Lichtblick der Woche

Immer wieder werden wir darauf gestoßen, wie dünn das Eis ist, auf dem wir gehen. Was bedeutet die Hautverfärbung am Fuß? Unruhe. Am nächsten Tag ist sie verschwunden. Durchatmen. Aber die Atemnot – immer noch eine Nachwirkung der OP? Der Husten eine normale Erkältung? Oder doch eine gefährliche Immunreaktion? Und dann die Läsionen an Händen und Armen. Dr. Hezel war entspannt, aber…

Und dann wieder diese Kraft, die aus den Begegnungen kommt. Aus dem Formulieren neuer Gedanken. Aus einem ganz normalen besonderen Arbeitsalltag. Aus einem friedlichen Abendausklang zu zweit, mit unserer Spiri-Schale. Aus so vielen kleinen Kleinigkeiten.

Und dann spüren wir die Weisheit, die in der einfachen Erkenntnis Albert Schweitzers liegt:

Ich bin Leben, das leben will inmitten von Leben.

Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, doch immer wieder neu zu beherzigen.

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Albert Schweitzer lebte von 1885 bis 1965
Beitragsbild: By Bundesarchiv, Bild 183-D0116-0041-019 / Unknown / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5361572

Ostermorgen

Exerzitien 32. Teil, Bingen 2018, die „vierte Woche“. Der Beitrag knüpft an den 29. Teil an: Karsamstag.

Der Tag, nachdem wir Jesus ins Grab gelegt hatten, hatte mich in eine seltsame Stimmung versetzt – nicht richtig traurig, eher melancholisch und nachdenklich. Ich hatte plötzlich keine rechte Vorstellung von meiner Zukunft und meinen Lebensplänen mehr. Selbst die römischen Thermen hatten ihre Anziehungskraft verloren.

Ich bettete mich also zur zweiten Nacht. Und was ich danach erlebte, kann ich bis heute nicht wirklich einordnen. War es Traum oder Vision, Halluzination oder Realität?

Ich öffnete die Augen. Es war früh am Morgen, die Sonne ging gerade auf. Ich hörte Stimmen, Frauenstimmen. Maria Magdalena konnte ich identifizieren, einige andere auch. Sie wollten bestimmt die Leichenpflege nachholen – aber konnten sie auch den Stein bewegen? Da hörte ich einige überraschte Rufe. Ich näherte mich, und da sah ich es auch: Der Stein war weggerollt worden. Ich hatte nichts bemerkt.

Plötzlich schauten die Frauen in eine andere Richtung. Ich konnte nichts erkennen, Sträucher und Bäume verwehrten mir den Blick. Aber ich hörte eine Stimme: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“, soll sie gesagt haben. So berichteten die Frauen später. Ich hatte vielmehr gehört: „Was sucht ihr das Leben beim Tod?“

Und dieser Satz sprach mich unmittelbar an. Wie eine Botschaft aus einer anderen Welt. Vielleicht war es ja ein Engel, wie die Frauen später behaupteten. Und er hatte ja Recht: Wenn ich Leben finden wollte, dann nicht hier beim Toten. Ich musste also weg. Aber wohin? Ich wusste es nicht. Nicht zu den Jüngern, dachte ich noch. Deren Denken und Reden kreiste bestimmt auch nur um den Toten und den Tod. Aber ich wollte auch nicht zu den Frauen in ihrer Trauer.

Sie waren ohnehin inzwischen wieder weggegangen. Bis auf eine, Maria Magdalena. Ich sah, wie sie mit jemandem sprach: „Bist du der Gärtner? Sag mir, wo ist der Leichnam? Hast du ihn weggebracht?“ Als Antwort hörte ich nur ein Wort: „Maria.“ Die Angesprochene erstarrte. „Rabbuni?“, fragte sie. Und dann: „Rabbuni!“ – mein Rabbi, mein Lehrer, mein Meister.

Nun wollte ich es selbst wissen und näherte mich. Als ich unter den Bäumen hervortrat, sah ich eine Gestalt aus dem Garten verschwinden. Aber ich konnte sie nicht mehr erkennen. Ich wandte mich Maria zu. Wie in Trance schaute sie mich an. „Ich habe Jesus gesehen“, sagte sie. „Wie, Jesus?“, fragte ich zurück. Aber sie hörte mir gar nicht richtig zu. Mit einem etwas entrückten Blick drehte sie sich um und ging aus dem Garten.

Und ich überlegte, was wohl mit ihr passiert sein mochte. Sie hatte wohl schon immer einen Sinn fürs Übersinnliche gehabt. Man hatte mir erzählt, dass Jesus ihr sieben Dämonen ausgetrieben hatte. Was immer das heißen mochte. Sicher war: Sie hatte eine besondere Beziehung zu Jesus gehabt und war von seinem Tod besonders betroffen.

