Parallelgesellschaft

Nach meiner privaten Theorie hat der Norddeutsche an sich seinen Wikingerglauben nie ganz abgelegt. Die Götter unserer Vorfahren waren, im Unterschied zum Gott der Bibel, grundsätzlich bedrohlich. Wenn sie auftauchten, wurde es gefährlich: auf See, in der Schlacht, bei der Ernte, in der Nacht. Im besten Fall bekam man später einen anständigen Platz in Walhalla. Die Menschen wurden von Geistern geängstet und gequält. Entsprechend hielt man sich tunlichst von ihnen fern. Und die Geistlichkeit hatte genau diese Aufgabe, sie zu bannen – oder, wenn sie schon mal da waren, sie zu besänftigen.

Warum also, so die norddeutsche Überzeugung, muss ich zur Kirche, wenn es mir gut geht? Erst zu den prekären Zeiten wird sie gebraucht: Bei Geburt und Tod, in der Pubertät oder bei der Hochzeit, bei Ernte und dann, wenn es dunkel ist: im tiefen Winter. Dann ist die Kirche traditionell auch knallvoll. In der modernen Gesellschaft haben sich die Bedingungen gewandelt, das Prinzip aber ist geblieben – wenn man sich z.B. den Boom der Schulanfängergottesdienste anschaut; dieser Lebensübergang ist ja vor allem für die Eltern angstbesetzt.

In Brinkebüll aber ist diese Naturerfahrung noch unmittelbar. Die Nordfriesen, so erzählt Dörte Hansen in der „Mittagsstunde“, seien „gegen jeden Glauben imprägniert“. Alles Göttliche liefe ab an ihrem Fell wie Wasser am Gefieder einer Gans.

Gemeint ist natürlich der Gott der Bibel, den die Pastoren den Menschen nahe bringen wollen. Die Menschen aber glauben an einen anderen Gott, der näher an ihren eigenen Erfahrungen ist: Unberechenbar und bedrohlich wie die Natur. Und der geht es „gar nicht um das bisschen Mensch“, wie Dörte Hansen am Anfang und am Ende ihres Buches betont. Der Mensch kommt und geht, aber größer noch, wichtiger und beständiger ist das Altmoränenland, der Wind, die Natur.“ Und so hatte „der Gott, an den Sönke Friedrichsen glaubte, nicht viel Väterliches, und besonders gnädig war er auch nicht, nur gerecht“. So einer überhört am besten die lebensferne Botschaft des fremden Evangeliums: „Verrückte und Pastoren, einfach klappern lassen.“ Evangelium auf der Geest ist das, was hilft, in diesem Leben zurecht zu kommen. Und so wird das biblische Sabbatgebot denn auch zur „Middachstunde“, zur heiligen Ruhe mitten am Tag: An ihm darfst du keine Arbeit tun: du und dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin und dein Vieh und dein Fremder in deinen Toren. (2. Mose 20,10)

Es gab allerdings auch Pastoren, die den Zugang zu ihrer Gemeinde fanden. Sie ehrten die Alten mit ihrem Besuch bei runden Geburtstagen. Sie nahmen selbstverständlich am Beerdigungskaffee teil. Sie sagten nicht nur Moin, sie sprachen platt und sahen, wann ein Schwein reif für den Schlachter war. Sie achteten auf die Moral in der Gemeinde, sahen dann aber nicht mehr so genau hin. Und wenn man dann mal zur Kirche ging, hörte man lebensnahe Predigten, nicht so pastoral.

Pastor Ahlers hat diesen Ton offensichtlich nicht ganz getroffen. Sein Zuhause war eher das Studierzimmer. Bis zuletzt hoffte er „mit aller Demut und Sanftmut, mit Langmut, die Seelen zu erquicken und sie aus den dunklen Tälern zu befreien“. Die Seelen aber hatten andere Sorgen.

In meiner Heimatgemeinde Toestrup gab es nun vor hundert Jahren einen Pastor, der sich noch einmal in ganz anderer Weise den Erwartungen widersetzte. Ja, er machte unzählige Hausbesuche. Aber sein Ziel war kein unverbindlicher Klönschnack. Er wollte Seelen zu Jesus bekehren. Er achtete auf die Moral in der Gemeinde und sah auch im Nachhinein genau hin. Als Christ, so seine Botschaft, spielt man keine Karten, man trinkt nicht und lässt die Ehefrau des Nachbarn in Ruhe.

