Künstlicher Segen?

Ute war in Wittenberg und ist auf den Segens-Roboter getroffen. Und sie erzählte, dass diese persönliche Begegnung sie etwas mit ihm versöhnt hat.

Genau genommen war nicht der Roboter die Ursache, sondern die ehrenamtliche Mitarbeiterin, die sie dort sensibel und freundlich angesprochen hat. Sie erklärte Hintergrund und Möglichkeiten der Installation und deren Grenzen. Das Angebot, den Roboter in den Segen einzubeziehen, war völlig offen.

Eine solche Begegnung mit Ehrenamtlichen kann auch eine andere Wirkung haben, wie Heidrun berichtete. Und bei mir bleibt ein Unbehagen. Um dem auf die Spur zu kommen, las ich den Flyer.

Fabian Vogt schreibt: „Entscheidend ist aber: Der Segen hat seinen Ursprung allein in Gott. Der Segen ist nicht von Menschen abhängig, weder von ihrer geistlichen Qualifikation noch von ihrer Integrität und auch nicht von der Intensität ihrer Zuwendung oder anderem: Gott segnet!“

Bedford SegensroboterDas entlastet natürlich: Ich bin nicht verantwortlich für das Wohlergehen des Anderen. Gott ist es. Ich bin nur das Medium für einen Segen, der auch auf Papier, durch Engel oder auch durchs Radio vermittelt werden kann. Das sagte auch der EKD-Bischof Heinrich Bedford-Strohm, der dem Roboter gerade einen Besuch abstattete: „Wichtig ist das Wort. Und das Segenswort kann dann auch mal ein Computer sprechen.“

Entschuldigung, Herr Bischof, ich glaube es nicht.

Das Wort und der Segen werden so abstrahiert. Ich glaube, dass es diesen abstrakten Segen gar nicht gibt. Es gibt ihn nur personal, in der persönlichen Begegnung. Ich kann mir einen Segensengel kaufen. Aber es ist etwas völlig anderes, wenn ich ihn geschenkt bekomme. Im Gottesdienst ist mir der Segen am Ende wichtig. Und ich achte darauf, ob die Hände und die Haltung des oder der Geistlichen ausdrücken, was die Worte sagen. Durch ein schludrig ausgeführtes Kreuzzeichen fühle ich mich betrogen.

Wenn ich den Segen abstrahiere, dann entwerte ich ihn zum Gegenstand. Natürlich gibt es schöne und schräge Segensworte, passende und deplatzierte. Ein Segen, der uns schon viele Jahre begleitet, den wir zugesprochen haben und der uns zugesprochen wurde und Kraft gegeben hat, stammt aus Irland:

Möge dein Weg dir freundlich entgegenkommen,
Wind dir den Rücken stärken, Sonnenschein
deinem Gesicht viel Glanz und Wärme verleihen.
Der Regen möge deine Felder tränken,
und bis wir beide, du und ich, uns wiedersehen,
halte Gott schützend dich in seiner hohlen Hand.

Übrigens nur „richtig“ auch mit diesen Formulierungen. Alles ist wichtig, das Wie, Was, Wo, Warum, Wer. Ein Segen kann nicht sorgfältig genug gesprochen werden.

Sorgfältig, aber nicht perfekt. Denn ich kann ihn auch nicht „machen“. Seine Kraft wächst wie von selbst, und meistens in den Unvollkommenheiten. There is a crack in everything. That’s where the light gets in“ (Cohen). So kann auch eine Krankheit zum Segen zu werden, ohne ein Segen zu sein.

Das Beitragsbild kommt von Pixabay, Bischof Bedford-Strohm und der Segensroboter wurden von (c) Ute Thiesen fotografiert.

Der Segen Gottes sei mit dir

Ute ist wieder zurück aus Wittenberg und hat jetzt eigene Eindrücke vom Segensroboter gewonnen, die wir demnächst hier reflektieren. Inzwischen hat mich BlessU 2 dazu angeregt, mir noch einmal bewusster zu machen, was der Segen für mich ist.

Zunächst aber möchte ich sagen, was er nicht ist: Er ist keine magische Handlung. Durch den Segen passiert objektiv – nichts. Nichts, was man sehen oder messen kann oder plausibel erzählen oder gar beweisen. Ein Skeptiker wird nie davon überzeugt sein, dass es ihn überhaupt gibt in der realen Welt.

