War da was?

Luther und das Reformationsjubiläum

Ralf bat mich in einer Mail, mal was über Luther und das Reformationsjubiläum zu schreiben. Und auch wenn ich mit diesem Ereignis durchaus fremdele, hat es mich gereizt, ihm eine Mail zu schreiben. Wie das aber so ist bei Theologen – sie ist etwas länger geraten. Und wer wissen will, was ich nun selbst von Luther halte, muss gleich ganz nach unten scrollen…

Um gleich mit einer Provokation zu beginnen: Die Bedeutung von Luther für heute schätze ich relativ gering ein. Immer deutlicher wird, wie sehr er noch in den mittelalterlichen Strukturen gedacht hat und wie wenig er von der neuen Zeit, der Renaissance begriffen hat, die uns heute mit ihren Prinzipien der Individualität und Toleranz viel mehr beeinflusst als Luthers Rechtfertigungslehre.

Andere Theologen waren dagegen viel moderner. Erasmus von Rotterdam zum Beispiel, zu seiner Zeit mindestens genauso einflussreich wie Luther und von diesem sehr bekämpft. Oder Sebastian Castellio, der gegen Calvin die Toleranz Andersdenkender verteidigt hat und von dem ich erst vor wenigen Jahren hörte (kein Wort von ihm im Studium!).  Und auf den mittelalterlichen Raimundus Lullus mit seinen interreligiösen Gesprächen („Das Buch vom Heiden und den drei Weisen“, Reclam) hat mich erst ein ehemaliges Gemeindeglied aufmerksam gemacht.

Luther dagegen ist wie Herr Tur Tur, der Scheinriese aus Jim Knopf. Je näher man ihm kommt, desto normaler wird er – und er wird ja dadurch keineswegs zum Zwerg. Aber seine Bedeutung ist doch auch sehr durch externe Einflüsse bestimmt gewesen: Ohne die Verbreitung seiner Gedanken durch Lucas Cranach in Wort und Bild (erinnert sehr an Springer und sein Medienimperium) und die politische Lage („deutsche“ Kurfürsten gegen den habsburgischen, spanisch orientierten Kaiser) wäre die Verbreitung der Reformation gar nicht möglich gewesen.

Zum „Reformationsjubiläum“ 1617 brauchte man Luther und seine Lehre zur konfessionellen Selbstvergewisserung. Neben der Lutherverehrung prägte sich die lutherische Orthodoxie heraus, in der alles dogmatisiert, systematisiert und kategorisiert wurde. Mit Luther, der nicht sehr systematisch gedacht hat, hatte das nicht mehr so viel zu tun.

1717 wurde Luther einerseits, vom Pietismus, zum innerlichen Frommen gegen die äußerliche Orthodoxie in Luthertum und Katholizismus stilisiert, andererseits von den Aufklärern zum Kämpfer gegen Aberglaube und Papst.

1817 stand dann im Zeichen des Nationalismus. Die Napoleonkriege prägten die Zeit. 1917 war Krieg. In unserer Kirche Niendorf-Markt zeugt davon noch ein Nagelschild mit Bibel und Schwert – die aufrechten deutschen Kämpfer gegen die welschen Franzosen mit ihrem falschen Charakter.

2017 wollte man alles besser machen, d.h. erst einmal alle Fehler vermeiden: Keinen dogmatischen Luther – deshalb psychologisierte man seine Rechtfertigungslehre („Du darfst so bleiben, wie du bist“ oder religiös: Gott liebt dich wie du bist), ökonomisierte sie (wir wollen uns doch nicht über Leistung definieren, oder?), historisierte ihn (er war viel mehr Kind seiner Zeit als wir denken), entheroisierte ihn (Luther war auch nur ein Mensch, und wir entschuldigen uns für seine Ausfälle gegen Juden, Bauern, Hexen, Katholiken und überhaupt Andersdenkende, entschuldige, entschuldige…) Und damit wurde Luther, was er war: ein Mensch. Aber er verlor seinen Status als Vorbild, als Norm, als genialer und fast unfehlbarer Theologe, als Werbeträger.