Und siehe, einige Familien ließen sich überzeugen. Zumal dieser Schritt auch mit wirtschaftlichen Vorteilen verbunden war: Man hatte morgens beim Melken einen Kirche Toestrupklaren Kopf, nicht schon die Hälfte der Haushaltskasse verspielt, und das Verhältnis zum Nachbarn war wesentlich gelassener geworden.

Der Kröger im Nachbardorf schenkte nur noch Nichtalkoholisches aus und stellte seinen Gastraum dem kirchlichen Posaunenchor zur Verfügung. Und die Gottesdienste waren auch an normalen Sonntagen gut besucht.

Als mein Vater in der Gemeinde seinen Hof baute, verstand er sich besonders gut mit diesen Familien. Er selbst gehörte zur Gemeinschaft in der Landeskirche, einer Art Freikirche innerhalb landeskirchlicher Strukturen. Und auch meine Mutter gehörte zu den Frommen im Lande. Sie war geprägt von der Breklumer Mission, die 1876 vom Pastor Christian Jensen gegründet worden war. In ihrem Heimatdorf Vollstedt gab es einen aktiven „Missionsnähkreis“, jedes Jahr räumte ein Bauer seine Scheune für das „Missionsfest“, und meine Großmutter hielt am Sonnntagnachmittag die „Sonntagsschule“, in der sie uns und Kindern aus dem Dorf biblische Geschichten beibrachte.

In dieser Welt bin ich groß geworden. Wir lebten in einer Parallelgesellschaft, gut vernetzt bis nach Hamburg – in einer Zeit, in der die meisten Angeliter knapp hinter die Schlei guckten, durchaus ungewöhnlich. Unser Jugendchor kooperierte mit einem anderen aus Altona, und die „Gemeinschaft“ veranstaltete ihre Jahrestreffen in den Holstenhallen in Neumünster. Viele von ihnen sahen wir auf dem Jahresfest des „Elisabethheims“ wieder, einem Waisenhaus in Havetoft zwischen Flensburg und Schleswig. Und beim Jahresfest der Breklumer Mission kamen Delegierte aus der ganzen Welt ins dörfliche Schleswig-Holstein. Mag die Frömmigkeit auch eher eng gewesen sein, der Blick ging weit über den Tellerrand hinaus.

Auch über den der eigenen Gemeinschaft. Bewusst engagierten sich viele Mitglieder in Kirchenvorständen und leitenden Gremien der Landeskirche – durchaus mit missionarischem Impuls: Nach unserer Vorstellung waren die „Kirchenchristen“ mit dem rechten Evangelium eher unterversorgt und von modernen Theologien unterwandert. Das führte manchmal zu harten Auseinandersetzungen und Abgrenzungen, aber auch zum Austausch und besserem Verständnis füreinander.

Es war nicht immer leicht, in einer solchen Parallelgesellschaft zu leben. Wir waren vielleicht nicht unbedingt Außenseiter, aber doch etwas Besonderes – und fühlten uns auch so. Wenn andere erzählen, wieviel Spaß sie in ihrer Jugend gehabt, auf Feten geknutscht und am Strand  abgehangen haben, dann erzähle ich von der Arbeit in der Ernte und dem Schülergebetskreis.

Andererseits habe ich von der frommen Atmosphäre sehr profitiert. Wir fragten immer nach den wirklich wichtigen Dingen: Gibt es einen Gott, einen Sinn? Was hält unsere Welt zusammen? Wie wollen wir leben? Und Spaß hatten wir durchaus auch.

Und dann ging mein Weg ja weiter. Im Studium, in der Ferne konnte ich dann für mich ganz neue Erfahrungen machen.

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Das Beitragsbild zeigt die Nicolaikirche zu Bredstedt, zu deren Kirchengemeinde Högel – und damit wohl auch Brinkebüll – gehört: Von Goegeo – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3838642
Bild im Text: St. Johanniskirche zu Toestrup © Erik Thiesen

Hirte und Herde

Im Mittelpunkt dieses Sonntags „Misericordias Domini“ (die Barmherzigkeit Gottes) steht das Bild vom Hirten, der auf seine Herde aufpasst und für sie sorgt. Jesus bezeichnet sich selbst als „guter Hirte“ (Johannes 10, 11-16), die Gemeinde spricht den 23. Psalm („Der Herr ist mein Hirte…“), und der Pastor (lat. für „Hirte“) hält die Predigt, deren Grundlage 1. Petrus 5, 1-4 auch vom Hirten spricht. Passt doch alles zusammen, oder?

