Fast normal

Der Umzug und die Bestrahlungen liegen hinter uns. Die Anstrengungen stecken uns noch in den Knochen, aber wir blicken nun nach vorne. Erst in zwei Monaten ist die nächste Nachsorge – Anfang September wird es wieder spannend.

Jetzt aber kann erst einmal fast so etwas wie Normalität einkehren. Am vergangenen Freitag hatten wir unsere Nachbarn zu einem „Tag der Offenen Tür“ eingeladen und viele nette Menschen kennengelernt. Die Wohnung wird auch langsam zu unserem Zuhause. Und die ersten beruflichen Kontakte zu meiner alten neuen Gemeinde habe ich auch schon geknüpft.

Neu, weil ich ihr zugeordnet bin, und alt, weil meine Zeit als Gemeindepastor zu Ende ist. Und Ende des Monats wird dies auch mit einem Gottesdienst gefeiert. Deshalb lade ich Euch ganz herzlich ein zur

Verabschiedung am 23. Juli um 15 Uhr
in der Kirche am Markt in Niendorf.

Ich freue mich, wenn Ihr dabei sein könnt.

Ich bin also „zur besonderen Verwendung“ eingesetzt. Mit dem Kirchenkreis und der Gemeinde haben wir uns auf vier Schwerpunkte verständigt: Spiritualität, Social Media, Stadtteilarbeit und Mitarbeit in der Gemeinde, besonders bei der Vorbereitung des 250-Jahre-Jubiläums 2019/20. Alle vier Bereiche liegen mir am Herzen, und ich freue mich sehr darauf. Aber ich weiß auch um die Beschränkungen: Es fehlt weitgehend die äußere Struktur, die eine „normale“ Kirchengemeinde eben bietet. Und meine Ressourcen sind begrenzt – wer weiß, was im Herbst los sein wird?

Ursprünglich hatte ich darüber hinaus geplant, im August die Exerzitien in Bingen zu vollenden. Das geht nun aus terminlichen Gründen im Kardinal-Volk-Haus doch nicht. Ich habe mich gleich für die nächste gute Möglichkeit im November angemeldet.

RIMG0039.JPGEinigen von Euch ist vielleicht unser Gravatar – das Bild neben meinem Namen –  aufgefallen: Eine Hand, die sich in den Himmel streckt. Es ist ein Foto des Holocaust-Denkmals in Miami, das uns sehr beeindruckt hat. Der Bildhauer Kenneth Treister nannte sie „Die Skulptur aus Liebe und Qual“. Für uns drückt sie noch mehr aus: Die Hand reckt sich in den Himmel. Sie ist gleichzeitig Bitte um Hilfe, Protest gegen das Leiden, Hoffnung auf eine gute Zukunft. Sie erinnert uns daran, dass es eine unserer wichtigsten Aufgaben ist, uns gegen das Leiden und für das Leben einzusetzen.

Bilder: Kirche am Markt (Dach), Detail einer Postkarte von Beate Bohl.
Holocaust Memorial (c) Erik Thiesen

Im Marmorpalast

Aus aktuellem Anlass

„Hallo, darf ich mich vorstellen? Wir sind gerade im ersten Stock eingezogen“, sagte Ute vor ein paar Tagen zu einer Nachbarin. „Ach, im Marmorpalast“, antwortete diese. Marmorpalast. Da denke ich vielleicht an Hadrians Villa oder das Tadsch Mahal. Damit hat unsere neue Wohnung nun so gar nichts zu tun. Obwohl – etwas Besonderes ist sie schon. Nicht nur dass sie in unmittelbarer Nähe zum Tibarg liegt. Sie ist interessant Schwarze Fliesen1geschnitten, und in zwei Zimmern und dem Flur haben die Vormieter glänzende schwarze Fliesen verlegt. Zum Marmor fehlt allerdings noch einiges. Aber vielleicht habt Ihr ja Lust, es Euch selbst anzuschauen? Herzlich willkommen!

