Zungenrede und Prophetie

In der Kirche wird viel geredet. Dabei Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden ist eine bleibende Aufgabe. Schon Paulus hat diese Frage beschäftigt, zum Beispiel im 14. Kapitel des 1. Korintherbriefs. Davon sind die Verse 1-3 und 20-25 die Grundlage der Predigt gewesen, heute am 2. Sonntag nach Trinitatis. Eine Gelegenheit, sich ein paar Gedanken um das Reden im Gottesdienst – und darüber hinaus – zu machen.

 

Liebe Gemeinde!

Mit den Konfis habe ich seinerzeit jedes Jahr auch einen afrikanischen Gottesdienst besucht. In den letzten Jahren war ich hier am Sootbörn bei den Adventisten. Dort wird viel gesungen, lebendig gepredigt, und die Gemeinschaft ist beeindruckend. Noch bunter ging es allerdings bei den Lutheranern am Berliner Tor zu, die wir davor besuchten. Bei den Liedern tanzten Frauen durch die Bänke, ein Mann versuchte die Konfis wenigstens zum Klatschen zu animieren, was diese sichtlich überforderte. Und einmal fing einer an, in einer hohen Stimmlage zu reden. Und das war weder deutsch noch englisch noch Suaheli. Erst langsam erkannte ich: Der redet in Zungen, ein ekstatisches Gebet, das sonst keiner versteht. Weiterlesen

Auferstehung! Auferstehung?

Als gestern im Gottesdienst der Predigttext verlesen wurde, dachte ich spontan: Gut, dass ich nicht dran bin und darüber predigen muss. Paulus reflektiert über die Auferstehung, und er schreibt unter anderem: „Denn wenn es richtig ist, dass Tote überhaupt nicht auferweckt werden, dann wurde auch Christus nicht auferweckt. Wenn aber Christus nicht auferweckt wurde, dann ist euer Glaube vergeblich.“ (1. Korinther 15,16-17 nach der Basisbibel)

Exif_JPEG_PICTURE

Das leere Grab

Zweifel an der Auferstehung darf es also nicht geben, sonst können wir in letzter Konsequenz als Geistliche gleich unseren Beruf an den Nagel hängen und die Kirchen schließen. Andererseits glaubt nur die Hälfte der Kirchenmitglieder daran, dass Jesus von den Toten auferstanden ist.

Und die Bibel macht es einem nicht gerade leichter. Weiterlesen

Von menschlicher und göttlicher Weisheit

Predigt am 14. Januar 2018, am 2. Sonntag nach Epiphanias, in der Kirche am Markt in Niendorf

Predigttext: 1. Korinther 2, 1-10

Liebe Gemeinde!

Vor 30 Jahren dauerte es noch sechs Jahre, bis sich das Wissen der Menschheit verdoppelt hatte. Heute schaffen wir es innerhalb eines Jahres. Vor 30 Jahren habe ich noch ordnerweise Zeitungsartikel gesammelt – man konnte ja nie genug Informationen haben. Heute trage ich mit meinem Smartphone ganze Bibliotheken mit mir herum. Mein Problem ist es nicht mehr, Informationen zu bekommen, sondern diese Informationen zu sortieren, zu bewerten und für mich nutzbar zu machen: Was ist wichtig, was unwichtig? Was ist richtig, was ist falsch? Und vor allem: Was nützt mir, was nützt uns zu einem besseren Leben? Weiterlesen

* Rendezvous in Athen

Ein fiktives Gespräch mit Paulus, aufgezeichnet während der Exerzitien in Bingen im Juli 2016

Zu den Bibeltexten, die mir während der Exerzitien zur Meditation mitgegeben waren, gehörte auch Römer 1,18-32. Paulus zieht dabei in unglaublicher Weise über Nichtchristen her, und der ganze Abschnitt ist durchzogen von einer misanthropischen und homophoben Grundhaltung. „Das kann ich nicht akzeptieren“, meinte ich zu Pfarrer Mückstein – und dachte, damit wäre der Fall erledigt. Doch der Spiritual vermutete hinter meinen emotionalen Ausführungen einen inneren Konflikt. Etwas, das Ignatius „ungeordnete Anhänglichkeiten“ nannte, die unbedingt bearbeitet werden müssen, ehe man davon unbelastet den Weg weitergehen kann. Und er riet mir, mich mit Paulus auseinanderzusetzen. „Aber das habe ich doch schon getan“, meinte ich. „Schon“, war sein Einwand, „aber nur auf intellektueller Ebene. Mein Vorschlag ist: Gehen Sie zu ihm und sprechen mit ihm. Er ist, wie Sie, ein Mensch, der eine wichtige und befreiende theologische Entdeckung gemacht hat und das unbedingt weitergeben will. Möglicherweise sitzen Sie im selben Boot. Besprechen Sie das mit ihm. Und am besten laden Sie Jesus zum Treffen mit ein.“ 

Die Idee reizte mich. Und so arrangierte ich ein Treffen mit Paulus. Hier ist mein Bericht. Weiterlesen

Charisma und Gnadengaben

Eine Predigt zum ökumenischen Open-Air-Gottesdienst Pfingstmontag 16. Mai 2016, gemeinsam gehalten mit Pastor Eberhard Müller (Freie evangelische Gemeinde am Bondenwald)
Text: 1. Kor. 12, 4-11

20140609_114126.jpgDie Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.
Erik Thiesen (ET): Liebe Gemeinde, Willy Brandt hatte es.
Eberhard Müller (EM): Mahatma Gandhi mit Sicherheit.
ET: Anuthida hat es auch.
EM: Wer ist Anuthida?
ET: Anuthida machte mal bei „Germanys next Topmodel“ mit. Der Juror Thomas Hayo hatte es über sie gesagt.
EM: Ach so. Ja, und Hitler hatte es auch, leider.
ET: Dafür auch Jesus. Unbedingt.
EM: Und jetzt werden Sie sich fragen, was Brandt und Gandhi, Anuthida, Hitler und Jesus gemeinsam hatten?
ET: Sie hatten Charisma. Weiterlesen

Mit Paulus ins Gespräch

Der Apostel Paulus war ein vielschichtiger und wohl auch schwieriger Mensch. Für mich sind seine Gedankengänge nicht selten eine Herausforderung, sein „Hohelied der Liebe“ genial und seine Einstellung zu Homosexualität und Frauen eine Katastrophe. Als mir dann während der Exerzitien in Bingen zur Aufgabe gemacht wurde, über Römer 1, 26-27 nachzudenken, habe ich dem Pfarrer mit Nachdruck meine Meinung gesagt. Er hat mir nicht ausdrücklich widersprochen, es aber auch nicht so stehen lassen.

Denn er vermutete, dass hinter meinen Emotionen mehr stecken könnte. Paulus und ich, so meinte er, wären uns ähnlicher als ich zugeben würde. Beide hätten wir uns mit einem engen Gottesbild auseinandergesetzt, und beide hätten wir uns daraus befreit.

Und Pfarrer Mückstein machte einen interessanten Vorschlag: „Laden Sie Paulus ein oder besuchen Sie ihn“, meinte er. „Und am besten bitten Sie Jesus selbst dazu. Und dann unterhalten Sie sich über Ihre Erfahrungen.“ Weiterlesen