Und ich bin ein Skeptiker. Ich glaube in der Tat nicht, dass es den Segen gibt – weder von einem Menschen, einem Blatt Papier, einem Roboter oder auch von Gott. Segen gibt es nicht – Segen geschieht.

Die Wirkung des Segens setzt für mich nicht in der sichtbaren Welt an. Sondern in meiner Beziehung zu dieser Welt.

Kennt Ihr das Gefühl? – Ihr seid zusammen mit Freunden oder bei der Arbeit oder einfach alleine zuhause oder in der Natur, und ihr wisst: Ihr seid geborgen. Es ist nicht alles perfekt, aber der Zusammenhang stimmt. Trotz aller Sorgen und Fragen, Schwierigkeiten und Aufgaben: Wir haben Boden unter den Füßen. Zwischen uns und der Welt besteht ein Band, das trägt.

Dieses Band ist für uns mit der Krankheit gerissen. Der Boden unter den Füßen wankt. Unsere Lebensaufgabe ist es, dieses Band wieder zu knüpfen. Indem wir reden und feiern und therapieren und umziehen und schreiben und alles Mögliche tun. Alleine, mit der Familie, mit Euch.

Und der Segen ist die Grundlage.

Wenn ich unter eine Mail schreibe: Gott befohlen – dann drücke ich damit die Hoffnung aus, dass Gott Dich in seiner Hand halten möge. Mehr noch: Dass er es auch tut. Und noch mehr: Dass er es kann und dass ich ebenfalls in dieser Hand geborgen bin. Der Segen segnet Geber und Empfänger.

Manchmal wünschte ich, ich könnte diesen Segen sehen. „I wish there was a treaty we Geländer.jpgcould sign“, singt Leonard Cohen. Ich wünschte, ich könnte mich an irgendetwas festhalten wie an dem Geländer draußen vor meinem Fenster. Aber so funktioniert das nicht mit dem, was unsere Welt und uns mit der Welt zusammenhält: Vertrauen. Ist es da, ist es stärker als jedes Material. Dann kann ich mit meinem Gott über Mauern springen (Psalm 18, Vers 30). Doch wenn es enttäuscht wird, ist es unglaublich schwer wiederzugewinnen.

Deshalb sprechen wir uns den Segen zu. In warmen Worten, sorgfältig und bedacht. Persönlich. Weil nur so Vertrauen wachsen kann. Und der Glaube, dass diese Welt trägt, weil sie Gottes Welt ist.

Das Beitragsbild zeigt den Segen Jacobs (1. Mose 49) von Rembrandt.
(The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD, 2002. Directmedia Publishing GmbH., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=157851)
Und das Bild im Text natürlich das Geländer vor meinem Fenster (c) Erik Thiesen

Die Schönheit Gottes

Kein Mensch hat ein Recht auf Gnade. Gnade ist immer die freiwillige Gabe eines Mächtigeren, sei es Gott, ein Richter oder der Bundespräsident. Doch das griechische Wort „Charis“, das in der Bibel für Gnade steht, hat nicht unbedingt etwas mit Recht und Gesetz zu tun. Die Entdeckung machte ich anlässlich der Vorbereitung einer Pfingstpredigt.

CharitenDie Griechen hatten bei dem Wort keinen Richter vor Augen, sondern die Chariten, drei schöne Göttinnen mit den Namen Euphrosyne (die Frohsinnige), Thalia (die Blühende) und Aglaia (die Strahlende). Und sie verbanden mit Charis Anmut, Schönheit und Grazie – ein Wort, das wiederum seinen Ursprung im lateinischen gratia hat.

Welch ein Unterschied. Auf der einen Seite der strenge Richter, auf der anderen drei sinnliche Musen. Und ich stellte mir vor, wir würden im Gottesdienst nicht sagen: Die Gnade Gottes sei mit dir, sondern: Die Anmut Gottes komme dir entgegen. Die Schönheit Gottes gehe in dir auf. Gnade als sinnliches Erlebnis, die das Herz weit macht. Die der Angst und dem Gefühl, nicht zu genügen, entgegentritt. Die dem Leben Farbe gibt.

