Wie mit Gott reden?

Wie reden man mit jemandem, den man nicht sieht – ja, von dem man noch nicht einmal sicher weiß, dass es ihn überhaupt gibt? In allen Religionen spielt das Gebet eine hervorragende Rolle. Die meisten Schwierigkeiten scheinen die Protestanten mit ihm zu haben. Der Sonntag Rogate ist eine gute Gelegenheit, diesen Fragen nachzugehen. Zum Beispiel in einer Predigt.

Liebe Gemeinde!

Der Pfarrer von Boscaccio ist entsetzt. Gerade haben die Kommunisten, diese atheistischen Weltzerstörer, die Gemeinderatswahl gegen die christliche Partei gewonnen. „Wie konntest du das zulassen?“, ruft er empört in Richtung Kruzifix. Und der Jesus am Kreuz antwortet. „Das ist eben Demokratie“, sagt er. „Und die Armen haben schließlich Gründe genug, einen kommunistischen Bürgermeister zu wählen.“

Kenner wissen: Wenn ein Jesus am Kreuz antwortet, dann in den Geschichten von Giovanni Guareschi: Don Camillo und Peppone. Camillo pflegt einen sehr ungezwungenen Umgang mit dem Gottessohn. Und wenn sich die beiden unterhalten, geht es um sehr alltägliche Dinge. Ja, meistens geht es auch nur um den Priester und seine Leidenschaften. Mal will Camillo die kommunistische Versammlung aufmischen, mal jemanden verprügeln. Mal hat er Peppone eine Zigarre geklaut, mal will er sein Kind  nicht taufen. Und Jesus gibt immer eine menschliche, oft undogmatische Antwort.

Davon unterscheiden sich unsere Gebete zumindest hier im Gottesdienst. Wir bitten um Gesundheit und Frieden in der Welt, wir danken dafür, dass wir genug zu essen haben. Aber wir erwarten nicht wirklich, dass Gott uns direkt antwortet, dass unser Kruzifix etwa plötzlich zu sprechen anfängt.

Im Grunde wissen wir ja auch, dass der sprechende Jesus ein literarischer Trick Guareschis ist. Weder das Kreuz hier in Niendorf noch das in Boscaccio – oder in Brescello, wo die Filme gedreht wurden – hat jemals auch nur ein Wort gesagt. Die Unterhaltungen zwischen Camillo und Jesus können ebenso gut Selbstgespräche sein. Sie sind der Ausdruck der beiden Seelen in der Brust des Priesters. Jesus ist seine innere Stimme, sein Gewissen. Und wir erkennen uns darin nur allzu gut.

Ich glaube: Genauso spricht Gott zu uns, wenn er zu uns spricht. Genauso war es in der Bibel, und so ist es auch bei den Menschen, die meinen, ihn deutlich zu hören. Und es ist nicht immer, eigentlich nie deutlich zu unterscheiden: Ist das nun wirklich Gottes Stimme oder nur unsere eigene, der wir Bedeutung und Autorität geben wollen? Nicht umsonst heißt es in der Bibel an prominenter Stelle: Du sollst dir kein Bildnis, keine Vorstellung von Gott machen.

Während der Exerzitien vor zwei Jahren sprach ich darüber auch mit dem Pfarrer, der mich durch diese geistlichen Übungen begleitete. Und er meinte: „Sprechen Sie mit Gott darüber.“ Und ich: „Wie bitte? Wie soll ich erkennen, dass Gott spricht und antwortet? Wie soll ich verhindern, dass ein solches Gespräch ein Selbstgespräch bleibt?“ Und er sagte: „Probieren Sie es aus. Werden Sie still.“ Und was mir besonders im Gedächtnis geblieben ist: „Trauen Sie es Gott doch einfach zu, dass er zu Ihnen redet. Wo sollte er es sonst tun, wenn nicht in der Stille?“

Ich hab’s gemacht. Und ehrlich gesagt: Ich bin mir keineswegs sicher, dass Gott zu mir gesprochen hat. Oder wann oder wie. Aber das ist mir auch nicht mehr wichtig. Irgendwie haben sich die Gedanken und Erkenntnisse in dieser Zeit geordnet und zusammengefügt. Ja, irgendwie hatte ich den Eindruck: Das war Gott. Und wenn er es nicht war, dann konnte man es gut mit ihm verwechseln.

Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber wurde einmal gefragt, ob er an Gott glaube, und er meinte: „Wenn an Gott glauben bedeutet, von ihm in der dritten Person reden zu können, glaube ich nicht an Gott. Wenn an ihn glauben bedeutet, zu ihm reden zu können, glaube ich an Gott.“ Damit kann ich sehr viel anfangen.

Und wie wir mit Gott reden können – das hängt dann doch sehr von dem Bild ab, das wir von Gott haben. Denn wir haben Erfahrungen gemacht, die wir mit Gott verbinden. Und so unterschiedlich wie diese Erfahrungen sind auch unsere Gebete.

Ein Beispiel. Kürzlich hat der Papst gemeint, wir müssten das Vater unser verändern. Die Bitte „Und führe uns nicht in Versuchung“ passe nicht zu Gott. Er meint: Gott schickt uns nichts Böses. Deshalb sollten wir lieber beten: Lass mich nicht in Versuchung geraten.

Ich habe ein anderes Bild von Gott. Ich glaube, dass er sehr wohl mit dem Bösen zu tun hat. Denn er ist der Ursprung von allem. Und wenn es mir schlecht geht, dann wende ich mich an ihn und klage und klage an: Warum? Und die Bibel gibt mir Recht: Auch die Psalmisten klagen, und manchmal bekommen auch sie keine Antwort.

Wenn aber Klage und Anklage die einzige Art ist, wie ich bete, dann kreise ich mich ein bei meinem Leiden, bei den Gefühlen von Ungerechtigkeit und Hoffnungslosigkeit, bei den Schmerzen und der Schwäche. Unser Bibeltext lenkt den Blick auf eine andere Art von Gebet: „Hört nicht auf zu beten“, heißt es da. „Bleibt dabei stets wachsam und voller Dankbarkeit!“

Das ist nichts anderes als das, was Jesus immer wieder gepredigt hat: Schaut auf den Gott, der euch das Nötige zum Leben gibt, sagt er. Der euch vergibt und euch zu guten Taten ermutigt. Seid aufmerksam für den Mitmenschen und für die Gelegenheiten, Gutes zu tun.

Und genau darum geht es auch beim Beten: Aufmerksam zu werden für das, was ist. Wer wir sind und was wir tun, für die Gelegenheiten, die uns das Leben – oder Gott – bietet. Und es ist nicht entscheidend, wie wir beten. Wir können gemeinsam mit anderen unsere Anliegen aussprechen oder auch alleine für uns. Wir können gemeinsam oder alleine schweigen oder singen. Wir können Gebete frei formulieren oder von anderen formulierte wie das Vater unser sprechen – ob nun in der traditionellen Form oder der vom Papst vorgeschlagenen. Wir können im Gottesdienst die Gebete, die vom Altar gesprochen werden, mitbeten und nachvollziehen oder in dieser Zeit auch unseren eigenen Gedanken nachhängen. Wir können klagen und bitten, danken und unsere Sünden bekennen.

Und damit habe ich lange meine Schwierigkeiten gehabt. Nicht weil ich nicht einsehen wollte, auch mal etwas falsch gemacht zu haben. Sondern weil mich das Bekenntnis niedergedrückt hat: Ich armer elender Sünder bin es nicht wert, zu Gott zu kommen, weil ich notorisch alles falsch mache.

Bis ich für mich gelernt habe, dass Sünden gar nicht die Verstöße gegen einen Moralkodex sind, den andere festgelegt haben. Sondern dass es die Fallen sind, in die ich immer wieder hineintappe: die Gedanken, die Einstellungen und Taten, die mich davon abhalten, das Gute zu tun. Und das Gute ist: Liebe und Hoffnung und Vertrauen zu fördern, bei mir und bei anderen.

Und wenn es dann heißt, dass Gott uns unsere Sünden vergibt, dann nichts anderes als: wir sollen uns nicht in unsere Schuldgefühle einkreisen, wir können und sollen neu und unbelastet anfangen, aufeinander zugehen, Frieden schließen, wenn wir mit uns oder auch mit anderen Menschen im Unfrieden leben. Wir sollen frei werden, den Weg zu gehen, der für uns der gute und der richtige Weg ist.

