Bedeutende Zeiten

 

Predigt am 14. Oktober 2018, dem 20. Sonntag nach Trinitatis

Warum nur habe ich mich im Gottesdienst heute wieder so wohl gefühlt? Weil Daniel ihn so schön gestaltet hat? Weil so viele freundliche, offene, fröhliche, traurige, junge und ältere Menschen da waren? Weil es einfach Niendorf ist? Oder einfach alles zusammen und noch viel mehr?

Hier also wieder die Predigt. Die Grundlage war 1. Korinther 7, 29-31, ein Abschnitt innerhalb eines Kapitels, in dem es um Mann und Frau geht. Viel wichtiger aber ist seine Zeitansage: 29 Aber eins muss ich euch sagen, Brüder und Schwestern: Die Zeit ist knapp. Künftig gilt: Wer eine Frau hat, soll so leben, als hätte er keine. 30 Wer weint, soll sich nicht von der Trauer gefangen nehmen lassen. Wer sich freut, soll sich nicht in der Freude verlieren. Wer etwas kauft, soll es nicht festhalten wollen. 31 Und wer die Dinge dieser Welt benutzt, soll gut auf sie verzichten können. Denn die Welt, so wie sie ist, vergeht. (Text nach der Basisbibel)

Liebe Gemeinde!

„Ganz entspannt im Hier und Jetzt“ – die Älteren unter uns erinnern sich bestimmt: Vor ungefähr 40 Jahren machte ein indischer Guru auf sich aufmerksam: Bhagwan Shree Rajneesh. Er versammelte eine große Schar von Anhängerinnen und Anhängern um sich, die dann oft mit orange gefärbten Gewändern durch die Stadt liefen. Er versprach den Menschen Orientierung, Ruhe und Erleuchtung. Und vor allem ein erfülltes Leben in Gelassenheit und Erfüllung: ganz entspannt im Hier und Jetzt.

Bhagwan ist 1990 gestorben. Sein Imperium aber lebt weiter, und nicht wenige Sinnsuchende pilgern auch heute noch zu seinem Ashram in Pune. Denn seine Botschaft scheint gerade für uns im Westen attraktiv und zeitlos zu sein. Aufmerksam für das, was uns heute begegnet. Achtsam zu sein, sagen die Buddhisten.

Achtsam – das Wort haben wir vorhin schon gehört, am Anfang des Gottesdienstes, der Wochenspruch vom Propheten Micha: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott bei dir sucht: Nichts anderes als Gerechtigkeit üben, Freundlichkeit lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott.“ Das war 1995 das Motto des Hamburger Kirchentags – mit dieser Formulierung. Achtsam mitgehen – hat der Buddhismus schon den Kirchentag gekapert? Denn wir kennen den Vers eigentlich anders. Bei Luther heißt es: „…was der HERR von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ Luther scheint mit Demut eher an konkrete Gebote zu denken, auf dem Kirchentag und übrigens auch in der Einheitsbibel geht es mit Achtsamkeit eher um eine innere Haltung.

In der Tat kann man das entsprechende hebräische Wort so oder so übersetzen – ein Beispiel dafür, dass unser Glaube schon von der Sprache her eine große Weite hat: Was für Paulus die Demut ist, ist für mich die Achtsamkeit.

Paulus dagegen scheint eher auf der Seite Luthers zu stehen. Er hat einen ausgeprägten Sinn für Vorschriften und Hierarchien, bis in das Verhältnis von Mann und Frau hinein. Der Mann sei das Haupt der Frau, wie Christus das Haupt der Gemeinde sei, meint er (1. Korinther 11,3). Und jeder solle in seinem Stand bleiben, ob Sklave oder Herr. Wer verheiratet ist, soll es bleiben. Und wer nicht, soll es lieber bleiben lassen, damit man sich ganz für das Reich Gottes einsetzen kann – es sei denn, das körperliche Begehren ist einfach zu stark.

Das klingt alles ein bisschen retro. Ich glaube, dass die meisten unter uns doch ziemlich erstaunt wären, wenn sich ein Pastor in unser Liebesleben einmischen würde. Und so mag jeder und jede für sich selbst entscheiden, ob man sich nach den Vorgaben des Paulus richtet. Für mich hat er deutlich zu wenig Ahnung vom Verhältnis zwischen Mann und Frau.

