Gesprengte Ketten

Es war, einmal wieder, ein wunderbarer Gottesdienst: Von den einleitenden Worten des Lektors Helge Baumann über die schöne Liturgie, die Maren Gottsmann gestaltet hat, die Lieder und besonders die fröhliche Orgelimprovisation von Gudrun Fliegner und viele Menschen, die – das spürte man – mit dem Herzen dabei waren. Auch wenn es bekanntlich keine Engel gibt – der eine oder andere wirkte in diesem Gottesdienst. Und hier ist die Predigt dazu. Die Grundlage ist Apostelgeschichte 12, 1-11, die Befreiung des Petrus aus dem Gefängnis.

Liebe Gemeinde!

Das Beste an unserem Leben ist – dass wir leben. Ich gebe zu, das mag einigermaßen banal klingen. Und es gibt durchaus einen Unterschied zwischen einem guten, einem mittelmäßigen oder gar einem schlechten Leben. Es gibt einen Unterschied zwischen einem leistungsfähigen Körper und einem, der beschädigt ist, sei es durch Alter oder Krankheit, sei es menschengemacht durch Hunger, Krieg und Folter. Es macht einen Unterschied, ob wir einsam sind oder geborgen in einer Partnerschaft, einer Familie, einem Netzwerk von Freunden und Bekannten. Es macht einen Unterschied, ob wir nicht wissen, wozu wir da sind, oder ob wir eine Arbeit, eine Aufgabe, gar eine Bestimmung haben. Diese Unterschiede beeinflussen oder bestimmen sogar unsere Lust zu leben, unseren Mut, überhaupt zu leben.

Und doch ist die Voraussetzung von allem: dass wir leben. Solange wir leben, gibt es immer noch Türen, durch die wir gehen können. Natürlich, hinter jeder Tür kann alles Mögliche lauern: Gutes oder Schlechtes, Erlösung oder Leiden, Leben oder vielleicht doch der Tod, das Ende aller Wege, aller Türen und aller Möglichkeiten.

Und wie nah beides beieinander liegt, wird in unserem Bibeltext deutlich: „Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde, sie zu misshandeln. Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert. Und als er sah, dass es den Juden gefiel, fuhr er fort und nahm auch Petrus gefangen. Es war gerade das Passahfest“ – also praktisch der Jahrestag der Kreuzigung – und der Auferstehung.

In dieser Zeit endet das Leben des einen, Jakobus. Seine Geschichte wird nicht weitererzählt. Er ist tot, bei Gott, nicht mehr von dieser Welt. Es ist nicht mehr unsere Geschichte.

Doch die Geschichte des anderen wird weitererzählt, obwohl auch sie zu Ende zu sein scheint: Petrus wird gefangen genommen, scharf bewacht, in Ketten gelegt. Ein Entkommen ist nicht möglich, nach menschlichem Ermessen, und das Urteil steht auch schon fest. Die Geschichte scheint ebenfalls an ihrem Ende angekommen zu sein.

Harry Potter.pngUnd dann geht sie doch weiter. Und Lukas klingt jetzt ein wenig nach Joanne K. Rowling. Da kommt ein Engel, der von einem Zauberer wie Harry Potter kaum zu unterscheiden ist: „Alohomora“ – und die Kerkertüren gehen auf. „Stupor“ – die Wachen werden außer Gefecht gesetzt. „Diffindo“ – die Ketten zerbrechen. Und unser Held spaziert hinaus. Und wir wissen: So funktioniert es nicht.