Oder, mit den Worten des Kolosserbriefs: „Führt im Unterschied zu denen draußen ein Leben voller Weisheit. Macht das Beste aus der Zeit! Eure Rede sei stets verbindlich, aber mit der nötigen Prise Salz. Dann wisst ihr auch, wie ihr jedem die angemessene Antwort geben könnt.“ Also: Christinnen und Christen vermeiden Hate Speech, die Hassrede gegen alle, die nicht ihrer Meinung sind. Sie vermeiden auch Fake News, die Verdrehung oder Erfindung von Tatsachen, damit sie in mein Weltbild passen. Denn sie lassen sich bei ihrem Reden nicht von den eigenen Emotionen beherrschen.

Ich merke: Dieser Abschnitt aus dem Kolosserbrief ist seit langem mal wieder ein Text aus der Bibel, dem ich vorbehaltlos zustimmen kann: Eine Anleitung und eine Mahnung zu einem selbstbestimmten, weisen und vernünftigen Leben und Handeln. Ich bin sicher, dass wir alle damit auch schon gute Erfahrungen gemacht haben. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass wir noch einen guten Weg vor uns haben. Nun fängt ja jeder Weg mit dem ersten Schritt an. Und je eher wir losgehen, desto eher kommen wir an.

Amen.

Ich und Du

Endlich habe ich es geschafft, „Ich und Du“ von Martin Buber durchzulesen. Es war nicht einfach, denn manchmal waren mir seine Gedanken fremd. Wo ich ihn aber verstanden habe, hat er mich fasziniert.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/8/81/Martin_Buber_portrait.jpg/762px-Martin_Buber_portrait.jpgUnd so fängt sein Buch an: „Die Welt des Menschen ist zwiefältig nach seiner zwiefältigen Haltung. Die Haltung des Menschen ist zwiefältig nach der Zwiefalt der Grundworte, die er sprechen kann. Die Grundworte sind nicht Einzelworte, sondern Wortpaare. Das eine Grundwort ist das Wortpaar Ich-Du. Das andere Grundwort ist das Wortpaar Ich-Es; wobei, ohne Änderung des Grundwortes, für Es auch eins der Worte Er und Sie eintreten kann. Somit ist auch das Ich des Menschen zwiefältig. Denn das Ich des Grundworts Ich-Du ist ein andres als das des Grundworts Ich-Es.“ (Ich und Du, S. 9) So geht es weiter, 160 Seiten lang.

Darin beschreibt er, wie wir in zwei Welten leben: der Es-Welt und der Du-Welt. Die Es-Welt ist leicht zu beschreiben, weil sie alles ist, was wir beschreiben können: Unsere Erfahrungen, Gedanken, die Dinge um uns herum. Auch unsere Gefühle, selbst die religiösen, gehören zur Es-Welt. Denn Gefühle werden „gehabt“, wir können sie von uns unterscheiden.ichunddu1.jpg

In der Du-Welt gibt es diese Unterscheidung nicht mehr. „Wer Du spricht“, schreibt Buber, „hat kein Etwas, hat nichts. Aber er steht in der Beziehung.“ Und „alles wirkliche Leben ist Begegnung. Die Beziehung zum Du ist unmittelbar. Zwischen Ich und Du steht keine Begrifflichkeit, kein Vorwissen und keine Phantasie,… kein Zweck, keine Gier … Nur wo alles Mittel zerfallen ist, geschieht die Begegnung.“ (Ich und Du, S. 11, 18 und 19)

„Das ist mir zu kompliziert“, sagte ein Freund, dem ich das zu erklären versuchte. Genau das ist ja das Problem: Alles, was ich erklären könnte, gehört zur Es-Welt. Die Du-Welt kann ich nicht erklären, sondern nur erleben. Buber selbst erzählt dazu eine Geschichte: Einmal kam ein junger Mann zu ihm, und er brachte ihm all die Aufmerksamkeit und Höflichkeit entgegen wie allen anderen. Aber er „unterließ nur, die Fragen zu erraten, die er nicht stellte“. (Begegnung, S. 58) Und das waren gerade die wesentlichen gewesen. Buber warf sich vor, sich nicht auf die Begegnung eingelassen, nicht vom Anderen her, wie der Andere gedacht zu haben.