 

Liebe Gemeinde!

Seit Kurzem sind wir auch bei Netflix und können uns aus dem Internet eine Menge unterschiedlicher Filme herunterladen. Wir haben dort die Serie „House of Cards“ für uns entdeckt. Sie spielt in Washington D.C., und die Hauptfigur ist ein Unsympath mit Namen Frank Underwood. Er ist ein Intrigant, absolut herzlos und ohne Moral und nur an seiner eigenen Karriere interessiert, für die er auch buchstäblich über Leichen geht. Andererseits zeigt er auch ziemlich gut, wie Politik geht. Weiterlesen

Das „Eigentliche“

Die Verwaltung der Gemeinde hat mich damals ganz schön in Atem gehalten. Und sie hätte gut und gerne auch ein Fulltime-Job sein können. Aber da waren ja auch noch die anderen Aufgaben – eigentlich die „eigentliche“ Arbeit im Pfarramt: Seelsorge und Konfirmandenunterricht, Gottesdienste aller Art, incl. der sogenannten „Kasualien“: Taufe, Trauung und Beerdigung. Und die Seniorenarbeit. Und der Kindergarten. Nicht zu vergessen Hauskreise und Diskussionsveranstaltungen wie „Forum Kirche“. Pastorenkonvente und ökumenische Treffen.

Manchmal war es schwer, zwischen Pflicht und Kür zu unterscheiden. Aber hätte ich „nur meine Pflicht getan“ – ich hätte wahrscheinlich schnell den Spaß am Beruf verloren. Weiterlesen

Gottes Stellvertreter

Ein Vorbild im Glauben soll er sein, unser Pastor – oder sie, unsere Pastorin. Und sein Lebenswandel sei untadelig. Und vor allem: Immer und überall ansprechbar. Manche mögen nun sagen: Das ist aber ein sehr altmodisches Pastorenbild. Aber selbst wenn wir in den Gemeinden liberaler geworden sind – so steht es im Pfarrergesetz.

Im Fachjargon heißt das Residenzpflicht. Mir als Pastor wird von der Gemeinde eine Wohnung zur Verfügung gestellt. Im Gegenzug stelle ich meine gesamte Zeit, meine Kraft und meine Wohnung der Gemeinde zur Verfügung. Eine Trennung von privat und dienstlich ist nicht vorgesehen, weder zeitlich noch räumlich. So heißt es in einem Kommentar zum Pfarrergesetz von 1994. Weiterlesen

Ein neues Leben

So fühlt es sich also an.

Am Abend des 16. April 1991 fuhr ich die Breitenfelder Straße herunter in Richtung Jerusalem-Krankenhaus, und mein Bauch sagte mir: Jetzt geschieht etwas Bedeutendes. Mein Bauch hat nicht immer Recht, diesmal aber schon. Denn neben mir saß Ute, die eine halbe Stunde vorher in mein Arbeitszimmer gekommen war mit den Worten: Es geht los. Wir sollten also Eltern werden.

Das erhabene Gefühl sollte nicht lange andauern. Denn vor uns lagen viele Stunden Mühsal und Schmerzen. Am nächsten Morgen rief ich Propst Rogmann an, um den Pastorenkonvent abzusagen, auf dem ich mich hatte vorstellen sollen. Es sollte dann noch eine gute Stunde dauern, bis Rasmus mit der Saugglocke geholt wurde. Von dieser Prozedur behielt er noch einige Monate eine lustige Kopfform, bis auch die verschwand.

Was nicht verschwand, war sein Hang zu Bauchschmerzen. Und so lebten wir im Sommer ’91 praktisch in einem permanenten Ausnahmezustand: Ich machte die ersten Schritte in der neuen Gemeinde, Rasmus wollte möglichst ständig getragen werden – und gleichzeitig blieb dieses Gefühl: Wir sind Eltern, Mutter und Vater. Wir sind eine Familie. Wir sind verantwortlich für ein Leben, von nun an für immer. Wir hörten Reinhard Mey, Mein Apfelbäumchen, und wussten und erlebten: Was er sang, stimmt. Jedes einzelne Wort: „Keine ruhige Minute ist seitdem mehr für mich drin. Und das geht so, wie ich vermute, bis ich hundert Jahre bin.“ oder: „Abends an deinem Bett zerrinnt das Wichtige zur Nichtigkeit“. Und beim „Kleinen Kameraden“ laufen besonders Utes Gefühle Amok, immer noch.

