Wir schaffen das

Ihr hättet dabei sein müssen!

Am letzten Mittwoch traf sich wieder der Runde Tisch für die Flüchtlingsarbeit. Und ich habe selten in einem solchen Kreis eine solche Energie gespürt. Anlass war auch der erfolgreiche Abschluss einer Vereinbarung zwischen den Verantwortlichen. Und wo kommt es schon vor, dass eine Flüchtlingsinitiative die Behörde über den grünen Klee lobt, der freie Träger – ASB – die Polizei, und die Behörde meint, das Ganze gelte hamburgweit sowieso schon fast als Leuchtturmprojekt.

Aber da war mehr als Anerkennung, mehr als das Modewort „Wertschätzung“ aussagen könnte. Es war da ein Vertrauen, gemeinsam zu guten Lösungen kommen zu können – ein Vertrauen, das dann in Professionalität überging und nötig war. Denn Probleme gibt es nach wie vor nicht zu knapp.

Hätte Angela Merkel in dieser Runde ihren legendären Satz gesagt: „Wir schaffen das“ – ich vermute, wir hätten sie nur erstaunt angeschaut: What? Natürlich schaffen wir das.

Ihr hättet dabei sein müssen.

pART

Und noch ein wichtiger Hinweis: An diesem Wochenende gibt es in der Handelskammer coole Bilder zu sehen – pART of us, Bilder aus Iran, Syrien und Irak. Von „unseren“ Flüchtlingen.

Beitragsbild: Von Armin Linnartz, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16103982

Die Stimme aus dem Feuer

In der letzten Woche stieß ich auf die Sendung „Immuntherapie – scharfe Waffe gegen Krebs?“, ausgestrahlt von ARD alpha. Sie machte mir gleichzeitig Hoffnung und Angst. Erstaunlich sind die Erfolge, die in letzter Zeit erzielt wurden und für die Zukunft zu erwarten sind. Andererseits: Viele Menschen sprechen auf diese Therapie nicht an, und die Nebenwirkungen können wie bei der Chemo auch erheblich sein.

Konfirmationsurkunde1Gegen die Angst hilft das Vertrauen, dass es schon gut gehen wird. Und was könnte dieses Vertrauen stärker fördern als das Versprechen Gottes: Ich bin mit dir – mein Konfirmationsspruch, den wir als „Lichtblick der Woche“ ausgesucht haben? Das Problem: Man muss auch dran glauben können. Und das fiel offenbar selbst Mose schwer, der dieses Wort aus einem brennenden Dornbusch als erster gehört hatte. Ich habe keine Stimme gehört und keinen Dornbusch gesehen, ich halte nur eine Urkunde in der Hand. Aber Mose kann ich sehr gut verstehen.

Gott gibt ihm den Auftrag, das Volk Israel aus ägyptischer Gefangenschaft zu befreien. Und Mose wehrt sich. Er hat Angst: „Pharao wird mich töten, ich bin zu schwach, ich kann noch nicht einmal gut reden“, gibt er zu bedenken. Gott meint dagegen: Ich werde mit dir sein. Aber Mose reicht das nicht, er will Beweise.

Und Gott gibt ihm ein Zeichen mit – einen Stab, der sich in eine Schlange verwandeln kann – und einen Helfer, seinen Bruder Aaron.

Aber auch damit ist Mose nicht zufrieden. Er will wissen, ob er Gott auch trauen kann und fragt: „Wie ist dein Name, Gott“ – und meint damit, nach biblischem Denken: Wie ist dein Charakter? Und Gottes berühmte Antwort lautet: „Ich bin, der ich bin.“ Das hört sich an wie: Ich bin das absolute Sein, das Leben an sich, und das steht an deiner Seite. Nur – das hebräische Denken kennt kein absolutes Sein, das ist griechisches Denken und griechische Übersetzung. Mose hörte vielmehr: „Ich werde sein, der ich sein werde.“ oder: „Ich bin der, der mitgeht.“

Im Grunde sagt Gott dem Mose auf die Frage, ob er ihm helfen werde: „Ja, ich verspreche es. Ob ich es aber tatsächlich tue, wirst du erst sehen, wenn du es ausprobierst. Und jetzt geh raus und mach deinen Job.“ Und Mose geht und führt das Volk aus Ägypten, und es wird ein 40-jähriger Höllenritt durch die Wüste. Aber wenn es wirklich ernst wird, ist Gott da. Oder zumindest etwas, was sich sehr wie Gott anfühlt.

