Ostermorgen

Exerzitien 32. Teil, Bingen 2018, die „vierte Woche“. Der Beitrag knüpft an den 29. Teil an: Karsamstag.

Der Tag, nachdem wir Jesus ins Grab gelegt hatten, hatte mich in eine seltsame Stimmung versetzt – nicht richtig traurig, eher melancholisch und nachdenklich. Ich hatte plötzlich keine rechte Vorstellung von meiner Zukunft und meinen Lebensplänen mehr. Selbst die römischen Thermen hatten ihre Anziehungskraft verloren.

Ich bettete mich also zur zweiten Nacht. Und was ich danach erlebte, kann ich bis heute nicht wirklich einordnen. War es Traum oder Vision, Halluzination oder Realität?

Ich öffnete die Augen. Es war früh am Morgen, die Sonne ging gerade auf. Ich hörte Stimmen, Frauenstimmen. Maria Magdalena konnte ich identifizieren, einige andere auch. Sie wollten bestimmt die Leichenpflege nachholen – aber konnten sie auch den Stein bewegen? Da hörte ich einige überraschte Rufe. Ich näherte mich, und da sah ich es auch: Der Stein war weggerollt worden. Ich hatte nichts bemerkt.

Plötzlich schauten die Frauen in eine andere Richtung. Ich konnte nichts erkennen, Sträucher und Bäume verwehrten mir den Blick. Aber ich hörte eine Stimme: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“, soll sie gesagt haben. So berichteten die Frauen später. Ich hatte vielmehr gehört: „Was sucht ihr das Leben beim Tod?“

Und dieser Satz sprach mich unmittelbar an. Wie eine Botschaft aus einer anderen Welt. Vielleicht war es ja ein Engel, wie die Frauen später behaupteten. Und er hatte ja Recht: Wenn ich Leben finden wollte, dann nicht hier beim Toten. Ich musste also weg. Aber wohin? Ich wusste es nicht. Nicht zu den Jüngern, dachte ich noch. Deren Denken und Reden kreiste bestimmt auch nur um den Toten und den Tod. Aber ich wollte auch nicht zu den Frauen in ihrer Trauer.

Sie waren ohnehin inzwischen wieder weggegangen. Bis auf eine, Maria Magdalena. Ich sah, wie sie mit jemandem sprach: „Bist du der Gärtner? Sag mir, wo ist der Leichnam? Hast du ihn weggebracht?“ Als Antwort hörte ich nur ein Wort: „Maria.“ Die Angesprochene erstarrte. „Rabbuni?“, fragte sie. Und dann: „Rabbuni!“ – mein Rabbi, mein Lehrer, mein Meister.

Nun wollte ich es selbst wissen und näherte mich. Als ich unter den Bäumen hervortrat, sah ich eine Gestalt aus dem Garten verschwinden. Aber ich konnte sie nicht mehr erkennen. Ich wandte mich Maria zu. Wie in Trance schaute sie mich an. „Ich habe Jesus gesehen“, sagte sie. „Wie, Jesus?“, fragte ich zurück. Aber sie hörte mir gar nicht richtig zu. Mit einem etwas entrückten Blick drehte sie sich um und ging aus dem Garten.

Und ich überlegte, was wohl mit ihr passiert sein mochte. Sie hatte wohl schon immer einen Sinn fürs Übersinnliche gehabt. Man hatte mir erzählt, dass Jesus ihr sieben Dämonen ausgetrieben hatte. Was immer das heißen mochte. Sicher war: Sie hatte eine besondere Beziehung zu Jesus gehabt und war von seinem Tod besonders betroffen.

Aber war das eine Erklärung für das, was ich gerade gesehen hatte? Ein einziges Wort, ich hatte es auch gehört: „Maria“ – und all ihre Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit war wie weggeblasen. Was hatte sie gesehen? Was hatte sie gehört? Was hatte sie berührt? Ein Wort? Eine Geste. Sie hat es mir nie erzählt.

