Lichtblick der Woche

Tägliches Gleichgewicht

Dem Schmerz nicht weichen
Die Freude auskosten

Der Liebe entgegengehen
Dem Tod ins Auge sehen

Die Zukunft willkommen heißen
Das Vergangene bewahren

Das Kleine schätzen
Das Große nicht scheuen

Mutig reden
Tapfer schweigen

Mit Gott rechnen
Unberechenbar bleiben

 

Dieses Gedicht von Susanne Niemeyer (www.freudenwort.de) haben wir von Waltraud bekommen. Ein herzliches Dankeschön.

Wissenschaft oder Gott

2. Teil der Reihe über den Atheismus
Den 1. Teil findest du hier.

Für mich ist die Wissenschaft das Maß aller Dinge, wenn es darum geht, diese Welt zu erklären. Die „Schulmedizin“ ziehe ich der Homöopathie vor, die Naturgesetze hinterfrage ich nicht, und wenn es irgendwelche Phänomene gibt, die man noch nicht erklären kann, dann sind es eben Phänomene, die man noch nicht erklären kann – und keine Geister, Wunderheilungen oder Gotteserscheinungen. Natürlich hat Shakespeare recht, wenn er sagt: „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als Eure Schulweisheit sich träumen lässt.“ Aber das ist für Wissenschaftler eher ein ziemlich dünnes „Totschlagzitat“ und sagt mehr über unsere Schulweisheit als über die Dinge zwischen Himmel und Erde.

Nein, ich brauche Gott nicht als Platzhalter für unerklärliche Phänomene. Ich glaube auch nicht an Wunder, die die Naturgesetze außer Kraft setzen. Selbst die Entwicklung der Welt kann ich mit der Evolution gut und ausreichend erklären. Dem Kreationismus, der in christlichen und islamischen Kreisen verbreitet ist, stehe ich sehr skeptisch gegenüber.

Und doch komme ich von Gott nicht los. Und das liegt auch, aber nicht nur an meinem Beruf. Und das liegt daran, dass mich die Wissenschaft in anderen Bereichen überhaupt nicht überzeugt. Ein solcher Bereich ist die Liebe.

Ja, die Wissenschaft kann herausfinden, dass wir in der Liebe hormongesteuerter sind als wir manchmal annehmen. „Wissenschaftler entlarven Liebe als physiologischen Vorgang“, schrieb der Focus. Dass bei der Liebe wie bei allen Handlungen und Gefühlen physiologische Vorgänge eine Rolle spielen und dass man sie messen kann, überrascht mich nicht wirklich. Aber es befriedigt mich nicht. Liebe, das ist meine Überzeugung, ist größer und umfassender. Sie ist besonders. Sie umgibt ein Geheimnis. Erst dann wird sie bedeutsam und schön und groß – und poetisch. Es fehlt die Sprache der Dichter wie Max Frisch: „Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertigwerden; weil wir sie lieben, solange wir sie lieben.“

Und wenn ich mich entscheiden sollte, würde ich immer sagen: So ist Liebe. Und wenn sie noch so hormongesteuert ist.

Und so ist es auch mit dem Glauben. Man kann ihn vermessen und dabei viel lernen. Aber er bleibt ein Geheimnis – und gewinnt gerade dadurch seine Kraft. Was Max Frisch vom Liebenden sagt, erfahre ich ganz ähnlich auch als Glaubender.