Geheimnis des Glaubens

„Geheimnis des Glaubens – deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“ So sprechen die Katholiken, so sprechen wir auch manchmal zum Abendmahl. Geheimnisvoll ist schon dieser Satz – wie der Vers aus dem 1. Timotheusbrief, der ebenfalls vom Geheimnis des Glaubens spricht und Grundlage der Predigt in der Christmette in der Kirche am Markt in Niendorf war. Gemeinsam mit Daniel Birkner (seine Abschnitte sind kursiv gesetzt) konnte ich auf der Kanzel stehen.

Es ist ein Geheimnis um Weihnachten. So wie um unseren Glauben ein Geheimnis ist. Davon spricht ein Vers aus der Bibel. Paulus schreibt an Timotheus (Kapitel 3, Vers 16):

Groß ist das Geheimnis unseres Glaubens – Jesus Christus.
Er ist uns erschienen als Mensch
und freigesprochen worden im Geist.
Er wurde erkannt von den Engeln
und bekannt unter den Völkern.
Er wurde geglaubt in der Welt,
und aufgenommen in Herrlichkeit.

Groß ist das Geheimnis unseres Glaubens – Jesus Christus.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde!

Groß ist das Geheimnis unseres Glaubens. Groß ist das Geheimnis von Weihnachten. Wie auch immer die letzten Stunden gewesen sind – ob die Geschenke glücklich gemacht haben oder enttäuschend waren, ob das Zusammensein harmonisch war oder anstrengend, ob Sie Weihnachten eher als den Geburtstag Jesu Christi oder als Fest mit der Familie gefeiert haben – jetzt sind Sie hier, um noch einmal in besonderer Weise Weihnachten zu erleben, das Geheimnis von Weihnachten.

Natürlich gibt es diejenigen, für die Weihnachten eine einzige Enttäuschung ist und immer war. Sie fliehen die Lieder, das gedimmte Licht und die allzu oft vorgetäuschte Weihnachtsharmonie. Andere erwarten schon deshalb nichts von dieser Zeit, weil das Leben für sie keine Geheimnisse kennt – nur Rätsel, die man prinzipiell lösen kann.

Wir aber reden vom Geheimnis von Weihnachten: Dass Gott in die Welt kam, damals vor 2000 Jahren. Und was kam denn überhaupt in die Welt? Gott? Auch das – ein Geheimnis. Denn wir können Gott nicht fassen, nicht denken; und jeder, jede von uns hat zudem eigene Vorstellungen von dem Gott, an den wir glauben oder an den wir gerade nicht glauben. Gott ist der große Unbekannte, die Lebenskraft, das Leben an sich. Er ist der liebe Gott und verhindert doch nicht das ganze Leid auf dieser Welt. Er ist unberechenbar. Unfassbar. Unsichtbar.

Aber wir sagen: Er hat sich gezeigt. Er ist erschienen. In einem Menschen. Er wurde sichtbar und anfassbar. Damals in Bethlehem, in einem kleinen Kind. In Windeln gewickelt – und die hatte es nicht nur, damit es von den Hirten besser erkannt wurde. Die hat es gebraucht. Denn Gott wurde ein normaler Mensch – wie du und ich.

Das Geheimnis von Weihnachten: Der unfassbare, allmächtige Gott offenbart sich in einem Kind. Ein einfaches Kind. Das soll der Erlöser sein. Später werden auch viele Wunderlegenden von dem Kind erzählt. Aber Lukas erzählt von einem einfachen Kind in Windeln.  

Gott wird anfassbar, sagst du. Gott wird sichtbar. Aber das muss ich erst einmal glauben. Denn ich habe dieses Kind weder angefasst, noch gesehen. Aber – ich glaube es. Ich glaube, dass in Jesus von Nazareth das Göttliche in einer Weise Gestalt annahm, dass wir Menschen darin wahrnehmen können, welch Göttlichkeit auch auf uns liegt, welch Göttlichkeit auf dieser Welt liegt. Ich glaube das. Aber das ist ein weiteres Geheimnis. Geheimnis des Glaubens. Woher kommt das? Es ist ja, als ob noch immer Wellen von diesem Kind in der Krippe ausgingen, und von dem, was Jesus dann lebte und lehrte. Das hat mich schon in meiner Jugend, als mir christlicher  Glaube noch fremd war, dennoch fasziniert: da gab es vor 2000 Jahren einen Menschen und noch heute richten Menschen ihr Herz und ihre Taten nach ihm aus.  So, als ob er durch Jahrtausende hindurch greifen und Herzen berühren kann; meins hat er dann auch erreicht. Dorothee Sölle hat es für mich auf den Punkt gebracht. Sie hat einmal den schönen Satz gesagt: „am ende der suche nach der frage nach gott steht keine antwort sondern eine umarmung.“

