Wechsel nach Niendorf

Wochenblatt 7-17„Pastor Thiesen wechselt nach Niendorf“ titelte das Niendorfer Wochenblatt in der vergangenen Woche. Da ist etwas dran, auch wenn – wie diverse Nachfragen zeigten – nicht allen klar wurde, was genau.

Da jederzeit neue Metastasen auftauchen können, macht die Arbeit als Pastor der Kirchengemeinde Niendorf nicht mehr wirklich Sinn. Doch statt mich in den vorzeitigen Ruhestand zu schicken, hat Propst Melzer zusammen mit dem Landeskirchenamt eine Stelle „zur besonderen Verwendung“ eingerichtet. Von den laufenden Aufgaben eines Gemeindepastors bin ich weitgehend befreit. Meine Schwerpunkte liegen nun in den Bereichen Spiritualität, Social Media und Stadtteilarbeit.

Und diesen Übergang feiern wir nun also am kommenden Sonntag um 15 Uhr in der Kirche am Markt: Abschied von der Gemeindearbeit nach 26 Jahren, Neubeginn auf der übergemeindlichen Stelle, Kontinuität als Pastor in Niendorf. Oder, wie Frau Seeland sagte: Ich wechsle nur die Abteilung, nicht die Firma und nicht den Ort.

Und trotzdem ist es ein besonderes Ereignis. Vor allem, weil der Anlass so besonders ist. Und weil Ihr und viele andere uns auf diesem Weg so gut begleitet haben, möchten wir  gerne mit Euch feiern. Es wird dann auch meine erste Predigt nach über einem Jahr sein. Deshalb wird in dieser Woche wohl auch keine Zeit für einen weiteren Blogbeitrag bleiben.

Ob Ihr nun am Sonntag dabei sein könnt oder nicht – Euch allen wünschen wir eine schöne Ferienzeit.

Das Beitragsbild zeigt den Tibarg, Blick Richtung Süden (c) Erik Thiesen

Fuß in der Tür

Elisabeth von Thadden schreibt in der „Zeit“ vom 16.2.2017 über das Buch des Historikers Joachim Radkau „Geschichte der Zukunft“: „Radkaus Erzählungen wimmeln von Alternativen, Abbrüchen, Kehrtwendungen und kleinen, aufschlussreichen Zufällen, die dafür gesorgt haben, dass es so oder anders kam. Wenn es überhaupt ein leitendes Geländer in diesem Buch gibt, dann ist es die Entschlossenheit des Autors, alle Besserwisserei im Nachhinein zu knicken und für die Offenheit der Geschichte die Tür einen Spalt weit aufzuklemmen. Er stellt den Fuß selbst in die Tür.“

Natürlich, war ich versucht zu sagen. Das weiß doch schon der Volksmund: Erstens kommt es anders… Aber im wirklichen Leben hätte ich es gerne etwas genauer. Nicht, dass ich jetzt schon wissen möchte, wann ich sterbe. Aber es wäre schön, wenn ich davon ausgehen könnte, die nächsten paar Jahre zu überleben.

Doch nicht erst seit Marius Müller-Westernhagen wissen wir: Garantien gibt dir keiner. Kein lieber Gott, auch der nicht, leider. Und Radkau legt im Interview mit der „Zeit“ nach: „Es gibt nicht nur eine Zukunft… Wir müssen viele mögliche Zukünfte bedenken – und dann kann doch alles anders kommen. 

Und das hat für mich auch etwas Tröstliches. Zwar kommt es meistens nicht so gut wie erhofft, aber auch nicht so schlimm wie befürchtet. Und das ist für die nächste Nachuntersuchung auf dem Hintergrund meiner Befürchtungen eine eher gute Nachricht. 

Denn unabhängig davon, wie die Zukunft aussieht – es spricht viel dafür, dass es überhaupt eine gibt. Und genau das ist auch das Versprechen, das Gott in der ganzen Bibel gibt: Er stellt seinen Fuß in die Tür. 

So Gott will

Wer in christlichen Kreisen ein wenig Eindruck machen will, bemerkt nach einer getroffenen Verabredung „Jakobus 4, Vers 15“ oder, noch gebildeter, „Conditio Jacobaea“ – das heißt übersetzt: der Vorbehalt des Jakobus. Wem das zu hochgestochen ist, sagt stattdessen einfach: „So Gott will und wir leben“ – und meint nichts anderes als „Wenn nichts dazwischen kommt“.

So habe ich den Satz auch immer wieder einmal gebraucht. Seit dem letzten Jahr aber hat er eine besondere Bedeutung bekommen. In der neuen Lutherübersetzung lautet er im Zusammenhang: „Und nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen -, und wisst nicht, was morgen sein wird … Dagegen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“

Wenn Gott will. Können wir überhaupt wissen, was Gott will? Deus lo vult – Gott will es – skandierte die Menge beim Aufruf zum 1. Kreuzzug. George W. Bush hatte offenbar auch vor dem Irak-Krieg göttliche Eingebungen. Die EKD – Evangelische Kirche in Deutschland – weiß dagegen: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.“ Und Leonard Cohen singt auf seinem letzten Album: „You want it darker“.

Diese eher theoretische Frage bekommt in meinem Leben eine sehr existentielle Bedeutung. Will Gott, dass ich demnächst sterbe? Dann macht das mit dem Krebs durchaus Sinn. Oder will er, dass ich lebe und noch „dies oder das tue“? Darauf deuten eine Vielzahl von sehr, sehr glücklichen Zufällen – oder göttlichen Wundern, je nach Sichtweise. Oder ist Gott das eigentlich egal? Ich weiß es nicht.

Als ich im letzten Jahr die Diagnose erhielt, dass ein Brustwirbel durch eine Metastase zerstört war, hatte ich gerade die erste Hälfte der „Ignatianischen Exerzitien“ bei den Jesuiten in Bingen absolviert. Ich musste sie abbrechen. Vor zwei Monaten habe ich mich für die zweite Hälfte angemeldet, im Juli 2017. Das kam mir zunächst sehr waghalsig vor: Kann ich, darf ich überhaupt in meiner Situation so weit im Voraus planen?

Aber dann habe ich auch die Ermutigung gespürt, die in diesem Satz liegt: Ja, wenn Gott es will, dann wird es sein können. Und wenn nicht, dann soll es auch nicht so sein. In beiden Fällen heißt es aber: Ich bin Teil eines Plans, auch wenn ich ihn noch nicht kenne. Das gibt mir die Verantwortung für jeden Tag, dass ich das nicht verpasse, was ich heute tun soll. Und wenn es mein letzter ist. Aber wenn Gott will, werde ich im Sommer die Exerzitien beenden.

Und wenn Gott nicht will? Dann gibt es noch immer eine Möglichkeit. In der Bibel wird erzählt, dass Abraham voller Selbstbewusstsein mit Gott verhandelte – und Gott sich auf den Handel einließ. Gut, letztendlich musste sich Abraham geschlagen geben, aber einen Versuch war´s allemal wert.

Ein solches Selbstbewusstsein auch Gott gegenüber, das wünsche ich mir. Dass ich mich nicht als Opfer der Verhältnisse betrachte. Dass ich mich nicht fürchte, weder vor der Zukunft noch vor dem Leben. Hat Paulus nicht an seinen Freund Timotheus geschrieben, dass wir einen solchen Geist von Gott bekommen haben – nicht „den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“? Ja, es gibt Zeiten, in denen ich ihn spüre. Nicht immer, aber immer wieder.