Sapere aude

„Habe den Mut, weise zu sein“, lautet das lateinische Sprichwort. Immanuel Kant machte es zum Motto der Aufklärung und übersetzte: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Im Grunde könnte dieser Satz aber auch der Bibel entstammen… 

Der heutige Gottesdienst stand unter dem Motto „Glaube und Wissen“. Ausgangspunkt war ein Text aus dem Buch Kohelet, Kapitel 7,15-18 (E).

15 In meinen Tagen voll Windhauch habe ich beides beobachtet: Es kommt vor, dass ein gesetzestreuer Mensch trotz seiner Gesetzestreue elend endet, und es kommt vor, dass einer, der sich nicht um das Gesetz kümmert, trotz seines bösen Tuns ein langes Leben hat. 1Halte dich nicht zu streng an das Gesetz und sei nicht maßlos im Erwerb von Wissen! Warum solltest du dich selbst ruinieren? 1Entfern dich nicht zu weit vom Gesetz und verharre nicht im Unwissen: Warum solltest du vor der Zeit sterben? 1Es ist am besten, wenn du an dem einen festhältst, aber auch das andere nicht loslässt. Wer Gott fürchtet, wird sich in jedem Fall richtig verhalten.

Begrüßung:

Liebe Gemeinde, herzlich willkommen zu diesem Gottesdienst am Sonntag Septuagesimae. „Credo quia absurdum“ lautete in der Alten Kirche ein geflügeltes Wort: Ich glaube, weil es absurd ist. Das klang damals nicht ganz so widersinnig wie heute. Denn damals setzte man gleichberechtigt neben das Vernunftwissen das Erfahrungswissen. So schreibt Paulus (1. Korinther 1,18): „Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft.“ Wenn wir im unvernünftigen Wort vom Kreuz Gottes Kraft erfahren, dann ist Gott anders als wir meinen, und mit dem Menschen und seiner Vernunft kann etwas nicht stimmen. Der moderne Mensch aber setzt die Vernunft an die erste Stelle und kommt zum Schluss, dass dann mit Gott etwas nicht stimmen kann.

Müssen wir also, wenn wir an das Wort vom Kreuz glauben wollen, denken wie die vormittelalterlichen Menschen? Oder gibt es eine Brücke zum modernen Denken? Für diese Frage habe ich einen interessanten Gesprächspartner gefunden. Einen Denker aus der ganz alten Zeit, der sehr modern gedacht hat. Kohelet, den Prediger Salomo.

In diesem Gottesdienst soll aber nicht nur das Denken zu seinem Recht kommen, sondern auch das Feiern: Musik und Singen, Beten und Hören und Segnen – in christlicher Gemeinschaft unter Beteiligung des Heiligen Geistes, der mit dem Vater und dem Sohn lebt und regiert von Ewigkeit bis Ewigkeit. Amen.

Und die Predigt:

Liebe Gemeinde!

Obwohl sich das Wissen der Menschen enorm vergrößert hat und wir durch das Internet Zugang zu allen möglichen Informationen haben, halten sich immer noch eine Reihe von populären Irrtümern. Sie werden immer weitererzählt, sind aber trotzdem falsch. Falsch ist z.B., dass die Menschen im Mittelalter dachten, die Erde sei eine Scheibe, dass die Wikinger Helme mit Hörnern trugen und die Beatles und Rolling Stones miteinander verfeindet waren. Das alles kann man auch überall bei ernsthaften Wissenschaftlern nachlesen.

Es gibt aber einen Irrtum, dem selten widersprochen wird, gerade auch von Wissenschaftlern. Und das ist die Meinung, dass Glauben und Wissen Gegensätze seien. Und Wissen besser sei als glauben.

Gut, früher glaubten die Menschen, Jupiter schleudert die Blitze und die Erde ist in 7 Tagen à 24 Stunden erschaffen – und einige glauben das heute immer noch. Aber wir wissen es eigentlich besser. Und keine Frage: Da ist das Wissen dem Glauben überlegen.

