Auferstehung ganz anders

Exerzitien 31. Teil, Bingen 2018, die „vierte Woche“.

Die Exerzitientage Karfreitag, Karsamstag, Ostersonntag und -montag fielen – Zufall oder nicht – genau auf die Wochentage Freitag bis Montag. Am Sonnabend machte mir Pfr. Mückstein noch den Vorschlag, die Auferstehung im Strahl der aufgehenden Sonne zu feiern. Allerdings meinte er auch, dass ein solches Vorhaben eher während der Exerzitien, die näher an Frühling oder Herbst liegen, realistisch sei. Jetzt, am 1. Juli, wäre es wohl doch eine zu große Herausforderung wegen der frühen Stunde. Ich stimmte ihm zu. Doch es sollte anders kommen.

Mitten in der Nacht wachte ich auf. Mich plagten intensive Schmerzen, und ich fühlte mich sehr unwohl. Es war gegen halb vier. Ich schaute zum Fenster, das nach Westen ging. Wurde es schon hell? Dunkel erinnerte ich mich an den Vorschlag Pfr. Mücksteins. Ziemlich benommen wankte ich zur Terrasse, die nach Osten hinaus ging. Tatsächlich, über der Rochuskapelle bildete sich deutlich ein roter Rand. Ich hatte die Auferstehung gesehen! Das reichte nun aber auch. So zielstrebig wie nur möglich ging ich wieder ins Bett und versuchte, noch ein wenig zu schlafen. Am nächsten Morgen erst kam ich auf die Idee, dass ich ja ein Foto vom Sonnenaufgang hätte machen können.

In der Nacht auf den Montag wiederholte sich der Vorgang: Ich wachte wegen der Schmerzen im Rücken auf, etwa um dieselbe Zeit. Diesmal war ich vorbereitet, ergriff das Smartphone, ging auf die Terrasse, und zu meinem Glück war es ein ähnliches Bild wie in der Nacht vorher.

Obwohl – Glück? Ich hatte Schmerzen, ich war müde und mir war kalt. Unter einem Ostermorgen bei Sonnenaufgang hatte ich mir immer etwas anderes vorgestellt – etwa so, wie es viele Jahre auch bei uns in der Gemeinde praktiziert wurde: Eine Gruppe von Christinnen und Christen macht sich mitten in der Nacht auf, müde zwar, aber guter Dinge. Die Gemeinschaft ist gut, am Ziel angekommen kann man gemeinsam den Sonnenaufgang beobachten – oder wegen der Wolken auch nicht. Aber das gemeinsame Frühstück, die Gespräche, das Erlebnis entschädigen für alles.

Gab es bei mir die Auferstehung nur unter Schmerzen?

Kurt Marti, der Schweizer Dichterpfarrer (1921-2017) schrieb 1969: „Aber es kommt eine Auferstehung, die ganz anders wird als wir dachten.“ Und er dachte sie sich sozialpolitisch, als „Aufstand Gottes gegen die Herren“. Aber vielleicht ist sie ja noch einmal ganz anders.

Mit Schmerzen hatte ich mir die Auferstehung bisher nicht zusammendenken können. Aber wer weiß? Mir blieb noch bis zum Donnerstag Zeit, dem Geheimnis ein wenig mehr auf die Spur zu kommen.

Schmerzen

Exerzitien 21. Teil, Bingen 2016, die „zweite Woche“.

(Die kursiven Texte sind wörtlich meinem Binger Tagebuch von 2016 entnommen) 

Am 28. Juli waren die Schmerzen im Rücken so unangenehm geworden, dass ich nach Bingen zu einem Arzt ging. Er verschrieb mir Schmerzmittel. 3 Ibu und 4 Ortoton. Am Tag. Es brachte nicht wirklich etwas.

Am 29. Juli ging es dann etwas besser. Dafür war es am 30. nicht so gut. Und der 31. Juli war der bis dahin wohl schlimmste Tag. Der Schmerz ist nicht nur im Rücken spürbar, sondern zieht auch deutlich in die Brust. Mich ärgert vor allem, dass ich nicht laufen kann.

