Und was war die Frage?

Als ich Ende der Siebzigerjahre in Berlin studierte, sah ich in der U-Bahn ein christliches Plakat mit der Aufschrift: „Jesus ist die Antwort.“ Darunter hatte einer geschrieben: „Schon recht, aber was war die Frage?“

Nun, meine Erinnerung kann mich täuschen. Vielleicht habe ich es nicht selbst gesehen. Aber es war in Berlin! Etwas ins Schleudern aber kam ich, als ich im Buch „Geduld mit Gott“ des tschechischen Priesters Tómaš Halík auf Seite 25 las: „Einmal sah ich an der Wand einer Station der Prager U-Bahn die Inschrift ‚Jesus ist die Antwort‘, gekritzelt wohl von jemandem, der eben von einer evangelikalen Versammlung mit großem Enthusiasmus unterwegs nach Hause war. Ein anderer hatte zutreffend dazugeschrieben: ‚Aber wie war die Frage?‘. Das erinnert mich an die Aussage des Philosophen Eric Voegelin: das größte Problem der heutigen Christen sei nicht, dass sie die richtige Antwort nicht kennten, sondern dass sie jene Fragen vergessen haben, die gestellt worden waren und auf die sich diese Antworten bezogen.“

Berlin, Prag, U-Bahn oder Straße, egal. Halík hat mich auf jeden Fall begeistert. Er stellt die Fragen, die auch mich elektrisieren. Und er weiß Antworten, zu denen ich oft „Ja“ sagen kann. Bewusst sucht er das Gespräch mit den Atheisten, den der Kirche Fernstehenden. Bewusst nimmt er den Zweifel in den Glauben hinein. Und er betont das Geheimnis: „Die Funktion des Glaubens besteht nicht darin, unseren Durst nach Sicherheit und Geborgenheit zu stillen, sondern darin, uns zu lehren, mit dem Geheimnis zu leben.“ Dazu gehört, dass wir nie eindeutige Aussagen über Gott machen können: „Atheismus, religiöser Fundamentalismus und leichtgläubiger religiöser Enthusiasmus sind sich auffallend ähnlich in dem, wie schnell sie fertig sind mit dem Geheimnis, das wir Gott nennen – und eben deshalb sind alle diese drei Positionen für mich in gleichem Maße unannehmbar.“

Tómaš Halík habe ich mit heißen Ohren gelesen. Endlich einmal ein christlicher Autor, der über den christlichen Rand hinausdachte. Diese Fähigkeit liegt wohl in seiner Biographie begründet: 1948 geboren, wurde er 1978 heimlich zum Priester geweiht. Die meisten seiner Freunde waren Atheisten, von denen er sagte: „Mit den Atheisten stimme ich in vielem überein, in fast allem – außer ihrem Glauben, dass es Gott nicht gibt.“ Und schon diese Aussage ist für ihn der Ausgangspunkt für die nächsten Fragen: Was heißt es, wenn wir sagen: Gott gibt es – oder es gibt ihn nicht? Welche Bilder verbinden wir damit? Und er sucht nach Bildern und Geschichten, die dem Geheimnis Gottes dann doch ein wenig auf die Spur kommen.

Halík arbeitete als Psychotherapeut, lehrte Soziologie an der Philosophischen Fakultät in Prag und war Berater des ehemaligen Präsidenten Václav Havel. Vor allem aber ist er Priester. Seine Bücher legen nahe, dass er zuhören kann, die Menschen berühren und ihnen auf ihrem Lebens- und Glaubensweg ein guter Begleiter ist. Manchmal ist er mir ein wenig zu katholisch. Aber ich muss ja auch nicht mit allen seinen Ansichten übereinstimmen.

In jedem Fall aber lohnt es sich, ihn zu lesen und von ihm zu lernen. Zumindest kann ich es von den Büchern sagen, die ich von ihm kenne:
Nachtgedanken eines Beichtvaters, 3. Aufl., Herder 2012
Geduld mit Gott, 5. Aufl., Herder 2012
Wer ihn erst einmal kennenlernen möchte, kann im Netz einige Interviews lesen oder hören oder über die Vorschau in seine Bücher hineinschauen. Es lohnt sich in jedem Fall.

Wem das aber noch zu kompliziert ist, kann sich ja erst einmal bei Andraé Crouch ausruhen: Jesus is the Answer.

Auferstehung! Auferstehung?

