Lichtblick der Woche

Route66 Schild1Das war keine leichte Woche, die hinter uns liegt: Kein guter Befund, dazu Lungenentzündung und weiterhin Schmerzen, geplatzter Urlaub – dennoch behalten wir unseren Traum fest im Blick. Den und viele andere.

Das Modell haben wir von Wittenbergs zum Einzug bekommen, dazu von Nina einen Straßenführer der Route 66 – und das Schild hängt schon in unserer Wohnung, über dem Ford. Wir suchen noch nach einem Autovermieter in Chicago für Oldtimer – one way nach San Francisco.
(c) für die Bilder: Erik Thiesen
schwer zu erkennen: Die Nummernschilder 🙂

Ford Schild3

Ford Schild4

Positive Schwingungen

Wer mit einer gefährlichen Krankheit lebt, fragt sich natürlich: Was hilft, wenn die ärztliche Kunst an ihre Grenze gekommen ist? Was kann ich selbst dagegen tun? Und immer wieder begegnen mir drei Dinge: Bewegung, ausgewogene Ernährung und eine positive Einstellung. Für mich ist das ganz dicht dran an dem, was wir in der Kirche „glauben“ nennen. Glauben ist mehr als eine Einstellung, mehr als richtiges Denken, sondern „Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft“, wie es im 5. Buch Mose und bei Jesus heißt.

Die Psychologin Dr. Jutta Seeland beschreibt diese Haltung in eigenen Bildern, wie in ihrer Mail auf den Beitrag „Gnade und Gott“.

Lieber Herr Thiesen,

gerade eben habe ich mir noch einmal Ihren Beitrag ‚Gnade und Gott‘ durchgelesen. Ich habe damals (am 8. Mai) nicht darauf geantwortet, weil ich so ein unwohles Grummeln im Bauch hatte, dass ich nicht so ungefiltert weitersenden wollte.

Heute trau‘ ich mich und hoffe, dass ich mein ‚Unwohlsein‘ in Worte fassen kann, die Sie erreichen, ohne irgendwelchen Schaden anzurichten.

Meiner – allerdings unmaßgeblichen – Meinung nach, ist man, wenn man Gnade erfährt, nicht unabhängig, nicht frei. Auch, wenn es ‚Gott‘ ist, der einem die Gnade zuteil werden lässt, wobei dies letztlich auch nur eine Hypothese ist, die den Glauben braucht, um relevant zu sein.

Hier kommt nun wieder der Gottesbegriff ins Spiel, und da habe ich es mit meiner Argumentation natürlich schwer – einem Pastor gegenüber, der für eine ziemlich bestimmte Weiterverbreitung eines Gottesbegriffs ordiniert wurde.

Für mich, und da bewege ich mich wieder auf sichererem Boden, da es ja meiner ist,  ist Gott, seit ich mich mit den Inhalten der Quantenphysik und -philosophie beschäftigt habe, etwas ganz anderes, als mir die Kirche, auch die reformierte evangelische, bisher vermittelt hat.

Bei dem Gottesbild, das mir die Kirche vermittelt, bleibe ich Kind. Ein Leben lang. Und abhängig. Auch ein Leben lang. Das liefert mich aber aus – auch der Gnade dieses Gottvaters. Ich kann viel mehr damit anfangen, dass es ‚im Himmel‘, also im Universum (neudeutsch und wissenschaftlicher), Schwingungen gibt, derer ich mich bedienen kann, und das meine ich keinesfalls respektlos. Da alles, und das ist kein Novum und auch nicht strittig, aus Schwingung besteht, aus Schwingung höchst unterschiedlicher Frequenz, ist genau diese Schwingung für mich ‚göttlich‘. Die Vorstellung, dass jeder Gedanke schon Schwingung ist, die Resonanz erzeugt, lässt mich zwar manchmal schwitzen, denn wer hat schon immer nur freundliche Gedanken, aber letztlich gibt mir diese Vorstellung viel mehr Möglichkeit, selber mein Leben zu gestalten.