Und dann der 1. August. Diese Schmerzen machen mich kirre! Wenn man bei jeder Bewegung damit rechnen muss, dass er in die Brust sticht wie mit einem Messer. Wenn es nicht aufhört und jetzt schon fünf Wochen so geht. Wenn selbst Schmerzmittel nichts helfen. Wenn du denkst, du bist gesund – nur ein paar Verspannungen. Geht wieder weg. Gleich. Morgen. Übermorgen bestimmt. Nicht? Dann zum Arzt. Kein Problem, kriegen wir hin. Dann der nächste Arzt. Verschreiben wir ein paar Mittel. Wird schon. Wird aber nicht. Bei der nächsten Bewegung wieder ein Stich.

Oder ist da nicht doch Besserung zu spüren? Ich kann mich im Bett umdrehen ohne große Probleme. Es geht. Dann, ganz plötzlich, der Schmerz, der sich wie ein Dornenring um die Brust legt. Bei jedem Schritt, jedem Atemzug ein Stich.

Und sind nicht wenigstens im Rücken die Schmerzen besser geworden? Von ihnen habe ich länger nichts gemerkt. Nein, Irrtum. Eine falsche Bewegung, und sie sind wieder da. Und jetzt sogar Stiche oben in der Schulter. Das war ja noch gar nicht.

Morgen Frau Sch. fragen, ob dieser Wunderarzt von Mainz 05 noch einen Termin hat die nächsten 2, 3 Tage.

Und ich verstehe es nicht. So lange können Verspannungen doch nicht andauern. Es hätte alles so schön sein können, ohne die Schmerzen. Vielleicht ist es ja tatsächlich „Bileams Esel“, der mir sagen will: Mach mal ein bisschen weniger. 

2. August. Morgens. Das war mal eine gute Nacht. Und dann meldete sich der Rücken wieder mit Macht zurück. Und als ich eben ging, auch der Bauch. Wenn ich Glück habe, bekomme ich einen Termin bei Frau Sch.s Wunderheiler…

Vormittags. Nein, Dr. G. hat heute nichts. Morgen nochmal nachfragen. Aber es gibt da in Bingen einen guten Physiotherapeuten, der würde heute Abend nach Dienstschluss um 20h noch einmal draufschauen. Besser als nichts, würde ich sagen. Der Tag ist heute ein regnerischer Tag…

Abends. So, jetzt war ich also beim Physiotherapeuten – und es war sehr nett, aber völlig desillusionierend. Er bestätigte, dass es sich wahrscheinlich um eine Neuralgie handeln würde und sich das Ganze noch mindestens 1 – 2 – 3 Wochen hinziehen werde. So etwas kann allerdings auch bis zu einem halben Jahr dauern. Immerhin hat er bestätigt, dass die Medikamente nicht falsch seien. Der Rückweg die Rochusbergallee hoch war eine Tortur. Kaum ein Schritt, der nicht in Rücken und Brust geschmerzt hätte. Ob längere Spaziergänge noch einmal drin sein werden, dürfte fraglich sein. Knien und laufen ist natürlich aussichtslos. Und ich kann es noch nicht einmal mit Ute teilen, das ist auch sehr blöd.

3. August. Nachdem die Nacht davor ausgesprochen lang war, habe ich jetzt so gut wie gar nicht geschlafen.

Heute Vormittag also zu Dr. G. Der ist kein Freund vieler Worte. Er: „Was wollen Sie von mir?“ Ich: „Machen Sie mir die Schmerzen weg.“ Dann hat er gedrückt und gepresst – uh, mmmh – und mich dann gefragt, ob ich etwas gegen Spritzen hätte. Ich sagte ja, hätte aber noch mehr gegen Schmerzen. Dann setzte er mir 15-20 Spritzen in den Rücken und machte noch eine Cortison-Infusion. Und schließlich schickte er mich zum MRT. Da bin ich nun übermorgen früh um 7.30h. Damit wir die ganze Sache mit der Wirbelsäule klären.

Nach dem verschwurbelten Dr. H. ein klarer Fall von Schulmedizin. An seiner Wand hängen wirklich Dankesschreiben aus aller Welt von Mannschaften und Einzelsportlern. Also kann er nicht ganz schlecht sein.