Mir geht es wie Mose: Was vor mir liegt, scheint mir zu groß zu sein. Ich möchte es nicht. „God, Thy will is hard. But you hold every card“, singt Jesus im Garten Gethsemane (nach Jesus Christ Superstar).

Immerhin hat sich der Konfirmationsspruch, den mir ein Pastor vor Jahrzehnten mitgegeben hat, immer wieder bewährt: „Gott spricht: Ich will mit dir sein.“ Warum sollte es in der Zukunft anders sein?

Hilft mir der Glaube?

5. Teil der Reihe über die Exerzitien. Bingen, 19. Juli 2016
Die ersten vier Teile findest du hier, hier, hier und hier.

In der Bibel wird berichtet, dass Jesus Menschen geheilt hat. Danach sagt er zu manchen Geheilten: „Dein Glaube hat dir geholfen“. Während der Exerzitien wurden wir auch gefragt: Gab es Situationen, in denen dir dein Glaube geholfen hat? Die Antwort sollte mir nicht schwer fallen. Schon öfter haben mich Menschen darauf angesprochen: „Sie haben es gut, Herr Pastor. Sie haben einen Glauben, der Ihnen in schweren Situationen hilft.“

Leider ist es nicht ganz so einfach. Denn ich „habe“ keinen Glauben. Ja, ich habe Selbstvertrauen, das mir in manchen Situationen gute Dienste getan und eine gewisse Naivität, die mir schon manchmal geschadet hat. Ich habe einen Verstand, der mich Dinge erkennen lässt und ich habe manchmal Angst, die mich lähmt. Aber einen Glauben, den ich haben könnte, kann ich bei mir nicht so recht identifizieren. Zumindest fehlt mir der Glaube an einen Gott oder eine Heilige wie Aldegundis von Maubeuge, die meine Krankheit auf magische Weise heilen könnten. Ich vertraue dann doch eher auf die Ärzte, die mir schon nachweislich das Leben gerettet haben.

Und doch gibt es da etwas, das nicht recht zu fassen ist. Bei meinem Gespräch vor meiner ersten OP meinte der Chefarzt, nachdem er mir sein Vorgehen erklärt hatte: „Und das Übrige legen wir in höhere Hände.“ Ich dachte, er würde das sagen, weil ich Pastor bin. Deswegen meinte ich, dass ich schon auf seine ärztliche Kunst vertrauen würde. Aber er bekräftigte: „Wir sind nur die Ausführenden.“ Offensichtlich rechnete er mit einer höheren Macht. Und seltsam, diese Demut, die er zeigte, steigerte mein Vertrauen in ihn.

Auch die Mediziner erwarten nicht alles von der Schulmedizin. Ob Onkologinnen oder Chirurgen, Psychologen oder Vertreterinnen der Chinesischen Medizin, sie alle betonen: Es kommt ganz wesentlich auf die Einstellung an. Der Mediziner und Kabarettist Eckart von Hirschhausen preist die Wirkung von Placebos – Medikamenten, die keine Wirkstoffe enthalten. Ja, er meint sogar: Placebo ist gelebtes Christentum. Ich sehe da auch deutliche Parallelen zum Glauben.