Und wieder bin ich bei Leonard Cohen, der in seinen Liedern die Heiligkeit des Sinnlichen und die Sinnlichkeit des Heiligen besingt. Zwar hat Luther das weltliche Leben wie Hausputz und Windeln wechseln als gottgefällig gewürdigt. Es ist aber für ihn immer im Bereich der Sünde.

Kein Wunder, dass der Moslem Navid Kermani den Lebensstil seiner protestantischen Nachbarn nicht besonders attraktiv fand: „Was ich am wenigsten mit dem Christentum verband, mit dem ich aufgewachsen bin, war die Lust. Ich hatte gute Menschen vor Augen, wenn ich mir Christen vorstellte, aber nicht schöne; vernünftige Predigten, aber sterbenslangweilige; Nächstenliebe, aber nicht Sex.“ Er selbst dagegen besingt die Schönheit des Korans und macht ihn so attraktiv auch für Nichtmoslems.

Aber ist nicht schon im Alten Testament viel von Gottes Herrlichkeit die Rede (im Neuen dagegen eher nicht)? Katholiken preisen das Christentum gar als sinnlichste aller Religionen (gewagt!), und der reformierte Theologe Karl Barth sagt, dass Gott selbst der „Wohlgefällige, Begehrenswerte und Genußvolle“ sei.

Das ist schon mal ein Anfang, auch wenn es mir noch etwas zu erhaben und hoheitsvoll klingt. Mir fehlt irgendwie das Leichte, das Zufällige. Vielleicht hilft es ja, wenn ich jetzt rausgehe. Die Sonne scheint, und es ist einfach schön.

Das Bild der Chariten ist von Hans Weingartz – selbst fotografiert, CC BY-SA 2.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12515467.
Das Zitat von Navid Kermani ist seinem Buch „Ungläubiges Staunen“ entnommen.

Gnade und Gott

auch 7. Teil der Reihe über die Exerzitien. Bingen, 22. Juli 2016
Die vorherigen Beiträge sind unter dem Stichwort „Bingen“ versammelt.

„Denn aus Gnade seid ihr gerettet“, so heißt es im biblischen Brief an die Epheser (Kapitel 2,8). Für Martin Luthers Theologie und Glaube steht die Gnade an zentraler Stelle. Er hatte Angst vor dem Richter-Gott, der ihn mit der ewigen Verdammnis bestrafen würde, wenn er nicht gut genug sei, nicht genug Bußübungen absolviert habe. Für Luther war es eine Befreiung zu entdecken: Gott verlangt von mir – gar nichts. Die Schuld ist bereits abgegolten, weil Jesus am Kreuz gestorben war. Allein aus Gnade. Ich muss es nur noch glauben. So steht es in der Bibel.

Und so wurde das „sola gratia“ zu einer der vier Säulen der Reformation, neben „allein die Schrift (Bibel)“, „allein Christus“ und „allein der Glaube“.

Für Luther war diese Erkenntnis eine Befreiung aus seiner Angst vor dem strafenden Gott, für die Menschen seiner Zeit außerdem die Möglichkeit, sich der allgegenwärtigen Macht der Kirche und des Kaisers zu entziehen. Für mich ist sie heute eher ein Problem.

Denn ich bin Pastor einer lutherischen Kirche und wurde auf die Bekenntnisschriften, die in der Reformationszeit entstanden sind, ordiniert und verpflichtet. Doch irgendwie wollen die Antworten von damals nicht zu meinen Fragen heute passen.

Dabei versucht die Kirche zu zeigen, dass Luthers Botschaft immer noch relevant ist. Die Reformationsbotschafterin Margot Käßmann sagt: Unsere Frage ist nicht mehr die nach einem gnädigen Gott, sondern nach einem sinnerfüllten Leben. Die reformatorische Antwort lautet dann: „Nichts, was du tust oder leistest, macht dich aus.“ Gott „macht uns frei von Leistungsansprüchen.“ Für mich erinnert es an die Reklame einer Margarine-Marke: „Ich will so bleiben wie ich bin – du darfst.“

Und Thies Gundlach, oft als „Cheftheologe“ der EKD bezeichnet, meint: Wenn wir glauben wie Luther, werden wir auch von unseren Ängsten befreit und entwickeln uns dann zu freien, verantwortungsvollen und demokratischen Persönlichkeiten. Und ich frage mich: Wenn Luthers Lehre über Jahrhunderte eher folgsame Untertanen hervorgebracht hat, warum sollte es heute anders sein?