Lukas mag an diese Art von Wunder geglaubt haben. Und selbst wenn sie damals so passiert sein sollten – in meiner Welt kommen sie so nicht vor. Ich weiß auch nicht, wie es sich wirklich zugetragen hat. Vielleicht hatte sich Herodes das noch einmal überlegt und schickte einen Vertrauten, Petrus zu befreien? Unwahrscheinlich. Vielleicht hatte die Gemeinde zusammengelegt und die Wachen bestochen? Hm. Wir haben auch keine zuverlässigen Zeugen: Lukas war nicht dabei. Petrus dachte bis zuletzt, das Ganze sei ein Traum. Und die anderen werden den Mund gehalten haben.Gefängnis Petrus

Aber Lukas will auch keine realistische Geschichte erzählen. Er erzählt von der Welt des Glaubens, In ihr strahlt immer ein Licht der Hoffnung in die Dunkelheit der Hoffnungslosigkeit. In ihr lösen sich Fesseln, die als unzerstörbar gelten. In der Welt des Glaubens öffnen sich Türen gegen alle Wahrscheinlichkeit.

Manche meinen, dass diese Glaubenswelt einzigartig sei, so gar nicht von dieser Welt. Und dann stieß ich auf den Satz des Künstlers und Medientheoretikers Peter Weibel: „Die Aufgabe der Kunst besteht darin, Türen zu öffnen, wo sie keiner sieht.“ In der Kunst geht es um Erkenntnisgewinn. Im Glauben um Lebensgewinn.

Die meisten von uns sind wohl schon in scheinbar aussichtslosen Situationen gewesen. Situationen, in denen wir kaum noch Hoffnung hatten. Und kam dann nicht immer irgendeine Art von Engel vorbei, der uns gerettet hat? Ein Engel, der außergewöhnliche Dinge getan hat? Und mit dem wir nicht gerechnet haben? Ich könnte aus meinem Leben und aus dem anderer eine Menge solcher Geschichten erzählen.

Manchmal waren es Menschen, die eine Energie in den Raum brachten, die mich mitriss. Manchmal waren es Sätze oder Gedanken, es war die Natur oder einfach nur ein Gefühl, das von irgendwoher kam: Da ist noch etwas, für das es sich zu leben lohnt. Es gibt Dinge, die zu entdecken sind. Menschen, für die ich da sein kann.

Auch für Petrus geht es weiter. Nachdem ihn der Engel verlassen hat, begibt er sich zu Maria, in deren Haus sich viele Mitglieder der Gemeinde versammelt hatten und für ihn beteten. Er klopft, eine Dienerin namens Rhode schaut durch das Guckloch, und ihr fällt alles aus dem Gesicht. Ohne ihm zu öffnen läuft sie zu den anderen und stammelt: „P-Petrus steht vor der Tür.“ – „Kann nicht sein“, sagen die anderen. „Das ist sein Engel“ – und fangen an zu diskutieren. Petrus muss ziemlich lange klopfen, bis auch die anderen es merken und ihm öffnen und um den Hals fallen.

Diese Menschen hatten die ganze Nacht für Petrus gebetet. Im Gebet liegt ein Geheimnis. Ich glaube nicht, dass es eine magische Wirkung hat. Und doch liegt in ihm eine besondere Kraft. Wenn wir beten, dann richten wir uns aus auf Gott. „Meine Hoffnung und meine Freude, Meine Stärke, mein Licht, Christus meine Zuversicht, Auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht“, singen wir im Taizé-Gebet. Und in dieser gemeinsamen Ausrichtung liegt ein Geheimnis, das wir selbst Gott nennen können. Ein Geheimnis, das wir nicht lösen und nicht ausrechnen können, nicht beherrschen und vielleicht noch nicht einmal beeinflussen, das aber trotzdem wirkt.

Dieses Geheimnis umhüllt auch die Engel. „Engel gibt es nicht“, habe ich meinem Bettnachbarn im Krankenhaus gesagt. „Aber sie wirken.“ Das ist das Geheimnis des Glaubens. Und dazu gehört auch, dass durchaus nicht alles gut wird. Immer noch gilt: Jakobus wurde getötet. Und wann auch immer und unter welchen Umständen auch immer – dieses Schicksal erreicht jeden und jede von uns. Mit manchen geht dieses Schicksal gnädiger um und andere trifft es härter.

Und auch dann ist unsere Hoffnung, dass uns ein Engel zur Seite steht – uns und den Menschen, die davon betroffen sind. Und uns Wege aus dem Gefängnis unserer Angst und Traurigkeit führt. Wie das sein wird? Keine Ahnung.