Bis dahin auch keine Übungen, vor allem aber kein Laufen, nichts Schweres. Nur unbedingt notwendige haushaltsnahe Tätigkeiten – Kaffee einschenken zum Beispiel.

Das soll nun meine entspannende Sabbatzeit sein? Vielleicht ist sie es ja auch. Vielleicht löst sich dadurch etwas im Körper, das schon vorher drin gewesen ist. Und es wird besser. Der Schmerz lässt nach, ich kann wieder spazieren gehen. Da gibt es nur so ein taubes Gefühl im linken Bein. Aber ich habe das Gefühl, bei Dr. G. in guter Behandlung zu sein.

Am 4. August dann nach einer guten Nacht wieder Schmerzen, die unter den Medikamenten verschwinden. Ich bin einfach müde.

5. August – Freitag – Tag 21. Und schon der letzte?

Es ist also endlich raus, was die Schmerzen verursacht hat: Ein völlig deformierter Wirbel. Das MRT hat es ans Licht gebracht. Immerhin wird jetzt nicht mehr nur an Symptomen herumgedoktert. H. hätte es nicht herausgefunden – das hätte in Hamburg also noch endlos so weitergehen können. Da musste erst eine Frau Sch. kommen, die mich bei Dr. G. reinboxt, der mich dann…

Was es bedeutet? Keine Ahnung soweit. Das sagt mir um 13h Dr. G. Möglicherweise OP. Sieht schon ziemlich übel aus, das Ding. Ob ich hier weitermache? Auf alle Fälle werde ich heute Nachmittag mit Ute schreiben oder reden. Das Smartphone habe ich schon mal. Scheinen zuhause keine größeren Katastrophen aufgelaufen zu sein.

Die Gefühle wechseln nun schnell ab. Jetzt noch „mal sehen, wird schon nicht so schlimm werden, und außerdem kann man ja sowieso nichts machen“, dann gleich „OP wahrscheinlich, und wenn dann was schief geht?“ Oder auch: „Nun habe ich mich so auf die Zeit mit Ute hier am Rhein gefreut…“ Oder auch: „Jetzt muss es dann ja auch mal in der Gemeinde losgehen.“

Ich möchte das Gespräch mit Dr. G. – in einer Stunde bin ich bei ihm. Und ich möchte mit Ute sprechen – in zwei Stunden vielleicht.

Übrigens Gemeinde: Dort sieht es nach einem Personalwechsel aus. Wir könnten also einen Neuanfang… 

An dieser Stelle brechen meine Tagebuchnotizen ab. Eine Stunde später werde ich zu Dr. G. gefahren. Ich sitze ihm gegenüber. Er hält das MRT-Bild ans Licht. „Sie wissen, was los ist?“ „Ja“, sage ich, „ein Wirbel ist kaputt.“ „Und sie haben eine riesengroße Metastase.“ Ich bin völlig geschockt. Sein Blick sagt mir: Das sieht nicht gut aus, gar nicht gut. Ich rufe Ute an. Sie macht gerade einen Spaziergang um die Alster. In diesem Moment bricht die Welt, wie wir sie kannten, zusammen.

Dr. G. ruft seinen Schwiegersohn an. Dr. M. ist Oberarzt in der Uniklinik Mainz und spezialisiert auf Wirbelsäulenchirurgie. Ich werde im Vakuumbett nach Mainz gefahren. Am späten Abend kommt die Familie. Ute und alle Kinder! Es ist ein großer Moment. Während wir reden, sehe ich Freund Hein in der Tür stehen. Von diesem Bewusstsein sind auch unsere Gespräche geprägt.

Danach folgen unzählige Untersuchungen. Die Röhre wird mein zweites Zuhause. Ute nimmt sich in Bingen ein Zimmer und ist jeden Tag da. Am 16. August werde ich 12 Stunden lang operiert. Dr. M., Dr. K. und dem ganzen Team bin ich zutiefst dankbar. Am 1. September werde ich im Krankentransport nach Hamburg gebracht. Hier beginnen die Bestrahlungen, es folgen Operationen, Chemo und jetzt die Immuntherapie. Dass ich lebe, dass ich nicht im Rollstuhl sitze, habe ich Menschen zu verdanken, die sich überdurchschnittlich engagiert haben.