Aber da ist noch etwas anderes. Paulus steht unter Druck. „Die Zeit ist knapp“, sagt er. Wir wissen, dass er wie die Gemeinde damals überhaupt mit der nahen Wiederkunft Jesu gerechnet hat. Und dann klingt seine Botschaft wie: Schwestern und Brüder, wir haben nicht mehr viel Zeit. Nächstes Jahr am Freitag kommt Christus wieder, lasst uns die Tage bis dahin nicht mit Nebensächlichkeiten wie Ehe und allem, was damit zu hat, vergeuden.

Dann hätte die Botschaft für uns allerdings auch nur begrenzte Relevanz. Denn seit damals sind eine Menge Freitage ins Land gegangen, und auch für die nächste Zeit rechnen wir nicht unbedingt mit der Wiederkunft Christi. Natürlich wissen wir, dass auch unsere Zeit kurz sein kann, dass wir jederzeit sterben können. Trotzdem planen wir schon mal den Urlaub fürs nächste Jahr und zahlen in die Rente ein.

Aber vielleicht missverstehen wir den Apostel auch. Denn die Zeit, die vergeht, heißt auf griechisch Chronos. Hier aber steht Kairos. Und das heißt so viel wie günstiger Zeitpunkt, und zwar die beste Zeit für eine Entscheidung. Wenn wir zu früh handeln oder zu spät, dann haben wir nicht den richtigen Kairos getroffen. Und dieser Kairos ist, so meint Paulus, kurz. Oder vielmehr: zusammengedrängt. Und dann heißt seine Botschaft: Die Zeit, in der wir jetzt leben, ist sehr wichtig, sehr bedeutend. So ähnlich sagte es auch der Bhagwan: Lebe im Hier und Jetzt – nur ist Paulus nicht ganz so entspannt. Sondern vielmehr aufmerksam, wach, bereit und achtsam.

Dieser Zeitpunkt ist wichtig – das heißt dann auch: Wir sind wichtig, jeder und jede Einzelne von uns, was wir tun oder unterlassen. Ob wir mit „somm Gesicht“ durch die Gegend laufen oder freundlich lächeln. Wie wir mit anderen umgehen und mit uns selbst. Und welche Entscheidungen wir treffen.

Und stehen gleich vor der nächsten Schwierigkeit. Denn es ist gar nicht so einfach, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Bei Paulus hört sich das so an: „Künftig gilt: Wer eine Frau hat, soll so leben, als hätte er keine. Wer weint, soll sich nicht von der Trauer gefangen nehmen lassen. Wer sich freut, soll sich nicht in der Freude verlieren. Wer etwas kauft, soll es nicht festhalten wollen. Und wer die Dinge dieser Welt benutzt, soll gut auf sie verzichten können. Denn die Welt, so wie sie ist, vergeht.“

Das mag ja sein, hört sich für mich aber erstmal nur so mittelgut an. Ich würde schon darauf bestehen, dass ich so lebe, als hätte ich eine Frau. Und wenn ich traurig bin, dann möchte ich traurig sein. Und wenn fröhlich, dann fröhlich. Es mag ja sein, dass diese Welt vergeht. Bis dahin würde ich sie aber gerne voll auskosten.

Andererseits ist genau das der Ratschlag der großen spirituellen Meister: Jesus rät dem reichen Jüngling, alles zu verschenken. Buddha meditiert, um sich von der Welt frei zu machen. Ignatius predigt die indifferentia: Sich einüben in eine Haltung, in der es nicht wichtig ist, ob man reich ist oder arm, angesehen oder verachtet. Ja, auch ob man gesund ist oder krank, ob man früh stirbt oder als alter Mensch ist nicht so wichtig wie – den Willen Gottes zu tun.

Und Gott will, dass ich genau das tue, was ich eigentlich will. Was mir innere Ruhe und Trost gibt. Was meine Berufung ist. Und es gibt Dinge, die mich genau davon abhalten. Für Ignatius waren es eben Reichtum, Ehre, Gesundheit und langes Leben.