Aber es gibt ja noch ein anderes „glauben“. Wenn ich sage: Ich glaube, dass es regnet, heißt es: Ich weiß es nicht, ich vermute mal. Wenn ich es wissen will, muss ich es anschauen, untersuchen, prüfen. Ich muss mich distanzieren, damit ich ein möglichst objektives Urteil fällen kann.

Wenn ich an etwas glaube, an den Sieg des HSV, an meine Kinder, an die Liebe oder auch an Gott, dann muss ich es ganz nah an mich heranlassen. Dann werde ich emotional, subjektiv. Der Glaube an die Kinder oder an Gott hat mit Logik nicht mehr viel zu tun; er ist eine Frage der Beziehung. Dann gibt es auch, objektiv gesehen, plötzlich mehrere Wahrheiten. Denn andere glauben an Borussia Dortmund und hoffentlich ihre eigenen Kinder.

Alles also nur ein großes Missverständnis, weil wir glauben und glauben nicht auseinanderhalten können? Religion und Wissenschaft gehören also nur in verschiedene Schubladen – wobei die Religion in unserer Gesellschaft immer mehr an Bedeutung verliert.

So dachte ich. Und dann lernte ich, dass Religion und Wissenschaft durchaus in eine Schublade gehören und sich nicht ausschließen müssen, ja, dass die Wissenschaft sogar ihre Wurzeln im Glauben, in der Religion hat.

Am Anfang jeder Wissenschaft steht die Frage: Könnte es nicht sein, dass…? Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem und jenem? Eine Theorie wird aufgestellt und wieder verworfen, und so erweitert sich das Wissen von der Welt. Und je mehr wir wissen, desto mehr können wir beeinflussen.

Und genauso ist die Religion entstanden. Die Ägypter erkannten Zusammenhänge zwischen den Sternen und dem Nilhochwasser. Ihre Theorie: Da wirken Götter im Hintergrund. Und je besser wir diese Götter verstehen, desto mehr können wir sie beeinflussen.

Und genauso lesen wir es auch in der Bibel. Ursprünglich, so lesen wir in der Schöpfungsgeschichte, lebten Mensch, Natur und Gott in einer engen Beziehung. Dann stellt die Schlange die Frage: Sollte Gott gesagt haben…? Gott wird Objekt einer Untersuchung – der Anfang der Wissenschaft. Die enge Beziehung bricht auseinander. Und einen Weg zurück gibt es nicht, denn ein Engel steht davor. Der Garten wird zum Dornenfeld. Schmerzen und Leid gehören nun zu uns Menschen. Und wir können diese Folgen nur in den Griff bekommen, wenn wir forschen und erfinden, in der Landwirtschaft wie in Medizin und Technik. Macht euch die Erde untertan. Wir sind auf diesem Weg schon ganz schön weit gekommen. Und all das wird in der Bibel nicht Sünde oder Sündenfall genannt, sondern einfach nur erzählt.

In der Bibel geht es dann nicht so sehr um Fragen der Technik, sondern des Zusammenlebens: Was ist richtig, was falsch, damit wir leben und überleben können? Wenn sich etwas als erfolgreich erwies, wurde es aufgeschrieben und bekam mit der Zeit vielleicht sogar den Rang eines göttlichen (Zehn-)Gebots. Nach diesem Prinzip fanden auch die Propheten ihren Eingang in die Bibel – wenn ihnen der Lauf der Geschichte Recht gegeben hatte.

Die Autoren der Bibel waren Forscher. Und das gilt besonders für den, den Martin Luther den „Prediger“ genannt hat. Sein Name „Kohelet“ hat aber vielmehr mit „versammeln“ zu tun. Er sammelt Sprüche und Weisheiten – aber nicht die alten, die überlieferten und bewährten. Er beobachtet selbst.