Bis dahin gehören wir zu denen, die leben. Und als Glaubende haben wir die Aufgabe, uns dem Leben zuzuwenden. Nein, so ganz stimmt das nicht: Manchmal wird uns diese Aufgabe zu schwer. Dann brauchen wir einen Engel, der uns in die Freiheit führt. Dann hoffen wir auf einen solchen Engel. Und die Geschichte macht uns Mut: Dann kommt dieser Engel auch.

Amen.

___________________________________
Beitragsbild: Gefängniszelle im Kloster Dobbertin, von photo: Niteshift, driver and motive selection: Klostermönch – Eigenes Werk (photo), CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=14497441
Harry-Potter-Bild im Text: Harry-Potter-Render von BarbaraTP, von der Seite http://fav.me/dc1l1r2

Petrus-Bild im Text: Befreiung des Hl. Petrus durch einen Engel (1710), von Sebastiano Ricci – The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. ISBN: 3936122202., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=158309

 

Lichtblick der Woche

Die letzte Woche war einigermaßen anstrengend. Ein Lichtblick waren zweifellos der blaue-feder.jpgGeburtstag und die vielen Glückwünsche. Schon im Juli aber hatte uns Heidrun ein Bild geschickt, ein Sinnbild für Leichtigkeit und Vertrauen: die blaue Feder.

Und gemeinsam mit den Losungen für heute macht sie Mut, auch die Herausforderungen der Zukunft – zu denen auch der Gottesdienst am kommenden Sonntag gehört – anzunehmen und anzupacken:

Beweise deine wunderbare Güte, du Heiland derer, die dir vertrauen. Psalm 17,7 und
Sollte Gott nicht Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen? Lukas 18, 7

Dass es allerdings mit der Auserwählung nicht immer ganz so einfach ist, mussten wir schon vor einem Jahr feststellen, wie diese Predigt zeigt.

Ostermorgen

Exerzitien 32. Teil, Bingen 2018, die „vierte Woche“. Der Beitrag knüpft an den 29. Teil an: Karsamstag.

Der Tag, nachdem wir Jesus ins Grab gelegt hatten, hatte mich in eine seltsame Stimmung versetzt – nicht richtig traurig, eher melancholisch und nachdenklich. Ich hatte plötzlich keine rechte Vorstellung von meiner Zukunft und meinen Lebensplänen mehr. Selbst die römischen Thermen hatten ihre Anziehungskraft verloren.

Ich bettete mich also zur zweiten Nacht. Und was ich danach erlebte, kann ich bis heute nicht wirklich einordnen. War es Traum oder Vision, Halluzination oder Realität?

Ich öffnete die Augen. Es war früh am Morgen, die Sonne ging gerade auf. Ich hörte Stimmen, Frauenstimmen. Maria Magdalena konnte ich identifizieren, einige andere auch. Sie wollten bestimmt die Leichenpflege nachholen – aber konnten sie auch den Stein bewegen? Da hörte ich einige überraschte Rufe. Ich näherte mich, und da sah ich es auch: Der Stein war weggerollt worden. Ich hatte nichts bemerkt.

Plötzlich schauten die Frauen in eine andere Richtung. Ich konnte nichts erkennen, Sträucher und Bäume verwehrten mir den Blick. Aber ich hörte eine Stimme: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“, soll sie gesagt haben. So berichteten die Frauen später. Ich hatte vielmehr gehört: „Was sucht ihr das Leben beim Tod?“

Und dieser Satz sprach mich unmittelbar an. Wie eine Botschaft aus einer anderen Welt. Vielleicht war es ja ein Engel, wie die Frauen später behaupteten. Und er hatte ja Recht: Wenn ich Leben finden wollte, dann nicht hier beim Toten. Ich musste also weg. Aber wohin? Ich wusste es nicht. Nicht zu den Jüngern, dachte ich noch. Deren Denken und Reden kreiste bestimmt auch nur um den Toten und den Tod. Aber ich wollte auch nicht zu den Frauen in ihrer Trauer.

