Keiner versteht mich

Vor einigen Tagen habe ich auf diesem und einem anderen Blog über die Grundlage unseres Denkens und Handelns diskutiert. Und auch wenn jeder Mensch einzigartig und nicht wirklich in Kategorien einzuordnen ist, würde ich zwei von uns als Rationalisten bezeichnen. Sie wünschen sich die Vernunft als Grundlage unserer Auseinandersetzungen und Entscheidungen. Eine ist eine evangelikale Christin und ich würde mich als liberalen Christen bezeichnen. Und ich denke, dass wir damit die Denkweisen in unserer Gesellschaft im Prinzip nicht schlecht abbildeten.

Wir haben immer wieder neue Ansätze gesucht, unsere jeweilige Position den anderen zu erklären. Am Ende haben wir die Gespräche abgebrochen. Wir kamen nicht zueinander.

Und dabei waren wir alle reflektierte Menschen mit dem Wunsch, uns verständlich zu machen. Am Ende saßen wir wieder in unserer eigenen Blase und dachten wohl alle dasselbe: Wie borniert können die anderen bloß sein!

Genauso erlebe ich es in unserer Gesellschaft: Auch nach vielen Recherchen und Bemühungen vermittelt noch ungefähr jeder ZeitOnline-Artikel die Meinung: Wie doof können AfD-Anhänger bloß sein? Und SpiegelOnline versucht immer noch und immer wieder, Homöopathie-Anhänger mit wissenschaftlichen Argumenten zu überzeugen und begreift nicht, dass das denen egal ist. Die SPD versteht die Welt nicht mehr und die AfD fühlt sich sowieso von niemandem verstanden.

Und auch ich frage mich: Was ist da passiert? Warum reden wir aneinander vorbei? Und was muss passieren, dass wir doch noch zueinander kommen.

Denn wir leben nun mal in einer Gesellschaft. Und wir wären erfolgreicher, wenn wir kooperativ unsere Probleme lösen könnten. Dazu müssen wir erst einmal eine gemeinsame Basis finden. Welche könnte das sein?

Ihr könnt, wenn Ihr mögt, die Diskussionen im Netz auf „Überschaubare Relevanz“ und auf diesem Blog nachlesen. Und natürlich werde ich selbst weiter darüber nachdenken.

Über einen lebendigen Austausch würde ich mich freuen.

Polit-Blues

Ich kann es einfach nicht. Ich habe es ehrlich versucht, viele Anläufe habe ich gemacht, aber ich schaffe es definitiv nicht, Rechtspopulisten wie die AfD wirklich zu verstehen. Liegt es vielleicht an mir, an meiner politischen Sozialisation?

Als ich anfing, politisch zu denken, herrschte noch der Kalte Krieg. Die Feindbilder waren klar verteilt, der Vietnamkrieg gerade vorbei, und unser Kampf galt unter anderem den Diktatoren der Welt. Ein Mitstudent hatte sie mit Konterfei aufgereiht, wie auf einem Fahndungsplakat der RAF-Terroristen. Und wie die gefangenen oder getöteten Terroristen mit einem roten Kreuz durchgestrichen wurden, strich er die Diktatoren aus, die gestürzt worden waren. Und sie fielen, einer nach dem anderen: Somoza in Nicaragua, Mao in China, Pol Pot in Kambodscha, Pinochet in Chile, das Apartheidsregime in Südafrika und der Schah von Persien. Schließlich brach auch noch die Sowjetunion zusammen und die Mauer fiel. Und als dann der Arabische Frühling ausbrach und Obama Präsident der USA wurde, schien die Welt wirklich eine bessere zu werden. Yes, we can!

Und nun erlebe ich die Rückkehr der Despoten. Und das nicht nur in Staaten, die Demokratie nie wirklich gelernt haben, in Russland, im Nahen Osten, in Afrika. Mitten in Europa beginnen die demokratischen Strukturen wegzuschwimmen. Orbán, Kazcynski, Hofer, le Pen, Wilders, Trump, Höcke und Petry, alles dieselbe Suppe.

Sie wollen den Nationalismus zurück. Geht’s noch? Das letzte Mal, als wir es versuchten, endete es im furchtbarsten Krieg der Weltgeschichte. Sie wollen die Flüchtlinge zurück ins Meer kippen. Wo um Himmels willen sind unsere christlichen oder humanistischen Werte geblieben?