Ich schaute mich um. „Was sucht ihr das Leben beim Tod?“, hatte ich noch im Ohr. Ich musste los. Erst einmal nach Jerusalem hinein. Die Stadt war nach dem gestrigen Ruhetag, dem Sabbat, zu neuem Leben erwacht. Was ich dort wollte, wusste ich noch nicht. Aber zumindest musste ich etwas essen.

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Beitragsbild: Die Erscheinung Christi vor Maria Magdalena nach der Auferstehung, von Alexander Andreyevich Ivanov (1806 – 1858) – Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21853920.
Das Video spielt den Song „I don’t know how to love him“ aus der Rockoper Jesus Christ Superstar von Andrew Lloyd Webber (1970), Text Webber und Tim Rice, gesungen von Yvonne Elliman. Lizenziert an YouTube durchUMG, AdRev for a 3rd Party (im Auftrag von Universal Pictures Film Music); UMPI, Really Useful Group Ltd (music publishing), ASCAP, CMRRA, UMPG Publishing, UBEM und 6 musikalische Verwertungsgesellschaften.

Der Tag danach – Karsamstag

Exerzitien 29. Teil, Bingen 2018, die „dritte Woche“.

Die Vögel weckten mich. Ich richtete mich auf, etwas steif im Rücken, und schaute mich um. Links vorne, hinter einem Strauch, sah ich den Stein, den wir am Tag vorher vor das Grab Jesu gerollt hatten. Joseph verabschiedete sich danach bald. Ich sagte Johannes, dass ich noch etwas bleiben wollte, das Ganze nachwirken lassen. Bei Sonnenuntergang verabschiedeten sich auch die Frauen. Da tauchte Johannes noch einmal auf und gab mir eine Schriftrolle des Propheten Jesaja. „Vielleicht hilft das beim Nachdenken“, meinte er und zeigte auf eine Stelle, die er schon angekreuzt hatte: Fürwahr, er trug unsere Krankheit und unsere Schmerzen. Er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unser Sünde willen zerschlagen… (Jesaja 53, 4a und 5a) „Jesaja spricht von Jesus“, sagte Johannes noch und ging.

Jetzt sah ich mir den Text noch einmal an. Aber er machte für mich genauso wenig Sinn wie am Abend zuvor. Er trug unsere Krankheit und unsere Schmerzen? Mein Rücken sagte mir gerade etwas anderes. Und dass ich jetzt aufgrund des Todes Jesu keine Erkältung mehr bekommen sollte, war auch eher unwahrscheinlich. Und ich las weiter: Er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unser Sünde willen zerschlagen …durch seine Wunden sind wir geheilt … der Herr warf unser aller Sünde auf ihn … als er gemartert ward, litt er doch willig. Das machte für mich alles wenig Sinn. Ich hatte eine Idee, wie Johannes darauf gekommen war. Bei den Juden gab es einen Brauch, einmal im Jahr einen Bock rituell mit den Sünden des Volkes zu beladen und dann in die Wüste zu schicken. Das war vielleicht nicht schlecht für die Psychohygiene der Gemeinschaft. Aber warum musste nun ein Mensch sterben?

Mir fiel ein, wie Petrus gesagt hatte, Jesus sei Gottes Sohn gewesen. Wollte Gott nun auch mal unter die Verbrecher? Sich solidarisch erklären mit uns armen Menschen? Andererseits: War er nicht sowieso alles in allem, also auch der Kleinste und der Größte, in der Höhe und in der Tiefe? Wozu jemanden – und dann noch seinen Sohn – sterben lassen?

Und dann las ich: Man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern. Ich schaute mich um. Na denn. Und dann, am Anfang des Textes: Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. Da hatte ich von Jesus einen ganz anderen Eindruck gewonnen. Nein, der ganze Abschnitt klang mir eher nach dem verzweifelten Versuch, dem Tod Jesu noch einen Sinn abzuringen.

