Das Buch mit den sieben Siegeln

Mein Dank gilt allen, die bei „Zwischen Himmel und Erde“ über den Predigttext Offenbarung 5, 1-5 mitdiskutiert haben. Mein Dank gilt Timo Milewski, der den Gottesdienst im Immanuel-Haus gestaltete, Elme Brinkmann-Conring für die Musik, Reinhard Münster als Küster und allen, die dabei waren und mir einfach durch ihr Dasein Kraft und gute Laune gegeben haben.

Meine Aufgabe war es, die Begrüßung und die Predigt zu halten:

ImmanuelBegrüßung

Liebe Gemeinde, zu diesem Gottesdienst am 1. Advent begrüße ich Sie herzlich gemeinsam mit Timo Milewski. Timo wird den Gottesdienst mit dem Abendmahl gestalten, ich werde nur die Predigt halten. Der Grund ist die Chemotherapie, die morgen für mich in die 2. Hälfte geht. Wegen der Gefahr einer Infektion muss ich auch körperlich möglichst Abstand halten und bitte darum um Verständnis.

Advent – die Zeit der Erwartung, eine Zeit der Sehnsucht: dass in der Dunkelheit Lichter angezündet werden und es hell wird in unserer Welt und in unserem Leben. Dass wir, wenn es kalt wird, näher zusammenrücken und uns gegenseitig wärmen. Dass in einer Welt des Unheils das Heil größer und stärker sein möge.

Advent ist auch eine Zeit des Übergangs. Wer in den letzten Wochen das Kirchenjahr bewusst erlebt hat oder selbst betroffen war, hat am Volkstrauertag und am Ewigkeitssonntag zurück geschaut: Auf das, was wir verloren haben. Auf das Leid in der Welt. Auf Krieg und Verfolgung, Krankheit und Tod. Und wir wissen: Das lassen wir nicht einfach zurück. Es ist und bleibt Realität in unserer Welt und in unserem Leben.

Mit diesem Wissen und in diesem Bewusstsein nach vorne schauen, das ist Advent. Das ist Glauben: Wir erwarten die Geburt Jesu. Wir hoffen, dass mit ihm das Heil in unsere Welt und in unser Leben kommt. Und so feiern wir diesen Gottesdienst im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.


Predigt:

Liebe Gemeinde!

Vor kurzem erschien im Hamburger Abendblatt ein zauberhafter Artikel über den Niendorfer Weihnachtsmarkt auf dem Tibarg. Danach kommt er unseren Vorstellungen von der Adventszeit schon sehr nahe: Ein Fest für die Familie, dörflich kuschelig, und das praktisch in der Großstadt. Es gibt skandinavische Tipis, in denen man sich mit Freunden und Arbeitskolleginnen treffen kann, ein Zelt für Kinderspiele, Herrnhuter Sterne, eine Krippe und natürlich Glühwein und gebrannte Mandeln. Der Tibarg dürfte sich, einigermaßen gutes Wetter vorausgesetzt, zu einem richtigen Wohlfühlort entwickeln.

Und auf genau so einen Weihnachtsmarkt ist vor einem knappen Jahr ein Anschlag verübt worden. Und er hat uns auch deshalb so erschüttert, weil es gerade an einem Ort geschehen ist, an dem sich Menschen gefreut haben, gelacht, geredet. An dem das Leben gut war. In Momenten, die wir gerne festhalten und sagen möchten: Verweile doch, du bist so schön. Kann es nicht immer so sein: dass wir uns sicher und geborgen fühlen? Leider nicht. Wir sehen es bei anderen und manchmal auch in unserem eigenen Leben: Das Unheil ist ganz nahe, und der Tod begegnet uns manchmal ganz überraschend.

Und wir wissen nicht, wann etwas Schreckliches passieren kann. Es beunruhigt uns, es kann auch Angst machen, dass die Zukunft für uns ein Buch mit sieben Siegeln ist.