Kohelet ist ein Philosoph ganz im Sinne des Sokrates. „Ich richtete“, schreibt er am Anfang des Buches, „mein Herz darauf, die Weisheit zu suchen und zu erforschen bei allem, was man unter dem Himmel tut.“ Und das macht er, konsequent und ohne Kompromisse. Er sieht die Welt an, und er ist erschüttert. Das Leben? Ein Hauch, mehr nicht. Gott? Auch er schenkt keine Geborgenheit mehr, sondern ist unberechenbar und letztlich ungerecht. Eine Gerechtigkeit nach dem Tod gibt es für Kohelet nicht. Das Streben nach Sicherheit ist sinnlos. Ja, selbst die Moral ist relativ. Kohelet ist der Existentialist unter den biblischen Autoren, melancholisch, manchmal sogar pessimistisch.

Und dann gibt er auch Ratschläge gegen den Weltschmerz: „Sieh, was ich Gutes sah: Es ist schön, zu essen und zu trinken und Gutes zu genießen für all die Mühe und Arbeit unter der Sonne in der ganzen Zeit seines Lebens, die Gott einem gegeben hat.“ Und er meint es keineswegs ironisch wie später Paulus, sondern wiederholt diesen Rat an mehreren Stellen.

Gut, er sieht auch, dass es den einen mehr als anderen vergönnt ist zu genießen. Wir sollten es akzeptieren, meint er. Und uns im Übrigen an Gott und seine Gebote halten. Was das allerdings genau bedeutet, wird bei ihm nicht so ganz klar. Auf alle Fälle nicht übertreiben, meint er, weder mit den Gesetzen noch mit dem Wissen:

Halte dich nicht zu streng an das Gesetz und sei nicht maßlos im Erwerb von Wissen! Warum solltest du dich selbst ruinieren? Entfern dich nicht zu weit vom Gesetz und verharre nicht im Unwissen: Warum solltest du vor der Zeit sterben? Es ist am besten, wenn du an dem einen festhältst, aber auch das andere nicht loslässt. Wer Gott fürchtet, wird sich in jedem Fall richtig verhalten.

Kohelet hat gesehen, wie schnell Gesetzestreue in Selbstgerechtigkeit und Einbildung umschlagen kann. Er weiß, dass das Wissen zum Guten wie zum Schlechten verwendet wird und dass alles, was doch dem Leben dienen soll, schnell auch zum Tod führen kann.

Wer die Kunst des Maßhaltens beherrscht, so seine Überzeugung, der findet Ruhe in seiner Seele. Ganz ähnlich hören wir es von den griechischen Philosophen. Und er gibt uns den Rat: „Geh deinen Weg mit Verstand und mit offenen Augen.“ Das klingt auch sehr nach dem „Sapere aude“, das der Aufklärer Immanuel Kant viele Jahrhunderte später verkündete: Wage es, selber zu denken.

Wenn wir selber denken, können wir allerdings auch zu anderen Schlüssen kommen als Kohelet. Es kann Zeiten geben, in denen der Mittelweg nicht der richtige ist, in denen man sich entscheiden muss. Oder in denen man sich am besten ganz zurückhält. Und was für den einen gilt, muss für die andere noch lange nicht stimmen. Wir stehen an ganz unterschiedlichen Stellen in unserem Leben und haben ganz verschiedene Aufgaben. Das finden wir aber nur heraus, wenn wir uns unseres eigenen Verstandes bedienen.

Warum nur sind Wissenschaft und Glaube in einen Gegensatz geraten? Weil wir angefangen haben, an die Autoren der Bibel zu glauben und nicht, wie sie zu glauben. Wir haben gemeint, die Bibel wäre irgendwann vor fast 2000 Jahren abgeschlossen gewesen. Aber sie wird weitergeschrieben, durch jeden, jede von uns. Jeden Tag.

