Die beste Hochzeit aller Zeiten

Die Hochzeit ist ein tolles Fest: Zwei Menschen sagen: Wir wollen zusammen bleiben unser Leben lang. Der Weg zu dieser Entscheidung war manchmal schwierig. Und der Ehealltag liegt noch vor ihnen. An diesem Tag aber feiern wir ihre ungetrübte Partnerschaft. Ich liebe Trauungen.

Das geht nicht allen meinen Kolleginnen und Kollegen so. Öfters schon hörte ich die Klage: „Bei diesem Fest sind wir doch nur die Zeremonienmeister.“ Und ich denke: Ja, genau das möchte ich sein. Ein guter Meister der Zeremonie.

Denn eine gute Zeremonie ist viel mehr als schöner Schein. Sie ist gleichzeitig Ausdruck unserer Gefühle und Einstellungen und vertieft sie noch. In der Kirche nennen wir sie „Liturgie“. Auf sie wollen wir ja auch in keinem Gottesdienst verzichten.

Zugegeben, die meisten Brautpaare setzen bei der Zeremonie in der Regel andere Schwerpunkte als wir Geistliche. Wir würden gerne den Segen in den Mittelpunkt stellen, oder die Liebe und die Treue. Und dann reden wir hauptsächlich übers Fotografieren und über den Einzug der Braut.

Als ich meine prinzipielle Aversion gegen diese Wünsche einmal überwunden hatte, fand ich die Diskussionen darüber ausgesprochen spannend. Was passiert eigentlich beim Segen? Kann man dieses Geschehen mit einem Foto reproduzieren? In gewisser Weise ja, denn das Foto erinnert uns an die Gefühle, die wir in dieser Situation hatten. Und wir können sie auch später mit anderen teilen – das ist ja geradezu der Sinn eines Fotos. Aber ist es nicht angemessener, gerade beim Segen aufs Foto zu verzichten – um einen Raum zu schaffen für ein Ereignis und ein Erlebnis, das wir weder durch Bild noch durch Wort vermitteln können? Manche Paare hatten für solche Gedanken ein offenes Ohr, anderen blieben sie eher fremd.

Oder der Einzug der Braut mit ihrem Vater. Bis Anfang der Neunzigerjahre spielte dieser Brauch in Deutschland praktisch keine Rolle. Dann kamen Linda de Mol mit ihrer „Traumhochzeit“ und die Adelshochzeiten im Fernsehen. Und innerhalb von 15 Jahren wurde die bis dahin nur im angelsächsischen Raum vorherrschende Tradition zum festen Bestandteil deutscher Trauungen. Wir Geistliche waren dagegen. Weil der Ursprung allzu offensichtlich mittelalterlich war: Die Frau, vor der Ehe Eigentum des Vaters, wird nun zum Eigentum des Ehemannes. Warum um alles in der Welt tun sich das aufgeklärte Frauen an???

Auf die Spur brachte mich ein Artikel im Deutschen Pfarrerblatt: Mit dieser Tradition werde die Ablösung vom Elternhaus noch einmal zeremoniell begangen. Das konnte ich nachvollziehen. Aber wo bleibt der Mann und seine Familie? Und ich begann mit den Paaren zu experimentieren. Jetzt ziehe ich unter Glockengeläut mit dem Ehemann ein, die Gemeinde erhebt sich, und kurz darauf folgt die Braut mit ihrem Vater, und die Orgel beginnt zu spielen. Die Rolle der Bräutigamsfamilie kann dann individuell gestaltet werden. Ich fühle mich ganz wohl mit dieser Regelung.

Ein anderer Punkt sind die Lieder. „Lobe den Herren“ konnten viele noch mitsingen. Und oft kam auch die Gitarre zum Einsatz. „Herr deine Liebe“ war fast schon Standard. Aber ich mochte auch, wenn die Kirche bei „Laudato si“ ins Schwingen kam. Oder wenn die Orgel ein wunderbares Stück zum Auszug spielte.

Und ich habe mich immer gefreut, wenn die Gemeinde durch die Predigt nicht nur etwas zum Nachdenken, sondern auch etwas zum Schmunzeln hatte.

Natürlich steht mein Urteil fest, welche die beste Hochzeit aller Zeiten gewesen ist: meine eigene! Natürlich sind wir gemeinsam eingezogen. Der St.-Marien-Chor sang „Alles, was ihr tut“, unseren Trauspruch. Ein zweiter Chor aus Mitgliedern der Familie trat ganz überraschend auf. Pastor i.R. Schiel hielt die Ansprache, wir feierten gemeinsam das Abendmahl. Und die Erinnerungen daran werden mit jedem Jahr schöner, denn es gibt keine Bilder vom Gottesdienst, die sie verfälschen könnten 🙂

Es macht mich allerdings auch glücklich, wenn auch die Paare, für die ich „Zeremonienmeister“ sein durfte, sagen: „Das war die beste Hochzeit aller Zeiten.“

Meine „Lucille“

BBKing.JPGEr war einer der Größten. Vor drei Jahren ist er gestorben: B.B. King, der Blues-Sänger. Einer seiner bekanntesten Songs und sein vielleicht persönlichster ist eine Hommage an seine Gitarre Lucille. Oder besser: seine Gitarren, denn er besaß wohl 16 von ihnen.