Reichtum für sich ist nichts Böses; ich darf ihn genießen. Wenn er mich aber davon abhält, zu mir selbst zu kommen und das zu tun, was meine Bestimmung ist, dann sollte ich mich von ihm trennen. Das ist gar nicht einfach, und ich weiß viele Gründe und Entschuldigungen für faule Kompromisse. Doch mit jedem dieser Kompromisse schade ich mir selbst.

Und so ist es längst nicht damit getan, irgendwelche Gebote zu erfüllen, und seien sie noch so biblisch. Wenn wir zu uns selbst kommen wollen, sollten wir uns selbst kennen – oder zumindest immer besser kennenlernen. Das kriegen wir sicher nicht vollkommen hin. Aber schon der Weg dahin ist spannend: der Weg zur Selbsterkenntnis und zur Gotteserkenntnis.

Wir merken es, wenn wir auf der richtigen Spur sind. Denn wir haben einen inneren Maßstab. Wir spüren, wie wir frei werden und gelassen, wie wir innerlich reifen und einen offenen Blick für die Zukunft bekommen. Und dieses Gespür können wir trainieren – in der Stille und durch geistliche Übungen, mit Geduld und Achtsamkeit, auch in der Auseinandersetzung mit der Bibel und den Menschen.

Und wir haben eine äußere Orientierung: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott bei dir sucht: Nichts anderes als Gerechtigkeit üben, Freundlichkeit lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott.“

Amen.

Das wirkliche Leben

Eines der geheimnisvollsten und wichtigsten Worte, die mir in der letzten Zeit begegnet sind, hat Martin Buber gesagt: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Wie wahr, habe ich oft gedacht. Wenn wir unseren wöchentlichen Lichtblick zu wählen hatten, dann waren es fast immer Begegnungen, die uns eingefallen sind. Oft haben wir dann einen anderen Lichtblick gewählt, weil es sonst ziemlich eintönig geworden wäre; nur die Namen hätten manchmal gewechselt.

Begegnungen und Gespräche, die Nähe zu anderen Menschen, ihre Teilnahme, ihre Gebete, einfach ihr Da-sein geben uns Leben und Freude und Energie – das, was die Mediziner etwas spröde „Lebensqualität“ nennen. Man kann auch sagen: Sie sind unser Lebenselixier. Dazu zählen natürlich vor allem die persönlichen Begegnungen, aber auch die über den Blog, über Mails, übers Telefon. Oder diejenigen „über Bande“ – wenn uns Menschen erzählen, dass andere Menschen innerlich unseren Weg mitgehen.

„Begegnung“ aber ist auch das Zauberwort in meiner Glaubenswelt geworden. Dabei haben mir die Exerzitien wichtige Anstöße gegeben. So fragte ich Pfr. Mückstein, warum Gott bei meiner Krankheit nicht besser aufgepasst habe. Ein andermal erzählte ich ihm, dass ich den Paulustext Römer 1,18-31 ablehne. Ich hoffte dann auf eine anregende theologische Diskussion – die mir der Spiritual jedesmal verweigerte. Stattdessen gab er mir den Ratschlag: Sprechen sie mit ihm – mit Gott, mit Paulus. Gehen Sie in den Meditationsraum und schweigen Sie eine Stunde mit Gott. Und als ich ihn fragte, wer mir dort antworten sollte, meinte er: Trauen Sie Gott doch zu, dass er mit Ihnen redet.

Ich habe es getan. Und es war tatsächlich wie ein Gespräch. Ob es mit Gott oder mit mir selbst war – wer will das objektiv wirklich beurteilen? Es hat mich zumindest weitergebracht als eine theologische Diskussion. Und näher zu mir selbst. „Wenn an Gott glauben heißt, über ihn in der dritten Person zu reden, glaube ich nicht an ihn. Wenn es heißt, mit ihm zu reden, glaube ich.“ (Martin Buber) Und auch die Gespräche mit Paulus und Jesus haben mir noch einmal neue Türen geöffnet. Trotzdem bin ich nach wie vor ein Fan von differenziertem theologischen Denken.