Ähnlich redet er von Gott. „Glauben Sie an Gott?“, wurde Buber einmal gefragt. Er musste lange überlegen, bis er die Antwort für sich fand: „Wenn an Gott glauben bedeutet, von ihm in der dritten Person reden zu können, glaube ich nicht an Gott. Wenn an ihn glauben bedeutet, zu ihm reden zu können, glaube ich an Gott.“ (Begegnung, S. 56) Die Beziehung ist alles, die Erklärung nichts.

Oder aber, wenn es um das Leben nach dem Tod geht, in einer der chassidischen Geschichten, die Buber gesammelt hat: Einmal war der Sinn des Baalschem so gesunken, daß ihm schien, er könne keinen Anteil an der kommenden Welt haben. Da sprach er zu sich: „Wenn ich Gott liebe, was brauche ich da eine kommende Welt?“

So habe ich es selbst erlebt. Ich kenne wunderbare Bilder vom Sterben: Die Geschichte von der Brigg, die am Horizont verschwindet und auf der anderen Seite begrüßt wird. Udo Lindenbergs Song „Hinterm Horizont“. Oder Paul Gerhards „Befiehl du deine Wege“. Und alle diese Bilder waren verschwunden, als der Tod an die Tür klopfte. Was blieb, war das Bewusstsein – das Gefühl – der Glaube, dass die Beziehung zu Gott, wer oder was auch immer das sei, nicht abreißen würde. Aber das ist riskant, denn dessen kann ich mir nie sicher sein.

Trotzdem – es sind die Beziehungen, die mein Leben lebenswert machen. Nicht die Beziehungen, die ich habe, sondern die, die ich lebe.

Mich erinnern diese Gedanken auch an Bruno Latour: Religiöse Rede beschreibt nichts, sondern verändert und ist damit der Sprache der Liebe verwandt. Sie muss deshalb immer wieder neu gesucht werden und ist riskant.

Ich glaube, dass beide Recht haben: Martin Buber, der gläubige Jude, und Bruno Latour, der bekennende Atheist.

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Zitiert habe ich aus den Büchern „Ich und Du“, Heidelberg 1983, 11. Aufl., und „Begegnung. Autobiographische Fragmente. Heidelberg 1986, 4. Aufl.
Bildnachweis: Das Porträt von Martin Buber: The David B. Keidan Collection of Digital Images from the Central Zionist Archives
Die beiden Fotos vom Buch „Ich und Du“: (c) Erik Thiesen

Auferstehung! Auferstehung?

Als gestern im Gottesdienst der Predigttext verlesen wurde, dachte ich spontan: Gut, dass ich nicht dran bin und darüber predigen muss. Paulus reflektiert über die Auferstehung, und er schreibt unter anderem: „Denn wenn es richtig ist, dass Tote überhaupt nicht auferweckt werden, dann wurde auch Christus nicht auferweckt. Wenn aber Christus nicht auferweckt wurde, dann ist euer Glaube vergeblich.“ (1. Korinther 15,16-17 nach der Basisbibel)

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Das leere Grab

Zweifel an der Auferstehung darf es also nicht geben, sonst können wir in letzter Konsequenz als Geistliche gleich unseren Beruf an den Nagel hängen und die Kirchen schließen. Andererseits glaubt nur die Hälfte der Kirchenmitglieder daran, dass Jesus von den Toten auferstanden ist.

Und die Bibel macht es einem nicht gerade leichter. Die Berichte vom Auferstandenen klingen reichlich mysteriös. Seine Vertraute Maria verwechselt ihn mit einem Gärtner (Johannes 20, 11-20), Kephas und sein Kumpel erkennen ihn stundenlang nicht, bis er ihnen in Emmaus das Brot bricht, er erscheint wie ein Geist, kann aber wie ein normaler Mensch Fisch essen (Lukas 24, 13-43). Und auch Paulus wehrt sich gegen ein allzu naturalistisches Verständnis: Er unterscheidet zwischen dem irdischen Leib, der stirbt, und dem himmlischen, der aufersteht (1. Korinther 15, 35-58). Er erinnert mich allerdings an einen Pastor, dessen Predigt umso länger wird, je unklarer ihm der Sachverhalt ist. Wie sollen wir uns diesen neuen Leib vorstellen? Als Astralkörper, reine Energie oder Sternenstaub?