Im Gegensatz zu meinem Idol bin ich eher monogam veranlagt: In meinem Leben habe ich nur eine Gitarre besessen – und habe ihr noch nicht einmal einen Namen gegeben. Und doch haben wir nicht nur eine langjährige, sondern zuzeiten auch eine sehr intensive Beziehung gehabt.

Begonnen hat unsere Affäre schon vor 41 Jahren, genau am 26. März 1977. Es waren meine ersten Semesterferien, und Friedrich hatte mich eingeladen, ihn zuhause in Selbitz zu besuchen. Ganz in der Nähe sollte es auch gute und günstige Gitarren geben – Ibanez Rgund ich wollte eigentlich schon länger eine haben.

Wir fuhren also zu Richard Hägele in Bobengrün. Es war Liebe auf den ersten Blick. Eine Ibanez Concorde 696/6. Aber der Preis! Mit Kasten 440 DM! Das war mehr als 2/3 meines Monatseinkommens. So viel hatte ich noch nie auf einmal ausgegeben. Ich steuerte also auf die nächste Telefonzelle zu und rief rief zuhause an, um mir Rat und Weisung von meiner Mutter zu holen. Sie aber ließ mich im Stich. „Sieh dir dein Konto an“, meinte sie, „dann die Gitarre, und dann überlege, ob sie dir das wert ist.“ Ich gestehe, dass ich von dieser Auskunft erst einmal enttäuscht war. Im Nachhinein aber erkannte ich: Dieser Rat war der beste, den sie mir geben konnte – nämlich selbst zu entscheiden und für diese Entscheidung die Verantwortung zu übernehmen.

gitarre4.jpgIm Grunde war die Gitarre schon damals ein absolutes Schnäppchen. Und wenn ich daran denke, was ich mit ihr schon erlebt habe, dann war sie eine der besten Investitionen meines Lebens.

Auf ihr lernte ich meine ersten Pickings. In Heidelberg saß ich mit ihr vor Tonbandgerät und Songbook von Leonard Cohen und sang mich in den Weltschmerz hinein. Neben der „letzten ihrer Art“ und der Bibel war sie wohl mein einziger Besitz, der mich überall hin begleitet hat: In Berlin sang ich mit Fiete plattdeutsche Lieder, in Basel versuchte ich damit ein Mädel zu beeindrucken (vergeblich), in Hamburg lenkte sie mich von den Examensvorbereitungen ab, und in Waabs und Eppendorf unterstützte sie mich in der Jugendarbeit.

Und dann kam Niendorf. Bei Taufen gehörte mindestens ein Lied auf der Gitarre zum Gitarre KinderRepertoire. Im Kindergarten war sie eine unschätzbare Begleiterin. Und als ich merkte, dass „Herr deine Liebe“ auf Gitarre bei Hochzeiten gut ankam, bot ich diesen „Service“ regelmäßig an. Und es dauerte nicht lange, bis ich darauf angesprochen wurde: „Sie sind doch der Pastor mit der Gitarre?“

Nicht alle teilten allerdings meine Begeisterung. Als ich nach Niendorf kam, war Gerhard Emde hier Kirchenmusiker. Er konnte ohnehin mit moderner Musik nicht so viel anfangen – und man sagte, dass die Moderne für ihn irgendwo Anfang des 19. Jahrhunderts begann. Gitarre im Gottesdienst? Ein No-go. Nach kurzer Zeit spielte bei Hochzeiten seine Frau, die auch eine gute Musikerin war.

Hans-Jürgen Wulf war da schon sehr viel toleranter. Auch wenn ich merkte, dass er an Kirchenmusik deutlich höhere Ansprüche stellte als ich mit „Herr deine Liebe“ und „Laudato si“ zu bieten hatte, kamen wir doch gut miteinander aus. Und mit Gudrun Fliegner versuchte ich mich sogar im Duett.

Das war aber gar nicht so einfach, weil ich mir inzwischen meinen eigenen, etwas eigenwilligen Stil angeeignet hatte. Auch eine Fortbildung beim Fachbereich Popularmusik der Nordkirche konnte daran wenig ändern.

Gitarre1Meine Gitarre! Jahrelang hatte sie in der Sakristei der Kirche am Markt ihr Zuhause. Nun haben wir sie zu uns geholt und sie darf jetzt in einer Ecke unseres Arbeitszimmers wohnen. Die Beziehung ist noch da, aber sie kann nicht mehr wie früher gepflegt werden. Die Erhaltungstherapie zieht neben den Füßen besonders die Fingerkuppen in Mitleidenschaft. Ich werde also zumindest eine längere Pause einlegen müssen.

Aber die Emotionen bewegen mich immer noch. Mit ihr konnte ich die Melancholie ebenso zum Ausdruck bringen wie die Begeisterung. Sie hat mich mit Menschen verbunden und sie hat – hoffentlich nicht nur mir – viel Freude gemacht.

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B.B. King: By Roland Godefroy – Self-photographed, CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1854206

Lichtblick der Woche

Hoffnung ist die Fähigkeit,
die Musik der Zukunft zu hören.

Glaube ist der Mut,
in der Gegenwart danach zu tanzen.

Peter Kuzmic

Diesen schönen Lichtblick bekamen wir von Britta.

Bild: Wandmalerei aus einem Grab in Theben, um 1400 v.Chr. Quelle: The Yorck Project (aus: Wikipedia)