Sie waren ohnehin inzwischen wieder weggegangen. Bis auf eine, Maria Magdalena. Ich sah, wie sie mit jemandem sprach: „Bist du der Gärtner? Sag mir, wo ist der Leichnam? Hast du ihn weggebracht?“ Als Antwort hörte ich nur ein Wort: „Maria.“ Die Angesprochene erstarrte. „Rabbuni?“, fragte sie. Und dann: „Rabbuni!“ – mein Rabbi, mein Lehrer, mein Meister.

Nun wollte ich es selbst wissen und näherte mich. Als ich unter den Bäumen hervortrat, sah ich eine Gestalt aus dem Garten verschwinden. Aber ich konnte sie nicht mehr erkennen. Ich wandte mich Maria zu. Wie in Trance schaute sie mich an. „Ich habe Jesus gesehen“, sagte sie. „Wie, Jesus?“, fragte ich zurück. Aber sie hörte mir gar nicht richtig zu. Mit einem etwas entrückten Blick drehte sie sich um und ging aus dem Garten.

Und ich überlegte, was wohl mit ihr passiert sein mochte. Sie hatte wohl schon immer einen Sinn fürs Übersinnliche gehabt. Man hatte mir erzählt, dass Jesus ihr sieben Dämonen ausgetrieben hatte. Was immer das heißen mochte. Sicher war: Sie hatte eine besondere Beziehung zu Jesus gehabt und war von seinem Tod besonders betroffen.

Aber war das eine Erklärung für das, was ich gerade gesehen hatte? Ein einziges Wort, ich hatte es auch gehört: „Maria“ – und all ihre Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit war wie weggeblasen. Was hatte sie gesehen? Was hatte sie gehört? Was hatte sie berührt? Ein Wort? Eine Geste. Sie hat es mir nie erzählt.

Ich schaute mich um. „Was sucht ihr das Leben beim Tod?“, hatte ich noch im Ohr. Ich musste los. Erst einmal nach Jerusalem hinein. Die Stadt war nach dem gestrigen Ruhetag, dem Sabbat, zu neuem Leben erwacht. Was ich dort wollte, wusste ich noch nicht. Aber zumindest musste ich etwas essen.

_________________________________
Beitragsbild: Die Erscheinung Christi vor Maria Magdalena nach der Auferstehung, von Alexander Andreyevich Ivanov (1806 – 1858) – Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21853920.
Das Video spielt den Song „I don’t know how to love him“ aus der Rockoper Jesus Christ Superstar von Andrew Lloyd Webber (1970), Text Webber und Tim Rice, gesungen von Yvonne Elliman. Lizenziert an YouTube durchUMG, AdRev for a 3rd Party (im Auftrag von Universal Pictures Film Music); UMPI, Really Useful Group Ltd (music publishing), ASCAP, CMRRA, UMPG Publishing, UBEM und 6 musikalische Verwertungsgesellschaften.

Lieber Erik, lieber Papa!

Aus aktuellem Anlass zum 61. Geburtstag am 08.09.2018

Vor einem Jahr haben wir mit Familie und vielen Freund*innen Deinen 60. Geburtstag gefeiert. Was ist in den vergangenen 12 Monaten alles passiert!

Chemo, Kontroll-Untersuchungen, neue Metastasen, Enttäuschungen, Erhaltungstherapie, Immuntherapie, Schmerzen, Schwäche…

Aber auch: Spaziergänge, Treffen mit Familie und Freund*innen, unendlicher Zuspruch („real“ oder virtuell durch Briefe, Blumen, Blogkommentare und vieles mehr), Borkum mit Inga, Kurzurlaub mit Johannes, Gottesdienste, zwei „Paten“-Nächte mit Rasmus (I-III waren in einer nicht zu schaffen), Müritz, Kino, Exerzitien in Bingen, Sommerurlaub (Deutschlandtournee!), Miwula und Karl May mit allen Kindern und Schwiegerfreund*in…

„Jedes wirkliche Leben ist Begegnung“ – wenn wir darauf gucken, haben wir ein wirklich reiches Leben. Dafür sind wir sehr dankbar. Und es ist eben unser Leben. Wir können es uns nicht aussuchen und wir bekommen es nur im Gesamtpaket. Aber wir können es gestalten. Und wir lassen uns unser Leben vom Krebs nicht wegnehmen und nicht diktieren. Nicht solange wir noch Möglichkeiten haben.

Mit Deinem Realismus und mit Deinem Optimismus bist Du ein Vorbild für uns: Sich dem Leben (und der Krankheit!) stellen, den Schrecken, die Enttäuschung und den Schmerz nicht ausblenden und trotzdem tun, was möglich ist und was Dir nötig scheint: Für andere da sein. Zuhören. Gestalten. Predigen. Schreiben. Genießen! Und auch wenn es immer wieder Rückschläge gibt und Zeiten, in denen es schwer fällt, fröhlich und optimistisch zu sein: Bis jetzt haben wir uns aus den dunklen Phasen immer wieder herausgearbeitet. Gemeinsam. Mit der Hilfe und der Unterstützung vieler Menschen.

Dieser Geburtstagsgruß wäre nicht vollständig ohne ein Zitat von Leonard Cohen, der so vieles für Dich auf den Punkt bringt – diesmal aus dem Lied „Steer your way“:

Was auch immer passiert: Wir lieben Dich und wir sind an Deiner Seite: „Month by month, day by day, thought by thought“.

Ute, Rasmus, Maj-Britt und Inga

Lichtblick der Woche

„Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel“, schrieb Ute in unsere Gesprächsrunde „Zwischen Himmel und Erde“, in der wir uns über Predigttexte austauschen. Diesmal geht es um einen Engel, der Petrus aus dem Gefängnis befreit (Apostelgeschichte 12, 1-11).

Einem solchen Engel sind wir vielleicht noch nicht begegnet – aber Engel müssen nicht Männer mit Flügeln sein, so schrieb Rudolf Otto Wiemer:

Vielleicht ist einer, der gibt dir die Hand
oder er wohnt neben dir, Wand an Wand,
der Engel.

Dem Kranken hat er das Bett gemacht,
er hört, wenn du ihn rufst in der Nacht,
der Engel.

Und solchen Engeln sind wir begegnet – auch, ja gerade auch im Krankenhaus. Und nicht nur da.

______________________________
Bild: Pixabay
Das Gedicht von R.O. Wiemer ist urheberrechtlich geschützt. Deshalb habe ich nur einen kleinen Auszug abgedruckt. Es ist aber leicht im Netz zu finden.
Und wer noch bei „Zwischen Himmel und Erde“ mitmachen oder einfach nur weitere Infos möchte, schreibe mir bitte.

So steht’s mit uns

Es sind wieder besondere Wochen. Zwei OPs so kurz hintereinander zehren an den Kräften. Aber sie sind ganz gut gelaufen, so dass wir schon an die nächsten Schritte denken können.

Die werde ich allerdings in den nächsten Tagen eher buchstäblich auf Krücken gehen können. Aber es geht voraussichtlich Montag schon gleich weiter mit der Immuntherapie und im Laufe der nächsten Woche mit den Bestrahlungen im Rücken und jetzt auch im Fuß. Die werden dann drei Wochen dauern.

Die Strahlenexpertin meinte, dass wir dann erst nach Weihnachten wieder unterm PET/CT prüfen, wie sich der Tumor bewegt. Das heißt: Wenn nichts Besonderes passiert, könnten wir bis dahin erst einmal Ruhe haben.

Medizinisch gesehen können Bestrahlung und Chemo den Krebs nur aufhalten – und wie schnell er wachsen kann oder wiederkommt, haben wir ja gesehen. Aber wir setzen auch immer noch Hoffnung in die Immuntherapie. Sie hat bisher zwar nicht angeschlagen. Aber es gibt durchaus Fälle, in denen die Bestrahlungen helfen, das Immunsystem wach zu küssen.