Rasmus forderte uns, eigentlich zu 100%. Dazu kamen noch die 100%, die ich für den Beruf aufbringen musste und wollte. Denn nicht nur die Gemeinde erwartete, dass ich im Prinzip 24 Stunden an 7 Tagen der Woche für sie bereit stand. Auch das Pfarrergesetz setzte es voraus. Und nicht zuletzt war es das Pastorenbild, das ich schon aus dem Elternhaus mitbrachte.

Und das führte zu heftigen familiären Auseinandersetzungen. Es dauerte, bis wir zu einem halbwegs tragbaren Kompromiss kamen – der im Lauf der Jahre immer wieder nachverhandelt werden musste.

Trotzdem wurden wir Wiederholungstäter. Und darüber waren wir uns von Anfang an einig. Maj-Britt und Inga waren genauso wie der ältere Bruder absolute Wunschkinder. Und sie sollten uns nicht enttäuschen. Jedes einzelne von ihnen hat uns im Lauf der Jahre unendlich viel mehr Freude gebracht als Schwierigkeiten gemacht. Sicher, sie haben uns immer wieder herausgefordert. Aber wir wollten es so. Und haben es nie bereut.

Heute wohnen wir alle in Niendorf. Und wenn wir unsere Kinder fragen, warum nicht in einem anderen Stadtteil oder in einer anderen Stadt, antworten sie: „Weil hier unsere Familie wohnt.“

 

Großstadtkirche

Schon als Jugendliche wollte Ute gerne in Eppendorf leben. Ihr Wunsch sollte sich erfüllen. 1989 wurde eine Pfarrstelle in der Gemeinde St. Martinus vakant, und als man mich fragte, sagte ich zu. Damit ging auch für mich ein Wunsch in Erfüllung: In Waabs hatte ich in einer richtigen Dorfgemeinde gearbeitet, in der fast alle zur Kirche gehören. Nun wollte ich das andere Extrem kennenlernen: eine richtige Großstadtgemeinde, in der die Kirche nur noch eine geringe Rolle für die Menschen spielt.

St. Martinus liegt im „roten“ Eppendorf, zwischen Café Borchers und dem UKE. Hier wurde Wolfgang Borchert geboren, und hier wohnte Ernst Thälmann. Das Viertel ist  beliebt bei Studenten und ist sehr städtisch geprägt. Zwar wohnen in den  Stiften zwischen Fricke- und Tarpenbekstraße auch viele Seniorinnen und Senioren. Insgesamt aber gilt: Die Kirche liegt hier nicht im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung.

Anders ist es im „schwarzen“ Eppendorf, an der Alster gelegen und mit der „Hochzeitskirche“ St. Johannis als Mittelpunkt. Wer hier wohnt, kann es sich leisten, ist eher konservativ und eher kirchlich. Die beiden damaligen Pastoren passten gut dazu. Dr. Ottfried Jordahn, ein Experte für Fragen der Gottesdienstliturgie, und Ulrich Rüß, bis heute Vorsitzender der „Kirchlichen Sammlung um Bibel und Bekenntnis„, waren sehr kirchlich und sehr konservativ.

St Marien

St. Marien

Im Oktober 1989 zogen wir in die Tarpenbekstraße. Und dort starteten Ute und ich in unser größtes Abenteuer. Wir heirateten am 9. Dezember, in Utes „Heimatkirche“ St. Marien – damals Fuhlsbüttel, heute Ohlsdorf. Es war natürlich die schönste Hochzeit aller Zeiten:

Hochzeitszeitung

Original und

NA Taschenbuch2

Fälschung

Der Gottesdienst mit Pastor i.R. Schiel, der Marien-Kantorei und einem spontanen Chor der Familie, Polterabend und standesamtliche Trauung vorher, die Feier in der „Mellingburger Schleuse“ nachher mit den wunderbaren Beiträgen – nachzulesen in der Hochzeitszeitung „Sich begegnen“.