Aber war nicht der Tod das Ende des Lebens und damit das Ende von allem Sinn? Und umgekehrt: Die Abwesenheit von Sinn so etwas wie Tod? Ich dachte an die ganzen Diskussionen, die ich mit klugen (und weniger klugen) Freunden in Rom geführt hatte. Wir waren eigentlich nie zu einem Ergebnis gekommen, wenn es um Fragen nach den Göttern, nach dem Tod oder auch, ja, nach dem Sinn ging.

Und ich dachte an Jesus. War ich jetzt schlauer? Eigentlich nicht. Mit Jesus haben wir im Grunde wenig über irgendwelche Themen diskutiert. Immer wenn jemand zu ihm mit einer Frage kam, wurde es anstrengend. Ich erinnere mich an den jungen Mann, der einfach nur ein anständiges Leben führen wollte und dann gleich seinen ganzen Besitz verkaufen musste (Markus 10, 17-27). Oder den Pharisäer Nikodemus, der wissen wollte, wie das geht mit dem Neuanfang, und dem Jesus sagte: Durch Wasser und Geist. (Johannes 3, 1-21). Ich glaube, der kluge Mann war nachher auch nicht schlauer.

Jesus wollte nicht, dass die Menschen anders dachten, sondern anders wurden. Sich das Leben nicht vom Hals hielten, sondern sich … betreffen ließen. So wie er selbst. Er war immer voll da, egal ob sich jemand hilfesuchend an ihn wandte, ob er mit Schriftgelehrten diskutierte oder Zöllnern feierte (z.B. Markus 10,47; 7,30; Lukas 2,41-52; 19,1-10). Vielleicht ist genau das, was Sinn macht: Voll da zu sein.

Und jetzt war Jesus nicht mehr da. Und für mich war die Welt auch ein ganzes Stück grauer geworden. Nicht nur der eigene Tod, auch der von anderen kann das Leben sinnlos machen. Man macht das Gleiche wie früher, Pläne schmieden, einkaufen, reden – aber jetzt fragt man sich: wozu? Ich habe die Beziehung verloren, zu Menschen, zu einem Ort, zu einer Aufgabe.

Dass ich eine Beziehung wiederfinde oder überhaupt finde, ist doch Gnade – Geschenk und Wohltat. Und gleichzeitig kann ich auch etwas dafür tun.

Ach verflixt, ich merkte, wie sich meine Gedanken immer mehr einkreisten. Ich fand einfach keinen Sinn im Tod Jesu. Sein Leben hätte Sinn gemacht.

Aber da war ja noch die Sache mit der Auferstehung…

Von der Stadt her wehte mir der Geruch von verbranntem Getreide in die Nase. Die Juden feierten Omer, den Tag nach dem Seder-Mahl. Ich ging, um es mir anzuschauen.

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Beitragsbild: Grabhöhle, allerdings nicht in Jerusalem, sondern Kugelstein/Österreich. Von Christian Pirkl – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=60470875

Es gibt schon in der Bibel viele und unterschiedliche Deutungen von Jesu Tod – und in der Geschichte der Kirche vervielfältigt sich deren Zahl noch einmal. Pfr. Mückstein bot die Erklärung an: Nach jüdischem Verständnis sind wir alle Sünder und damit Verbrecher. Jesus, der Sohn Gottes, hat sich zwischen zwei Verbrechern kreuzigen lassen, ist selbst so zum Verbrecher geworden – und damit hat sich Gott mit uns Sündern solidarisch erklärt.

Ein normales Leben

Manchmal sagen wir: Wir hätten so gerne unser normales Leben zurück. Das Leben vor der Diagnose. Als wir uns noch nicht so bewusst waren, dass eben dieses Leben begrenzt ist. Als wir meinten, es weitgehend im Griff zu haben. Als wir noch davon ausgingen, dass uns unser Körper gehorcht und nicht so aus dem Ruder läuft.

Ist es das, ein „normales Leben“? Dann begegnen uns heute viele Menschen, die ein ebenso „unnormales Leben“ führen wie wir auch. Vielleicht sind sie uns auch früher schon begegnet, schon von Berufs wegen. Wir nehmen sie nur anders wahr.

Eine der Freundinnen, durch deren Leben auch plötzlich ein Riss ging, sagte uns einmal: Euer Leben, das ihr jetzt lebt, das ist euer neues „normal“. Das sagen wir uns immer einmal wieder. Und wir müssen es auch, denn wir haben ja jahrzehntelang im alten „normal“ gelebt.

Viele Menschen bleiben bei uns auf unserem Weg in dieses neue „normal“. Aber es gibt auch welche, die sich entfernen oder „verdunsten“ – sei es aus Unsicherheit, Sprachlosigkeit oder einfach, weil die Lebensverhältnisse nicht mehr zueinander passen. So wie sich Bekannte und Freunde sortieren, wenn man z.B. eine Familie gründet.

In diesem neuen „normal“ treffen wir nicht nur auf neue Menschen, sondern auch auf Menschen neu. Es ist, als ob Masken fallen – wir müssen uns nicht mehr erzählen, wie gut wir das Leben doch meistern. Denn wir wissen, dass wir es nicht im Griff haben. Wir können von unserer Angst erzählen, von den Verletzungen – und dann auch, irgendwie unbefangener als früher, von unseren Stärken und dem, was uns gelungen ist.

onkoambulanz.jpgIn diesem „normal“ kommen wir auch an Orte, an denen eine besondere Atmosphäre herrscht. Oder deren Atmosphäre wir heute anders wahrnehmen. Natürlich sind wir auch vorher immer wieder im Krankenhaus gewesen. Wenn ich jetzt aber in die onkologische Ambulanz komme, spüre ich eine Stimmung von beschädigtem Leben, Hoffnung und Heilung, die ich „im wirklichen Leben“ so nicht wahrnehme. Eine Solidarität von Menschen, deren Leben einen Riss bekommen hat – und die die Hoffnung nicht aufgeben. Menschen, die von der Krankheit gezeichnet sind und solche, die äußerlich fit sind.

Wir reden wenig miteinander. Aber es ist kein peinliches Schweigen. Wir müssen einfach nicht mehr viel erklären.onkostuhl.jpg

Wir haben ein besonderes Verhältnis zur Zeit. Denn immer wieder müssen wir warten – auf den Arzt, die Ärztin, auf das Medikament, die nächste Untersuchung, die Ergebnisse.

Und die Mitarbeitenden, von der Ärztin bis zum Pfleger, so ist meine Erfahrung, haben ein Gespür für diese Atmosphäre. Sie sind freundlich, zugewandt, ernst und heiter.

Und sie erzählen auch von Patienten, die pöbeln, die ungeduldig sind und ängstlich. Es gibt Gespräche, die uns nicht so gut tun. Es ist wie im wirklichen Leben. Das neue „normal“ eben.

„Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“, heißt es in der Bibel (Psalm 90,12). Dieser Satz hat eine tiefe Wahrheit. Doch auch dieser andere aus dem Film Ein Mann namens Ove gilt: „Wir können an den Tod denken oder wir können weiterleben.“ Der erste vielleicht eher für die, die in dem einen, unserem alten „normal“ leben, und der zweite für die im neuen „normal“.

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Bilder:
Beitragsbild: Pixabay
1. Bild: Die Onko-Ambulanz im UKE © Erik Thiesen
2. Bild: Ein typischer, bequemer Sessel in der Onko-Ambulanz © Erik Thiesen

Den Gedanken, dass Freundschaften „verdunsten“, lasen wir in einem Artikel über jemanden, der ebenfalls das neue „normal“ lebt.

Schmerzen

Exerzitien 21. Teil, Bingen 2016, die „zweite Woche“.

(Die kursiven Texte sind wörtlich meinem Binger Tagebuch von 2016 entnommen) 

Am 28. Juli waren die Schmerzen im Rücken so unangenehm geworden, dass ich nach Bingen zu einem Arzt ging. Er verschrieb mir Schmerzmittel. 3 Ibu und 4 Ortoton. Am Tag. Es brachte nicht wirklich etwas.