Und noch in einem dritten Bereich ist mir „Begegnung“ wichtig geworden: in der Politik. Hans-Dietrich Genscher hat einmal gesagt: „Solange man miteinander redet, schießt man nicht aufeinander.“ Das gilt für mich nicht nur für die internationale Politik, sondern auch für das Miteinander in unserem Land. Ich trete dafür ein, mehr mit Moslems zu reden als über sie, mit der AfD, mit dem nervigen Nachbarn. Ronja von Rönne hat dazu in einer schönen Kolumne geschrieben: „Es geht auch um den Entschluss, nicht erfrieren zu wollen in einer erkalteten Gesellschaft, sondern stattdessen ein Nachbarschaftsfest zu organisieren. Was natürlich viel schwieriger ist, als ein Deckenburrito zu sein [= sich in eine Decke einzumümmeln wie in einen Burrito]: Was, wenn keiner kommt? Oder noch schlimmer, was wenn jemand kommt?“

Was aber ist, wenn die Nachbarn nicht wollen, wenn sich die AfD in ihren Hassreden gefällt, und die moslemische Gemeinde lieber in ihrer Opferrolle verharrt und sich gar nicht integrieren will? Ralf hat mir bei unserem letzten Besuch das Buch von Tuba Sarica gezeigt, in dem sie die Scheinheiligkeit der im Grunde integrationsunwilligen Deutschtürken schildert. Die Probleme sind immens, ob bei Moslems oder AfD. Übrigens – kann jemand mal anfangen, Horst Seehofer zu integrieren?

Manchmal ist es auch nötig, Abstand zu halten, wenn es geht. Nicht mit allen Menschen kommt man klar. Und auch in der Gesellschaft ist die Haltung eines „leben und leben lassen“ manchmal hilfreicher als sich mit allem und jedem auseinander zu setzen.

Trotzdem bleibe ich dabei: Soviel und solange miteinander reden wie möglich. Mein Beispiel ist unsere türkische Gemeinde, die ich mit den Konfis viele Jahre lang besucht habe. Sie pflegt intensiv eine türkische und muslimische Identität. Und doch gehörten ihre Beiträge zu meinem Abschied aus der Gemeinde zu den berührendsten. Ich glaube auch, dass ich mehr erreiche, wenn ich sie als Freund kritisiere und nicht als Gegner.

Begegnung ist für mich zwar kein Allheilmittel, aber ein Schlüsselwort geworden, im persönlichen wie im religiösen und politischen Bereich.

 

 

Muss ich mich rechtfertigen – lassen?

 

In den Siebzigerjahren nahm die Theologie viele Anregungen aus der Psychologie auf. Wir lernten zum Beispiel die „nichtdirektive Gesprächsführung“ von Carl Rogers kennen, die Archetypenlehre C. G. Jungs und die Logotherapie nach Victor Frankl. Besonders beliebt war unter uns Theologen die Transaktionsanalyse nach Eric Berne. Vielleicht, weil sie dem traditionellen christlichen Menschenbild ziemlich deutlich widerspricht?

Eine ihrer Grundannahmen lautet: „Die Menschen sind in Ordnung.“ Gut, nicht alle ihre Taten, aber ihr Wesen. Und wenn sie es noch nicht sind, so können sie es doch werden und durch die Therapie zur Haltung vordringen: „Ich bin ok – du bist ok.“ Das heißt: Ich nehme mich an, wie ich bin und nehme dich so, wie du bist.

Die christliche Grundannahme über den Menschen dagegen lautet: Alle Menschen sind „voll böser Lust und Neigung“, haben weder Gottesfurcht noch wahren Glauben, weil sie eine „angeborene Seuche“ haben, nämlich die Erbsünde. Deshalb sind sie von Gott verdammt und können sich auch nicht selbst davon befreien. Aber sie können gerecht werden, weil der Gottessohn Jesus gestorben ist und ein Opfer für die Sünde war. Gottes Zorn ist damit prinzipiell versöhnt, und wir sind vor ihm gerecht geworden „aus Gnade um Christi willen durch den Glauben, nämlich wenn wir glauben, dass Christus für uns gelitten hat und dass uns um seinetwillen die Sünde vergeben, Gerechtigkeit und ewiges Leben geschenkt wird“. So steht es in den Artikeln 2-4 des Augsburgischen Bekenntnisses, das nach der Präambel der Nordkirche unseren Glauben beschreibt und auf das alle Ordinierten verpflichtet werden. Man nennt diese Idee auch die Rechtfertigungslehre.