Wenn ich mich mit meinen Leistungsansprüchen und Zielen auseinandersetze, dann schöpfe ich aus vielen Quellen. Die Rechtfertigungslehre ist nur eine davon, und nicht immer die wichtigste. Denn ich habe ein Problem mit dem Gottesbild Luthers: Auch wenn Gott auf die Strafe verzichtet, er bleibt ein Richter. Und ich lande wieder bei Leonard Cohen („You want it darker“): If thine is the glory, then mine must be the shame. Vielleicht bin ich tatsächlich als Sohn und Erbe Gottes eingesetzt, wie Paulus im Römerbrief (Kapitel 8,17) meint. Dann fühle ich mich aber eher wie Prinz Charles: Egal was er macht, wirklich bedeutend ist er ja nicht. Und mit der Abdankung ist es bei Gott noch schwieriger als bei der Queen.

Mit diesem Gottesbild bleibe ich Untertan und abhängig von einer Macht, derer ich mir nie so ganz sicher sein kann. Ich suche nach einem anderen Zugang – und finde ihn, ausgerechnet, in der Gnade.

Fortsetzung folgt.

Die Aussagen über Thies Gundlach beziehen sich auf einen Artikel in der Zeitschrift Pastoraltheologie 2017/4 (April) Seite 129ff: Keiner Angst untertan – zur Freiheit eines Christenmenschen.

Show me the place

oder: Hilft mir der Glaube? Teil 2

Nach der Diagnose vor anderthalb Wochen, als eine neue Metastase entdeckt wurde, habe ich wieder Leonard Cohen gehört. You want it darker. Das ganze Album. Ich kann gut in dieser melancholischen Stimmung mitschwimmen. Und am Ende dann mitsummen: I wish, there was a treaty between your love and mine. So möchte ich auch sterben, mit Sehnsucht und Einverständnis im Herzen, alt und lebenssatt.

Aber noch nicht! Am vergangenen Freitag hatten wir Dr. Jutta Seeland zu Gast. Sie ist Ärztin für Psychotherapeutische Medizin im Ruhestand und hat sich sehr der Onkologie zugewendet. Sie beschwor uns geradezu, uns nicht dem Tod zuzuwenden, sondern dem Leben: „Sagen Sie nicht: Ich will nicht sterben. Sagen Sie: Ich will leben!“

Sie riet mir, dass wir uns mit unseren Plänen für die Route 66 beschäftigen sollen. Uns hineinversetzen in schöne Situationen, lachen und planen. Das würde, sagte sie, nicht nur die Heilung fördern, sondern nachweislich die Zellen im Körper verändern.

Dafür sollen wir den Begriff „palliativ“ aus unserem Denken verbannen. Es mag ja sein, dass ich medizinisch gesehen nur noch palliativ behandelt werden könne – und das heißt: nicht auf Heilung, sondern auf Begrenzung der Krankheit hin. Aber wer sagt denn, dass Heilung nicht mehr möglich sei? Jutta Seeland zumindest nicht.

Sie hat die Erfahrung gemacht, dass es drei Arten von Krebskranken gibt: Diejenigen, die sich dem Leben mehr zugewandt hätten als dem Leiden, die dem Krebs den Finger gezeigt und das Schöne bewusst gesucht und gelebt hätten, die hätten eine große Chance zur Heilung gehabt. Diejenigen, die sich weder gewehrt noch ergeben hätten, sondern immer treu die Behandlungen durchgeführt haben, ohne viel nachzudenken, hätten eine fifty-fifty-Chance gehabt. Und diejenigen, die sich in ihr Schicksal ergeben hätten, die wären auch eher gestorben.

Ein Freund erzählte, dass diese Erkenntnisse in der Psychosomatik längst bekannt seien. Und ich erinnerte mich an Forschungen über das Thema „Glaube und Heilung“. „So hat z.B. ein negatives Gottesbild mit entsprechenden Gefühlen eher ungünstige, ein positives Gottesbild eher günstige Effekte“, schreibt Sebastian Murken. Oder pointierter: „Eine Religion hilft vor allem denen, die stark daran glauben, dass sie ihnen hilft.“

Und glauben, so betont Jutta Seeland, heißt nicht nur denken, sondern vor allem auch fühlen.

