Get-together im Forum Hafencity

Seit einem guten Jahr beobachte ich nun das Feld „Social Media und Kirche“. Und mein Eindruck ist nach wie vor: Wenn da etwas wächst, dann wächst es sehr langsam. Das gilt aber nicht nur für die Kirche allgemein, sondern auch für mich persönlich. Das ist mir noch einmal aufgefallen beim Get-together in der letzten Woche im Forum Hafencity zum Thema „Social Media – best practice“, das von den beiden Hamburger Kirchenkreisen veranstaltet wurde. Thomas Hoffmann berichtete, wie sie in der Bergedorfer Petri-und-Pauli-Kirche Facebook nutzen, Anne Rütten twittert für die Diakonie, Inga Schwerdtfeger zeigte Instagram-Bilder der letzten Jugendskifreizeit und der Einsegnung Ehrenamtlicher, und ich durfte über diesen Blog berichten. Weiterlesen

Sich begegnen

Projekt „neu anfangen“ – das ist für mich mehr als der Beginn meiner beruflichen Laufbahn, mehr auch als eine groß angelegte Werbeaktion der Kirche. Das Projekt zeigt, wie Kirche auch sein sollte – und sein könnte: Sie geht auf die Menschen zu. Sie möchte ihnen begegnen. Sie möchte nicht belehren, sondern über den Glauben ins Gespräch kommen. Sie wendet sich nicht nur an Kirchenmitglieder, sondern an alle Menschen. Sie aktiviert und übt das Sprechen über den Glauben ein. Und: Sie begeistert.

Eine meiner Aufgaben damals war, Gemeinden vom Mitmachen zu überzeugen. Und ich konnte nicht wirklich verstehen, warum sich einige dagegen entschieden.

Am Ende aber waren es 33 Gemeinden, davon 21 lutherische, 6 katholische und 6 freikirchliche rund um die Alster bis nach Fuhlsbüttel im Norden. 1.200 Mitarbeitende riefen 90.000 Menschen an und schenkten 28.000 von ihnen das Taschenbuch „Sich begegnen“. Schließlich kamen 2.800 Interessierte in 400 Gesprächsrunden zusammen, um über den Glauben zu reden, von denen 160 Runden über die Aktion hinaus Bestand hatten.

Aber bis dahin war es ein weiter Weg. Nicht nur die Gemeinden, sondern vor allem Freiwillige mussten gefunden werden, die in den vorbereitenden Ausschüssen und Arbeitsgruppen mitmachten.

Da war die Technik und Organisation: Die Adressen mussten einzeln aus dem Hamburger Telefonbuch abgeschrieben und in digitale Form gebracht werden. Dann wurden sie mit der Straßenliste der Kirche sortiert und in die entsprechenden Gemeinden verteilt. Dazu lief der Privat-Atari (für die Jüngeren: der beste PC ever) der Familie Baur tage- und nächtelang. Dann wurden in den Gemeindezentren Callcenter auf Zeit eingerichtet. Die Finanzierung musste gesichert und der Datenschutz abgeklärt werden.

Oder die Öffentlichkeitsarbeit: Während der Aktionsphase wurde nicht nur in Gemeindebriefen und regionalen Zeitungen informiert. Die überregionale Presse, Funk und Fernsehen berichteten, riesige Werbetafeln wurden aufgestellt, und Busse fuhren auf ausgewählten Linien mit dem Logo von „neu anfangen“ durch die Stadt. Vor dem ersten Telefonat sollten möglichst viele Hamburger davon gehört haben. NA Redaktion

Der für mich wichtigste Ausschuss war derjenige, der das Taschenbuch erarbeitete – obwohl ich mit ihm direkt kaum etwas zu tun hatte. Es lag eher am Redaktionsteam. Genauer: An einer Person dieses Teams…

na-taschenbuch2.jpgZu den Autoren, die für das Taschenbuch gewonnen werden konnten, gehörten bekannte Persönlichkeiten ebenso wie Menschen aus der Region, eine bunte Mischung.

Und schließlich mussten die Mitarbeitenden motiviert und trainiert werden. Dazu wurden die Seminare des Gemeindedienstes (Cursillo, „Dimensionen des Gebets“ u.a.) ebenso genutzt wie die Angebote der Gemeinden und übergemeindlichen Einrichtungen.