In der Bibel steht: „Was ist denn der Glaube? Er ist ein Rechnen mit der Erfüllung dessen, worauf man hofft, ein Überzeugtsein von der Wirklichkeit unsichtbarer Dinge.“ (Hebräer 11,1, Neue Genfer Übersetzung) Ja, ich bin davon überzeugt, dass es diese unsichtbaren Dinge gibt. Und ich hoffe – auf eine gute Diagnose, auf das Glück meiner Familie, auf ein entspanntes Zusammenleben im Stadtteil und auf noch manch anderes. Aber rechne ich auch mit der Erfüllung? Manchmal habe ich dieses Zutrauen. Dann aber habe ich auch wieder das Gefühl, über sehr dünnes Eis zu gehen. Nein, diesen Glauben „habe“ ich nicht. Ich bitte aber darum.

Ins Bodenlose

Wenn es etwas gab, was ich schon immer einmal machen wollte, so war es Fallschirmspringen. Es muss ein tolles Gefühl sein, sich einfach ins Bodenlose fallenzulassen. Zwischen Himmel und Erde zu schweben. Dort muss die Freiheit wirklich grenzenlos sein.

Ich habe es nie gemacht. Erstens weil Ute dagegen war. Und zweitens, weil ich manchmal schon Höhenangst bekomme, wenn ich auf einer Treppe stehe.

Nach meiner Rücken-OP im letzten Jahr darf ich es auch nicht mehr. Aber ich habe den Eindruck, dass ich dafür einen vollwertigen Ersatz gefunden habe. Nur gefällt mir der plötzlich gar nicht mehr so sehr.

Denn als ich im letzten Jahr die Diagnose „Krebs“ bekam, fühlte es sich an wie ein Sprung ins Bodenlose. Doch im Unterschied zu meiner Vorstellung vom Fallschirmsprung will sich das Gefühl von Freiheit einfach nicht einstellen. Vielleicht hätte ich einen Trainer gebraucht, der mir sagt, wie es geht. Vielleicht hätten mir ein paar Trockenübungen gut getan. Aber wie kann man diese Krankheit üben? Wer kann einem sagen, wie man die Landung übersteht?

Natürlich kenne ich den Spruch: „Man kann nie tiefer fallen als in Gottes Hand.“ Ich habe ihn ja selbst schon gesagt. Aber stimmt er auch? Bis jetzt bin ich, um im Bild zu bleiben, noch nie richtig aus dem Flugzeug gesprungen, allenfalls aus einem Fenster im ersten Stock.

Vielleicht ist das Bild vom Fallschirmsprung aber doch ganz passend.  Aus dem Fernsehen weiß ich, wie wichtig es ist, den Fallschirm äußerst sorgfältig zu packen. Der kleinste Fehler kann zur Katastrophe führen. Für meine Situation heißt das: Die Kunst der Ärzte nutzen und ihre Ratschläge ernst nehmen, die vor allem lauten: tägliche Bewegung und eine positive Einstellung (wobei der erste Rat deutlich einfacher umzusetzen ist).

Außerdem brauchen wir erfahrene Menschen, die uns Mut machen und gleichzeitig sagen: „Die Angst fliegt immer mit.“ Denn beides, Krebs und Fallschirmspringen, ist lebensgefährlich. Und erst, wenn wir uns der Gefahren bewusst sind, werden sie beherrschbarer. Wir finden solche Menschen in der Psychoonkologie und unter denen, die diesen Weg auch gehen.

Und dann heißt es springen und fliegen. Und das Leben genießen, auch wenn die Angst mitfliegt: Das Glück, tollen Menschen zu begegnen. Noch etwas zu bewegen. Einfach zu leben.

Der nächste Nachsorgetermin ist für mich so etwas wie eine Landung. Vielleicht geht sie gut aus. Dann folgt gleich der nächste Sprung. Vielleicht wird die Landung hart. Dann kommen die Ärzte wieder zum Zug. Irgendwann wird eine Landung aber die letzte, die tödliche sein. Dann werde ich wirklich wissen, ob der Satz stimmt: „Man kann nie tiefer fallen als in Gottes Hand.“ Bis dahin werden wir darauf vertrauen müssen.