Hm, dachte ich, und ich mit meinem Bild von einem unberechenbaren Gott? Ist ein solches Gottesbild nicht zu negativ? Aber ich habe kein anderes, zurzeit. Wie finde ich zum heilenden Gott? Mir scheint, dass es dieselbe Frage ist, die Leonard Cohen zu einem Song auf seinem drittletzten Album „Old Ideas“ inspiriert hat:

Show me the place, help me roll away the stone
Show me the place, I can’t move this thing alone
Show me the place where the word became a man
Show me the place where the suffering began.

Zeige mir den Ort, hilf mir den Stein hinwegzurollen. Ich kann dieses Ding nicht alleine bewegen. Zeig mir den Ort, an dem das Wort Mensch wurde. Zeig mir den Ort, an dem das Leiden begann.

Cohen, der Jude, nimmt eindeutig die christlichen Eckpunkte auf: Menschwerdung Jesu, Passion und Auferstehung. Nur in einer ungewöhnlichen Reihenfolge. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, sagt Jesus (Johannes 14, 6). Ich ahne, dass hinter diesen Worten mehr steckt – ein Geheimnis, das vielleicht nicht gelöst werden, dem man sich aber nähern kann.

Darüber muss ich weiter nachdenken.

(Die Zitate von Sebastian Murken stammen aus Schowalter, Murken, Religion und psychische Gesundheit S. 156, hier im Netz zu finden, und Ulrich Schnabel, Die Vermessung des Glaubens, S. 44, Blessing 2008)

Sisyphos

Es war ein Tiefschlag, wieder einmal. So sehr hatten wir gehofft, dass wir diesmal eine gute Nachricht bekämen. Dass wenigstens für ein paar Monate so etwas wie Normalität einkehren würde. Dass die Krankheit ein wenig mehr in den Hintergrund treten könnte. Stattdessen eine weitere Metastase, fast 2 cm groß, voraussichtlich nicht sinnvoll zu operieren. Das bedeutet Chemo oder Immuntherapie mit ungewissem Ausgang, und die Lebenserwartung ist wieder um ein gutes Stück geschrumpft.

Gerade hatten wir wieder so etwas wie Hoffnung geschöpft. Die Blogbeiträge atmeten etwas von Vertrauen und Zukunft und Licht. Nun geht es wieder von vorne los. Ich höre wieder Leonard Cohen, „You want it darker“. Und wieder singe ich mit ihm, sehnsuchtsvoll und traurig: „I wish there was a treaty we could sign.“ Wie im Januar. Einen Monat später stellten wir eine Kerze auf mit der Aufschrift: „Es geht aufwärts“ und schrieben dazu: Gerade auch nach Rückschlägen.

Das stimmt. Doch es ist wie bei Sisyphos: Der Stein, den er gerade den Berg hinaufgerollt hat, rollt unweigerlich wieder herunter. Und er muss von vorn anfangen. Das macht nicht nur müde, es erschöpft auch. Die Kräfte werden mit den Monaten und Jahren ja weniger. Und die Gefahr wächst, dass der Stein, der den Berg herunterrollt, Sisyphos selbst erschlägt.

Der Schriftsteller und Existentialist Albert Camus hat diesen alten griechischen Mythos aufgenommen. So absurd ist die Situation des Menschen, meint er: Er sucht den Sinn in einer Welt, die keinen Sinn macht. Aber wenn man diese Situation annimmt und den Stein zur eigenen Sache macht, dann wird man frei. Dann kann man sich „Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen“. „Was bleibt, ist ein Schicksal, bei dem allein das Ende fatal ist.“ (aus: Der Mythos des Sisyphos)

Leonard Cohen scheint selbst das Ende angenommen zu haben. „I’m leaving the table“, singt er. Und so, wie er es singt, klingt es gut. Etwa so, wie es in der Bibel von Abraham, Hiob & Co gesagt wird: „Er starb alt und lebenssatt und wurde versammelt zu seinen Vorfahren.“

Soweit aber bin ich noch lange nicht. Auch wenn der Tod durchaus wieder in Sichtweite gekommen ist. Und auch wenn ich mir sogar vorstellen kann, mich einmal von der Arbeit zu verabschieden –  noch sind nicht alle Gespräche geführt. Noch soll so mancher Spaziergang getan und manches Glas Wein geleert werden. Vor allem aber: Ich habe einmal versprochen, meine Frau nie allein zu lassen, weder in guten noch in bösen Tagen. Gut, wir haben damals bewusst gesagt: … bis der Tod uns scheidet. Aber es war nie die Rede davon, dass es so früh geschehen könnte. I’m NOT leaving the table. Not yet.