Am 29. Juli ging es dann etwas besser. Dafür war es am 30. nicht so gut. Und der 31. Juli war der bis dahin wohl schlimmste Tag. Der Schmerz ist nicht nur im Rücken spürbar, sondern zieht auch deutlich in die Brust. Mich ärgert vor allem, dass ich nicht laufen kann.

Und dann der 1. August. Diese Schmerzen machen mich kirre! Wenn man bei jeder Bewegung damit rechnen muss, dass er in die Brust sticht wie mit einem Messer. Wenn es nicht aufhört und jetzt schon fünf Wochen so geht. Wenn selbst Schmerzmittel nichts helfen. Wenn du denkst, du bist gesund – nur ein paar Verspannungen. Geht wieder weg. Gleich. Morgen. Übermorgen bestimmt. Nicht? Dann zum Arzt. Kein Problem, kriegen wir hin. Dann der nächste Arzt. Verschreiben wir ein paar Mittel. Wird schon. Wird aber nicht. Bei der nächsten Bewegung wieder ein Stich.

Oder ist da nicht doch Besserung zu spüren? Ich kann mich im Bett umdrehen ohne große Probleme. Es geht. Dann, ganz plötzlich, der Schmerz, der sich wie ein Dornenring um die Brust legt. Bei jedem Schritt, jedem Atemzug ein Stich.

Und sind nicht wenigstens im Rücken die Schmerzen besser geworden? Von ihnen habe ich länger nichts gemerkt. Nein, Irrtum. Eine falsche Bewegung, und sie sind wieder da. Und jetzt sogar Stiche oben in der Schulter. Das war ja noch gar nicht.

Morgen Frau Sch. fragen, ob dieser Wunderarzt von Mainz 05 noch einen Termin hat die nächsten 2, 3 Tage.

Und ich verstehe es nicht. So lange können Verspannungen doch nicht andauern. Es hätte alles so schön sein können, ohne die Schmerzen. Vielleicht ist es ja tatsächlich „Bileams Esel“, der mir sagen will: Mach mal ein bisschen weniger. 

2. August. Morgens. Das war mal eine gute Nacht. Und dann meldete sich der Rücken wieder mit Macht zurück. Und als ich eben ging, auch der Bauch. Wenn ich Glück habe, bekomme ich einen Termin bei Frau Sch.s Wunderheiler…

Vormittags. Nein, Dr. G. hat heute nichts. Morgen nochmal nachfragen. Aber es gibt da in Bingen einen guten Physiotherapeuten, der würde heute Abend nach Dienstschluss um 20h noch einmal draufschauen. Besser als nichts, würde ich sagen. Der Tag ist heute ein regnerischer Tag…

Abends. So, jetzt war ich also beim Physiotherapeuten – und es war sehr nett, aber völlig desillusionierend. Er bestätigte, dass es sich wahrscheinlich um eine Neuralgie handeln würde und sich das Ganze noch mindestens 1 – 2 – 3 Wochen hinziehen werde. So etwas kann allerdings auch bis zu einem halben Jahr dauern. Immerhin hat er bestätigt, dass die Medikamente nicht falsch seien. Der Rückweg die Rochusbergallee hoch war eine Tortur. Kaum ein Schritt, der nicht in Rücken und Brust geschmerzt hätte. Ob längere Spaziergänge noch einmal drin sein werden, dürfte fraglich sein. Knien und laufen ist natürlich aussichtslos. Und ich kann es noch nicht einmal mit Ute teilen, das ist auch sehr blöd.