Das Bild kennen wir aus der Bibel, aus der Offenbarung – oder, wie sie auch genannt wird, der Apokalypse, auf deutsch: Enthüllung, Entschleierung. Wir haben eben davon gehört. Der Prophet Johannes hat das Buch in einer Vision gesehen. Und er hat gesehen, wie es geöffnet wird. Es hat ihm die Zukunft enthüllt. Und was dem Buch entsteigt, ist wahrhaft apokalyptisch, aber in der anderen, der schrecklichen Bedeutung. Ein Siegel nach dem anderen wird geöffnet, und bei jedem Siegel erscheint ein Reiter – der erste ist ein Krieger, der zweite bringt den Krieg. Der dritte die Ungerechtigkeit und der vierte den Tod. Und so geht es weiter. Die Zukunft, wie Johannes sie sieht, ist düster und geprägt von Hunger und Krankheit, von Rechtsbruch und Naturkatastrophen. Und niemand, so seine Vision, entgeht diesen Katastrophen. Man kann nichts dagegen machen.

Und genau dies ist das Lebensgefühl der Menschen über Jahrhunderte gewesen: Gegen Naturgewalten und Epidemien kann man nichts machen. Hunger ist eine ständige Bedrohung, wenn man nicht gerade zur Oberschicht oder wenigstens zur oberen Mittelschicht gehörte. Ein verregneter Sommer, ein zu langer Winter konnte den Tod bedeuten, bis weit ins 19. Jahrhundert hinein. Ständig führten die Mächtigen Krieg, und Leidtragende war immer die Zivilisten. Für die allermeisten Menschen war das Leben ein täglicher Überlebenskampf, mit ungewissem Ausgang.

Johannes teilt dieses Lebensgefühl. Gegen Krieg, Hunger und Naturkatastrophen kann man im Prinzip nichts machen. Seine Hoffnung richtet sich deshalb auch nicht auf eine Veränderung der Verhältnisse, sondern auf das Ende der Zeiten. Haltet aus, sagt er den Christinnen und Christen. Denn wenn Jesus wiederkommt, werden alle, die bis dahin den Glauben nicht aufgegeben haben, gerettet werden. Und sie werden es gut haben, in der wunderbaren Stadt Gottes, dem neuen Jerusalem – kein Tod, keine Tränen, kein Leid wird es geben.

Die Bilder des Johannes haben ihre Kraft nicht ganz verloren. Die Vision vom neuen Jerusalem lese ich bei jeder Beerdigung: So wird es sein. Und die apokalyptischen Reiter erinnern uns daran, dass wir die Natur immer noch nicht im Griff haben, dass es weiter Kriege, Hunger und Ungerechtigkeit gibt. Und vor fünf Jahren drehte Ross Ashcroft einen Film mit dem Titel „The Four Horsemen“, in dem er die Auswirkungen der Finanzkrise dokumentierte und zeigte, wie viel Unheil von den Bankern ausging und ausgeht.

Und doch gibt es einen fundamentalen Unterschied zum Lebensgefühl des Johannes und zu dem früherer Zeiten: So schlimm die Krisen und Katastrophen auch sind, wir liefern uns ihnen nicht mehr hilflos aus. Wir haben Medikamente gefunden gegen Masern und Pest, Cholera und HIV – nun arbeiten wir an solchen gegen Krebs und Parkinson und werden vielleicht sogar einmal den Tod besiegen. Wir schicken UN-Friedensmissionen in die Welt, wir bekämpfen den Hunger. Und auch der Film „Four Horsemen“ hat nicht zum Ziel, ein unabänderliches Schicksal zu beschreiben, sondern zum Kampf gegen die Macht der Banken aufzurufen.

Wir wollen nicht, wie Johannes, auf das Ende der Zeiten oder das Jenseits warten, bis alles besser wird. Denn das erscheint uns weniger als Trost denn als Vertröstung. Heinrich Heine hat dieses moderne Lebensgefühl mit einigem Pathos in seinem Wintermärchen ausgerufen: „Ein neues Lied, ein besseres Lied, O Freunde, will ich euch dichten! Wir wollen hier auf Erden schon Das Himmelreich errichten.“ Und weiter: „Es wächst hienieden Brot genug Für alle Menschenkinder, Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust, Und Zuckererbsen nicht minder. Ja, Zuckererbsen für jedermann, Sobald die Schoten platzen! Den Himmel überlassen wir Den Engeln und den Spatzen.“

Und ich gestehe, dass ich an dieser Stelle Heinrich Heine näher bin als dem Propheten Johannes. Auch mein Glaube richtet sich nicht in erster Linie auf das Jenseits. Ich weiß, dass ich sterben werde, früher oder später. Ich glaube auch, dass das, was nach dem Tod kommt, gut wird. Ich glaube, dass Gott dann für mich sorgt.