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Dabei habe ich Auferstehung durchaus schon erlebt. Vielleicht nicht so wie in der Bibel, ich war natürlich auch noch nicht ganz tot. Aber nah dran. Und ich wäre es bestimmt ohne die Ärzte in Mainz und hier in Hamburg, ohne die Medizin – und wahrscheinlich ohne die Unterstützung vieler Menschen. Es ist allerdings die Art von Auferstehung, die Marie-Luise Kaschnitz in ihrem Gedicht beschrieben hat, das gerne von uns Pastorinnen und Pastoren zitiert wird: „Manchmal stehen wir auf / Stehen wir zur Auferstehung auf / Mitten am Tage / Mit unserem lebendigen Haar / Mit unserer atmenden Haut.“

Aber das ist nicht die Auferstehung, die in der Bibel gemeint ist. Dort wird deutlich gesagt: Jemand ist tot und wird wieder lebendig. Und das liegt außerhalb meiner Lebenserfahrung. Selbst Nahtod-Erlebnisse sind nichts anderes als das: nahe am Tod. Und neurologisch erklärbar. Von „drüben“ ist noch niemand wiedergekommen – außer Jesus. Und das ist eine Frage des Glaubens.

Der Glaube aber spielt sich nicht im Bereich der Erfahrungen ab, sondern im Bereich der Beziehung.

Diese Unterscheidung habe ich von Martin Buber. In seinem Buch „Ich und Du“ unterscheidet er die Du-Welt von der Es-Welt. Wir leben in beiden. In der Es-Welt sind Ich und Welt getrennt. Wir stehen den Menschen und Dingen gegenüber und können auch uns selbst „objektiv“ betrachten. In der Du-Welt gehen wir eine Einheit mit der Welt ein, leben in der Beziehung – unmittelbar und subjektiv. Und so „erfahren“ wir Gott auch nicht durch Anschauung und Denken, sondern nur, indem wir eine unmittelbare Beziehung zu ihm eingehen.

Klingt kompliziert. Und ich bin mir auch nicht sicher, dass ich ganz begriffen habe, was Buber meint. Aber nach vielen Jahren Theologie, theoretisch und praktisch, bin ich mir sehr sicher: Weder Gott noch die Auferstehung begreife ich jemals wirklich durch Denken und Logik, sondern nur, indem ich mich drauf einlasse. Erst dann werde ich mitkriegen, ob an dem Ganzen etwas dran ist.

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Die Fotos stammen von unserem Besuch im „Holy Land Experience“ in Orlando/Florida. Sie zeigen Nachbildungen des Grabes Jesu außen (Beitragsbild) und innen (Bild 1) sowie ein lebensgroßes Diorama von der Auferstehung (Bild 3). (c) Erik Thiesen

 

 

 

Alles wirkliche Leben ist Begegnung

Predigt in der Heiligen Nacht

Ich war mir nicht sicher, ob ich an Weihnachten wirklich auf der Kanzel würde stehen können. Aber es wurde wahr. Gemeinsam mit Pastor Hendrik Hoever, dem Gospelchor ReJOYce unter der Leitung von Christoph Schlechter und Gudrun Fliegner am Klavier gestalteten wir die Christmette in der Kirche am Markt. Und hier ist die Predigt:

Liebe Gemeinde!

Zu den Wünschen, die wir in den letzten Wochen ausgetauscht haben, gehörte gerne auch einmal: „Ich wünsche dir besinnliche Weihnachten.“ Nun ist der Heiligabend fast vorbei. Und ich fürchte, dass er in den meisten Häusern nicht das war, was wir unter besinnlich verstehen. Vielleicht finden wir ja in einem Gottesdienst Besinnlichkeit. Vielleicht wurde uns besinnlich zumute, wenn wir in der Familie die Weihnachtsgeschichte gelesen oder ein nachdenkliches Gedicht gehört haben. Vielleicht haben wir den Heiligabend aber auch schon aufgegeben, was Besinnlichkeit angeht, und wir hoffen auf die kommenden Tage, auf Besinnung nach dem ganzen Trubel.