Beitragsbild: Tizian, Sisyphos. Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3860214

Der unberechenbare Gott

Es ist wahr, mit Gott habe ich so meine Schwierigkeiten. Ja, er hat mir schon viel Gutes geschenkt. Das übersehe ich keineswegs. Aber es war auch viel Mist dabei. Ich finde ihn einfach zu unberechenbar.

Denn das Schlimme an meiner Situation ist nicht, dass ich wieder ins Krankenhaus muss. Die Schmerzen und die Schwäche sind eklig, aber sie sind auszuhalten. Das Schlimme ist die Ungewissheit: Wird es gut ausgehen? Anders gefragt: Werde ich leben?

In der Bibel (2. Mose 19,5) wird erzählt, dass Gott erst mit dem Volk Israel und dann mit allen Menschen einen Bund geschlossen hat: Ich bin bei dir bis ans Ende aller Tage. Aber was ist das für ein Bund, wenn man sich nicht wirklich darauf verlassen kann?

Es gibt viele Geschichten, die diese Widersprüchlichkeit in Worte fassen.

Die Mystikerin Teresa von Avila (1515-1582) beklagte sich einmal im Gebet über all die vielen Drangsale und Widerwärtigkeiten, unter denen sie zu leiden hätte. „So behandele ich meine Freunde“, antwortete ihr der Herr. Teresa versetzte: „Darum hast Du auch nur so wenige.“

Der Milchmann Tewje beklagt sich im Musical Anatevka: Lieber Gott, schick‘ uns die Medizin, die Krankheit haben wir schon! Ich will mich ja nicht beklagen, aber mit deiner gütigen Hilfe, o Herr, sind wir fast am Verhungern.

Und in der Geschichte „Jossel Rakovers Wendung zu Gott“ lässt Zvi Kolitz seine Hauptperson am Ende sagen, nachdem sie alles verloren hat: „Gott Israels“, sagte er, „ich bin hierher geflohen, dass ich Dir ungestört dienen kann: um Deine Gebote zu tun und Deinen Namen zu heiligen. Du aber tust alles, dass ich an Dich nicht glauben soll. Wenn Du aber meinen solltest, dass es Dir gelingen wird, mich mit diesen Versuchungen vom richtigen Weg abzubringen, ruf ich Dir zu, mein Gott und Gott meiner Eltern, dass es Dir alles nicht helfen wird. Magst Du mich auch beleidigen, magst Du mich auch züchtigen, magst Du mir auch wegnehmen das Teuerste und Beste, das ich habe auf der Welt, und mich zu Tode peinigen – ich werde immer an Dich glauben. Ich werde Dich immer lieb haben, immer – Dir selbst zum Trotz!“

Auf der katholischen Internetseite kath.net wird dieses Buch gefeiert. Aber ist es wirklich gut katholisch, wenn ich nur gegen Gott an Gott glauben kann?

Kolitz ist offensichtlich mit Leonard Cohen einer Meinung, wenn der über Gott singt: „You want it darker.“ Am Ende kann sich Rakover nicht auf die Zusagen Gottes verlassen, sondern nur auf den eigenen Willen zu glauben. Und Cohen singt: „I wish there was a treaty we could sign” – ich wünschte, es gäbe einen Vertrag, einen Bund, den wir unterzeichnen und auf den wir uns verlassen könnten.

Ich wünschte es auch. Und ich gestehe: In Gott dem Schöpfer finde ich ihn nicht. Seine Gaben sind zu unberechenbar. Aber ich habe noch eine andere Hoffnung. Sie ist verbunden mit Jesus. Seine Botschaft und sein Leben strahlen eine Zuversicht aus, die mir gut tun.