Großstadtkirche

Schon als Jugendliche wollte Ute gerne in Eppendorf leben. Ihr Wunsch sollte sich erfüllen. 1989 wurde eine Pfarrstelle in der Gemeinde St. Martinus vakant, und als man mich fragte, sagte ich zu. Damit ging auch für mich ein Wunsch in Erfüllung: In Waabs hatte ich in einer richtigen Dorfgemeinde gearbeitet, in der fast alle zur Kirche gehören. Nun wollte ich das andere Extrem kennenlernen: eine richtige Großstadtgemeinde, in der die Kirche nur noch eine geringe Rolle für die Menschen spielt.

St. Martinus liegt im „roten“ Eppendorf, zwischen Café Borchers und dem UKE. Hier wurde Wolfgang Borchert geboren, und hier wohnte Ernst Thälmann. Das Viertel ist  beliebt bei Studenten und ist sehr städtisch geprägt. Zwar wohnen in den  Stiften zwischen Fricke- und Tarpenbekstraße auch viele Seniorinnen und Senioren. Insgesamt aber gilt: Die Kirche liegt hier nicht im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung.

Anders ist es im „schwarzen“ Eppendorf, an der Alster gelegen und mit der „Hochzeitskirche“ St. Johannis als Mittelpunkt. Wer hier wohnt, kann es sich leisten, ist eher konservativ und eher kirchlich. Die beiden damaligen Pastoren passten gut dazu. Dr. Ottfried Jordahn, ein Experte für Fragen der Gottesdienstliturgie, und Ulrich Rüß, bis heute Vorsitzender der „Kirchlichen Sammlung um Bibel und Bekenntnis„, waren sehr kirchlich und sehr konservativ.

St Marien

St. Marien

Im Oktober 1989 zogen wir in die Tarpenbekstraße. Und dort starteten Ute und ich in unser größtes Abenteuer. Wir heirateten am 9. Dezember, in Utes „Heimatkirche“ St. Marien – damals Fuhlsbüttel, heute Ohlsdorf. Es war natürlich die schönste Hochzeit aller Zeiten:

Hochzeitszeitung

Original und

NA Taschenbuch2

Fälschung

Der Gottesdienst mit Pastor i.R. Schiel, der Marien-Kantorei und einem spontanen Chor der Familie, Polterabend und standesamtliche Trauung vorher, die Feier in der „Mellingburger Schleuse“ nachher mit den wunderbaren Beiträgen – nachzulesen in der Hochzeitszeitung „Sich begegnen“.

Und dann, am 1. Januar, begann ich offiziell mit der Gemeindearbeit. Nach dem Wunsch des Kirchenvorstands sollte ihr Schwerpunkt in der Jugendarbeit liegen. Damit wollte ich mir allerdings Zeit lassen, bis ich ehrenamtliche Mitarbeitende gefunden hatte. Erst einmal wollte ich die Gemeinde und den Stadtteil besser kennenlernen – und merkte schnell, dass man dort nicht wirklich auf mich gewartet hatte. Ich stellte mich z.B. bei den Schulen vor – die freundlichste Reaktion, an die ich mich erinnere, war: „Wenn Sie wollen, können Sie ja mal was zum Reformationstag machen.“ Auch das Kulturhaus gegenüber machte auf mich beim ersten Besuch eher einen linkspolitisch-kirchenkritischen Eindruck. Da hatte ich also noch einen weiten Weg vor mir.

Sankt Martinus

St. Martinus

Um die Gemeinde besser kennenzulernen, luden wir nacheinander alle Kirchenvorstandsmitglieder zu einem Raclette-Abend ein und sangen in der Kantorei mit.

Dann lernte ich Heiko Fuß kennen, und zusammen begannen wir die Jugendarbeit. Bald kamen bis zu 30 Jugendliche zur Teestube am Mittwoch. Am Freitag ging ich in die Kita. Und mit den Ausschüssen am Montag, der Kantorei am Dienstag, dem Bibelkreis am Donnerstag und Gesprächen an den anderen Abenden war ich ganz gut ausgelastet. Und es bedeutete, dass sich Ute und ich meistens die Klinke in die Hand gaben: Wenn sie von der Arbeit kam, ging ich aus dem Haus. Das hat in unserer jungen Ehe zu manchen intensiven Diskussionen geführt.

Sankt Martinus KircheDie Kirche war wie in Eirene ins Gemeindehausensemble integriert. Sie wurde nach dem Krieg als „Bartning-Notkirche“ gebaut, mit viel Holz und einer sehr schönen Atmosphäre. Ich habe hier sehr gerne gepredigt. Und der Kirchraum hatte direkten Zugang zum Gemeindehaus auf der einen und der Altentagesstätte auf der anderen Seite. Nach dem Gottesdienst roch man schon den Kaffee – das Nachgespräch war regelmäßig gut besucht.

In der Gemeinde konnte man die Zweiteilung des Stadtteils wiedererkennen. Auf der einen Seite engagierte sich eine Reihe von Gemeindegliedern in einer politisch eher links orientierten Friedens- und Männerarbeit, die mein Vorgänger gegründet hatte. Sie hatten wohl erwartet, dass ich in seine Fußstapfen treten würde. Doch obwohl wir auch Gottesdienste miteinander gestalteten, wurden wir nicht recht warm miteinander. Warmbadetag

Das war anders mit dem anderen Schwerpunkt der Gemeinde, der Senioren-Begegnungsstätte. Ich war dort regelmäßig zu Gast, und die Nachmittage waren, wie es ein Kollege einmal genannt hatte, der „Warmbadetag des Pastors“. Dieses Wort schenkten mir die Seniorinnen als selbst gemaltes Bild dann auch zum Abschied.