Vor zwei Wochen also stand der Möbelwagen vor dem Pastorat in der Promenadenstraße. Und seltsam: Obwohl wir dort über ein Vierteljahrhundert gewohnt haben, unsere Kinder groß geworden sind und wir in diesem Haus wirklich zuhause waren – es ist Vergangenheit. Noch ist in der neuen Wohnung alles zu ungewohnt, noch hat nicht alles seinen Platz gefunden, aber wir sind an diesem Ort schon angekommen. Wir haben nur die Räume gewechselt.

Von hier aus arbeiten wir weiter am Ziel „Kill the cancer“. Seit einer Woche unterziehe ich mich einer Bestrahlung; die Hälfte ist geschafft. Und ob es jetzt diese Therapie ist oder der Umzug oder beides – momentan kostet es doch ziemlich viel Kraft. Wir hoffen, dass es ab nächster Woche wieder etwas entspannter wird.

Und: Inzwischen ist auch die Evangelische Zeitung auf diesen Blog aufmerksam geworden. Catharina Volkert hat nach einem sehr ausführlichen Interview mit uns einen Artikel geschrieben. Ich stelle ihn mit ihrer freundlichen Genehmigung unter den „Gastbeiträgen“ zur Verfügung.

Raum-Wechsel

Vor einigen Tagen musste ein Freund von seiner Mutter Abschied nehmen. Er schrieb: Was ihn getröstet habe, sei das Bild, dass wir nicht weggehen, sondern nur den Raum wechseln. Er bezog diesen Gedanken auf seine Mutter wie auf unsere Situation.

Dahinter steht der Gedanke, dass wir in allen Wechselfällen des Lebens und selbst im Tod uns selbst nicht verlieren. Nicht unsere Umgebung macht uns aus. Der Freund schrieb: „Das, was wirklich wichtig ist, habt Ihr in Euren Herzen.“ Und bei aller Skepsis, allen Zweifeln und aller Unsicherheit – wir spüren einen Grund, der uns durchträgt.

Genau diese Erfahrung haben wir jetzt auch gemacht. Wir sind umgezogen. Wir haben die Räume verlassen, die uns 26 Jahre lang beherbergt haben, die unser Zuhause waren. Und zum Schluss bin ich noch einmal durch alle Räume gegangen: die, in denen unsere Kinder aufwuchsen, in denen wir gemeinsam gelebt, geredet, geliebt und gestritten haben. In denen Freunde und Bekannte zu Besuch waren, Tauf- und Traugespräche geführt und Predigten geschrieben wurden. Ich bin durch den Garten gegangen, und er zeigte sich noch einmal in seiner ganzen Pracht. Und mir wurde bewusst: Es waren nicht die Räume, an denen ich hing. Viel wichtiger waren mir die Erinnerungen an Begegnungen und Erlebnisse: Feste wie die beiden im letzten Jahr: Das „Engelfest“ nach der ersten OP und das „Silberfest“ zum 25-jährigen Gemeindejubiläum. Oder die drei Konfirmationen der Kinder. Ostereiersuchen. Grillen mit Familie und Freunden. Es sind die Menschen, die die Räume wichtig und bedeutsam machten.

Garten1

Und all das verlieren wir ja grundsätzlich nicht. Wir hoffen, auch in den neuen Räumen Menschen begrüßen zu können, zu feiern und zu reden. Ideen zu entwickeln und zu verwirklichen soweit es die Umstände zulassen.

Und wenn wir keine Zeit mehr dazu haben sollten? Wenn wir den irdischen Raum verlassen und uns trennen müssen? Ich weiß es nicht. Es wird mit Sicherheit hart.