3. August. Nachdem die Nacht davor ausgesprochen lang war, habe ich jetzt so gut wie gar nicht geschlafen.

Heute Vormittag also zu Dr. G. Der ist kein Freund vieler Worte. Er: „Was wollen Sie von mir?“ Ich: „Machen Sie mir die Schmerzen weg.“ Dann hat er gedrückt und gepresst – uh, mmmh – und mich dann gefragt, ob ich etwas gegen Spritzen hätte. Ich sagte ja, hätte aber noch mehr gegen Schmerzen. Dann setzte er mir 15-20 Spritzen in den Rücken und machte noch eine Cortison-Infusion. Und schließlich schickte er mich zum MRT. Da bin ich nun übermorgen früh um 7.30h. Damit wir die ganze Sache mit der Wirbelsäule klären.

Nach dem verschwurbelten Dr. H. ein klarer Fall von Schulmedizin. An seiner Wand hängen wirklich Dankesschreiben aus aller Welt von Mannschaften und Einzelsportlern. Also kann er nicht ganz schlecht sein.

Bis dahin auch keine Übungen, vor allem aber kein Laufen, nichts Schweres. Nur unbedingt notwendige haushaltsnahe Tätigkeiten – Kaffee einschenken zum Beispiel.

Das soll nun meine entspannende Sabbatzeit sein? Vielleicht ist sie es ja auch. Vielleicht löst sich dadurch etwas im Körper, das schon vorher drin gewesen ist. Und es wird besser. Der Schmerz lässt nach, ich kann wieder spazieren gehen. Da gibt es nur so ein taubes Gefühl im linken Bein. Aber ich habe das Gefühl, bei Dr. G. in guter Behandlung zu sein.

Am 4. August dann nach einer guten Nacht wieder Schmerzen, die unter den Medikamenten verschwinden. Ich bin einfach müde.

5. August – Freitag – Tag 21. Und schon der letzte?

Es ist also endlich raus, was die Schmerzen verursacht hat: Ein völlig deformierter Wirbel. Das MRT hat es ans Licht gebracht. Immerhin wird jetzt nicht mehr nur an Symptomen herumgedoktert. H. hätte es nicht herausgefunden – das hätte in Hamburg also noch endlos so weitergehen können. Da musste erst eine Frau Sch. kommen, die mich bei Dr. G. reinboxt, der mich dann…

Was es bedeutet? Keine Ahnung soweit. Das sagt mir um 13h Dr. G. Möglicherweise OP. Sieht schon ziemlich übel aus, das Ding. Ob ich hier weitermache? Auf alle Fälle werde ich heute Nachmittag mit Ute schreiben oder reden. Das Smartphone habe ich schon mal. Scheinen zuhause keine größeren Katastrophen aufgelaufen zu sein.

Die Gefühle wechseln nun schnell ab. Jetzt noch „mal sehen, wird schon nicht so schlimm werden, und außerdem kann man ja sowieso nichts machen“, dann gleich „OP wahrscheinlich, und wenn dann was schief geht?“ Oder auch: „Nun habe ich mich so auf die Zeit mit Ute hier am Rhein gefreut…“ Oder auch: „Jetzt muss es dann ja auch mal in der Gemeinde losgehen.“

Ich möchte das Gespräch mit Dr. G. – in einer Stunde bin ich bei ihm. Und ich möchte mit Ute sprechen – in zwei Stunden vielleicht.

Übrigens Gemeinde: Dort sieht es nach einem Personalwechsel aus. Wir könnten also einen Neuanfang… 

An dieser Stelle brechen meine Tagebuchnotizen ab. Eine Stunde später werde ich zu Dr. G. gefahren. Ich sitze ihm gegenüber. Er hält das MRT-Bild ans Licht. „Sie wissen, was los ist?“ „Ja“, sage ich, „ein Wirbel ist kaputt.“ „Und sie haben eine riesengroße Metastase.“ Ich bin völlig geschockt. Sein Blick sagt mir: Das sieht nicht gut aus, gar nicht gut. Ich rufe Ute an. Sie macht gerade einen Spaziergang um die Alster. In diesem Moment bricht die Welt, wie wir sie kannten, zusammen.