Als gestern im Gottesdienst der Predigttext verlesen wurde, dachte ich spontan: Gut, dass ich nicht dran bin und darüber predigen muss. Paulus reflektiert über die Auferstehung, und er schreibt unter anderem: „Denn wenn es richtig ist, dass Tote überhaupt nicht auferweckt werden, dann wurde auch Christus nicht auferweckt. Wenn aber Christus nicht auferweckt wurde, dann ist euer Glaube vergeblich.“ (1. Korinther 15,16-17 nach der Basisbibel)

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Das leere Grab

Zweifel an der Auferstehung darf es also nicht geben, sonst können wir in letzter Konsequenz als Geistliche gleich unseren Beruf an den Nagel hängen und die Kirchen schließen. Andererseits glaubt nur die Hälfte der Kirchenmitglieder daran, dass Jesus von den Toten auferstanden ist.

Und die Bibel macht es einem nicht gerade leichter. Die Berichte vom Auferstandenen klingen reichlich mysteriös. Seine Vertraute Maria verwechselt ihn mit einem Gärtner (Johannes 20, 11-20), Kephas und sein Kumpel erkennen ihn stundenlang nicht, bis er ihnen in Emmaus das Brot bricht, er erscheint wie ein Geist, kann aber wie ein normaler Mensch Fisch essen (Lukas 24, 13-43). Und auch Paulus wehrt sich gegen ein allzu naturalistisches Verständnis: Er unterscheidet zwischen dem irdischen Leib, der stirbt, und dem himmlischen, der aufersteht (1. Korinther 15, 35-58). Er erinnert mich allerdings an einen Pastor, dessen Predigt umso länger wird, je unklarer ihm der Sachverhalt ist. Wie sollen wir uns diesen neuen Leib vorstellen? Als Astralkörper, reine Energie oder Sternenstaub?

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Dabei habe ich Auferstehung durchaus schon erlebt. Vielleicht nicht so wie in der Bibel, ich war natürlich auch noch nicht ganz tot. Aber nah dran. Und ich wäre es bestimmt ohne die Ärzte in Mainz und hier in Hamburg, ohne die Medizin – und wahrscheinlich ohne die Unterstützung vieler Menschen. Es ist allerdings die Art von Auferstehung, die Marie-Luise Kaschnitz in ihrem Gedicht beschrieben hat, das gerne von uns Pastorinnen und Pastoren zitiert wird: „Manchmal stehen wir auf / Stehen wir zur Auferstehung auf / Mitten am Tage / Mit unserem lebendigen Haar / Mit unserer atmenden Haut.“

Aber das ist nicht die Auferstehung, die in der Bibel gemeint ist. Dort wird deutlich gesagt: Jemand ist tot und wird wieder lebendig. Und das liegt außerhalb meiner Lebenserfahrung. Selbst Nahtod-Erlebnisse sind nichts anderes als das: nahe am Tod. Und neurologisch erklärbar. Von „drüben“ ist noch niemand wiedergekommen – außer Jesus. Und das ist eine Frage des Glaubens.

Der Glaube aber spielt sich nicht im Bereich der Erfahrungen ab, sondern im Bereich der Beziehung.

Diese Unterscheidung habe ich von Martin Buber. In seinem Buch „Ich und Du“ unterscheidet er die Du-Welt von der Es-Welt. Wir leben in beiden. In der Es-Welt sind Ich und Welt getrennt. Wir stehen den Menschen und Dingen gegenüber und können auch uns selbst „objektiv“ betrachten. In der Du-Welt gehen wir eine Einheit mit der Welt ein, leben in der Beziehung – unmittelbar und subjektiv. Und so „erfahren“ wir Gott auch nicht durch Anschauung und Denken, sondern nur, indem wir eine unmittelbare Beziehung zu ihm eingehen.

Klingt kompliziert. Und ich bin mir auch nicht sicher, dass ich ganz begriffen habe, was Buber meint. Aber nach vielen Jahren Theologie, theoretisch und praktisch, bin ich mir sehr sicher: Weder Gott noch die Auferstehung begreife ich jemals wirklich durch Denken und Logik, sondern nur, indem ich mich drauf einlasse. Erst dann werde ich mitkriegen, ob an dem Ganzen etwas dran ist.

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Die Fotos stammen von unserem Besuch im „Holy Land Experience“ in Orlando/Florida. Sie zeigen Nachbildungen des Grabes Jesu außen (Beitragsbild) und innen (Bild 1) sowie ein lebensgroßes Diorama von der Auferstehung (Bild 3). (c) Erik Thiesen

 

 

 

Das Mose-Puzzle

Wie ich wurde, was ich bin II

Gleich meine erste Vorlesung im Studium beschäftigte sich mit der Genesis, dem 1. Buch Mose. Und der Professor nahm wenig Rücksicht auf die evangelikalen Studenten unter uns – zu denen ich ja auch gehörte. Erbarmungslos zeigte er die Widersprüche in den Geschichten von der Schöpfung bis zum Turmbau von Babel auf: Weiterlesen