Dabei kann ich sie ja in Ansätzen durchaus verstehen. Der Euro hat wohl ökonomisch gesehen tatsächlich etliche Nachteile. Aber eine Rückkehr zur D-Mark wäre doch noch unsinniger. Die EU ist aus meiner Sicht reichlich undurchsichtig, teuer und weit weg und muss dringend reformiert werden – aber sie deswegen gleich abschaffen? Die USA sind seit 150 Jahren eine Imperialmacht. Sie zwangen Japan schon 1854 mit militärischen Mitteln ein Handelsabkommen auf, führten ab 1955 Krieg in Vietnam, ermordeten den chilenischen Präsidenten Allende 1973, kämpften ums Öl 2001 in Afghanistan, 2003 im Irak – und das sind nur wenige von vielen militärischen und nichtmilitärischen Interventionen, die dem einen Ziel dienten: America first. Aber sich deshalb Putin an den Hals werfen? Das wäre dann ein Beispiel für das Sprichwort, wie man den Teufel durch Beelzebub austreibt.

Und ja, die großen Konzerne bestimmen seit Jahrzehnten die Politik in West und Ost. Banken, die sich schlicht verzockt haben, werden mit zig Milliarden „gerettet“, und die Verantwortlichen kommen nicht nur davon, sie profitieren auch noch. Das kritisiert auch die AfD. Dann aber findet sie einen Präsidenten toll, der seine Presseerklärung bei der Industrie abschreibt? Mir fehlen schlicht die Worte. Es ist derselbe Präsident, der versprochen hat, den Lobbyismus auszutrocknen – indem er die Lobbyisten gleich zu Ministern macht. Die Logik dahinter ist mir zu hoch.

Dazu kommt noch ein eigenartiges Verhältnis der AfD-Politiker zu Wissenschaft und Kultur.Dass 95% der Wissenschaftler von einem vor allem menschengemachten Klimawandel ausgehen, ist egal. Meinung geht vor Argument. Fake News bestimmen die Nachrichten.Kultur wird wieder national definiert. Hatten wir das nicht schon einmal, damals in der DDR und vorher noch, zwischen 32 und 45?

Und noch ein persönlicher Eindruck: Ich finde, Trump sieht immer aus wie ein ungezogenes und unerzogenes Kind. Der Präsident des mächtigsten Staates unseres Planeten!

Gute Nacht, Deutschland. Gute Nacht, Welt. Kann mich mal jemand aufmuntern?

Alles Verbrecher?

Zum rhetorischen Repertoire der Populisten gehört ein stabiles Misstrauen den Politikern gegenüber. Ein Misstrauen, das nach einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung 28% der deutschen Bevölkerung hat. Und der Kieler Professor Rainer Mausfeld hat gerade viel Erfolg mit seinem auf Youtube eingestellten Vortrag über die Eliten, die uns für dumm verkaufen. Sein Titel: „Warum schweigen die Lämmer?

Es wird immer wieder gesagt, dass Bürgerinnen und Bürger das Vertrauen in Parteien und Institutionen – und das gilt auch für die Kirche – verloren hätten. Es klingt, als ob es deren Schuld sei. Aber die Institutionen haben auch hart daran gearbeitet, diesen Eindruck zu vermitteln. Ich denke da an die Verflechtungen von Politik und Wirtschaft. Ich denke an den Umgang mit dem Missbrauchsskandal vor allem in der katholischen Kirche, aber auch an Aktionen und Aktivitäten der evangelischen. „Wir müssen etwas tun, damit wir den Mitgliederverlust, den Bedeutungsverlust und den Finanzverlust stoppen“, hieß es in vergangenen Jahrzehnten oft – und nicht: Wir müssen etwas für die Menschen tun.

Ich kenne nur die Politikerinnen und Politiker hier vor Ort. Das sind alles ehrenwerte Menschen, die das Ziel haben, gewählt zu werden. Sonst könnten sie ja auch keine Politik mehr machen.

Doch es gibt auch Unterschiede. Die einen machen den Eindruck, dass sie sich vor allem für ihre Partei, ihre eigene Kandidatur und ihr Programm engagieren. Und es gibt andere, die den Eindruck vermitteln: Mir geht es um den Stadtteil und seine Menschen.

Und ich kenne Kirche. Sie muss sich um ihre eigenen Strukturen, ihre eigene Verwaltung kümmern. Sonst fällt sie auseinander, und dann kann sie auch nicht mehr helfen.

Doch auch hier gibt es das ehrliche Bemühen, nahe bei den Menschen zu sein. Ob diakonische Arbeit wie Mitternachtsbus, Begegnungsstätte und Familienbildung, kulturelle wie Musik und Theater, spirituelle wie Gottesdienste und Gespräche, wir möchten auch gerne Gutes tun.

Ich glaube, dass wir im selben Boot sitzen, die Parteien und die Kirche. Wir haben viel Porzellan zerschlagen. Und wir können es nur wieder kitten, wenn wir uns alle geduldig und konsequent in den Dienst der Gesellschaft stellen – so wie es der Prophet Jeremia schon vor 2500 Jahren anmahnte (Kapitel 29, 7): „Suchet der Stadt Bestes.“