Bis dahin aber lebe ich hier auf der Erde. Und wenn Jesus sagt: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben“ – dann beziehe ich es nicht nur auf das ewige, sondern jetzt vor allem auf dieses irdische Leben. Und dann heißt der Satz für mich auch: Ihr sollt, soweit möglich, dieses Leben genießen: die Menschen, mit denen ihr zusammen seid. Und einem guten Wein war Jesus selbst nicht abgeneigt. Einfach mal in der Sonne liegen, wenn sie denn scheint. Oder auch den Regen genießen, das geht auch. Oder einen Glühwein auf dem Niendorfer Weihnachtsmarkt.

Nun ist das Leben allerdings nicht nur schön. Manche unter uns leiden unter einer Depression, werden gemobbt, sind krank oder die Beziehung läuft nicht. Dann heißt glauben und Jesus nachfolgen: die Hoffnung nicht verlieren. Nach Lösungen suchen. Sich Hilfe holen. Nach vorne schauen und darauf vertrauen, dass die Engel Gottes auch in unserem Leben ihre Arbeit machen.

Und wenn wir die Kraft und die Möglichkeit haben, dann bleiben wir als Christin, als Christ nicht bei uns selbst stehen. Dann tragen wir unseren Teil dazu bei, diese Welt ein wenig besser zu machen. Medizinerinnen bekämpfen Krankheiten, Politiker sorgen dafür, dass wir im Frieden miteinander leben, und IT-Experten, dass unser Internet-Anschluss funktioniert. Andere kümmern sich um Kinder oder bohren nach Wasser in der Wüste, sind freundlich zu ihren Kunden oder begleiten Sterbende, sie machen wunderbare Musik oder sorgen dafür, dass mein Beihilfeantrag reibungslos bearbeitet wird. Wenn es darum geht, Gutes zu tun, gibt es keine Unterscheidung in bedeutend und banal.

Im wirklichen Leben ist es natürlich nicht immer so klar, was diese Welt wirklich ein wenig besser macht. Oft genug müssen wir uns entscheiden zwischen unseren eigenen Bedürfnissen und Notwendigkeiten und den Interessen anderer. Und egal, was wir tun – wir werden dadurch kein Himmelreich auf Erden errichten, wie es sich Heine erträumt hat. Aber ich glaube, dass der Prophet Micha eine ganz gute Richtlinie für unser Leben herausgegeben hat, als er schrieb: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott bei dir sucht: Nichts anderes als Gerechtigkeit üben, Freundlichkeit lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott.“

Das wäre schon einmal ein guter Anfang.

Amen.

Eigentlich bin ich ganz anders…

… aber ich komme so selten dazu (Ödön von Horváth).

Nach den letzten doch sehr kritischen Blogs über das Reformationsjubiläum, das mir sogar ein Like eines Hardcore-Atheisten eingebracht hat, habe ich aus Bayern einen Vortrag von Prof. Ralf Frisch bekommen mit dem Titel „Hat die evangelische Kirche noch eine Zukunft?“ (hier als Podcast). Prof. Frisch lehrt an der Hochschule in Nürnberg und ist Theologischer Referent der bayrischen Kirchenleitung. Und wenn ich ihn richtig verstanden habe, dann stellt er die These auf: Die evangelische Kirche löst sich auf, weil sie in ihrer Botschaft von allgemein humanistischen Aussagen kaum noch zu unterscheiden ist. Er meint wohl, dass „Pfarrerinnen und Pfarrer nicht nur Sozialmanager und Verwaltungsspezialisten sein müssten, sondern Priester und Priesterinnen und geistliche Hirten und Hirtinnen ihrer Gemeinde“ (These 16). Und in These 13 wirbt er dafür, „Erfahrungsräume der geheimnisvollen irdischen Gegenwart des Göttlichen“ zu eröffnen und „Übergangsrituale“ wie Taufe, Trauung und Beerdigung sorgfältiger zu feiern.