Bis dahin möchten wir die Zeit nutzen. Hier, auf der Erde. Denn bis zum Beweis des Gegenteils glaube ich mit Christoph Schlingensief: „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein.“

Zum Markt 1

Bilder vom Straßenschild „Zum Markt“, dem Garten des Pastorats in der Promenadenstraße und dem Haus „Zum Markt 1“ von (c) Erik Thiesen

Lichtblick der Woche

Wir ziehen in dieser Woche um. Diesen oder jene fragten wir vorsichtig, ob sie mal helfen könnten. Lichtblicke waren:

„Morgen früh um 09.00h steh ich vor der Tür.“ (Heinz)
„Großartig, endlich kann ich mein Ikeadiplom erweitern :-)).“ (Sabine)
„Ich fahre sowieso zu IKEA. Kann ich was mitbringen?“ (IM)
„Genau das mache ich immer gerne.“ (Sönke)
„Wenn außer uns keiner kommt, nehmen wir noch unseren Sohn mit.“ (Maren)
„Können wir noch helfen?“ (gefühlt hundert andere Bekannte, Freundinnen und Freunde)

Beitragsbild: (c) Erik Thiesen

 

Veränderungen

Aufmerksamen Leserinnen und Lesern des Blogs wird es nicht entgangen sein, dass die Besprechung zum Film „Von Menschen und Göttern“ über ein Kloster in Algerien vor Kurzem online gegangen ist. In einer Szene sagt ein Mönch: „Wir sind wie Vögel. Wir wissen nicht, ob wir weiterziehen.“ Und eine Frau antwortet: „Die Vögel sind wir. Sie sind der Baum. Wenn Sie fortgehen, wo sollen wir Kraft schöpfen?“

Diese Sätze haben für uns jetzt eine besondere Bedeutung bekommen. Denn wir werden zu Vögeln – wir ziehen weiter. Zum Ende des Monats endet meine Zeit als Pastor der Kirchengemeinde Niendorf. Und damit werden wir auch aus der Promenadenstraße ausziehen.

Über 25 Jahre haben wir hier gewohnt und gearbeitet, haben durchaus Höhen und Tiefen erlebt und unsere Wurzeln geschlagen. Beziehungen sind entstanden, so dass oft die Unterscheidung von „Gemeindegliedern“, „guten Bekannten“ und „Freunden“ fließend geworden ist. Und genau das ist es, was uns in diesen Zeiten trägt. Ihr seid der Baum, wo wir Kraft schöpfen.

Die Veränderungen sind tiefgreifend. In diesem Haus sind unsere Kinder aufgewachsen. Ab jetzt, so sagen sie, heißt es nicht mehr: Wir kommen nach Hause, sondern: Wir besuchen unsere Eltern. Wir lieben den Garten, die Straße mit der Nachbarschaft. Es ist ein sonderbares Gefühl, hier wegzuziehen – auch wenn es praktisch nur 1, 2 Straßen weiter ist. Unsere neue Adresse lautet ab Juni: Zum Markt 1. Es ist eine Wohnung direkt über dem Weltladen.

Über 25 Jahre war ich auch mit Leidenschaft Pastor der Kirchengemeinde Niendorf – anfangs ja noch Niendorf Markt. Und auch wenn es mal kriselte und wir uns sogar nach einer Alternative umgeschaut hatten – wir fanden nichts Besseres. Und besonders die letzten Jahre haben unsere Überzeugung bestätigt, dass wir zur besten Gemeinde überhaupt gehören. Die Feste in den letzten Jahren waren dazu noch einmal die Höhepunkte.

Zukünftig werde ich Pastor „zur besonderen Verwendung“ sein, mit einem Schwerpunkt weiterhin in Niendorf. Wie diese Stelle genau ausgestaltet wird, soll in den nächsten Wochen zusammen mit Propst, Kolleginnen und Kollegen sowie Kirchengemeinderat erarbeitet werden. Sie wird den gesundheitlichen Umständen, meinen persönlichen Fähigkeiten und den Bedürfnissen des Stadtteils angepasst werden. Und darauf freue ich mich.

Wir sind gespannt auf den weiteren Weg. Wir bedanken uns für alle Hilfe und Begleitung und wünschen uns, dass wir die Wege, die wir begonnen haben, mit euch und anderen Menschen fortsetzen können – im analogen Leben oder hier im Blog.