Aber war das eine Erklärung für das, was ich gerade gesehen hatte? Ein einziges Wort, ich hatte es auch gehört: „Maria“ – und all ihre Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit war wie weggeblasen. Was hatte sie gesehen? Was hatte sie gehört? Was hatte sie berührt? Ein Wort? Eine Geste. Sie hat es mir nie erzählt.

Ich schaute mich um. „Was sucht ihr das Leben beim Tod?“, hatte ich noch im Ohr. Ich musste los. Erst einmal nach Jerusalem hinein. Die Stadt war nach dem gestrigen Ruhetag, dem Sabbat, zu neuem Leben erwacht. Was ich dort wollte, wusste ich noch nicht. Aber zumindest musste ich etwas essen.

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Beitragsbild: Die Erscheinung Christi vor Maria Magdalena nach der Auferstehung, von Alexander Andreyevich Ivanov (1806 – 1858) – Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21853920.
Das Video spielt den Song „I don’t know how to love him“ aus der Rockoper Jesus Christ Superstar von Andrew Lloyd Webber (1970), Text Webber und Tim Rice, gesungen von Yvonne Elliman. Lizenziert an YouTube durchUMG, AdRev for a 3rd Party (im Auftrag von Universal Pictures Film Music); UMPI, Really Useful Group Ltd (music publishing), ASCAP, CMRRA, UMPG Publishing, UBEM und 6 musikalische Verwertungsgesellschaften.

Ein normales Leben

Manchmal sagen wir: Wir hätten so gerne unser normales Leben zurück. Das Leben vor der Diagnose. Als wir uns noch nicht so bewusst waren, dass eben dieses Leben begrenzt ist. Als wir meinten, es weitgehend im Griff zu haben. Als wir noch davon ausgingen, dass uns unser Körper gehorcht und nicht so aus dem Ruder läuft.

Ist es das, ein „normales Leben“? Dann begegnen uns heute viele Menschen, die ein ebenso „unnormales Leben“ führen wie wir auch. Vielleicht sind sie uns auch früher schon begegnet, schon von Berufs wegen. Wir nehmen sie nur anders wahr.

Eine der Freundinnen, durch deren Leben auch plötzlich ein Riss ging, sagte uns einmal: Euer Leben, das ihr jetzt lebt, das ist euer neues „normal“. Das sagen wir uns immer einmal wieder. Und wir müssen es auch, denn wir haben ja jahrzehntelang im alten „normal“ gelebt.

Viele Menschen bleiben bei uns auf unserem Weg in dieses neue „normal“. Aber es gibt auch welche, die sich entfernen oder „verdunsten“ – sei es aus Unsicherheit, Sprachlosigkeit oder einfach, weil die Lebensverhältnisse nicht mehr zueinander passen. So wie sich Bekannte und Freunde sortieren, wenn man z.B. eine Familie gründet.

In diesem neuen „normal“ treffen wir nicht nur auf neue Menschen, sondern auch auf Menschen neu. Es ist, als ob Masken fallen – wir müssen uns nicht mehr erzählen, wie gut wir das Leben doch meistern. Denn wir wissen, dass wir es nicht im Griff haben. Wir können von unserer Angst erzählen, von den Verletzungen – und dann auch, irgendwie unbefangener als früher, von unseren Stärken und dem, was uns gelungen ist.

onkoambulanz.jpgIn diesem „normal“ kommen wir auch an Orte, an denen eine besondere Atmosphäre herrscht. Oder deren Atmosphäre wir heute anders wahrnehmen. Natürlich sind wir auch vorher immer wieder im Krankenhaus gewesen. Wenn ich jetzt aber in die onkologische Ambulanz komme, spüre ich eine Stimmung von beschädigtem Leben, Hoffnung und Heilung, die ich „im wirklichen Leben“ so nicht wahrnehme. Eine Solidarität von Menschen, deren Leben einen Riss bekommen hat – und die die Hoffnung nicht aufgeben. Menschen, die von der Krankheit gezeichnet sind und solche, die äußerlich fit sind.

Wir reden wenig miteinander. Aber es ist kein peinliches Schweigen. Wir müssen einfach nicht mehr viel erklären.onkostuhl.jpg

Wir haben ein besonderes Verhältnis zur Zeit. Denn immer wieder müssen wir warten – auf den Arzt, die Ärztin, auf das Medikament, die nächste Untersuchung, die Ergebnisse.

Und die Mitarbeitenden, von der Ärztin bis zum Pfleger, so ist meine Erfahrung, haben ein Gespür für diese Atmosphäre. