Nachdenken über Gott

„Wenn dir der Gedanke kommt, dass alles, was du über Gott gedacht hast,
verkehrt ist, und dass es keinen Gott gibt, so gerate darüber nicht in Bestürzung.
Es geht vielen so. Glaube aber nicht, dass dein Unglaube daher rühre,
dass es keinen Gott gibt.

Wenn du nicht mehr an den Gott glauben kannst, an den du früher geglaubt hast,
so rührt das daher, dass in deinem Glauben etwas verkehrt war,
und du musst dich besser bemühen, zu begreifen, was du Gott nennst.

Wenn ein Wilder an seinen hölzernen Gott zu glauben aufhört, heißt das nicht,
dass es keinen Gott gibt, sondern nur, dass der wahre Gott nicht aus Holz ist.“
(Leo Tolstoi)

Mit dem Krebs veränderte sich mein Bild vom Glauben, von Gott. Vielleicht war es auch gar keine Veränderung, sondern eine Intensivierung; die Grundlinien waren schon früher gelegt. Aber die Voraussetzungen hatten sich verändert.

Mein erster Lehrer auf dem Weg war Leonard Cohen: You want it darker. Was ist, wenn der Krebs kein Versehen Gottes war, kein „Ich geh denn mal kurz Kaffee trinken“, während der Teufel den Hiob quält. Was ist, wenn er den Krebs wollte?

Wir kennen diesen dunklen Gott, den Richter und den, der das Leid Unschuldiger zulässt. Martin Luther nennt ihn „deus absconditus“ – den verborgenen Gott. Für den „natürlichen“ Menschen verborgen und unverständlich. Der Glaubende wendet sich dem „deus revelatus“ zu, der sich in Jesus offenbart hat – als derjenige, der die Sünde wegnimmt und den Menschen nur Gutes will.

Für mich wird der Mensch dadurch entmündigt und Gott nicht ernst genommen. Für mich gibt es keinen „lieben Gott“ mehr, einen, der von seinen dunklen Seiten reingewaschen wird.

Widerspricht das aber nicht der gesamten biblischen Botschaft? Ist Gott nicht Liebe, menschenfreundlich und gut?

Ja, auch. Er ist sogar ganz großartig. Wenn er in allem ist und alles in ihm, dann ist sein Wesen ebenso schön und grandios, wie es das Leben eben – auch – ist.

Er ist beides, mal so und mal so, gut und böse, die coincidentia oppositorum (Nicolaus von Kues), das Zusammenfallen der Gegensätze. In der Theorie. Und deshalb in der Praxis vor allem: Unberechenbar.

Wie ich damit umgehen kann, habe ich bei Psychologinnen und Neurobiologen, Ärztinnen und Theologen gelernt. Die Kunst scheint darin zu bestehen, die Realität und eigene Wahrnehmung nicht zu leugnen – und dann die Fähigkeit zu haben, auf das Gute zu schauen.

Unsere Freundin Jutta Seeland (Psychotherapeutin) betont mit Gerald Hüther (Neurobiologe), dass unser Bewusstsein nicht nur unser Verhalten, sondern sogar das Verhalten unserer Zellen beeinflusst. Ärzte sagen, dass nachgewiesenermaßen – neben der Bewegung – eine gute Einstellung eine positive Wirkung hat. Für alle anderen alternativen Therapien gibt es keine ausreichenden Belege.

Giovanni Maio (Arzt) sagt: „Hoffnung ist ein Offensein für das, was kommen wird, und ein Vertrauen darauf, es bewältigen zu können.“ Und Fulbert Steffensky (Theologe): Hoffen ist „zu handeln, als gäbe es einen guten Ausgang“. Schließlich noch Sebastian Murken (Religionspsychologe): „Eine Religion hilft vor allem denen, die stark daran glauben, dass sie ihnen hilft.“

So verstehe ich auch die Botschaft Jesu: Er weiß darum, wie gefährlich das Leben ist. Er weiß um die Gefahr voPsalsssssssssssssssssn Hunger und Krankheit, um Unterdrückung und Folter. Und doch sagt er: Sorget nicht! (Matthäus 5,25ff.) Wenn wir ihn nicht für unzurechnungsfähig halten sollen, dann meint er damit: Schaut auf die hoffnungsvolle Seite des Lebens. Geht nicht auf in den Bedrängungen der Welt. Sucht die gute Seite Gottes als Verbündete.

Es ist also wenig hilfreich, einfach nur auf Gott zu vertrauen und zu glauben, dass er es schon gut machen werde. Weniger „Der Herr ist mein Hirte“ (Psalm 23,1) als vielmehr: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ (Psalm 18,30)

Ich halte den Psalm 23 immer noch für einen schönen Text, der trösten kann und beruhigen und in den Schlaf wiegen. Aber er trägt mich nicht mehr, wenn es darauf ankommt. Genausowenig wie der Satz, den Margot Käßmann anlässlich ihrer Krebserkrankung gesagt hat: „Ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.“ Ich fürchte: Doch, ich kann. Ich muss nicht. Selbst wenn ich bisher immer gehalten wurde, kann ich beim nächsten Mal durchgereicht werden. Zu vielen ist es schon passiert.

Die Frage, wie ich denn mit einem unberechenbaren Gott umgehen soll, werde ich nicht durch das Fürwahrhalten solcher Glaubenssätze lösen, auch nicht, indem ich über ihn rede, sondern mit ihm. Ganz grundsätzlich sagt Martin Buber dazu: „Wenn an Gott glauben bedeutet, von ihm in der dritten Person reden zu können, glaube ich nicht an Gott. Wenn an ihn glauben bedeutet, zu ihm reden zu können, glaube ich an Gott.“

Im Grunde ist es das Gottesbild der Bibel, besonders des Alten Testaments. Dort wird eigentlich relativ wenig über Gott geredet, dafür umso mehr mit ihm. Einer der für mich wichtigsten Texte steht in 2. Mose 3, die Unterhaltung des Mose mit Gott am Dornbusch. Mose erhält von Gott den Auftrag, die Hebräer aus Ägypten zu befreien. Mose lehnt ab. Alles spricht dagegen, dass er es könnte. Gott besteht darauf. Mose verlangt Garantien. Gott gibt ihm keine. Nur seinen Namen.

Und der lautet eben nicht: „Ich bin, der ich bin“ – ich bin der Ewige, der Herrscher des Himmels und der Erde. Das ist griechisches Denken. Er lautet: אֶֽהְיֶ֖ה אֲשֶׁ֣ר אֶֽהְיֶ֑ה „Ich werde mich als der erweisen, als der ich mich erweisen werde. Mit anderen Worten: Du wirst es nur herausfinden, wenn du es ausprobierst.

Und Mose geht los. Mit nichts an der Hand als den Trick mit der Schlange (2. Mose 4,2-4) und einem Bruder, der zur Not für ihn reden soll. Nicht gerade viel gegen den Herrn der damals bekannten Welt.

Es hätte schief gehen können. Und es ist auch nicht gerade glatt gegangen. Aber die Hebräer konnten Ägypten verlassen.

Schließlich ist er dann doch gestorben, bevor er am Ziel war. Sein Lebenstraum hat sich nicht erfüllt, aber seine Aufgabe hat er bewältigt.

Und ich glaube, genau das ist Leben: Nicht dass wir unsere Träume verwirklichen können, sondern dass wir eine Aufgabe haben und sie bewältigen, jeden Tag neu. Václav Havel hat gesagt: Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“

 

Begrenzte Bedeutsamkeit

Heinrich Bedford-Strohm ist mit dem Reformationsjubiläum zufrieden, Margot Käßmann sowieso, Thies Gundlach auch, wie man auf evangelisch.de hören kann. Friedrich Schorlemmer und Christian Wolff nicht so, wie sie in ihrem Memorandum öffentlich machten. Sie sind „beunruhigt, dass sich die Begeisterung für die Themen des Reformationsjubiläums sehr in Grenzen hält und es in diesem Jahr noch nicht gelungen ist, zum Kern reformatorischer Erneuerung der Kirche vorzudringen“.

Was also wollen sie besser machen als Thies Gundlach, der „Cheftheologe der EKD“, der in einem Artikel der Zeitschrift „Pastoraltheologie“ ebenfalls nach der Relevanz der Reformation gefragt hat? Weiterlesen

* Das Reformationsjubiläum – ein Rückblick

Fast 250 Menschen waren am Reformationsfest in die Verheißungskirche gekommen. Es war ein schöner Gottesdienst – „Balsam für unsere protestantischen Seelen“, schrieb Daniel. Gerne wäre ich dabei gewesen. Für Gottesdienste gibt es einfach keinen Ersatz.

Und mein Eindruck ist: Was dieser Gottesdienst für die Niendorfer Gemeinde gewesen ist, war das Reformationsjubiläum für die evangelische Kirche: Balsam. Aber die Wunde bleibt.

Die Wunde

Mitgliederverlust – Bedeutungsverlust – und demnächst Finanzverlust, so lautete schon die Diagnose vor 20 Jahren. Und man versuchte gegenzusteuern. Die Qualität der Arbeit wurde gesteigert, Strukturen verschlankt und die Werbung professionalisiert. Methoden, die man vor allem aus der Unternehmensberatung kennt.

Das Jubiläum hat davon profitiert. Die Renovierung der Lutherstädte, die Konzerte und Festivals, Bücher und Lesungen –  das hatte und hat Qualität. Und auch die Werbung lief: Lutherbier oder Segensroboter und erst recht der kleine Playmo-Reformator – das war kreativ, schräg und erfolgreich. Luther war Gesprächsstoff. Für diese Zeit. Aber man wollte ja mehr.

Das Jubiläum sollte nun vor allem spirituelle Impulse setzen. Gott neu denken und entdecken. Werte stärken. Einfach gesellschaftlich wieder relevanter werden. Und das ist, soweit ich sehen kann, nicht gelungen. Die Wunde bleibt.

Die Predigt

Der EKD-Bischof Heinrich Bedford-Strohm hat am 31. Oktober in Wittenberg den zentralen Gottesdienst gefeiert. War bestimmt schön. Aber seine Predigt lässt mich ratlos zurück. Ich empfinde sie als eine Aneinanderreihung von Banalitäten und Beschwörungen: „Wir Christen sind auch heute viele, und die Botschaft von der Vergebung und Liebe, die uns trägt, kann auch heute noch unsere Gesellschaft mitprägen … Die Welt braucht das gemeinsame Zeugnis von Christus so dringend! … das Wichtigste ist: dass wir die Liebe selbst ausstrahlen, von der wir sprechen…“ Das ist ja nicht falsch. Aber bin ich der einzige, der damit sonst wenig bis nichts anfangen kann?

Rechtfertigung heute

Bedford-Strohm, Margot Käßmann und unzählige andere haben versucht, die reformatorische Botschaft ins 21. Jahrhundert zu übersetzen. Ich glaube, dass das nicht funktioniert.

Luther hatte Angst vor der Hölle, vor Gott und wohl auch seinem Vater. Er las Römer 1,17 „Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): »Der Gerechte wird aus Glauben leben.« Und er interpretierte: Nicht der Mensch soll Gott gerecht werden, sondern Gott macht den Menschen gerecht. Für ihn eine unglaubliche Befreiung; er machte sie nicht nur zum Zentrum seines Glaubens, sondern zur Theologie überhaupt. Und die lutherischen Theologen bauten sie aus: Die „Rechtfertigungslehre“ wurde zum lutherischen Dogma. Ich selbst bin drauf ordiniert.

Vor 500 Jahren entfaltete diese Lehre eine unglaubliche Wucht, weil sie den Nerv der Zeit traf – religiös, sozial, politisch. Aber die Fragen der Menschen ändern sich, und die Lehre musste angepasst, uminterpretiert und damit verdünnt werden. Heute bedeutet Gnade: Gott liebt dich, wie du bist und beurteilt dich nicht nach deiner Leistung. Das erinnert mich immer wieder an Margarine-Werbung. Oder: Luther ist für mich einer, der zu seiner Meinung steht. Wenn das alles ist… Es ist nicht das, was ich mir unter „Gott neu denken“ vorstelle.

Eine Reformation der Theologie

Einer, der für unsere Zeit immer Gott neu denken wollte, ist Eugen Drewermann. In seinem Buch „Wendepunkte“ mahnt er einen Perspektivwechsel an. „Aus Theologensicht“, schreibt Drewermann, „weiß man, wer Gott ist, was er plant und was er tut, weil er sich selbst geoffenbart hat.“ In der Bibel, in der kirchlichen Tradition, in das eigene Gefühl, je nach theologischer Tradition. Und so kommt man dann auch zu objektiven Aussagen über Gott und die Welt. „Die Wahrheit ist: wir sehen nicht mit Gottes Augen! Wenn Gott sich offenbart, dann ist es, weil er uns die Augen öffnet, daß sein Licht in unsere Seele fällt. Dann heben wir das Haupt zum Himmel gleich den Blumen, die den Blütenkranz zur Sonne wenden.“ Erinnert an Tersteegen, Gott ist gegenwärtig, 6. Strophe.

Schön auch Drewermanns Bild: „Das Christentum der Lehramtsdogmen ist wie ein Teleskop, das all die Zeit falschrum gehalten wurde: statt von der Erde her damit die Sterne zu betrachten, nahm man das Objektiv als Okular und wähnte sich damit an Gottes Statt. Man sah die Erde von den Sternen aus. Man sah nicht Gott, man sah nur alle Menschen – ins Winzige verkleinert!“ Die Dogmen machen den Menschen klein. Die Berührung Gottes öffnet seine Blüten.

Das heißt aber: Theologie müsste sich verabschieden von allgemeinen Aussagen über Gott und die Welt. Sie kann nur existentiell betrieben werden. Und genau das ist auch, nach meiner Meinung, die Kraft von Luthers Theologie. Er hat seine persönliche und ganz existentielle Frage theologisch aufgearbeitet, immer wieder vertieft, verallgemeinert und sein Leben dafür eingesetzt. „Die Erfahrung macht den Theologen“, sagte er. Die Praxis, nicht die Theorie. Die subjektive Unmittelbarkeit, nicht die objektive Analyse. Das machte ihn stark, aber auch sehr, sehr fehlbar.

Luthers Theologie hat mich geprägt, keine Frage. Aber ich bin nicht er. Seine Fragen stellen sich für mich so nicht. Warum sollte ich seine Antworten übernehmen?

Er ist nicht mein Vorbild. Jesus schon. Zumindest wie ich mir Jesus vorstelle. Oder besser: Wie er zu mir spricht, ganz persönlich, und mich öffnet für die Gegenwart Gottes.

 

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Bild: (c) Erik Thiesen – und wie man sieht: Auch bei uns ist Reformation. Und zumindest zeitweise stehe ich fest drauf… Den Hinweis auf Eugen Drewermann bekam ich von Thomas Hirsch-Hüffell über Facebook. Und Daniel ist der Freund und Kollege Daniel Birkner.