Vor allem aber möchten wir die Zeit nutzen: Sonntag in einer Woche ist Predigtzeit, die Bingen-Blogs warten auf Komplettierung, weitere Ideen sind auf dem Weg. Außerdem habe ich es schon viel zu lange aufgeschoben, mit dem einen oder der anderen von Euch auf unserer Terrasse zu sitzen. Das werden wir angehen, wenn ich mich ein wenig erholt habe. Und es ist gut, dass wir – nicht zuletzt über diesen Blog – mit Euch verbunden sind.

______________________________
Bild: Blick aus einem der Fenster der Station H9 – Blick Richtung Südwesten © Erik Thiesen

Auferstehung ganz anders

Exerzitien 31. Teil, Bingen 2018, die „vierte Woche“.

Die Exerzitientage Karfreitag, Karsamstag, Ostersonntag und -montag fielen – Zufall oder nicht – genau auf die Wochentage Freitag bis Montag. Am Sonnabend machte mir Pfr. Mückstein noch den Vorschlag, die Auferstehung im Strahl der aufgehenden Sonne zu feiern. Allerdings meinte er auch, dass ein solches Vorhaben eher während der Exerzitien, die näher an Frühling oder Herbst liegen, realistisch sei. Jetzt, am 1. Juli, wäre es wohl doch eine zu große Herausforderung wegen der frühen Stunde. Ich stimmte ihm zu. Doch es sollte anders kommen.

Mitten in der Nacht wachte ich auf. Mich plagten intensive Schmerzen, und ich fühlte mich sehr unwohl. Es war gegen halb vier. Ich schaute zum Fenster, das nach Westen ging. Wurde es schon hell? Dunkel erinnerte ich mich an den Vorschlag Pfr. Mücksteins. Ziemlich benommen wankte ich zur Terrasse, die nach Osten hinaus ging. Tatsächlich, über der Rochuskapelle bildete sich deutlich ein roter Rand. Ich hatte die Auferstehung gesehen! Das reichte nun aber auch. So zielstrebig wie nur möglich ging ich wieder ins Bett und versuchte, noch ein wenig zu schlafen. Am nächsten Morgen erst kam ich auf die Idee, dass ich ja ein Foto vom Sonnenaufgang hätte machen können.

In der Nacht auf den Montag wiederholte sich der Vorgang: Ich wachte wegen der Schmerzen im Rücken auf, etwa um dieselbe Zeit. Diesmal war ich vorbereitet, ergriff das Smartphone, ging auf die Terrasse, und zu meinem Glück war es ein ähnliches Bild wie in der Nacht vorher.

Obwohl – Glück? Ich hatte Schmerzen, ich war müde und mir war kalt. Unter einem Ostermorgen bei Sonnenaufgang hatte ich mir immer etwas anderes vorgestellt – etwa so, wie es viele Jahre auch bei uns in der Gemeinde praktiziert wurde: Eine Gruppe von Christinnen und Christen macht sich mitten in der Nacht auf, müde zwar, aber guter Dinge. Die Gemeinschaft ist gut, am Ziel angekommen kann man gemeinsam den Sonnenaufgang beobachten – oder wegen der Wolken auch nicht. Aber das gemeinsame Frühstück, die Gespräche, das Erlebnis entschädigen für alles.

Gab es bei mir die Auferstehung nur unter Schmerzen?

Kurt Marti, der Schweizer Dichterpfarrer (1921-2017) schrieb 1969: „Aber es kommt eine Auferstehung, die ganz anders wird als wir dachten.“ Und er dachte sie sich sozialpolitisch, als „Aufstand Gottes gegen die Herren“. Aber vielleicht ist sie ja noch einmal ganz anders.

Mit Schmerzen hatte ich mir die Auferstehung bisher nicht zusammendenken können. Aber wer weiß? Mir blieb noch bis zum Donnerstag Zeit, dem Geheimnis ein wenig mehr auf die Spur zu kommen.