Wir sind, wie die Autoren der Bibel, auf einer Pilgerreise durch ein Land, das uns bekannt ist und dann wieder ganz neu. Wir haben keine Sicherheit – noch nicht einmal die, dass Gott uns trägt und wir tatsächlich ans Ziel kommen. Wir haben nur sein vages Versprechen: Ich werde mit dir sein. Ob es stimmt, werden wir nur herausfinden, wenn wir gehen. Und Pilger reisen mit leichtem Gepäck. Pablo Neruda nennt die Dinge, die wir brauchen. Er schreibt:

Nur drei Dinge nahm er mit
auf seine Pilgerreise:
die Augen geöffnet für die Weite,
die Ohren gespitzt
und den leichten Schritt.

Amen.

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Beitragsbild: Motto der Manchester Grammar School, by Sallyannewilliamson – Own work, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9950216

Heilige heidnische Weihnachten

Eigentlich dürfte Weihnachten gar nicht mehr existieren, denn gefühlt alle Menschen haben etwas dagegen: Die einen finden den Konsum ganz furchtbar, die anderen beklagen sich über zu wenig Geschenke. Die Familien versinken im Stress, die anderen verfallen in Depressionen, und die dritten fliegen in den Süden oder fahren wenigstens nach Dänemark. Die Heiden beschweren sich über den christlichen Überbau und betonen die Tradition des Sonnenwendfestes, die Christen beklagen die heidnische Ausgestaltung.

In der Tat hat die heutige Weihnachtsfeier nicht mehr viel mit den original christlichen Traditionen zu tun. In amerikanischen Weihnachtsfilmen wird zwar sehr viel für den Glauben geworben, aber nicht den an Jesus oder Gott, sondern an Santa Claus. Und selbst hierzulande kann man die Krippenspiele nur als grobe Verfälschungen der biblischen Aussagen bezeichnen (beliebte Quizfragen: Gab es in der Bibel Esel, Ochse, Wirt, eine überfüllte Stadt, die Heiligen drei Könige, den Stern, der den Hirten erschien? Nein, nichts davon!).

All das war mir natürlich von Anfang an bekannt. Und trotzdem habe ich jedes Jahr wieder ein Krippenspiel verantwortet, die rührendsten Geschichten erzählt, vom Zauber der Weihnacht gepredigt und mich gefreut, dass so viele Menschen in der Kirche waren. Und ich stehe dazu.

Auch wenn es Lukas 2 in fast jedem Gottesdienst im Wortlaut gab, selbst in den Familiengottesdiensten – ich verstehe meine Aufgabe als Pastor nicht so, dass ich die Bibel vorlesen oder auslegen soll. Ich möchte die Botschaft des Evangeliums verkündigen, das ist etwas anderes. Denn diese Botschaft muss heute anders lauten als damals, weil die Umstände und Verhältnisse ganz andere sind. Deshalb darf ich an Weihnachten zum Beispiel von Flüchtlingen sprechen, obwohl in der ganzen Weihnachtsgeschichte kein einziger vorkommt.

Ich habe als Pastor meine Aufgabe weniger darin gesehen, Seelen zu retten. Das erschien mir immer eine Nummer zu groß, und deshalb habe ich es Gott überlassen. Aber ich habe mich immer gefreut, wenn Menschen, sinngemäß, gesagt haben: Meine Seele ist größer geworden, freier. Jetzt sehe ich etwas in der Welt und in meinem Leben, was ich vorher daraus nicht habe entnehmen können: Einen Zauber, eine Bedeutung, eine Kraft, eine Richtung, ein Ziel. Einen Gott.