Ich habe viel über den Glauben nachgedacht, aber seine Wurzel hat er nicht im Kopf, sondern im Herz. Wie im Einzelnen mein Glaube entstanden ist, ist kaum zu beschreiben. Geheimnis des Glaubens. Was ich empfinde ist: Glauben zu können ist ein Geschenk.

Und du sagst es, Daniel: Mit dem Glauben ist es so eine Sache. Die einen können’s, die anderen nicht. Erstere haben es sicher einfacher in der Kirche, die anderen müssen sich ein wenig mehr anstrengen. Aber vielleicht gelingt es ja, wenigstens für heute Abend, für diesen Gottesdienst. Stellen wir uns doch einfach vor, dass Gott oder, wie du auch sagst, das Göttliche in einem Kind erschienen ist. Durch Jesus wird der unfassbare Gott fassbar. Gott kommt uns nahe. „Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch Gott werden könne“, sagte schon  im 2. Jahrhundert der Kirchenvater Irenäus. Das klingt für unsere protestantischen Ohren ungewohnt, ja vermessen. Wenn wir sagen: „Der Mensch spielt Gott“, so meinen wir: Er spielt sich auf zum Herrn über Leben und Tod. Fühlt sich allmächtig – und zerstört damit die Grundlagen unseres Lebens. Genau das Gegenteil aber ist gemeint. Wenn wir Gott – oder göttlich – werden, dann heißt das: Wir verwirklichen in unserem Leben den Willen Gottes. Und der Wille Gottes ist, dass allen Menschen geholfen werde. Auch uns selbst.

Deshalb hat Gott nicht die eine allgemeine Botschaft für alle. Denn wir brauchen, wenn uns geholfen werden soll, durchaus unterschiedliche Hilfen, weil wir verschieden sind. Und wir gehen, wenn wir den Willen Gottes tun, auch unterschiedliche Wege. Als Christinnen und Christen sagen wir: Diesen Weg gehen wir am besten in der Nachfolge Jesu. Denn in ihm sehen wir, wer wir eigentlich sein sollen. Deshalb gibt es auch so viele unterschiedliche Geschichten von Jesus – weil wir Menschen so unterschiedlich sind.

„Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch Gott werden könne“, sagt Irenäus. Ich stelle dem ein verwandtes Wort zur Seite: „Mach es wie Gott – werde Mensch.“

Wir sagen manchmal: „Was der gemacht hat, war echt unmenschlich.“ Oder umgekehrt: „Man sollte menschlich miteinander umgehen.“ Wenn wir das so sagen, haben wir ein hohes Ideal des Menschen vor Augen. Wir haben ein Bild vor Augen – vom wahren Menschen. Wir wissen alle, was es bedeutet. Wir tragen dieses Bild in uns. Ein Bild der Liebe und Nächstenliebe. Es ist in gewisser Weise das Bild, das Jesus verkörpert. Würden wir alle mit solcher Liebe, gepaart mit Achtung und Respekt seinem Beispiel folgen, wären viele Veränderungen zum Guten möglich. Menschlich sein – göttlich sein: Jesus spiegelt uns beides – das Göttliche und das Menschliche. Und auch die Abgründe des Menschseins.

Für dich ist Jesus ein Bild der Liebe. Das ist er für mich auch. Noch mehr aber bewundere ich an ihm, wie er seinen eigenen Weg gegangen ist: den Weg der Gewaltlosigkeit. Er hat nach dem Guten gesucht, in der Welt, in den Menschen und auch in Gott. Er hat sich nicht beirren lassen, weder von seinen Anhängern noch von seinen Gegnern. Er strebte nicht nach Macht und Reichtum und war sich bewusst, dass ihn sein Weg ins Leiden und schließlich in den Tod führen könnte. Und so ist es ja schließlich auch gekommen. Er setzte sich für die Menschen ein, und er hat immer wieder gepredigt: Glaubt daran, dass Gott es gut mit euch meint. Glaubt an das Gute im Leben und in Gott. Und ich glaube, dass Jesus ein wirklich freier Mensch war.

Daniel: So heißt es – etwas geheimnisvoll – ja auch in unserem Hymnus: Freigesprochen im Geist. Freispruch – das klingt immer nach Gerichtsverhandlung. Aber es geht hier um eine andere Freiheit. Es geht um eine Freiheit von Zwängen. Um die Freiheit vom zwanghaften Gefühl: erst wenn ich etwas geleistet habe, habe ich es verdient geliebt zu werden. Jesus weiß sich uneingeschränkt geliebt von Gott und lebt aus dieser Liebe.

Wir müssen nichts vorweisen, wir müssen nichts leisten und werden umarmt. Das ist der Freispruch im Geist – wir sind frei – von der Last der Selbstrechtfertigung. Glauben heißt: loszulassen von dem Zwang, etwas vorweisen zu wollen und darauf zu vertrauen: Du bist geliebt. „Lass los von der Vorstellung, etwas dafür leisten zu müssen!“ Gott liebt! Punkt. In den Krippenspielen wollen die Hirten dem Kind gerne etwas mitbringen. Lukas erzählt davon nichts. Sie haben nichts und brauchen nichts mitzubringen – und doch sind sie die, die Gott als erstes anspricht. „Euch ist heute der Heiland geboren!“

Und dass in Jesus Gott selbst auf die Erde gekommen ist, können wir nicht beweisen oder erklären. Alles, was wir sehen, ist ein normales Kind. Wir können es aber leben und erleben. Wir können es bekennen und davon singen, wie die ersten Christinnen und Christen den Timotheus-Hymnus:

Groß ist das Geheimnis unseres Glaubens – Jesus Christus.
Er ist uns erschienen als Mensch
und freigesprochen worden im Geist.
Er wurde erkannt von den Engeln
und bekannt unter den Völkern.
Er wurde geglaubt in der Welt,
und aufgenommen in Herrlichkeit.

So haben sie gesungen, weil sie in Jesus ihr eigenes Leben wiedergefunden haben. Und weil sie gespürt haben, wie das Göttliche sie berührt hat. So singen wir auch jedes Jahr wieder zu Weihnachten, weil wir zumindest etwas ahnen von dem Geheimnis unseres Glaubens, dass Gott in die Welt, zu den Menschen, zu uns gekommen ist: Himmlische Heere jauchzen dir Ehre. Freue dich, o Christenheit.

Amen.

So schön wie hier

Wer findet den Fehler? Es war Peter, beruflich eher naturwissenschaftlicher Hintergrund, der bei seinem letzten Besuch darauf hinwies, dass der Satz von Christoph Schlingensief irgendwie merkwürdig ist: „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein.“ Der Himmel – egal, ob wir christlich angehaucht sind oder Hardcore-Atheisten – steht für das Schöne an sich: „Wie im Himmel“ heißt der berührende schwedische Film. Verliebte sind gar im „7. Himmel“. Und „einfach himmlisch“ waren die Weihnachtskekse von Schwiegermutter, die unsere Tochter nun kongenial nachbackt.

Und „hier“, auf der Erde, ist die Lage doch eher gemischt. Schlingensief gab diesen Satz seinem Bericht über seine Krebserkrankung, der er nach fünf Jahren erlag. Und die auch bei ihm von jeder Menge unangenehmer Therapien und vor allem immer der Aussicht auf den Tod begleitet war. Und trotzdem: „So schön wie hier…“

Aber er hat auch nicht geschrieben: Auf der Erde ist es schöner als im Himmel. Diese Aussage könnte man zu Recht bezweifeln, denn der Himmel… siehe oben.

Ich könnte zum Beispiel aus voller Überzeugung sagen: „So schön wie in Niendorf kann’s in Spannbrück gar nicht sein.“ Ich weiß, wovon ich rede, denn ich komme von da. Mein Bruder, der immer noch von da kommt, sagt dagegen mit derselben Überzeugung: „So schön wie in Spannbrück kann’s in Niendorf gar nicht sein.“ Und wer hat nun recht?

Natürlich beide. Denn wir sagen nichts über die schönere Schönheit der Orte an sich. Sondern über unsere Beziehung zu unserem Ort. Der „Hamburger an sich“ weiß natürlich, dass unsere Stadt die schönste der Welt ist. Auch wenn internationale Rankings etwas anderes behaupten, und eins sogar München bevorzugt. Ausgerechnet München! Na gut…

Schlingensief sagt also im Grunde nichts über den Himmel, sondern alles über sein Verhältnis zur Erde: Er lebt gerne, und zwar weil das Leben so schön ist. Schöner als im Himmel. Trotz aller Gegengründe, die auch er zur Genüge hat.

Und das heißt auch: Er will nicht dorthin. Zumindest noch nicht. Und er schreibt im Vorwort: „Nicht zuletzt wünsche ich der Kirche, dass sie aufhört, uns mit den Geheimnissen des Jenseits unter Druck zu setzen. Das Leben ist zu schön, um uns Menschen permanent mit kommendem Unglück zu drohen. Gottes Liebe und Hilfe – egal, wer oder was das auch sein möge … manifestiert sich vor allem in der Liebe zu uns selbst! … Wir sind ganz einfach wunderbar. Also lieben wir uns auch mal selbst. Gott kann nichts Besseres passieren.“ (Seite 11) 

Nach der Diagnose setzt er sich intensiv mit seiner Krankheit auseinander. „Mal wütend und trotzig, mal traurig und verzweifelt, aber immer mit berührender Poesie und Wärme umkreist er die Fragen, die ihm die Krankheit aufzwingen: Wer ist man gewesen? Was kann man noch werden? Wie weiterarbeiten, wenn das Tempo der Welt plötzlich zu schnell geworden ist? Wie lernen, sich in der Krankheit einzurichten? Wie sterben, wenn sich die Dinge zum Schlechten wenden? Und wo ist eigentlich Gott?“ So steht es im Klappentext.

Trotz – oder wegen? – seiner Krankheit arbeitet er an einer Vision: Ein Operndorf in Afrika. In der Nähe von Ougadougou, Burkina Faso. Ein internationales Kultur- und Begegnungszentrum. Abgedreht, menschenfreundlich und „eines der gegenwärtig interessantesten Kulturprojekte weltweit“ (Chris Dercon).

Genauso verstehe ich auch den Titel der Biographie des chilenischen Dichters Pablo Neruda: „Ich bekenne, ich habe gelebt.“ Als Aussage ist er banal: Dass jemand gelebt hat, muss man nicht bekennen. Das gilt für alle Lebewesen. Aber gerade durch dieses Wort „ich bekenne“ wird die Aussage großartig und geheimnisvoll. Sie beschreibt in fünf Wörtern ein Leben voller Hingabe und Lust, Neugier und Leiden – und der Liebe zum Leben und zu seinem Land.

Von seiner Rückkehr aus Europa schrieb er: „Gegen Ende 1943 kam ich wieder nach Santiago. „Ich richtete mich im eigenen … Haus ein … und begann nochmals das schwierige Leben. Von neuem ging ich auf die Suche nach den Herrlichkeiten meines Vaterlandes, der starken Schönheit der Natur, dem Zauber der Frauen, der Arbeit meiner Gefährten, der Intelligenz meiner Landsleute.“ Und beschreibt dann auch deren überaus schwere Lebensbedingungen.

Bis zum Schluss blieb er seinen Überzeugungen treu, setzte sich für die Menschen ein und schrieb seine Gedichte. Er lebte sein Leben.