Sie geht zurück auf Martin Luther, der wiederum Paulus interpretiert hat. Beide waren von ihrem Wesen her Perfektionisten. Sie wollten Gott gefallen. Und da sie Angst hatten, dass Gottes Zorn beim kleinsten Fehler zuschlug, hatten sie ein riesiges schlechtes Gewissen. Für beide war es eine Befreiung, dass sie nicht selbst die Forderungen Gottes erfüllen mussten – Jesus hatte es mit seinem Tod ja bereits getan, und zwar vollständig.

Ich finde diese Gedanken nicht mehr ganz so überzeugend wie früher einmal. Und dafür habe ich mehrere Gründe:

  1. Ich glaube nicht, dass der Sündenfall etwas mit Sünde zu tun hat, sondern mit der Entfremdung von Gott. Das ist für mich ein großer Unterschied. Die Entfremdung hat etwas mit – unerfüllter – Sehnsucht zu tun, die Sünde mit Schuld. Die Sünde kommt in der Bibel erst bei Kain und Abel vor. Daher glaube ich: Die Erbsünde gibt es nicht. Sie ist eine Erfindung von Theologen.
  2. Die „Gnade“ hat in der Bibel keine juristische Bedeutung. Sie ist vielmehr mit „Schönheit“ oder „Wohltat“ zu übersetzen. Keine Frage: Wenn einem im juristischen Sinn Schuld vergeben wird, wenn man also begnadigt wird, ist das auch eine Wohltat. Aber im Zentrum steht dieser Aspekt nicht.
  3. Es erscheint mir absolut unverständlich, warum Gott seinen geliebten Sohn töten musste, damit meine Schuld vergeben wird. Ich fände es völlig absurd, das Leben meines Sohnes aufs Spiel zu setzen, um einen Rechtsstreit mit einer anderen Person zu klären. Ich kann jemand anderem auch so vergeben – warum könnte Gott das nicht?
  4. Ich glaube noch nicht einmal, dass der Mensch schlecht ist. Er hat gute und böse Seiten, keine Frage. Aber im Umgang mit anderen möchte ich von Eric Bernes Ansatz ausgehen: Ich bin ok, du bist ok. Das hat mir im Zusammenleben mit mir und anderen Menschen immer besser getan, als wenn ich das Gegenteil gedacht habe. Gott setzt auch nicht voraus, dass wir vollkommen sind. Das ist vielleicht unser Ziel im Glauben (Matthäus 5,48). Aber im wirklichen Leben gilt für mich eher die Überzeugung des Künstlers Nam June Paik: „When too perfect, lieber Gott böse.“

Ich glaube, dass die Rechtfertigungslehre eine ganz spezielle Antwort von Personen wie Paulus oder Martin Luther auf ihre Frage ist: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Weil sie Angst hatten vor Gottes Zorn. Weil sie Perfektionisten waren. Weil sie sich durch diese Auslegung der Jesusgeschichte von einem unglaublichen Druck befreit haben.

Auf mich treffen beide Voraussetzungen eher nicht zu. Von einem Perfektionisten trennen mich einige Welten. Und mein Konfirmationsspruch lautet: „Gott spricht: Ich will mit dir sein.“ Das ist die Grundlage meines Glaubens.

Dabei habe ich gerade in den letzten Jahren durchaus nicht immer erlebt, dass Gott mit mir ist. Der Blog ist auch der Versuch, diese beiden Eckpunkte meines Lebens zusammenzubringen: Gottes Treue, Nähe und Unterstützung – und seine Abwesenheit, Unaufmerksamkeit und Härte. Und ich bin immer noch auf dem Weg.

