Das „Eigentliche“

Die Verwaltung der Gemeinde hat mich damals ganz schön in Atem gehalten. Und sie hätte gut und gerne auch ein Fulltime-Job sein können. Aber da waren ja auch noch die anderen Aufgaben – eigentlich die „eigentliche“ Arbeit im Pfarramt: Seelsorge und Konfirmandenunterricht, Gottesdienste aller Art, incl. der sogenannten „Kasualien“: Taufe, Trauung und Beerdigung. Und die Seniorenarbeit. Und der Kindergarten. Nicht zu vergessen Hauskreise und Diskussionsveranstaltungen wie „Forum Kirche“. Pastorenkonvente und ökumenische Treffen.

Manchmal war es schwer, zwischen Pflicht und Kür zu unterscheiden. Aber hätte ich „nur meine Pflicht getan“ – ich hätte wahrscheinlich schnell den Spaß am Beruf verloren. Weiterlesen

Kleinwaabs

Nach dem Jahr beim Gemeindedienst wusste ich: Das ist meine Welt. Kirchlich, spirituell, theologisch. Aber noch war ich ja in der Ausbildung. Und darum hatte ich vor, in weitere Welten einzutauchen.

Deshalb bewarb ich mich um die Vikariatsstelle in Kleinwaabs. Pastor Ove Hansen Berg war ein Vertreter der Pastoralpsychologie. Sie reflektiert, entwickelt und erforscht die Verbindung von Theologie und Psychologie. Nun habe ich mich schon während des gesamten Studiums für die Psychologie interessiert. Trotzdem wurde ich nicht recht warm mit ihr. Denn ich hatte den Eindruck, dass in ihr die Theologie in die Psychologie aufging. Sie berücksichtigte zu wenig meine spirituelle Seite. Das zeigte sich dann auch in den Reflexionen mit Hendrik van Sluijs, bei dem ich den 6-wöchigen Kurs in der Klinischen Seelsorgeausbildung absolvierte.

Aber als Gesprächstechnik finde ich die Pastoralpsychologie bis heute unverzichtbar. Und ich habe ohne Zweifel viel von ihr gelernt.

Zunächst aber hieß Vikariat in Waabs: Umzug von der Stadt aufs Land. In eine richtige Dorfgemeinde. Waabs liegt an der Ostsee und profitiert vom Tourismus. Und das bedeutete auch eine gute Infrastruktur: zwei Kneipen, zwei Einkaufsläden, Bäcker, Polizei, Schule und, natürlich, Kirche. Der Küster war gleichzeitig Kuhlengräber (Beerdigungsinstitut) und Blumenhändler – auch klassisch. Die Grenzen der Kirchengemeinde entsprachen denen der Bürgergemeinde. Bei Besuchen zu 80. Geburtstagen traf ich oft die halbe Gemeinde. Eine Beerdigung dauerte immer den ganzen Nachmittag (eine Stunde Gottesdienst und Aussegnung, vier Stunden Beerdigungskaffee). Aus der Schule, dem Konfirmandenunterricht und der „Teestube“, die ich damals im Gemeindehaus betrieb, kannte ich praktisch die Waabser Jugend. Und als ich ein „Jugendbegegnungszentrum“ eröffnen wollte, steuerten Pastor und Bürgermeister einen Betrag aus ihren Kassen bei, der Campingplatzbesitzer spendete einen ausrangierten Wohnwagen, und ein Bauer hatte noch einen freien Platz hinter der Hauskoppel – fertig.

Die Kirchenvorstandssitzungen waren unter der Leitung des Patrons – des Besitzers des größten Guts der Gemeinde, Ludwigsburg – zügig zu Ende. Wahrscheinlich auch deshalb, weil viele TOPs vorher schon überm Gartenzaun verhandelt worden waren.

Waabs WohnungIch wohnte in einer Ferienwohnung neben der „Mühle“, in der ich auch gerne beim Bier und ggf. ein paar Runden Kniffel den Kontakt zum Dorf pflegte.

Und im Sommer konnte ich über blühende Rapsfelder die Ostsee sehen.

Der Mühlenwirt brachte mir auch bei, mit offenen Augen durchs Waabs MühleDorf zu gehen. Einmal warf er mir vor, ihn nicht gegrüßt zu haben; er war im Auto an mir vorbeigefahren. Seitdem habe ich alles gegrüßt, was „RD“ als Kennzeichen besaß. Die Insassen habe ich ohnehin nie erkennen können.

Die Zeit in Waabs hielt aber nicht nur die idyllische Seite des Lebens für mich bereit. Am 17. Februar 1985 starb meine Mutter. Ein Unfall auf dem elterlichen Bauernhof. Das bedeutete für die folgenden Wochen: Ich war viel in Spannbrück, das nur eine halbe Stunde entfernt war. Die Trauerbesuche, die Organisation, die große Beerdigung in der kleinen Toestruper Kirche. Und mein Vater, der mich als Sohn, manchmal aber auch als Seelsorger in Anspruch nahm.

Darüber hinaus endete in der Zeit auch eine sehr intensive Beziehung – mir ging es damals eine ganze Zeit lang nicht wirklich gut.

In dieser Zeit sollte ich auch meine erste Predigt halten. Ich erbat vom Pastor eine Schonfrist, die er mir aber nicht gewährte. Er habe ein Problem mit meinem Problem, meinte er. Das war gut pastoralpsychologisch ausgedrückt („Ich-Botschaften senden!“). Mich machte es aber eher wütend. Und ich nahm mir daraufhin vor, nicht mehr um Hilfe zu bitten. Und tatsächlich schaffte ich die Predigt zum angekündigten Gottesdienst.