Das gefällt mir. Denn ich habe es erlebt und erlebe es immer noch. Hier in der Gemeinde, und nicht nur hier: Exerzitien, Meditation und bewegende Gottesdienste, intensive Glaubensgespräche, Geselligkeit und Solidarität – untereinander und mit Fremden. Und alles wird möglich durch die Kirche – mit ihrem Personal, ihrem Geld und ihren Strukturen.

Aber auch das: Wir kommen so selten – zu selten – dazu. Weil genau diese Strukturen, die Finanzen, die Personalprobleme einen so großen Raum einnehmen. Deshalb fände ich es sinnvoll, die Verwaltung viel stärker auf den Kirchenkreis zu verlagern. Auch wenn sie durch die Distanz schwieriger werden würde, könnte sie andererseits professioneller arbeiten. Und würden wir nicht viel mehr an Zeit und Kraft gewinnen? Für die „eigentlichen“ Aufgaben der Kirche?

Was auch immer diese „eigentlichen“ Aufgaben sind. Ralf Frisch scheint mit einer gewissen „Entweltlichung“ der Kirche (These 1) zu sympathisieren. Die Kirche sollte dann Räume des Göttlichen neben dieser Welt eröffnen, um von ihr unterscheidbar zu sein. In der Tat haben die anderen Konfessionen genau solche Merkmale, die sie von „der Welt“ unterscheiden: Die orthodoxe Kirche die „göttliche Liturgie“, in der ein Stück Himmel aufscheinen soll. Die Katholiken berufen sich auf ein – von der Bibel abgeleitetes – Naturrecht, und die Evangelikalen auf die wörtliche Auslegung der Heiligen Schrift.

All das ist mir fremd oder fremd geworden. Ich glaube auch nicht, dass wir für die Zukunft der Kirche oder ihre Bedeutung in der Gesellschaft verantwortlich sind. Ich finde Dietrich Bonhoeffer ziemlich aktuell, der 1944 geschrieben hat: »Unsere Kirche,
die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein. Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen.“

Wobei er mit Beten nicht nur Händefalten und Fürbitte meint. Es geht ihm darum, in der Gemeinde „Gottes Wunder als Wunder zu bewahren, Gottes Geheimnis gerade als Geheimnis zu begreifen, zu verteidigen, zu verherrlichen“. „Welcher Unverstand“, schreibt er, „als sei es die Aufgabe der Theologie, Gottes Geheimnis zu enträtseln, es auf die platten, geheimnislosen menschlichen Erfahrungs- und Vernunftweisheiten herabzuziehen!“ Ralf Frisch sagt eigentlich nichts anderes.

Gleichzeitig aber fragt Bonhoeffer: „Was bedeutet eine Kirche, eine Gemeinde, eine Predigt, eine Liturgie, ein christliches Leben in einer religionslosen Welt? Wie sprechen wir von Gott – ohne Religion …?“ Vielleicht gar nicht. Besser sei es, das Gerechte zu tun, das sich dann von selbst interpretiert.

Auch wenn ich die Trennung zwischen Gemeinde und Welt nicht so scharf sehe wie Bonhoeffer, kann ich mit seinem Ansatz viel anfangen. Meine Erfahrung ist, dass wir mit spirituellen Angeboten nach außen nur eine sehr begrenzte Reichweite haben und selbst die „Übergangsrituale“ von immer weniger Menschen in Anspruch genommen werden. Wenn Ralf Frisch da eine andere Wahrnehmung hat, liegt es wohl daran, dass er aus Bayern kommt und ich aus Hamburg.

Ich glaube, dass wir die Geheimnisse Gottes in dieser Welt nicht entdecken werden, wenn wir nicht vorher die Welt entdecken: Uns in der Beerdigungsansprache ganz auf das Leben der Verstorbenen einlassen, ehe wir darin Gottes Geschichte erkennen. In der Flüchtlingsarbeit nicht nur ein paar Decken verteilen, sondern aktiv mitwirken, die Probleme vor Ort zu lösen, ehe wir mit Ratschlägen aufwarten. Erst nach der wirklichen Not des Menschen fragen, ehe wir mit Bibel und Tradition kommen. Und ich hätte gar nichts dagegen, wenn wir in der Öffentlichkeit auf Wörter wie Gnade, Sünde und Buße verzichten würden.