Ich bin weder Künstler wie Schlingensief noch dichtender Politiker wie Neruda. Aber in ihren Überzeugungen bin ich ihnen nahe: „Ich bekenne, ich habe gelebt“, und so will ich weiterleben, denn „so schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein.“

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Beitragsbild: pxhere, Torres del Paine, Chile

Die Exerzitien – ein Fazit

Exerzitien 36. Teil, Bingen 2018, die „vierte Woche“. Reflexionen der letzten beiden Tage, 4. und 5. Juli 2018

Die Grundlage der Exerzitien sind die Jesus-Geschichten aus der Bibel. Geschichten aber sind nicht eindeutig. Sie können in verschiedene Richtungen interpretiert werden. Ich finde meinen Ort und meinen Zugang. Und ich habe erfahren: Wenn ich mich, wie Pfr. Mückstein immer wieder anregte, in diese Geschichten hineindenke, dann bekomme ich noch einmal ganz neue Zugänge. Und neue Fragen. Was passierte wirklich am Ostermorgen? Hat Maria Jesus gesehen? Einige meiner ganz persönlichen Erkenntnisse habe ich hier zusammengetragen:

1. Jesus hätte seine Kreuzigung vermeiden können, indem er sich einfach weggeduckt hätte. Aber dann hätte er seinen Weg und seinen Auftrag verlassen. Er wurde nicht deshalb gekreuzigt, weil die Verhältnisse stärker waren als er, sondern weil er stärker war als die Verhältnisse. Leonard Cohen: „Steer your way past the ruins of the Altar and the Mall. Steer your way through the fables of Creation and The Fall. Steer your way past the Palaces that rise above the rot. Year by year, month by month, day by day, thought by thought.“
Jesus sendet uns. Dem Petrus sagt er: „Als du jung warst, hast du gemacht, was du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wird ein anderer dich führen, wohin du nicht willst.“ (Joh. 21,18) Es gibt Wege, die möchte man nicht gehen. Leider sind es manchmal die eigenen.

2. Jesus kommt, auch durch verschlossene Türen. Er wird nicht herbeigebetet, herbeigesehnt oder durch irgendwelche anderen Taten herbeigeholt.

sprechendes-kreuz1.jpg3. Der Auferstandene ist der Gekreuzigte. Auferstehung ist mit Schmerzen verbunden. Kruzifix Baum1Deshalb war, seltsamerweise, das Franziskus-Kruzifix (links) mein Ansprechpartner während der Passionswoche, der hölzerne Jesus (rechts) während der Auferstehungszeit.

4. Jesus haucht uns den Tröster ein, den Heiligen Geist, der uns die innere Kraft gibt, die uns immer wieder aufstehen lässt.

5. Die Sache mit der Vergebung ist in der Regel eine harte Arbeit am inneren und äußeren Frieden. Es ist wichtig, dabei „zart und genau“ zu sein (Kurt Marti). Im Gottesdienst sprechen wir uns diesen Frieden zu. Wir tun so, als ob das Reich Gottes mit seinem Schalom schon da wäre – oder wir im Himmel.

6. Die Thomas-Geschichte lehrt uns nicht, dass wir zweifeln dürfen. Sie lehrt mich, dass die Zeit des Sehens und Anfassens vorbei ist. Jetzt ist die Zeit des Glaubens. Oder anders gesagt: Jesus steht nicht mehr vor mir, er ist in mir.

7. Ob in Emmaus oder am See Tiberias: Jesus wird von seinen Freunden an Taten, Gesten und Worten erkannt, die sie an früher erinnerten. Sie, die ihre Geschichte verloren glaubten, fanden sie wieder (Lothar Steiger).

8. Am Anfang steht die Beziehung. In Galiläa fragten die Jünger: „Wo wohnst du?“ Und Jesus antwortete: „Kommt und seht.“ (Joh. 1,38-39) Am See Tiberias fragt Jesus Petrus dreimal: „Liebst du mich?“, ehe er ihn beauftragt. (Joh. 21,15-17)

9. Ich verdanke Gott mein Leben. Gott ist aber kein Herrschender, sondern ein Liebender. Und auch für ihn gilt: „Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen.“ (Max Frisch) Manchmal allerdings ist mit Gott schlecht auszukommen. Dann sollte ich zu Jesus gehen. Er ist Leidens- und Weggenosse.