Mit Besinnung verbinden wir ja, dass wir zur Ruhe kommen. Dass wir uns besinnen auf das, was Sinn macht und was wirklich wichtig ist – was uns wirklich wichtig ist. Haben wir aber nicht genau das heute Abend gemacht oder zumindest versucht?

Gut, zur Ruhe sind wir bisher vielleicht eher nicht gekommen. Aber dieser ganze Stress: Geschenke einkaufen, Wohnung schmücken, Essen vorbereiten, die ganzen Weihnachtsfeiern – das machen wir doch nicht so einfach zum Spaß. Oder zumindest nicht nur. Sondern weil es uns etwas wert ist. Weil wir es uns wert sind. Weil es für uns Sinn macht.

Zum Beispiel die Geschenke. Seitdem ich denken kann, wird über den Konsum und den Kommerz von Weihnachten geschimpft. Ich finde, das ist ungerecht diesem Fest gegenüber. Wir sind nicht mehr konsum- und kommerzorientiert als auch sonst im Jahr. Wenn wir etwas brauchen oder einfach nur haben wollen, dann kaufen wir es gleich. An Weihnachten aber geht es uns darum, anderen eine Freude zu machen, ihnen etwas Besonderes zu schenken. Nicht immer gelingt es uns, und nicht immer machen wir uns genug Gedanken darüber. Aber wenn es uns einmal glückt, dann war es die ganze Mühe wert.

Oder die Menschen, mit denen wir zusammen feiern. Am liebsten mit der Familie. Weil diese Menschen uns auch meistens am nächsten stehen. Das geht auch ganz gut, besonders wenn die Kinder klein sind. Das wird allerdings oft komplizierter, wenn die Kinder größer werden, eigene Interessen haben, eine eigene Meinung, eine eigene Vorstellung davon, wie ein schöner Weihnachtsabend aussieht. Soll man auf die traditionelle Ente verzichten, nur weil eine Tochter Veganerin ist? Oder wie ist es mit dem gemeinsamen Kirchgang? Wie teuer dürfen die Geschenke sein – und sind sie nicht ohnehin der Ausdruck schlechten Gewissens, dass man sich unterm Jahr nicht umeinander gekümmert hat?

Solche Konflikte können die besinnliche Zeit sehr schnell und effektiv schreddern. Deshalb greifen nicht wenige zu pragmatischen Lösungen: Man trifft sich einfach nicht mehr. Die einen fahren nach Fuerteventura, die anderen feiern bei Freunden. Und Onkel Peter mit seinen skurrilen politischen Ansichten wird ohnehin schon seit Jahren nicht mehr eingeladen.

Es hat ja auch etwas für sich, Weihnachten mal unter Palmen zu feiern. Und ist es nicht irgendwie logisch, dass wir gerade zum Fest der Liebe unangenehmen Diskussionen und gegenteiligen Meinungen aus dem Weg gehen und lieber unter uns bleiben? Ich kann das gut verstehen. In den letzten Monaten habe ich ein paar Diskussionen über Religion oder Politik mit Menschen geführt, die so gar nicht meiner Meinung waren. Wir haben uns nicht gerade gestritten, kamen aber inhaltlich auch nicht zueinander. Und das, obwohl ich die besten Argumente hatte. Fand ich. Aber das fanden die anderen wohl auch.

Und dann passierte es, dass wir manchmal doch noch zueinander kamen. Nicht inhaltlich. Aber auf einer anderen, der persönlichen Ebene. Das war im direkten Gespräch meist leichter als im Internet. Weil wir uns dort eher zeigen konnten: Mir liegt etwas an dir. Du hast zwar völlig skurrile Ansichten, aber du bist nett. Ich will dir nichts Böses und merke, dass du es auch mit mir gut meinst. Wir sind uns begegnet.