Wenn ich es richtig einschätze, sehen die meisten Menschen in ihrem Leben keinen wirklichen Sinn. Und wenn, dann den, den sie sich selbst geben. Und irgendwie haben sie auch recht. Es gibt keinen Lebenssinn an und für sich und für alle Menschen gleich. Man muss ihn für sich schon irgendwie herausfinden. Wenn man partout keinen sieht, ist das aber sehr schwer

Mein Glaube besteht darin, dass es für jeden Menschen diesen Sinn gibt. Dass jedes Leben zauberhaft ist und bedeutungsvoll. Dass Gott schon unter uns und in uns wohnt. Und wir ihn nur entdecken müssen. Und Weihnachten ist ein wunderbarer Anlass, gemeinsam auf diese Entdeckungsreise zu gehen.

Und auch das ist die Botschaft des Kindes in der Krippe: Hier fängt etwas an, etwas Bedeutungsvolles, und es ist noch nicht abzusehen, wohin es führen wird.

Deshalb werde ich den Menschen in dieser Zeit weiterhin „Gesegnete Weihnachten“ oder zumindest „Fröhliche Weihnachten“ wünschen, und nicht „Happy Holidays“ oder „Season’s Greetings“ oder irgendwelche deutschen Ableger. Weil darin nun wirklich kein Zauber und keine Bedeutung mehr zu spüren sind.

Deshalb sind die Suchbewegungen nach dem Sinn von Weihnachten, wie sie in den Medien und Gesprächen jedes Jahr um diese Zeit geführt werden, oft so viel spannender als viele Predigten, die die Antwort schon gefunden haben, ehe die Frage gestellt wurde. Und mir deshalb die Frage, die ich zu stellen habe, gleich mit vorgeben.

Ja, Weihnachten ist furchtbar: zu stressig, zu viel Konsum, zu heidnisch, zu kitschig, zu … ach, es gibt eine ganze Menge, was man an diesem Fest aussetzen kann. Und Weihnachten ist wunderbar. Soviel Zauber, soviel Gemeinsamkeit, soviel Mühe um Menschen, die man liebt, aber auch die, denen man sonst im Jahr aus dem Weg geht. Soviel Zukunft und Hoffnung und Schönheit. Ostern mag vielleicht, christlich gesehen, bedeutender sein. Weihnachten aber ist schöner, zweifellos.

Was kommt „danach“?

Der Papst hat die Hölle abgeschafft. Nun, nicht die ganze Hölle, nur einen Teil, den „Limbus“, und davon auch nur einen Teil, nämlich den, in dem die ungetauften Kinder zwischen dem Jahr 418 (Synode von Karthago) und 2017 (der Entscheidung des Papstes) schmoren mussten.

Und ich frage mich: Warum hat er nicht gleich die ganze Hölle abgeschafft? Dann müsste sich niemand mehr vor dem Tod fürchten, zumindest kein gläubiger Katholik.

Vielleicht ist genau das das Problem. Weiterlesen

Bedeutungsvolle Tüdelchen

Manchmal sind es Kleinigkeiten, die mir nicht aus dem Kopf gehen. Zum Beispiel Anführungszeichen.

Gestern las ich bei ze.tt, einem Online-Magazin für junge Leute, einen Artikel über Karfreitag, überschrieben mit „Diese Filme dürfen an Karfreitag nicht gezeigt werden – um „religiöses Empfinden“ nicht zu verletzen“. Als erstes Beispiel wurde „Das Leben des Brian“ genannt, es folgten die „Rocky Horror Picture Show“, die Filmklamotten „Vier Fäuste gegen Rio“ und „Police Acadamy“, dann „Terminator“, „Top Gun“ und „Mad Max“. Aber es sind nicht diese Filme, die mein religiöses Empfinden verletzen, sondern die Anführungszeichen in der Überschrift.