9. Ich brauche Jesus, weil er mich immer wieder aufs Leben hinweist und auf den guten Gott.

10. Ich habe nichts, keinen Glauben und keine Sicherheit. In dem Moment, in dem ich Jesus erkenne, entschwindet er. Dietrich Bonhoeffer: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir sie brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.“ Was bleibt, ist der Auftrag.

Lichtblicke der Woche

Es ist gut möglich, dass die Herrnhuter Losungen besonders dann wirken, wenn das Leben die Wohlfühlzone verlässt und es ernst wird. Wir lesen sie, wenn wir abends unsere Kerzen anzünden und das Vater unser sprechen – und sie haben uns in der letzten Woche besonders beeindruckt. Eine kleine Auswahl:

3. August: Sind wir untreu, so bleibt er treu; denn er kann sich selbst nicht verleugnen. 2. Timotheus 2,13
4. August: In Gottes Seele ist die Hand von allem, was lebt. Hiob 12,10
7. August: Du nahtest dich zu mir, als ich dich anrief, und du sprachst: Fürchte dich nicht. Klagelieder 3,57
8. August: Du wirst sichere Zeiten haben. Jesaja 33,6
Und schließlich, gestern:
Wandelt auf dem Weg, den euch der HERR, euer Gott, geboten hat, damit ihr leben könnt. 5. Mose 5,33
und: Jesus sprach zum Gesetzeslehrer: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5. Mose 6,5; 3. Mose 19,18). Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.

Wir brauchen solche und andere Gedanken und Sätze, die Mut machen. Wir merken gleichzeitig, wie sie einen schweren Stand haben gegen diejenigen, die wir von den Ärzten hören.

Der Menschensohn

Exerzitien 22. Teil, Bingen 2018, die „dritte Woche“.

Im letzten Blogbeitrag machten wir uns auf eine Reise, ins Judäa im Jahre 785 ab urbe condita. Dort finden wir uns jetzt wieder ein – im Kreis der Jünger Jesu. Jesus selbst hatte uns mit einigen Aussagen irritiert, in denen er vom Menschensohn sprach, und war dann weggegangen. Ich hatte Johannes gefragt, ob wir beide ihm nicht folgen und mit ihm reden könnten.