Und diese – für mich göttliche – Schwingung ist im Guten wie im Bösen etwas, das mir Gestaltungsmöglichkeiten an die Hand gibt, die nicht von der Gnade eines Vaters abhängen, sondern mich in Verantwortung bringen. Das klingt irgendwie nicht besonders aufregend, solange alles ’normal‘ läuft. Das löst richtig heftige Gefühle aus, wenn ich krank werde und nicht weiß, warum. Der Prämisse folgend, dass wir jeden Tag ‚Wirkung‘ (er)leben, der eine ‚Ursache‘ vorangegangen ist, lässt manchem den voreiligen Schluss zu, dass ich nun auch noch  ’schuld‘ bin an meiner Erkrankung. Ganz so schlicht verstehe ich das nicht. Zur Entstehung einer Erkrankung gehören viele Faktoren, und manche brauchen auch viele Jahre, um ‚Wirkung‘ zu produzieren. Das kann ich im Nachhinein – schon gar nicht als Betroffener – ja nicht immer auflösen. Aber wenn ich davon ausgehe, dass Schwingungen miteinander in Resonanz gehen, kann ich zumindest versuchen, ‚gesunde Schwingung‘ zu erzeugen, indem ich mir mich gesund vorstelle und das fühle. Letzteres ist keine einfache Übung, wenn die medizinischen Befunde einem Angst machen.

Wenn es schwerfällt, sich eine positive Zukunft vorzustellen, ist es aber vielleicht möglich, den Umweg über die Vergangenheit zu machen, indem man sich an glückliche Momente erinnert, sie noch einmal ganz intensiv durchlebt. Und mit diesem Gefühl im Bauch dann auf die Route 66!

Nochmal, für mich ist Gott diese riiiiesige Schwingung, auf die ich zugreifen, und mit Hilfe derer ich gestalten kann. Mich macht dieses Gottesbild ehrfürchtiger und dankbarer, als es ein Gottvater-Bild je könnte, weil es eben nicht ‚menschlich‘ konfiguriert ist, sondern in seinem unendlichen Reichtum der Möglichkeiten, die uns gegeben sind, absolut göttlich. Das macht Menschen verantwortlicher, sicher. Aber steht nicht in der Bibel „Macht Euch die Erde untertan“? Da steht nichts von „Ich mach‘ das für Euch“.

Mir gibt dieses ‚Gottesbild‘ nicht nur mehr Verantwortung, sondern auch ganz viele Möglichkeiten. Und Freiheit, ganz viel Freiheit.

Sie erinnern sich, dass ich Ihnen von den Überlebensstrategien meiner Patienten erzählt habe? Die kämpferischen, die für sich irgendetwas gefunden hatten, das sie für wohltuend und gesundmachend hielten, haben überlebt. Sie haben mutig und entschlossen ihr Schicksal in die eigene Hand genommen. Und natürlich haben sie auch geglaubt – an die gesundmachende Kraft ihrer persönlichen Strategie nämlich! Der Glaube an die eigene Kraft – und an das jeweilige Hilfsmittel, (und davon gab es so viele unterschiedliche wie Patienten), hat den Berg ‚Krebs‘ versetzt!

Die Opfer, und ich formuliere jetzt bewusst so pointiert, die ’nur gebetet haben‘ und in ihrer Angst geblieben sind, haben sich viel früher auf den Weg in ‚andere Räume‘ machen müssen.

Was ich Ihnen mit diesem langen Sermon – entschuldigen Sie bitte, aber ich habe es nicht kürzer hinbekommen – sagen möchte, ist:

Glauben Sie an sich, an ihre Kraft, an Ihre Möglichkeiten! Wenn Sie dazu einen gnädigen Gott brauchen, völlig okay, aber dann machen Sie ihn auch zu einem gesundmachenden Gott! Und glauben Sie an die Reise auf der  Route 66! Nicht mit ‚vielleicht‘ und ‚mal gucken‘, sondern so, als wenn Sie schon gebucht hätten!

Ich hoffe, ich habe Sie nicht irgendwie gekränkt (schlimmes Wort) mit meiner obigen kurzgefassten Auseinandersetzung mit dem Gottesbegriff.

Ich denke viel an Sie und Ihre Frau, und ich möchte Sie im nächsten Sommer strahlen sehen in Amerika!