Zu Gott habe ich seitdem eine spezielle Beziehung. Einerseits meine ich ja, dass er bei den Metastasen ruhig ein bisschen besser hätte aufpassen können. Auf der anderen Seite sind so viele Dinge passiert – wenn das nicht Gottes Hand war, könnte man sie aber leicht damit verwechseln.

 

 

Exerzitien, die „2. Woche“

 

Exerzitien 12. Teil, Bingen 2016

Vor einem Jahr begann ich, über meine Exerzitien in Bingen zu schreiben. Die Beiträge finden sich sowohl unter der Themen- als auch Schlagwortsuche („Exerzitien“). Sie umfassen die „1. Woche“. Der Inhalt dieser Tage war, mit den Worten des Ignatius, „die eigene Sünde“. Und das heißt: Gibt es unsortierte Bereiche in meinem Leben? Was hindert mich, meiner Berufung zu folgen und damit zu mir selbst zu kommen?

In der „2. Woche“ ging es um die Frage: „Was ist meine Berufung?“ – und das meint für Ignatius: Wie sieht mein Leben in der Nachfolge Jesu aus? Deshalb meditierten wir nun die Geschichten der Evangelien: die Menschwerdung, die Geburtsgeschichten, die Jugend, der Beginn des öffentlichen Wirkens, die Botschaft und die Berufung der Jünger.

Weiter kam ich nicht. Denn am 5. August verdrängte der Körper endgültig den Geist.

Schon in den Wochen davor hatte ich z.T. erhebliche Rückenschmerzen. Ich war bei verschiedenen Ärzten gewesen, und alle diagnostizierten zuverlässig Verspannungen. Der letzte, den ich vor den Exerzitien konsultiert hatte, meinte nach seiner Behandlung: Jetzt könne es noch ein wenig schlimmer werden, dann aber trete bestimmt Besserung ein. Und tatsächlich: In der 1. Binger Woche wurde es immer ein wenig schlimmer. Aber es trat danach keine Besserung ein. Und so waren in der 2. Woche neben den Exerzitien-Meditationen die Schmerzen ein bestimmendes Thema.

Über diese 2. Woche haben wir damals nicht berichtet. Es hatten sich andere Themen in den Vordergrund geschoben. Bevor ich aber in einigen Wochen über die diesjährigen Exerzitien berichte, möche ich noch zuende erzählen, wie es damals war.

Franziskus aus Holz

 

auch 10. Teil der Reihe über die Exerzitien. Bingen, 24. Juli 2016
Die vorherigen Beiträge sind unter dem Stichwort „Bingen“ versammelt.

Kruzifix Baum1Während der Exerzitien in Bingen bekamen wir Aufgaben, die Pfarrer Mückstein auf der Grundlage des Buches „Mit Jesus auf dem Weg“ von Gundikar Hock SJ (Münsterschwarzach 1998, vergriffen) erarbeitet hatte. Der Titel des Buches ist Programm für die Exerzitien: Das Ziel ist, das eigene Leben an Jesus auszurichten. Ich finde diesen Gedanken immer noch faszinierend.

Allerdings hatte mir ausgerechnet der „sprechende Jesus“ – die Nachbildung einer Kreuzikone aus Assisi im Gebetsraum I des Exerzitienhauses – wenig zu sagen. Aber es gab ja noch den Meditationsraum II mit einem Kruzifix, das von Desideria Antweiler gestaltet wurde.

Und mit diesem Jesus kam ich gut ins Gespräch. Weiterlesen

Bingen, 15. Juli 2016

  1. Teil der Reihe über die Großen Exerzitien

Der Zug fährt in den Hauptbahnhof von Bingen ein. Ich wuchte meinen Koffer aus dem Gepäcknetz. Der Schmerz schießt mir in den Rücken. Schon seit einigen Tagen bin ich offenbar total verspannt. Drei Ärzte konnten bisher nicht wirklich helfen. Der letzte versprach mir immerhin, es würde demnächst besser werden.

Mit dem Taxi fahre ich zu meinem Ziel, dem Kardinal-Volk-Haus auf dem Rochusberg oberhalb des Rheins. Weiterlesen