In seiner Verzweiflung darüber zettelte der als „Cheftheologe der EKD“ bezeichnete Thies Gundlach einen öffentlichen Streit mit den Kirchenhistorikern an und warf ihnen vor: Ihr unterstützt das Jubiläum nicht genug. Die Kirche braucht euch, um ein öffentlich wirksames Lutherbild zu schaffen. Die Historiker reagierten kühl und verwiesen darauf, dass sie der wissenschaftlichen Redlichkeit mehr verpflichtet sind als dem Image der Kirche.

Ich glaube, dass das Problem weniger in Luther begründet liegt als in unserem Verhältnis zu Tradition und Autorität und Autorität der Tradition. Noch immer werden wir als lutherische Theologen auf die Konkordienformel verpflichtet, also auf die theologische Kanonisierung der Rechtfertigungslehre, die sich nach dem Tod Luthers herausgebildet hat. Das (ver)führt uns dazu, dass wir versuchen, die Lehre aus dem 16. Jahrhundert irgendwie auf unsere Zeit zu übertragen.

Luther hat seine „Lehre“, wie Jesus und Paulus, nicht als dogmatisches System verkündet. Sie war konkrete Antwort auf eine konkrete Situation und Gefühlslage: Seiner Angst vor der Hölle, vielleicht auch vor dem autoritären Vater, seinem Perfektionismus – er konnte nie fünfe gerade sein lassen. Ein Fehler in der Observanz, ja ein Schatten auf seiner „Liebe zu Gott“ musste zur sicheren Verdammnis führen. Deshalb musste er auf der anderen Seite eine allumfassende Gnade postulieren, die in keiner Weise von seiner ja unvollkommenen Person abhing. Dass er damit in schwere logische See kam, hat er ignoriert. Das war auch der Grund für den Konflikt mit den Reformierten: Das Abendmahlsverständnis des humanistisch gebildeten Zwingli ist logisch (symbolische Präsenz Jesu, Essen als Erinnerung), Luthers ist soterio-logisch (Realpräsenz Jesu, Essen als Gemeinschaft mit ihm).

Doch Luthers Frage nach dem gnädigen Gott ist nicht mehr wirklich die unsere. Und wenn es doch unsere ist, wird sie uns eingeredet. Das heißt dann: Die Kirche ist die Lösung eines Problems (Mensch als Sünder), das es ohne sie gar nicht geben würde. Es ist auch interessant und bezeichnend, dass die kirchlichen Gruppen, die „Bibel und Bekenntnis“ im Namen tragen (Netzwerk und Kirchliche Sammlung) unglaublich rückwärtsgewandt und antimodernistisch sind, homophob und dogmatisch.

Nach so viel Kritik nun die Frage: Was finde ich denn an Luther, also positiv?

  1. Seine gedankliche Konsequenz. Im Prinzip hat er die katholische Sündenlehre ad absurdum geführt. Er hat sie allerdings nicht abgeschafft, sondern setzte ihr seine Gnadenlehre entgegen.
  2. Sein Mut. Die katholische Kirche war allmächtig, und das nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Nur sie konnte vor der zeitlichen Strafe (bis hin zur Todesstrafe bei Häresie) retten wie vor der ewigen Verdammnis. Auch wenn es aus Bismarcks Mund etwas unheimlich klang, aber mit seinem Spruch „Wir Deutsche fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt“ kann ich durchaus etwas anfangen.
  3. Dem Volk aufs Maul geschaut. Wird ja oft positiv herausgestellt, nicht ohne ein paar seiner sprachschöpferischen Sätze zu zitieren (Perlen vor die Säue, ein Herz und eine Seele…). Dass er dabei oft die Grenze zur Vulgarität, selbst für seine Zeit, überschritt, wird gerne schamvoll verschwiegen. Macht ihn mir aber fast wieder sympathisch.
  4. Er mischte sich ein. In das Leben anderer Menschen. In die Politik. In was auch immer. Hier hat er zwar auch oft danebengegriffen. Aber ich finde es besser als dieses Etepetete-Raushalten.
  5. Er war einfach ein gerader, ehrlicher Mensch.

Einerseits fasziniert mich die kompromisslose Art Luthers, andererseits schreckt sie mich ab. Wäre bestimmt interessant, ihn mal auf ein Bier zu treffen. Ich fürchte nur, dass ich dabei kaum zu Wort gekommen wäre.