Herzliche Grüße, auch an Ihre Frau,

Jutta Seeland

Show me the place

oder: Hilft mir der Glaube? Teil 2

Nach der Diagnose vor anderthalb Wochen, als eine neue Metastase entdeckt wurde, habe ich wieder Leonard Cohen gehört. You want it darker. Das ganze Album. Ich kann gut in dieser melancholischen Stimmung mitschwimmen. Und am Ende dann mitsummen: I wish, there was a treaty between your love and mine. So möchte ich auch sterben, mit Sehnsucht und Einverständnis im Herzen, alt und lebenssatt.

Aber noch nicht! Am vergangenen Freitag hatten wir Dr. Jutta Seeland zu Gast. Sie ist Ärztin für Psychotherapeutische Medizin im Ruhestand und hat sich sehr der Onkologie zugewendet. Sie beschwor uns geradezu, uns nicht dem Tod zuzuwenden, sondern dem Leben: „Sagen Sie nicht: Ich will nicht sterben. Sagen Sie: Ich will leben!“

Sie riet mir, dass wir uns mit unseren Plänen für die Route 66 beschäftigen sollen. Uns hineinversetzen in schöne Situationen, lachen und planen. Das würde, sagte sie, nicht nur die Heilung fördern, sondern nachweislich die Zellen im Körper verändern.

Dafür sollen wir den Begriff „palliativ“ aus unserem Denken verbannen. Es mag ja sein, dass ich medizinisch gesehen nur noch palliativ behandelt werden könne – und das heißt: nicht auf Heilung, sondern auf Begrenzung der Krankheit hin. Aber wer sagt denn, dass Heilung nicht mehr möglich sei? Jutta Seeland zumindest nicht.

Sie hat die Erfahrung gemacht, dass es drei Arten von Krebskranken gibt: Diejenigen, die sich dem Leben mehr zugewandt hätten als dem Leiden, die dem Krebs den Finger gezeigt und das Schöne bewusst gesucht und gelebt hätten, die hätten eine große Chance zur Heilung gehabt. Diejenigen, die sich weder gewehrt noch ergeben hätten, sondern immer treu die Behandlungen durchgeführt haben, ohne viel nachzudenken, hätten eine fifty-fifty-Chance gehabt. Und diejenigen, die sich in ihr Schicksal ergeben hätten, die wären auch eher gestorben.

Ein Freund erzählte, dass diese Erkenntnisse in der Psychosomatik längst bekannt seien. Und ich erinnerte mich an Forschungen über das Thema „Glaube und Heilung“. „So hat z.B. ein negatives Gottesbild mit entsprechenden Gefühlen eher ungünstige, ein positives Gottesbild eher günstige Effekte“, schreibt Sebastian Murken. Oder pointierter: „Eine Religion hilft vor allem denen, die stark daran glauben, dass sie ihnen hilft.“

Und glauben, so betont Jutta Seeland, heißt nicht nur denken, sondern vor allem auch fühlen.

Hm, dachte ich, und ich mit meinem Bild von einem unberechenbaren Gott? Ist ein solches Gottesbild nicht zu negativ? Aber ich habe kein anderes, zurzeit. Wie finde ich zum heilenden Gott? Mir scheint, dass es dieselbe Frage ist, die Leonard Cohen zu einem Song auf seinem drittletzten Album „Old Ideas“ inspiriert hat:

Show me the place, help me roll away the stone
Show me the place, I can’t move this thing alone
Show me the place where the word became a man
Show me the place where the suffering began.

Zeige mir den Ort, hilf mir den Stein hinwegzurollen. Ich kann dieses Ding nicht alleine bewegen. Zeig mir den Ort, an dem das Wort Mensch wurde. Zeig mir den Ort, an dem das Leiden begann.

Cohen, der Jude, nimmt eindeutig die christlichen Eckpunkte auf: Menschwerdung Jesu, Passion und Auferstehung. Nur in einer ungewöhnlichen Reihenfolge. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, sagt Jesus (Johannes 14, 6). Ich ahne, dass hinter diesen Worten mehr steckt – ein Geheimnis, das vielleicht nicht gelöst werden, dem man sich aber nähern kann.

Darüber muss ich weiter nachdenken.

(Die Zitate von Sebastian Murken stammen aus Schowalter, Murken, Religion und psychische Gesundheit S. 156, hier im Netz zu finden, und Ulrich Schnabel, Die Vermessung des Glaubens, S. 44, Blessing 2008)