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“, meint der Philosoph Martin Buber. Ich glaube, hier liegt auch das Geheimnis und das Ziel von Weihnachten: dass wir uns begegnen. Dass wir uns hinter den Geschenken und Traditionen als Menschen wahrnehmen. Ich glaube, dass hier auch der Schlüssel für den Frieden in unserer Gesellschaft ist: dass wir uns trotz unterschiedlicher, ja manchmal gegensätzlicher Ansichten persönlich gewogen sind.

Nur so kann ich mir auch den ewigen Frieden vorstellen, von dem der Prophet Jesaja spricht – die Worte der Bibel haben wir vorhin gehört, jetzt hören wir sie von ReJoyce.

Prince of Peace (Jesaja 9, 1 und 5-6), hier als Podcast:
ReJoyce:

Ich versuche eine Übersetzung aus dem Englischen: Die Menschen, die in der Finsternis wandelten, haben ein großes Licht gesehen: Licht ist über ihnen angebrochen, den Bewohnern in einem Land, das dunkel ist wie der Tod. Weil ein Kind für uns geboren ist, ein Sohn ist uns gegeben. Es trägt das Zeichen der Herrschaft auf seiner Schulter; Er soll genannt werden wunderbarer Ratgeber, im Kampf Gott gleich, Vater für alle Zeit, Prinz des Friedens. Groß soll seine Herrschaft sein, und grenzenlos der Friede, der Davids Thron und seinem Königtum gewährt wird, mit Gerechtigkeit von nun an für immer. Der Herr der Heerscharen wird dies mit Leidenschaft tun.

Es ist möglich, dass Jesaja selbst durchaus in militärischen Kategorien dachte: dass da jemand kommt, der stärker ist als die furchtbaren Assyrer und die Ägypter; ein zukünftiger König, der sie alle mit der Kraft Gottes besiegen wird. Bis heute brauchen wir ja Polizei und Militär, um Konflikte in den Griff zu bekommen.

Ich glaube allerdings nicht, dass dies Gottes Weg ist. Denn wir haben es bis heute dadurch nicht geschafft, dauerhaft Friede und Gerechtigkeit zu schaffen. Gewalt gebiert nur neue Gewalt, und wirkliche Gerechtigkeit entsteht nur dort, wo der Mensch in seiner Einzigartigkeit gesehen wird. Egal ob menschliche oder Gottes Herrschaft – immer wenn sie mit militärischer Gewalt durchgesetzt werden sollte, war das Ergebnis Leid, Tod und Ungerechtigkeit. Ich glaube, dass Gottes Weg viel persönlicher ist.

Der „Prinz des Friedens“ ist ein kleines Kind. Jesaja sagt von ihm, dass er bereits geboren ist. Und das heißt: Der Friede ist unter uns, aber er muss noch wachsen. Und er wächst, mit jeder Begegnung.

Christen haben den „Prince of Peace“ immer schon mit Jesus identifiziert. Und genauso wie der Prinz muss das Kind in der Krippe noch wachsen. Und als Jesus erwachsen war, hat er kein System von Richtigkeiten aufgestellt und keine Dogmatik entwickelt. Er ist den Menschen begegnet, und diese Begegnung hat sie heil gemacht. Er hat die Menschen ermutigt, an einen Gott zu glauben, der wie ein Vater ist, und dem Leben zu vertrauen. Damit wir im Frieden mit uns und mit den anderen Menschen leben können.

Nun ist diese Welt noch nicht in Ordnung. Selbst in unseren Familien gibt es so manche Bruchstellen, bei den einen mehr, den anderen weniger. Und einige von ihnen sind auch heute wieder aufgebrochen. Jesaja aber macht uns Mut: Der Grund für den Frieden ist schon gelegt. Und Weihnachten erinnert uns auch in diesem Jahr wieder daran, dass das Licht schon in die Welt gekommen ist. Wenn Sie eine Krippe zuhause stehen haben, dann können Sie erkennen, wie das aussehen kann: Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft versammeln sich unter einem Dach und kommen gut miteinander aus.

Das wäre eine Weihnachtsbotschaft, die wir gut ins neue Jahr 2018 mitnehmen könnten, jeder und jede Einzelne von uns.

Amen.