Menschensohn

Die Vision vom Menschensohn nach der Offenbarung

Johannes schaute mich an, ich nickte, und wir standen auf und gingen in die Richtung, in der Jesus verschwunden war. Wir fanden ihn gar nicht weit entfernt auf einem Stein sitzen. Er schaute uns an, als wir näher kamen. Wir setzten uns zu ihm.
„Was war denn das eben?“, fragte ich.
„Sagt ihr es mir“, antwortete Jesus. „Ich kann es auch nicht wirklich erklären.“
„So kenne ich dich eigentlich nicht“, sagte ich. „Ich bin jetzt etwa einen Monat bei euch, und du bist freundlich, positiv, manchmal crazy und besonders, voller überraschender Ideen und oft humorvoll. Zwei, drei Mal war das allerdings anders. Und ich erinnere mich, dass dabei auch der Menschensohn eine Rolle gespielt hat. Einmal hast du die Geistlichen hier sehr provoziert, als du meintest, du könntest Sünden vergeben.“ [Mt. 9,6]
„Als ob du mit Gott in allerdirektestem Kontakt stehst“, ergänzte Johannes. „Wahrscheinlich hat Simon auch an diese Situationen gedacht, als er meinte, du seist Gottes Sohn.“
„Es ist wirklich so“, sagte Jesus. „Es ist, als ob sich eine Tür zu einer anderen Wirklichkeit auftut. Ich habe es auch früher schon erlebt, in Nazareth. Als mir klar wurde, dass ich zum Täufer Johannes an den Jordan gehen musste. Und dann während der vierzig Tage in der Wüste. Aber das kann auch ganz natürliche Ursachen haben. Der Beruf Zimmermann sagte mir nie so zu, da kam die Berufung zum Jordan gerade recht. Und wenn man in der Wüste fastet und betet, dann erscheinen wie von selbst besondere Bilder.“
„Und es sieht so aus“, erwiderte Johannes, „als ob sie eine höhere Wahrheit beinhalten.“
„Ich glaube aber nicht, dass sie von Gott kommen“, sagte ich.
„Und wie erklärst du sie dann?“, fragte Johannes.
„Nun“, sagte ich, „ich denke mir das so: Jesus ist einerseits aufmüpfig gegen die Römer, andererseits konsequent gewaltlos, provoziert die hiesige Geistlichkeit, und die Leute sehen in ihm den Messias, da braucht man nicht mehr viel Phantasie: Die Katastrophe ist vorprogrammiert.“
„Ja“, unterbrach uns Jesus heftig. „Und Simon will sich gegen diesen Weg wehren. Wahrscheinlich will er kämpfen. Und dann verlieren wir alles. Kämpfen ist der menschliche, der normale Weg. Ich aber gehe den Weg der Liebe, und das heißt: der Hingabe.“
„Im Ernst?“, fragte ich. „Ich erinnere mich da aber an ein paar Sprüche, die gar nicht nach Liebe klangen. Du hast einmal gesagt: ‚Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen. Ich bin gekommen, das Schwert zu bringen.‘ [Mt. 10,34] Ist das der Weg der Liebe?“
Jesus schwieg lange. Dann sagte er: „Nein, das ist nicht der Weg der Liebe. Aber wahrscheinlich wird es so sein, dass diejenigen, die den Weg der Liebe gehen, Hass auf sich ziehen. Denn diejenigen, die den Frieden wollen, sind eine große Gefahr für die, die vom Unfrieden profitieren.“
„Aber dann kommt die Auferstehung“, warf Johannes ein.
„Genau“, sagte ich. „Das habe ich erst recht nicht verstanden. Wieso zum Beispiel nach drei Tagen?“
Jesus antwortete: „Beim Propheten Hosea heißt es: ‚Nach zwei Tagen macht Gott lebendig und nach drei Tagen richtet er auf.‘ [Hos. 6,2] Und vielleicht passt doch noch besser das Zeichen des Jona, der drei Tage und drei Nächte im Walfisch blieb.“ [Mt. 12,40]
„Das sind dann aber eher vier Tage, nach unserer Zählung“, gab Johannes zu bedenken. „So ganz will das nicht zusammenpassen.“
„Und heißt auferstehen dann, dass du wieder lebendig wirst und ewig lebst?“, fragte ich Jesus.
„Das wäre ja furchtbar“, entfuhr es ihm.
Johannes überlegte: „Irgendetwas aber geht dann weiter, nach einer kurzen Zeit.“
Wir vermuteten noch dies und das, kamen aber zu keinem gemeinsamen abschließenden Ergebnis.
Nach einer Weile stand Johannes auf und ging zurück zu den anderen. 

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Beitragsbild: Jesus und seine Jünger, von Rembrandt – teylers.adlibhosting.com : Home : Info : Pic, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37648997
Bild im Text: Der Menschensohn, von  Gebhard Fugel (1863-1939) – http://www.johannesoffenbarung.ch/bilderzyklen/fugel.php, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=65392969

 

Der Ruf des Königs

Exerzitien 13. Teil, Bingen 2016, die „zweite Woche“.

(Die kursiven Texte sind wörtlich meinem Binger Tagebuch von 2016 entnommen) 

Ignatius schreibt in seinem Exerzitienbuch als Anleitung, dem „Ruf des Königs“ zu folgen und damit der eigenen Berufung gerecht zu werden – und er gibt damit auch einen Einblick in seine Vorstellungswelt: „Der erste Punkt ist: Sich einen menschlichen König vor Augen stellen, von Gott Unserm Herrn selber erwählt, dem alle Fürsten und alle Christenmenschen Ehrfurcht erweisen und gehorchen. Weiterlesen

* Der Großinquisitor

Nach Celle hatte ich mir einen Stapel Weltliteratur mitgenommen, die meiner kulturellen Bildung aufhelfen sollte: Aischylos und Sophokles, Goethe, Schiller und Lessing, Fontane und Dostojewski. Das war manchmal interessant und spannend (Faust I), manchmal eher nicht so (Faust II). Dann kam Dostojewski, die Brüder Karamasoff, und in diesem Wälzer eine kleine Geschichte, die mich in höchstem Maß fasziniert und irritiert hat: Der Großinquisitor (unbedingt selbst lesen, z.B. hier). Weiterlesen