Warum wurde das „religiöse Empfinden“ in Tüdelchen gesetzt? Sie suggerieren: Ein solches Empfinden gibt es eigentlich gar nicht. Weiterlesen

Ganz schön gut: Das Star-Trek-Universum

Sternzeit 1513,1. Der Weltraum, unendliche Weiten. Das Raumschiff NCC-1701 „Enterprise“ fliegt zum ersten Mal mit seiner 400 Mann starken Besatzung durch den Orbit. Ich bekomme davon nichts mit, denn erstens feiere ich gerade meinen 9. Geburtstag, zweitens hätte ich die Serie wahrscheinlich nicht sehen dürfen, und drittens kommt sie ohnehin erst Jahre später ins deutsche Fernsehen.

So richtig tauche ich dann mit Ute in das Star-Trek-Universum ein; wir mögen es beide. Die zweite Serie, „The Next Generation“, mit Captain Jean-Luc Picard noch mehr als die klassischen Folgen mit Captain Kirk. „Deep Space 9“ (Captain Sisko) finden wir etwas schwergängig, die „Voyager“ (Captain Janeway) nimmt dann wieder Fahrt auf, während das Prequel „Raumschiff Enterprise“ (Captain Archer) bei uns durchfällt. Insgesamt aber ist unser Urteil klar: Star Trek gehört zu den besten Serien ever.

Dabei darf ich sie eigentlich gar nicht so gut finden. Denn sie beruht auf einer soliden atheistischen Weltanschauung, zumindest die Folgen mit Kirk und Picard. Denn der Schöpfer von Star Trek, Gene Roddenberry, bekannte sich zu einem „rationalen Humanismus“. Er war der Überzeugung, dass „Menschen fähig sind, ihre Probleme rational zu lösen und dass die Menschheit durch kritisches Denken und gemeinsame Bemühungen vorankommen und sich entwickeln wird“. Und so ist – in seinem Universum – die Erde nach einer Reihe verheerender Kriege zu einem friedlichen Ort geworden und hat sich mit anderen Planeten zu einer „Föderation“ zusammengeschlossen. Ihre Mitglieder sind gleichwertig, es gibt keinen Neid, keine Kriege, keine Habsucht mehr. Geld ist im Prinzip abgeschafft. Was man braucht, kann ein „Replikator“ herstellen. Die Zeit vertreibt man sich auf dem „Holodeck“. Zwar ist der Tod noch nicht besiegt, aber die Medizin sehr weit fortgeschritten – man braucht noch nicht einmal mehr Spritzen… Der Erfinder der Serie „Star Trek“ hat eine Utopie erschaffen, eine ideale Welt. Eine Welt, in der Religionen nicht mehr benötigt werden.

Auf anderen Planeten werden durchaus – noch – Götter angebetet. Sie werden dann von der Enterprise-Besatzung als Menschen einer höheren Zivilisationsstufe enttarnt wie in „Der Tempel des Apoll“. Oder sie sind von einer früheren Zivilisation zurückgelassene Computer, die von der noch besseren Technik der Enterprise besiegt werden, wie in der Episode „Die Stunde der Erkenntnis“. In „Der Gott der Mintakaner“ wird Captain Picard selbst für einen Gott gehalten. Er aber will die Mintakaner von ihrem Irrglauben befreien und sie lehren, selbst zu denken und zu handeln.

Die Botschaft ist die der Aufklärung: sapere aude – wage, dich deines Verstandes zu bedienen (I. Kant). Es klingt wie Luther, der auf dem Reichstag in Worms seine Thesen nicht widerrufen wollte, „wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde; denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich“. Er war allerdings der Meinung, dass man aus der Bibel zweifelsfrei den Willen Gottes erkennen könne.

Nach meiner Erfahrung aber lesen die Menschen die Bibel immer mit einem eigenen Schlüssel – der manchmal, aber nicht immer, durchaus aus der Bibel stammen kann. Für Luther war es sein Verständnis von der „Gerechtigkeit Gottes“ (Römer 1, 17), das bis in seine Bibelübersetzung hin wirksam wurde. Ich denke da eher an 1. Timotheus 2, 4: Gott will, dass allen Menschen geholfen werde.