Der sollte dann schneller kommen als geplant. Da ich anfangs noch „Pastor zur Anstellung“ – so etwas wie zur Probe – war, musste die Stelle neu ausgeschrieben werden. Der Kirchenvorstand hätte zwar auf die Ausschreibung verzichten und die Stelle mit mir besetzen können. Dazu hätten 2/3 aller Mitglieder mit Ja stimmen müssen; Enthaltungen und Nichtanwesenheit wurden damit zu Nein-Stimmen. Es wurde knapp, und dann reichte es doch nicht ganz. Eine Gemeindeversammlung beantragte zwar fast einstimmig, diese Entscheidung noch einmal zu überprüfen. Doch wir entschieden uns dazu, von uns aus zu gehen. Es wurde dann ein eher schmerzlicher Abschied.

Aber anders wäre ich nie nach Niendorf gekommen.

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Bild 1: Kirche St. Marien, früher Fuhlsbüttel, jetzt  Ohlsdorf, by Dirtsc – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28310840
Bild 2: Kirche St. Martinus, von Claus-Joachim Dickow – Self-photographed, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11047365.
Bild 3 und 4: (c) Erik Thiesen

 

Sich begegnen

Projekt „neu anfangen“ – das ist für mich mehr als der Beginn meiner beruflichen Laufbahn, mehr auch als eine groß angelegte Werbeaktion der Kirche. Das Projekt zeigt, wie Kirche auch sein sollte – und sein könnte: Sie geht auf die Menschen zu. Sie möchte ihnen begegnen. Sie möchte nicht belehren, sondern über den Glauben ins Gespräch kommen. Sie wendet sich nicht nur an Kirchenmitglieder, sondern an alle Menschen. Sie aktiviert und übt das Sprechen über den Glauben ein. Und: Sie begeistert.

Eine meiner Aufgaben damals war, Gemeinden vom Mitmachen zu überzeugen. Und ich konnte nicht wirklich verstehen, warum sich einige dagegen entschieden.

Am Ende aber waren es 33 Gemeinden, davon 21 lutherische, 6 katholische und 6 freikirchliche rund um die Alster bis nach Fuhlsbüttel im Norden. 1.200 Mitarbeitende riefen 90.000 Menschen an und schenkten 28.000 von ihnen das Taschenbuch „Sich begegnen“. Schließlich kamen 2.800 Interessierte in 400 Gesprächsrunden zusammen, um über den Glauben zu reden, von denen 160 Runden über die Aktion hinaus Bestand hatten.

Aber bis dahin war es ein weiter Weg. Nicht nur die Gemeinden, sondern vor allem Freiwillige mussten gefunden werden, die in den vorbereitenden Ausschüssen und Arbeitsgruppen mitmachten.

Da war die Technik und Organisation: Die Adressen mussten einzeln aus dem Hamburger Telefonbuch abgeschrieben und in digitale Form gebracht werden. Dann wurden sie mit der Straßenliste der Kirche sortiert und in die entsprechenden Gemeinden verteilt. Dazu lief der Privat-Atari (für die Jüngeren: der beste PC ever) der Familie Baur tage- und nächtelang. Dann wurden in den Gemeindezentren Callcenter auf Zeit eingerichtet. Die Finanzierung musste gesichert und der Datenschutz abgeklärt werden.

Oder die Öffentlichkeitsarbeit: Während der Aktionsphase wurde nicht nur in Gemeindebriefen und regionalen Zeitungen informiert. Die überregionale Presse, Funk und Fernsehen berichteten, riesige Werbetafeln wurden aufgestellt, und Busse fuhren auf ausgewählten Linien mit dem Logo von „neu anfangen“ durch die Stadt. Vor dem ersten Telefonat sollten möglichst viele Hamburger davon gehört haben. NA Redaktion

Der für mich wichtigste Ausschuss war derjenige, der das Taschenbuch erarbeitete – obwohl ich mit ihm direkt kaum etwas zu tun hatte. Es lag eher am Redaktionsteam. Genauer: An einer Person dieses Teams…

na-taschenbuch2.jpgZu den Autoren, die für das Taschenbuch gewonnen werden konnten, gehörten bekannte Persönlichkeiten ebenso wie Menschen aus der Region, eine bunte Mischung.

Und schließlich mussten die Mitarbeitenden motiviert und trainiert werden. Dazu wurden die Seminare des Gemeindedienstes (Cursillo, „Dimensionen des Gebets“ u.a.) ebenso genutzt wie die Angebote der Gemeinden und übergemeindlichen Einrichtungen.

Und dann wurden alle Mitarbeitenden zu einer Kreuzfahrt auf der Elbe eingeladen – einmal von Hamburg nach Glückstadt und zurück. Die Organisation war für mich etwas aufwändiger. „Nach der Kreuzfahrt“ ist für Ute und mich zum Synonym geworden für: Dann werden wir wieder mehr Zeit füreinander haben.

Nach der ganzen Vorbereitung war die „heiße Phase“ mit Telefonieren, Taschenbücher verschenken und Gesprächsgruppen für mich dann fast schon entspannt. Anschließend musste dann die Nacharbeit geleistet werden: Statistische Auswertung und Überlegungen zur Weiterarbeit in den Gemeinden.

St. Martinus, eine der beiden Eppendorfer Gemeinden, sollte ich dann noch genauer kennenlernen.