir die vom „Sündenfall“ nennen. Doch von Sünde ist bei Adam und Eva noch nicht die Rede:

„Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?“ Noch ziert sich Eva, aber nach einer kurzen Diskussion mit der Schlange erkennt sie, „dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß.“

Die Folgen sind bekannt: Das Paradies war verspielt. Schmerz und vergebliche Arbeit gehörten nun zum Leben. Psychologen deuten diese Geschichte als „Coming-of-Age-Story“ – das Paradies als Sinnbild für unsere Existenz vor der Geburt und die Trennung von der Mutter als Trennung von der Einheit mit Gott. Evolutionsbiologen bevorzugen den Übergang von der Jäger- und Sammlerkultur, also der Einheit mit der Natur, in die des Ackerbaus. Wie auch immer: Was die Theologie mit „Sündenfall“ bezeichnet, ist weniger Sünde denn vielmehr Schicksal des Menschen. Und gibt ihm gleichzeitig seine unverwechselbare Würde.

Erich Fromm hat es die „Existenzweise des Seins“ genannt: „Es bedeutet, sich selbst zu erneuern, zu wachsen, sich zu verströmen, zu lieben, das Gefängnis des eigenen isolierten Ichs zu transzendieren, sich zu interessieren, zu lauschen, zu geben.“ Für mich bedeutet es ganz einfach: zu leben.

Das aber ist unter den Bedingungen dieser Welt nicht einfach zu haben. Denn noch, meint Fromm, leben wir in der „Existenzweise des Habens“. Aber wir können ja schon einmal anfangen, an den Grundlagen einer neuen Gesellschaft zu arbeiten – am besten bei uns selbst.

 

 

Das Beitragsbild wurde fotografiert von Marcin Wichary, https://www.flickr.com/photos/mwichary/2909072284,
Wer die „Coming-of-Age“-Theorie zum ersten Mal formuliert hat, kann ich nicht sagen. Ich habe sie von Dietrich Stolberg aus einem Artikel in der Pastoraltheologie (96. Jg. 2007, S. 74ff). Die evolutionsbiologische Sicht wird von Carel van Schaik und Kai Michel vertreten: Das Tagebuch der Menschheit, Hamburg 2016, S. 48ff. Und Erich Fromms Gedanken habe ich natürlich aus Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft, München 1980, 6. Aufl., S. 89.

Und wer an den vorherigen Gedanken zu „Wie ich wurde…“ interessiert ist, kann sie hier und hier und hier nachlesen. Oder in der „Themensuche“ nachschlagen.

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