Dr. G. ruft seinen Schwiegersohn an. Dr. M. ist Oberarzt in der Uniklinik Mainz und spezialisiert auf Wirbelsäulenchirurgie. Ich werde im Vakuumbett nach Mainz gefahren. Am späten Abend kommt die Familie. Ute und alle Kinder! Es ist ein großer Moment. Während wir reden, sehe ich Freund Hein in der Tür stehen. Von diesem Bewusstsein sind auch unsere Gespräche geprägt.

Danach folgen unzählige Untersuchungen. Die Röhre wird mein zweites Zuhause. Ute nimmt sich in Bingen ein Zimmer und ist jeden Tag da. Am 16. August werde ich 12 Stunden lang operiert. Dr. M., Dr. K. und dem ganzen Team bin ich zutiefst dankbar. Am 1. September werde ich im Krankentransport nach Hamburg gebracht. Hier beginnen die Bestrahlungen, es folgen Operationen, Chemo und jetzt die Immuntherapie. Dass ich lebe, dass ich nicht im Rollstuhl sitze, habe ich Menschen zu verdanken, die sich überdurchschnittlich engagiert haben.

Zu Gott habe ich seitdem eine spezielle Beziehung. Einerseits meine ich ja, dass er bei den Metastasen ruhig ein bisschen besser hätte aufpassen können. Auf der anderen Seite sind so viele Dinge passiert – wenn das nicht Gottes Hand war, könnte man sie aber leicht damit verwechseln.

 

 

Kleinwaabs

Nach dem Jahr beim Gemeindedienst wusste ich: Das ist meine Welt. Kirchlich, spirituell, theologisch. Aber noch war ich ja in der Ausbildung. Und darum hatte ich vor, in weitere Welten einzutauchen.

Deshalb bewarb ich mich um die Vikariatsstelle in Kleinwaabs. Pastor Ove Hansen Berg war ein Vertreter der Pastoralpsychologie. Sie reflektiert, entwickelt und erforscht die Verbindung von Theologie und Psychologie. Nun habe ich mich schon während des gesamten Studiums für die Psychologie interessiert. Trotzdem wurde ich nicht recht warm mit ihr. Denn ich hatte den Eindruck, dass in ihr die Theologie in die Psychologie aufging. Sie berücksichtigte zu wenig meine spirituelle Seite. Das zeigte sich dann auch in den Reflexionen mit Hendrik van Sluijs, bei dem ich den 6-wöchigen Kurs in der Klinischen Seelsorgeausbildung absolvierte.

Aber als Gesprächstechnik finde ich die Pastoralpsychologie bis heute unverzichtbar. Und ich habe ohne Zweifel viel von ihr gelernt.

Zunächst aber hieß Vikariat in Waabs: Umzug von der Stadt aufs Land. In eine richtige Dorfgemeinde. Waabs liegt an der Ostsee und profitiert vom Tourismus. Und das bedeutete auch eine gute Infrastruktur: zwei Kneipen, zwei Einkaufsläden, Bäcker, Polizei, Schule und, natürlich, Kirche. Der Küster war gleichzeitig Kuhlengräber (Beerdigungsinstitut) und Blumenhändler – auch klassisch. Die Grenzen der Kirchengemeinde entsprachen denen der Bürgergemeinde. Bei Besuchen zu 80. Geburtstagen traf ich oft die halbe Gemeinde. Eine Beerdigung dauerte immer den ganzen Nachmittag (eine Stunde Gottesdienst und Aussegnung, vier Stunden Beerdigungskaffee). Aus der Schule, dem Konfirmandenunterricht und der „Teestube“, die ich damals im Gemeindehaus betrieb, kannte ich praktisch die Waabser Jugend. Und als ich ein „Jugendbegegnungszentrum“ eröffnen wollte, steuerten Pastor und Bürgermeister einen Betrag aus ihren Kassen bei, der Campingplatzbesitzer spendete einen ausrangierten Wohnwagen, und ein Bauer hatte noch einen freien Platz hinter der Hauskoppel – fertig.