Und so fühle ich mich Roddenberry in mancher Hinsicht näher als Luther: In seinem Misstrauen gegenüber denjenigen, die sich in ihrer Meinung auf einen Gott berufen – vor allem dann, wenn sie sich von anderen abgrenzen und meinen, etwas Besseres zu sein. Ich teile auch seine Vision von einer Welt, in der die Menschen gleichberechtigt sind, sich gegenseitig helfen statt sich Leid zuzufügen, und in der Kriege und Hunger ausgerottet sind. Es sind für mich sehr christliche Ziele.

Ich teile allerdings nicht seinen Optimismus, dass wir allein durch rationales Denken diese Welt errichten werden. Rational lässt sich der Terror eines Robespierre, Stalin oder bin Laden genauso begründen wie der Pazifismus eines M.L. King oder Gandhi. Und selbst wenn wir uns alle auf den kategorischen Imperativ I. Kants berufen würden („Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“) – in konkreten Fragen wie z.B. dem Asylgesetz würden wir zu unterschiedlichen, vielleicht sogar gegensätzlichen Positionen kommen.

Eine Welt, wie sie sich Roddenberry erdacht hat, „setzt einen ehrenwerten, humanistischen Geist ihrer Mitglieder voraus“, schreibt Henrik Hansemann über Star Trek. Und ob das gelingt, „muss stark bezweifelt werden“. Die „Föderation der Vereinten Planeten“ bleibt eine Utopie.

Damit wir dieser Utopie aber wenigstens näher kommen, müssen wir daran arbeiten – nicht nur alleine, sondern auch mit anderen zusammen. Und genau das ist der eigentliche Sinn von Kirchen und Religionsgemeinschaften: Dass wir uns organisieren, um gemeinsam für das Gute zu wirken. Wie das gehen kann, haben wir an vielen Stellen in der Flüchtlingsarbeit beobachten können.

Allerdings machen Religionen nur Sinn, wenn sie sich wirklich am Menschen orientieren und nicht an Dogmen. Wenn wir unsere Fähigkeiten und unseren Verstand dafür einsetzen, dass wir uns verständigen und gegenseitig helfen.

Und mit dieser Vision bin ich nach meinem Eindruck dann wieder ganz nahe an der von Jean-Luc Picard – und ich weiß, warum ich diese Serie liebe.

Eigentlich bin ich ganz anders…

… aber ich komme so selten dazu (Ödön von Horváth).

Nach den letzten doch sehr kritischen Blogs über das Reformationsjubiläum, das mir sogar ein Like eines Hardcore-Atheisten eingebracht hat, habe ich aus Bayern einen Vortrag von Prof. Ralf Frisch bekommen mit dem Titel „Hat die evangelische Kirche noch eine Zukunft?“ (hier als Podcast). Prof. Frisch lehrt an der Hochschule in Nürnberg und ist Theologischer Referent der bayrischen Kirchenleitung. Und wenn ich ihn richtig verstanden habe, dann stellt er die These auf: Die evangelische Kirche löst sich auf, weil sie in ihrer Botschaft von allgemein humanistischen Aussagen kaum noch zu unterscheiden ist. Weiterlesen

Bibel evolutionär

Nun aber.

Nachdem Legionen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Theologie, Soziologie, Psychologie, Archäologie und anderen Disziplinen die Bibel auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt haben, kommt jetzt das ultimative schaik-michel-e1507967179979.jpgBuch über das Buch der Bücher, das „Tagebuch der Menschheit“ von Carel van Schaik und Kai Michel. Zumindest wenn man ihren eigenen Worten glaubt.