Waabs Kirche KanzelNun ja, nicht ganz unfallfrei. Auf der Treppe hoch zur Kanzel trat ich auf meinen Talar. Da ich es versäumte zurückzugehen, kam ich oben sehr gebückt an. Den ersten, den ich sah, war mein Bruder. Er hatte es gemerkt und feixte. Die Predigt war, denke ich, trotzdem ganz ok.

Ein paar Wochen vor dem 2. Examen bekam ich einen Anruf aus Hamburg. Propst Peters fragte an, ob ich im Leitungsteam des 3. Projekts „neu anfangen“ in HH-Mitte mitmachen wollte. Ich fühlte mich sehr geehrt – zumindest bis ich mitbekam, dass ich nicht der erste war, den sie gefragt hatten. Ich sagte zu. Und sollte es in mehrfacher Hinsicht nicht bereuen.

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Beitragsbild: Die St. Marienkirche in Kleinwaabs (by Pelz – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19778406)

Aussichten

Aus aktuellem Anlass

Heute habe ich mir zum ersten Mal die Liste der Nebenwirkungen meiner Chemo-Medikamente durchgelesen. Nun weiß ich, warum ich mich fühle, wie ich mich fühle. Es ist schon ein rechtes Teufelszeug, das mir wöchentlich durch die Adern gejagt wird. Und die letzten Wochen waren durchaus anstrengender als ich gehofft hatte.

Andererseits: Wenn ich bedenke, was alles so auf den Beipackzetteln steht – es hätte alles noch viel schlimmer kommen können. Und die letzten Nachrichten aus der PET/CT haben ja gezeigt, dass die Metastasen ebenfalls beeindruckt sind.

Die Aussichten sind jedenfalls gemischt. Nach Weihnachten beginnt der letzte Zyklus von drei Wochen; das wird sicher auch kein Spaß. Aber auch hier gibt es ein andererseits, eigentlich sogar zwei.

Das nächste Ereignis, dem ich mit Spannung entgegensehe, ist der Gottesdienst in der Christnacht. Nachdem es mir heute besser geht als in den letzten Tagen, bin ich ganz zuversichtlich, die nötige Kraft zu haben. Und der Prince of Peace ist nicht nur das Thema der Predigt, sondern hat uns ja auch schon in einem Blogbeitrag und bei „Zwischen Himmel und Erde“ beschäftigt.

Und dann freue ich mich schon darauf, dass Mitte Januar Schluss ist mit der Chemo. Danach folgt dann die sogenannte „Erhaltungstherapie“. Die verspricht nicht annähernd so anstrengend zu werden.

Und danach, so habe ich Ute schon angekündigt, würde ich gerne noch einmal in die Sonne.

Update und Idee

Aus aktuellem Anlass

Knapp vier Wochen Chemo sind geschafft, gut acht kommen noch. Und die Nebenwirkungen sind sehr unberechenbar. Die erste Woche war zweifellos die härteste, aber auch in der vergangenen gab es zwei Tage, die so gar keinen Spaß gemacht haben. Nach wie vor lebe ich wegen der Infektionsgefahr für meine Verhältnisse relativ zurückgezogen.Und vom Großteil meiner Haare musste ich mich schon verabschieden.

Doch ich kann spazieren gehen, bloggen – und an die Predigt zum Gottesdienst am 1. Advent denken.

Und das führt mich auch gleich zur Idee. Ich vermisse unsere Bibel- und Glaubensgespräche. Sie waren voller Energie und Emotion, Zweifel und Glauben, Fragen und – meist vorläufigen – Antworten und sind nicht wirklich zu ersetzen. Aber vielleicht müssen wir nicht ganz darauf verzichten.

Wir haben doch Facebook.

Und dort existiert seit heute eine geschlossene Gruppe mit dem Namen „Zwischen Himmel und Erde“. Wie wäre es, wenn wir uns dort treffen würden, um uns über Bibel und Glaubensfragen auszutauschen? Das erste Thema könnte dann gleich der Bibeltext für den 1. Advent sein, Offenbarung 5, 1-5. Der ist dann auch gleich so crazy, dass er entweder sprachlos macht oder für viel Gesprächsstoff sorgt.

Regeln würde es in dieser Gruppe natürlich auch geben:

  1. Keine Meinung ist zu klug, zu unvernünftig, zu fromm oder ketzerisch oder was auch immer – vorausgesetzt, sie ist ehrlich. Es gibt kein falsch und richtig in Glaubensfragen. Es gibt nur wahrhaftig oder nicht.
  2. Hasskommentare oder solche, die unsachlich sind, werden herausmoderiert. Und alles, was gegen geltendes Recht verstößt, natürlich auch.
  3. Konstruktiver Streit ist durchaus erwünscht. Das schließt aber den Respekt vor anderen Meinungen ein.

Und, seid ihr interessiert?

Erik Flügge: Der Jargon der Betroffenheit

fluggeWie die Kirche an ihrer Sprache verreckt.

Damit hat Erik Flügge einen Nerv getroffen. Und man redet über ihn. Hart geht er mit der Kirche und ihren Geistlichen ins Gericht: „Verschrobene, gefühlsduselnde Wortbilder reiht ihr aneinander und wundert euch, warum das niemand hören will. Ständig diese in den Achtzigern hängen gebliebenen Fragen nach dem Sein und dem Sinn, nach dem wer ich bin und werden könnte, wenn ich denn zuließe, dass ich werde, was ich schon längst war. Hä?“ – Weiterlesen