Soweit, lieber Ralf (und jetzt auch liebe Blogleserinnen und -leser). Erstmal etwas zum Reagieren?

Herzliche Grüße
Erik

Gnade und Gott

auch 7. Teil der Reihe über die Exerzitien. Bingen, 22. Juli 2016
Die vorherigen Beiträge sind unter dem Stichwort „Bingen“ versammelt.

„Denn aus Gnade seid ihr gerettet“, so heißt es im biblischen Brief an die Epheser (Kapitel 2,8). Für Martin Luthers Theologie und Glaube steht die Gnade an zentraler Stelle. Er hatte Angst vor dem Richter-Gott, der ihn mit der ewigen Verdammnis bestrafen würde, wenn er nicht gut genug sei, nicht genug Bußübungen absolviert habe. Für Luther war es eine Befreiung zu entdecken: Gott verlangt von mir – gar nichts. Die Schuld ist bereits abgegolten, weil Jesus am Kreuz gestorben war. Allein aus Gnade. Ich muss es nur noch glauben. So steht es in der Bibel.

Und so wurde das „sola gratia“ zu einer der vier Säulen der Reformation, neben „allein die Schrift (Bibel)“, „allein Christus“ und „allein der Glaube“.

Für Luther war diese Erkenntnis eine Befreiung aus seiner Angst vor dem strafenden Gott, für die Menschen seiner Zeit außerdem die Möglichkeit, sich der allgegenwärtigen Macht der Kirche und des Kaisers zu entziehen. Für mich ist sie heute eher ein Problem.

Denn ich bin Pastor einer lutherischen Kirche und wurde auf die Bekenntnisschriften, die in der Reformationszeit entstanden sind, ordiniert und verpflichtet. Doch irgendwie wollen die Antworten von damals nicht zu meinen Fragen heute passen.

Dabei versucht die Kirche zu zeigen, dass Luthers Botschaft immer noch relevant ist. Die Reformationsbotschafterin Margot Käßmann sagt: Unsere Frage ist nicht mehr die nach einem gnädigen Gott, sondern nach einem sinnerfüllten Leben. Die reformatorische Antwort lautet dann: „Nichts, was du tust oder leistest, macht dich aus.“ Gott „macht uns frei von Leistungsansprüchen.“ Für mich erinnert es an die Reklame einer Margarine-Marke: „Ich will so bleiben wie ich bin – du darfst.“

Und Thies Gundlach, oft als „Cheftheologe“ der EKD bezeichnet, meint: Wenn wir glauben wie Luther, werden wir auch von unseren Ängsten befreit und entwickeln uns dann zu freien, verantwortungsvollen und demokratischen Persönlichkeiten. Und ich frage mich: Wenn Luthers Lehre über Jahrhunderte eher folgsame Untertanen hervorgebracht hat, warum sollte es heute anders sein?

Wenn ich mich mit meinen Leistungsansprüchen und Zielen auseinandersetze, dann schöpfe ich aus vielen Quellen. Die Rechtfertigungslehre ist nur eine davon, und nicht immer die wichtigste. Denn ich habe ein Problem mit dem Gottesbild Luthers: Auch wenn Gott auf die Strafe verzichtet, er bleibt ein Richter. Und ich lande wieder bei Leonard Cohen („You want it darker“): If thine is the glory, then mine must be the shame. Vielleicht bin ich tatsächlich als Sohn und Erbe Gottes eingesetzt, wie Paulus im Römerbrief (Kapitel 8,17) meint. Dann fühle ich mich aber eher wie Prinz Charles: Egal was er macht, wirklich bedeutend ist er ja nicht. Und mit der Abdankung ist es bei Gott noch schwieriger als bei der Queen.

Mit diesem Gottesbild bleibe ich Untertan und abhängig von einer Macht, derer ich mir nie so ganz sicher sein kann. Ich suche nach einem anderen Zugang – und finde ihn, ausgerechnet, in der Gnade.

Fortsetzung folgt.

Die Aussagen über Thies Gundlach beziehen sich auf einen Artikel in der Zeitschrift Pastoraltheologie 2017/4 (April) Seite 129ff: Keiner Angst untertan – zur Freiheit eines Christenmenschen.