Das ist 50 Seiten sehr witzig und anregend, 50 Seiten nervig und dann 400 Seiten solide – insgesamt aber unbedingt lesenswert. Die Autoren lesen die Bibel aus evolutionsbiologischer Sicht, respektlos, wie es sich für Agnostiker gehört, aber auch – und das ist selten – voller Begeisterung. Die Bibel, sagen sie, „hat jede Menge ungehobener Schätze zu bieten. Es wäre schade, bliebe sie nur der Religion vorbehalten“ (S. 19). Und sie gehen davon aus: „Die Bibel hat zahllose Autoren. Gott war aller Wahrscheinlichkeit nicht darunter.“ (S. 24)

Ihre Grundthese: Über Jahrhunderttausende hat sich der Mensch der Umwelt als Jäger und Sammler angepasst. Diese genetische Grundausstattung, zu der auch die Religiosität gehört, tragen wir in uns. Dann kam der „Sündenfall“, die Sesshaftwerdung, die Vertreibung aus dem natürlichen Paradies, die dann auch in 1. Mose 3 ihren Niederschlag gefunden hat. Neue Katastrophen mussten bewältigt werden in einer Geschwindigkeit, die von der biologischen Evolution nicht mehr geleistet werden konnte. Der Mensch passte sich trotzdem an – mit Hilfe der „kulturellen Evolution“, die vor allem von den Vertretern der Religion übernommen wurde. Und die Bibel ist dafür ein, wenn nicht das hervorragende Zeugnis.

Nicht alle Argumente der Autoren finde ich gleichermaßen überzeugend. Wie kann ein Prozess, der vor über 10.000 Jahren stattgefunden hat, etwa 700 v.Chr. niedergeschrieben worden sein? Carel van Schaik und Kai Michel erwecken den Eindruck, als ob die Bibel ein Lehrbuch der kulturellen Evolution sei. Sie behandeln es aber eher als Bilderbuch ihrer eigenen Thesen.

Und sicher gibt es gute Gründe für die die These, dass es einen ständigen Konflikt zwischen intellektueller Priesterreligion und einfacher Volksreligion gab, zwischen Monotheismus und Polytheismus. Die Autoren sehen seinen Ursprung darin, dass eine herrschende Priesterkaste dem ständig widerstrebenden einfachen Volk seine Dogmen aufzwingen will. Ich glaube, dass diese Vorstellung eher dem Muster moderner säkularer Kirchen- und Religionskritik entspricht als der komplexen Realität damals.

Und doch hat mich dieses Buch fasziniert. „Die Bibel ohne Heiligenschein geht alle an“, schreiben die Autoren. Ja, sie fängt dadurch sogar noch einmal an zu leuchten. Religion ist komplex und ein Zusammenspiel vieler Menschen und Gedanken. Sie ist nicht Gegnerin, sondern Ursprung der Wissenschaft. Sie beschäftigt sich mit den wesentlichen Fragen der Menschen. Und gerade weil die Antworten so unterschiedlich sind, ja zum Teil widersprüchlich, sind sie immer noch aktuell.

Und ich glaube: Aktueller als die Autoren meinen. Carel van Schaik und Kai Michel behaupten, dass die Wissenschaft die Religion als Welterklärerin abgelöst hat und dass die Menschenrechte von modernen Institutionen mindestens genauso gut bewahrt werden wie von Religionen. Da ist etwas dran.

Aber ich glaube, dass die Kirche nicht nur eine Zukunft im Bereich der ursprünglichen intuitiven Religion hat. Ich entdecke gerade neue Zusammenhänge zwischen Glaube und Wissenschaft, zwischen meiner christlichen Tradition und der modernen Medizin. Die Realität ist wahrscheinlich komplexer als sich zwei säkulare Wissenschaftler – aber auch eine Menge Theologen – ausmalen können.

Insofern dürfte Shakespeares Satz in beide Richtungen stimmen: „Es gibt mehr Ding im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit – und, wie ich hinzufüge: eure Theologie – sich träumt.“ Das „Tagebuch der Menschheit“ erzählt von mehr als einem solchem „Ding“.

 

Das Beitragsbild zeigt den „Sündenfall“ von Michelangelo.
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