Und dann wurden alle Mitarbeitenden zu einer Kreuzfahrt auf der Elbe eingeladen – einmal von Hamburg nach Glückstadt und zurück. Die Organisation war für mich etwas aufwändiger. „Nach der Kreuzfahrt“ ist für Ute und mich zum Synonym geworden für: Dann werden wir wieder mehr Zeit füreinander haben.

Nach der ganzen Vorbereitung war die „heiße Phase“ mit Telefonieren, Taschenbücher verschenken und Gesprächsgruppen für mich dann fast schon entspannt. Anschließend musste dann die Nacharbeit geleistet werden: Statistische Auswertung und Überlegungen zur Weiterarbeit in den Gemeinden.

St. Martinus, eine der beiden Eppendorfer Gemeinden, sollte ich dann noch genauer kennenlernen.

 

 

Zeit für Mission

Dr. Otto Diehn. Wenige Menschen haben mich so beeindruckt wie der damalige Leiter des Nordelbischen Gemeindedienstes und Chef der Volksmission. Er war für mich der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Die Siebzigerjahre hatten ganz im Zeichen des gesellschaftspolitischen Aufbruchs in der Kirche gestanden: auf Kirchentagen wurde das Politische Nachtgebet entwickelt, Pastoren demonstrierten in Brokdorf im Talar, wir kämpften gegen die Apartheid in Südafrika und ließen uns von Ernesto Cardenals „Evangelium der Bauern von Solentiname“ inspirieren.

In den Achtzigerjahren dagegen trat ein Thema ins Rampenlicht, das eigentlich schon tot war: Mission. Die Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (AMD) schlug auf Theologentagungen die Brücke zwischen landeskirchlicher und evangelikaler Frömmigkeit, missionarische Konzepte wie „Überschaubare Gemeinde“ wurden entwickelt oder aus den USA importiert (Willow Creek), das Gemeindekolleg in Celle wurde zum Multiplikator von Glaubenskursen wie „Wort und Antwort“ oder „Gottesdienst leben“, und die Nordelbische Synode diskutierte 1987 über „Mission vor der Haustür“. Und Otto Diehn mittendrin.

Er bot mir eine Stelle als Assistent an. Zunächst war ich vor allem für organisatorische Dinge wie den Büchertisch bei Seminaren zuständig, später übernahm ich auch inhaltliche Aufgaben. Allerdings war die Vergütung sehr schmal. Deshalb zog ich nach Volksdorf in die Gemeinde St. Gabriel. Dort konnte ich mit anderen Jugendlichen in der Küsterwohnung kostenfrei wohnen, und wir mussten dafür Dienste in der Gemeinde übernehmen.

In Volksdorf und bei der Volksmission lernte ich eine Frömmigkeit kennen, die mir gleichzeitig vertraut und doch auch sehr neu war. Schon von Heidelberg aus war ich einmal nach Burgund getrampt und hatte die Communauté de Taizé kennengelernt. In Volksdorf baute die Jugendarbeit darauf auf.

Der Pastor, Hermann Möller, war wie Otto Diehn Mitglied der „Ansverus-Bruderschaft„, und ich war seitdem oft und gerne im Ansverus-Haus in Aumühle. Ich lernte die Stundengebete mit den gesungenen Psalmen kennen und das meditative Schweigen, die altkirchlichen Wüstenväter und das orthodoxe Herzensgebet. Und ich entdeckte die irischen Segenssprüche, die damals noch gar nicht so bekannt waren.

In Diehns Arbeitszimmer stand nicht nur ein Schreibtisch, sondern auch eine Couch. Sie diente nicht nur seiner Entspannung, sondern förderte vor allem seine Kreativität. Hier entstanden zum Beispiel die Konzepte vom „Cursillo“ und dem Projekt „neu anfangen“.

Den „Cursillo“ (kleiner Kurs Glauben) hatte er sich von den Katholiken abgeschaut und auf norddeutsch-evangelische Verhältnisse verändert. Während aber im Original die Lehre eine größere Rolle spielte, setzte Diehn auf das Gespräch in Kleingruppen. Zum Team gehörten neben zwei Theologen fünf Laien. Die Gesprächseinstiege, Fährten genannt, sollten persönlich sein – woran sich die Theologen regelmäßig am wenigsten hielten. Deshalb war der Gesprächseinstieg unter ihrer Leitung auch eher mühsamer. Und in den Gruppen sollten sich die Teilnehmenden möglichst nicht kennen. Besonders dieser Grundsatz ermöglichte es, dass sie ungewöhnlich offen miteinander redeten.