Die Kirchenvorstandssitzungen waren unter der Leitung des Patrons – des Besitzers des größten Guts der Gemeinde, Ludwigsburg – zügig zu Ende. Wahrscheinlich auch deshalb, weil viele TOPs vorher schon überm Gartenzaun verhandelt worden waren.

Waabs WohnungIch wohnte in einer Ferienwohnung neben der „Mühle“, in der ich auch gerne beim Bier und ggf. ein paar Runden Kniffel den Kontakt zum Dorf pflegte.

Und im Sommer konnte ich über blühende Rapsfelder die Ostsee sehen.

Der Mühlenwirt brachte mir auch bei, mit offenen Augen durchs Waabs MühleDorf zu gehen. Einmal warf er mir vor, ihn nicht gegrüßt zu haben; er war im Auto an mir vorbeigefahren. Seitdem habe ich alles gegrüßt, was „RD“ als Kennzeichen besaß. Die Insassen habe ich ohnehin nie erkennen können.

Die Zeit in Waabs hielt aber nicht nur die idyllische Seite des Lebens für mich bereit. Am 17. Februar 1985 starb meine Mutter. Ein Unfall auf dem elterlichen Bauernhof. Das bedeutete für die folgenden Wochen: Ich war viel in Spannbrück, das nur eine halbe Stunde entfernt war. Die Trauerbesuche, die Organisation, die große Beerdigung in der kleinen Toestruper Kirche. Und mein Vater, der mich als Sohn, manchmal aber auch als Seelsorger in Anspruch nahm.

Darüber hinaus endete in der Zeit auch eine sehr intensive Beziehung – mir ging es damals eine ganze Zeit lang nicht wirklich gut.

In dieser Zeit sollte ich auch meine erste Predigt halten. Ich erbat vom Pastor eine Schonfrist, die er mir aber nicht gewährte. Er habe ein Problem mit meinem Problem, meinte er. Das war gut pastoralpsychologisch ausgedrückt („Ich-Botschaften senden!“). Mich machte es aber eher wütend. Und ich nahm mir daraufhin vor, nicht mehr um Hilfe zu bitten. Und tatsächlich schaffte ich die Predigt zum angekündigten Gottesdienst.

Waabs Kirche KanzelNun ja, nicht ganz unfallfrei. Auf der Treppe hoch zur Kanzel trat ich auf meinen Talar. Da ich es versäumte zurückzugehen, kam ich oben sehr gebückt an. Den ersten, den ich sah, war mein Bruder. Er hatte es gemerkt und feixte. Die Predigt war, denke ich, trotzdem ganz ok.

Ein paar Wochen vor dem 2. Examen bekam ich einen Anruf aus Hamburg. Propst Peters fragte an, ob ich im Leitungsteam des 3. Projekts „neu anfangen“ in HH-Mitte mitmachen wollte. Ich fühlte mich sehr geehrt – zumindest bis ich mitbekam, dass ich nicht der erste war, den sie gefragt hatten. Ich sagte zu. Und sollte es in mehrfacher Hinsicht nicht bereuen.

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Beitragsbild: Die St. Marienkirche in Kleinwaabs (by Pelz – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19778406)

* Von Menschen und Göttern

AlgerienDer Film beruht auf wahren Begebenheiten. Algerien, 1993. Neun Mönche leben in einem Kloster in Tibhirine. Sie haben sich dem Land und seinen Menschen gewidmet. Und deshalb studiert Bruder Christian den Koran, Bruder Luc heilt die Kranken des Dorfs und alle nehmen teil am Leben der Dorfgemeinschaft. Ihr Leben wird bestimmt durch den Rhythmus der Gebete und die tägliche Arbeit.

Dann geraten sie in den mörderischen Konflikt zwischen Militär und Islamisten. Ihre Lage wird lebensgefährlich. Und für die Brüder beginnt ein persönlicher und gemeinsamer Entscheidungsprozess: Bleiben oder gehen? Weiterlesen