Und dann, am 1. Januar, begann ich offiziell mit der Gemeindearbeit. Nach dem Wunsch des Kirchenvorstands sollte ihr Schwerpunkt in der Jugendarbeit liegen. Damit wollte ich mir allerdings Zeit lassen, bis ich ehrenamtliche Mitarbeitende gefunden hatte. Erst einmal wollte ich die Gemeinde und den Stadtteil besser kennenlernen – und merkte schnell, dass man dort nicht wirklich auf mich gewartet hatte. Ich stellte mich z.B. bei den Schulen vor – die freundlichste Reaktion, an die ich mich erinnere, war: „Wenn Sie wollen, können Sie ja mal was zum Reformationstag machen.“ Auch das Kulturhaus gegenüber machte auf mich beim ersten Besuch eher einen linkspolitisch-kirchenkritischen Eindruck. Da hatte ich also noch einen weiten Weg vor mir.

Sankt Martinus

St. Martinus

Um die Gemeinde besser kennenzulernen, luden wir nacheinander alle Kirchenvorstandsmitglieder zu einem Raclette-Abend ein und sangen in der Kantorei mit.

Dann lernte ich Heiko Fuß kennen, und zusammen begannen wir die Jugendarbeit. Bald kamen bis zu 30 Jugendliche zur Teestube am Mittwoch. Am Freitag ging ich in die Kita. Und mit den Ausschüssen am Montag, der Kantorei am Dienstag, dem Bibelkreis am Donnerstag und Gesprächen an den anderen Abenden war ich ganz gut ausgelastet. Und es bedeutete, dass sich Ute und ich meistens die Klinke in die Hand gaben: Wenn sie von der Arbeit kam, ging ich aus dem Haus. Das hat in unserer jungen Ehe zu manchen intensiven Diskussionen geführt.

Sankt Martinus KircheDie Kirche war wie in Eirene ins Gemeindehausensemble integriert. Sie wurde nach dem Krieg als „Bartning-Notkirche“ gebaut, mit viel Holz und einer sehr schönen Atmosphäre. Ich habe hier sehr gerne gepredigt. Und der Kirchraum hatte direkten Zugang zum Gemeindehaus auf der einen und der Altentagesstätte auf der anderen Seite. Nach dem Gottesdienst roch man schon den Kaffee – das Nachgespräch war regelmäßig gut besucht.

In der Gemeinde konnte man die Zweiteilung des Stadtteils wiedererkennen. Auf der einen Seite engagierte sich eine Reihe von Gemeindegliedern in einer politisch eher links orientierten Friedens- und Männerarbeit, die mein Vorgänger gegründet hatte. Sie hatten wohl erwartet, dass ich in seine Fußstapfen treten würde. Doch obwohl wir auch Gottesdienste miteinander gestalteten, wurden wir nicht recht warm miteinander. Warmbadetag

Das war anders mit dem anderen Schwerpunkt der Gemeinde, der Senioren-Begegnungsstätte. Ich war dort regelmäßig zu Gast, und die Nachmittage waren, wie es ein Kollege einmal genannt hatte, der „Warmbadetag des Pastors“. Dieses Wort schenkten mir die Seniorinnen als selbst gemaltes Bild dann auch zum Abschied.

Der sollte dann schneller kommen als geplant. Da ich anfangs noch „Pastor zur Anstellung“ – so etwas wie zur Probe – war, musste die Stelle neu ausgeschrieben werden. Der Kirchenvorstand hätte zwar auf die Ausschreibung verzichten und die Stelle mit mir besetzen können. Dazu hätten 2/3 aller Mitglieder mit Ja stimmen müssen; Enthaltungen und Nichtanwesenheit wurden damit zu Nein-Stimmen. Es wurde knapp, und dann reichte es doch nicht ganz. Eine Gemeindeversammlung beantragte zwar fast einstimmig, diese Entscheidung noch einmal zu überprüfen. Doch wir entschieden uns dazu, von uns aus zu gehen. Es wurde dann ein eher schmerzlicher Abschied.

Aber anders wäre ich nie nach Niendorf gekommen.

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Bild 1: Kirche St. Marien, früher Fuhlsbüttel, jetzt  Ohlsdorf, by Dirtsc – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28310840
Bild 2: Kirche St. Martinus, von Claus-Joachim Dickow – Self-photographed, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11047365.
Bild 3 und 4: (c) Erik Thiesen