Der Gottesdienst wurde „Den Sonntag begehen“ genannt: Eine Geschichte aus der Bibel wurde in Stationen aufgeteilt, die dann von Teamern an verschiedenen Orten in der Natur meditiert wurden, oft mit kreativen Elementen angereichert.

Unzählige Menschen haben durch den Cursillo einen neuen Zugang zum Glauben gefunden, unzählige persönliche Gespräche geführt. Allerdings: Man musste auch für diese Frömmigkeit eine gewisse Offenheit mitbringen.

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Und dann das Projekt „neu anfangen“. Die Idee: Menschen auf den Glauben hin ansprechen. Nicht nur die Kirchenglieder, sondern alle, die einen Telefonanschluss besitzen. Damals war die Telefonwerbung noch nicht sehr verbreitet, dazu war der technische Aufwand einfach zu groß.

na-taschenbuch1.jpgDen Angerufenen wird ein Taschenbuch angeboten, in dem Menschen aus der Region von ihrem Glauben berichten. Dazu muss dieses Buch erst einmal erstellt werden. Und in einer weiteren Runde werden die Interessierten zu einem Gesprächskreis eingeladen.

Dazu müssen Mitarbeitende geschult werden, viele Mitarbeitende: Fürs Telefon, für die Gespräche, für die Logistik. Und die müssen erst einmal begeistert werden. Das konnte Otto Diehn. Er hatte mit Pastor Erich Meder und Propst Dietrich Peters zwei weitere Mitstreiter, die ebenso begeistern konnten. Trotzdem eine Herkulesaufgabe. Denn nicht nur protestantische Gemeinden sollten mitmachen, auch die katholischen und möglichst viele Freikirchen.

Es gelang. In einem Pilotprojekt in Hamburg-Nord, dann in Harburg, in Hamburgs Mitte und seitdem in über 40 Städten und Regionen in Deutschland. Mehr als 2 Millionen Menschen wurden erreicht. Zweifellos auch eine Erfolgsgeschichte.

Die Projekte haben ihre große Zeit gehabt. Doch was mich nicht loslässt: Otto Diehn hat Christinnen und Christen dazu befähigt, über ihren Glauben zu sprechen, ihn in der Öffentlichkeit zu bekennen. Dieses Ziel ist ohne Zweifel zeitlos, gerade in Zeiten von Social Media.

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Dies ist ein Beitrag aus der Reihe „Wie ich wurde, was ich bin“ – die Jahre 1983/84. Alle Beiträge findet ihr in der „Themensuche“ auf der rechten Seite unter der entsprechenden Kategorie.
Etwas ausführlicher kann man sich hier über die Grundlagen des Cursillo informieren. Wer’s noch ausführlicher möchte – bitte melden.
Das Beitragsbild zeigt das heutige Logo der Volksmission (By Bertha 001 – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30503478)
Das Taschenbuch „Zeig uns den Weg“ ist der „Prototyp“ gewesen. Bekannte Persönlichkeiten wie der Schlagertexter Ernst Bader, Liedermacher Andreas Malessa, der Theologe Helmut Thielicke und Heinz Rühmann stehen neben „Menschen wie du und ich“ und erzählen von ihrem Glauben. Die Titel der Bücher zeigen auch die Richtung, in die sich das Projekt – zumindest in Hamburg – immer deutlicher bewegte: Von „Zeig uns den Weg“ über „Mitten auf dem Weg neu anfangen“ (Harburg) zu „Sich begegnen“ (HH-Mitte). So wie die Vorgängerprojekte von „Neu anfangen“ in Finnland und der Schweiz auch noch „Ich hab’s gefunden“ geheißen hatten.

Dialog oder Mission?

Kirche im Dialog (4). Siehe Themensuche

Dass der Vorsitzende des Säkularen Forums Hamburg, Prof. Helmut Kramer, ausgerechnet der Nordkirche ein vordemokratisches Dialogverständnis vorwirft, kann nur bedeuten, dass er entweder eine selektive Wahrnehmung hat, ein Feindbild braucht oder Lust an der Provokation hat. Trotzdem ist auch mir nicht ganz klar, mit welchen Voraussetzungen und Zielen die Kirche in den Dialog hineingehen will. Weiterlesen