Wir sind auf dem Weg. Denn was könnte spannender sein, als in einer religionslosen Welt Gottes Geheimnisse zu entdecken? Wir müssten dazu einfach öfter kommen.

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Wer es zu Bonhoeffer ein wenig theologischer und ausführlicher haben möchte, dem sei dieser Artikel von Andreas Pangritz empfohlen.

 

So Gott will

Wer in christlichen Kreisen ein wenig Eindruck machen will, bemerkt nach einer getroffenen Verabredung „Jakobus 4, Vers 15“ oder, noch gebildeter, „Conditio Jacobaea“ – das heißt übersetzt: der Vorbehalt des Jakobus. Wem das zu hochgestochen ist, sagt stattdessen einfach: „So Gott will und wir leben“ – und meint nichts anderes als „Wenn nichts dazwischen kommt“.

So habe ich den Satz auch immer wieder einmal gebraucht. Seit dem letzten Jahr aber hat er eine besondere Bedeutung bekommen. In der neuen Lutherübersetzung lautet er im Zusammenhang: „Und nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen -, und wisst nicht, was morgen sein wird … Dagegen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“

Wenn Gott will. Können wir überhaupt wissen, was Gott will? Deus lo vult – Gott will es – skandierte die Menge beim Aufruf zum 1. Kreuzzug. George W. Bush hatte offenbar auch vor dem Irak-Krieg göttliche Eingebungen. Die EKD – Evangelische Kirche in Deutschland – weiß dagegen: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.“ Und Leonard Cohen singt auf seinem letzten Album: „You want it darker“.

Diese eher theoretische Frage bekommt in meinem Leben eine sehr existentielle Bedeutung. Will Gott, dass ich demnächst sterbe? Dann macht das mit dem Krebs durchaus Sinn. Oder will er, dass ich lebe und noch „dies oder das tue“? Darauf deuten eine Vielzahl von sehr, sehr glücklichen Zufällen – oder göttlichen Wundern, je nach Sichtweise. Oder ist Gott das eigentlich egal? Ich weiß es nicht.

Als ich im letzten Jahr die Diagnose erhielt, dass ein Brustwirbel durch eine Metastase zerstört war, hatte ich gerade die erste Hälfte der „Ignatianischen Exerzitien“ bei den Jesuiten in Bingen absolviert. Ich musste sie abbrechen. Vor zwei Monaten habe ich mich für die zweite Hälfte angemeldet, im Juli 2017. Das kam mir zunächst sehr waghalsig vor: Kann ich, darf ich überhaupt in meiner Situation so weit im Voraus planen?

Aber dann habe ich auch die Ermutigung gespürt, die in diesem Satz liegt: Ja, wenn Gott es will, dann wird es sein können. Und wenn nicht, dann soll es auch nicht so sein. In beiden Fällen heißt es aber: Ich bin Teil eines Plans, auch wenn ich ihn noch nicht kenne. Das gibt mir die Verantwortung für jeden Tag, dass ich das nicht verpasse, was ich heute tun soll. Und wenn es mein letzter ist. Aber wenn Gott will, werde ich im Sommer die Exerzitien beenden.

Und wenn Gott nicht will? Dann gibt es noch immer eine Möglichkeit. In der Bibel wird erzählt, dass Abraham voller Selbstbewusstsein mit Gott verhandelte – und Gott sich auf den Handel einließ. Gut, letztendlich musste sich Abraham geschlagen geben, aber einen Versuch war´s allemal wert.

Ein solches Selbstbewusstsein auch Gott gegenüber, das wünsche ich mir. Dass ich mich nicht als Opfer der Verhältnisse betrachte. Dass ich mich nicht fürchte, weder vor der Zukunft noch vor dem Leben. Hat Paulus nicht an seinen Freund Timotheus geschrieben, dass wir einen solchen Geist von Gott bekommen haben – nicht „den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“? Ja, es gibt Zeiten, in denen ich ihn spüre. Nicht immer, aber immer wieder.