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Beitragsbild: Das Jüngste Gericht (obere Hälfte), von Hans Memling (um 1470) – http://mng.gda.pl/zbiory/sztuka-dawna/hans-memling/, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1455943

Pfingsten in Jerusalem

Exerzitien 35. Teil, Bingen 2018, die „vierte Woche“.

Und wieder war Jerusalem voller Menschen. Die Juden feierten Schawuot, das Wochenfest. Wir hatten uns in einem Raum versammelt. Die Ängstlichen unter uns hatten sogar darauf bestanden, die Türen abzuschließen. Vielleicht erinnerten sich ja einige Juden an die Geschichte 50 Tage zuvor – damals hatten sie darauf bestanden, dass Jesus gekreuzigt werden sollte.

Zu unserer kleinen Gesellschaft waren nun auch Mitglieder der Familie Jesu gestoßen. Das war sehr bemerkenswert, denn ich erinnere mich deutlich daran, dass das Verhältnis zum Wanderprediger sehr gespannt gewesen war. Aber es hieß, dass Jakobus, einer seiner Brüder, selbst eine Vision gehabt habe. Ich beobachtete ihn. Es war deutlich, dass er sich zu Höherem berufen fühlte. Vom Vater allerdings keine Spur. Ich wollte schon nach Josef fragen, da war es, als ob jemand ein Fenster geöffnet hätte. Ein starker Wind zog durch den Raum, einige standen auf, hoben die Hände. Auf ihren Gesichtern erschien ein merkwürdiger Glanz. Irgendjemand sagte: „Das ist der Heilige Geist!“

Und plötzlich war kein Halten mehr. Die Türen wurden geöffnet, etliche Männer und Frauen gingen nach draußen und fingen an, zu den Menschen zu reden. Ich sah, wie viele genervt weitergingen, andere blieben stehen. Und obwohl deutlich war, dass etliche aus anderen Ländern angereist waren, schienen sie sich gut mit den Jesus-Leuten zu verstehen.

Und dann fing Petrus an, laut zu reden. Ausgerechnet Petrus. Und was er sagte, war nicht gerade leicht zu verstehen. Aber man spürte seine Begeisterung, und genau davon predigte er: „Was ihr hier seht, ist die Erfüllung dessen, was der Prophet Joel gesagt hat: Der Geist wird ausgegossen über die Menschen, und sie werden Visionen haben, und es werden Wunder geschehen, und das alles kommt von Jesus, der gekreuzigt wurde, aber wieder auferweckt worden ist. Der Tod ist besiegt, wir werden alle leben!“

Und er brachte noch mehr Zitate aus den Heiligen Schriften, offenbar alles, was ihm gerade einfiel. Das war mehr assoziativ als logisch, aber so kannte ich Petrus: Er war kein großer Denker, aber immer ganz bei der Sache. Nicht so sehr Kopf, dafür umso mehr Bauch.

Ganz anders als übrigens der andere große Theologe der Jesusbewegung, den ich auf meiner Rückreise nach Rom kennenlernen sollte. Paulus war ein scharfer Denker, nüchtern und kopfgesteuert. Und ein schwieriger Charakter. Beide aber hatten maßgeblichen Anteil daran, dass sich immer mehr Menschen von der Jesus-Botschaft begeistern ließen. Die Bewegung wurde so stark, dass Kaiser Nero sie einige Jahrzehnte später zu Sündenböcken für einen verheerenden Brand in Rom machen konnte.

Ich erlebte es selbst mit. Knapp 20 Jahre blieb ich noch in Palästina, dann kehrte ich nach Rom zurück. Nicht ohne ein paar Abstecher zu machen. Vor allem interessierte mich Athen, wo ich den Parthenon bewunderte und über den Areopag schlenderte. Dort begegnete ich auch Paulus persönlich – ein Treffen, das mich sehr beeindruckt hat und über das ich früher schon einmal berichtet habe.

In Rom hatte sich mittlerweile eine ansehnliche Gemeinde gebildet, die ich öfter aufsuchte. Allerdings genoss ich auch die Freuden der Hauptstadt – auf die Thermen hatte ich lange verzichten müssen. Und ich pflegte und knüpfte alte und neue Verbindungen, die mir während der heiklen Zeit unter Nero sehr nützlich wurden. Paulus, der sich zu dieser Zeit auch gerade in Rom aufhielt, hatte nicht soviel Glück. Er wurde verhaftet und hingerichtet.

Kurz nach dem großen Brand kam auch Petrus in die Hauptstadt. Er hatte zugelegt, an Weisheit wie an Körperumfang. Und er war alles andere als verkniffen. Deshalb freute ich mich, als er mich besuchen kam. Ich holte einen starken Schnaps aus dem Keller, den ein Freund mir aus dem Norden Britanniens mitgebracht hatte und der dort „Wasser des Lebens“ genannt wurde. Und wir hatten einen wirklich netten Abend. Petrus schwärmte von den alten Zeiten als Fischer am Galiläischen Meer, so dass ich fast Lust bekam, wieder dorthin zu reisen.

Kurz darauf wurde Petrus verhaftet und zum Tod verurteilt. Im Prozess blieb er gerade und klar – ganz anders als damals bei der Kreuzigung in Jerusalem. Er wurde getötet wie sein Meister, aber nicht gebrochen.

Und die Gemeinde in Rom wuchs trotz allem weiter. Ich fand dort viele Freunde und Freundinnen und genoss als einer, der „den Meister gesehen“ hatte, auch einiges Ansehen. Allerdings musste ich auch einige Erwartungen enttäuschen. Denn ich wusste auf viele Fragen immer noch keine Antwort. Doch nach wie vor bin ich davon überzeugt, dass Jesus eine besondere Nähe zu Gott hatte – und dass ich an dieser Nähe teilhabe.

Damit endet meine Geschichte – bzw. die Geschichte meines „alter ego“, des namenlosen Römers – mit Jesus und der ersten Gemeinde, die unter den Olivenbäumen bei Caesarea Philippi begann. Wir beide, der Römer und ich, haben in dieser Zeit die bekannten Geschichten neu erlebt und haben einige Überraschungen erlebt. Vor allem aber war es spannend, diesen Weg im Geist mitzugehen. Ich möchte noch einmal betonen: Das ist meine ganz eigene Sicht der Dinge in der Mitte des Jahres 2018. Zu anderen Zeiten hätte ich anderes „erlebt“. Und ich bin überzeugt: Wenn ich irgendwann wieder in diese Zeit und an diesen Ort reise, wird es wieder anders werden. Und warum muss ich eigentlich allein reisen? Vieles ist denkbar, wenn man den Geist laufen lässt…

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Beitragsbild: Glasbild-Trennwand zu einem religiösen Thema im Seniorenheim Martin Luther Haus Wormsvon Barbara Heinisch – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48367637

Auferstehung

Exerzitien 30. Teil, Bingen 2018, die „vierte Woche“.

Die Auferstehung ist das Highlight des christlichen Glaubens. Hinduismus und Buddhismus haben die Wiedergeburt, Atheisten das Nichts und die Naturreligionen die Welt der Ahnen. Auferstehung ist etwas anderes. Sie ist – ja, was ist sie eigentlich? Überwindung des Todes, Überwindung von Leid, Krankheit und Schmerz. Sie ist unsere Hoffnung, und sie gibt dem Tod Jesu erst einen Sinn. „Wenn aber Christus nicht auferweckt wurde, dann hat unsere Verkündigung keinen Sinn. Auch euer Glaube ist dann sinnlos“, schreibt Paulus an die Korinther (1. Kor. 15,14). Aber selbst die Bibel bleibt eher undeutlich, wenn es um die konkrete Beschreibung der Auferstehung geht.

Auferstehung Isenheimer-AltarDa gibt es die Geschichten, in denen Jesus nach seinem Tod wieder als Mensch aus Fleisch und Blut auftaucht. Er spricht mit den Menschen (z.B. Lukas 24, 17), teilt Essen aus (Lukas 24, 30; Johannes 21, 13), und der „ungläubige“ Thomas soll seine Finger in seine Wunden legen und ihn so fühlen (Johannes 20,26-29). Der Prophet Ezechiel beschreibt in einer Vision, wie tote Knochen mit Fleisch und Haut überzogen werden und Gott sie wieder lebendig macht (Ez. 37, 1-14).

Und dann wird der Auferstandene beschrieben wie ein Geist, der plötzlich durch verschlossene Türen auftaucht (Johannes 20, 26) und wieder verschwindet (Lukas 24, 31).

Wie also kann ich mir die Auferstehung vorstellen? Matthias Grünewald versuchte beide Seiten miteinander zu verbinden, indem er Jesus in einer Gloriole darstellte. Weit weniger überzeugend fand ich einen ähnlichen Versuch in einem Jesus-Film, der sich besonders nah an die Bibel anlehnte: Der Auferstandene tauchte in einem leuchtenden Gewand auf, mit einem entrückten Lächeln auf den Lippen. Es war ziemlich unerträglicher Kitsch.

Dagegen war die Darstellung im Film „Die Bibel – Jesus“ vom Regisseur Roger Young, den ich sonst für recht gelungen halte, für mich zu realistisch.

Und heute? Fromme Christinnen und Christen behaupten: „Jesus lebt.“ Aber Lukas hat ihn schon in den Himmel auffahren lassen (Lukas 24,51). Und wenn er heute irgendwo auftaucht, dann in einer Geschichte („Der Großinqusitor„), im Film („Jesus liebt mich„) oder im Glauben.

Wenn selbst 2000 Jahre theologischer Forschung die Frage nach der Auferstehung nicht klären konnten, dann soll es vielleicht ein Geheimnis bleiben. Ein Geheimnis kann man nicht lösen. Man kann sich ihm aber annähern.

Einmal habe ich es schon versucht, hier. Und dann während der Exerzitien in Bingen. Davon werde ich demnächst berichten.

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Bild: Matthias Grünewald, Isenheimer Altar, Auferstehung. Von hanneswave – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=161783rum zuzu30

Zungenrede und Prophetie

In der Kirche wird viel geredet. Dabei Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden ist eine bleibende Aufgabe. Schon Paulus hat diese Frage beschäftigt, zum Beispiel im 14. Kapitel des 1. Korintherbriefs. Davon sind die Verse 1-3 und 20-25 die Grundlage der Predigt gewesen, heute am 2. Sonntag nach Trinitatis. Eine Gelegenheit, sich ein paar Gedanken um das Reden im Gottesdienst – und darüber hinaus – zu machen.

 

Liebe Gemeinde!

Mit den Konfis habe ich seinerzeit jedes Jahr auch einen afrikanischen Gottesdienst besucht. In den letzten Jahren war ich hier am Sootbörn bei den Adventisten. Dort wird viel gesungen, lebendig gepredigt, und die Gemeinschaft ist beeindruckend. Noch bunter ging es allerdings bei den Lutheranern am Berliner Tor zu, die wir davor besuchten. Bei den Liedern tanzten Frauen durch die Bänke, ein Mann versuchte die Konfis wenigstens zum Klatschen zu animieren, was diese sichtlich überforderte. Und einmal fing einer an, in einer hohen Stimmlage zu reden. Und das war weder deutsch noch englisch noch Suaheli. Erst langsam erkannte ich: Der redet in Zungen, ein ekstatisches Gebet, das sonst keiner versteht. Weiterlesen

Auferstehung! Auferstehung?

Als gestern im Gottesdienst der Predigttext verlesen wurde, dachte ich spontan: Gut, dass ich nicht dran bin und darüber predigen muss. Paulus reflektiert über die Auferstehung, und er schreibt unter anderem: „Denn wenn es richtig ist, dass Tote überhaupt nicht auferweckt werden, dann wurde auch Christus nicht auferweckt. Wenn aber Christus nicht auferweckt wurde, dann ist euer Glaube vergeblich.“ (1. Korinther 15,16-17 nach der Basisbibel)

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Das leere Grab

Zweifel an der Auferstehung darf es also nicht geben, sonst können wir in letzter Konsequenz als Geistliche gleich unseren Beruf an den Nagel hängen und die Kirchen schließen. Andererseits glaubt nur die Hälfte der Kirchenmitglieder daran, dass Jesus von den Toten auferstanden ist.

Und die Bibel macht es einem nicht gerade leichter. Weiterlesen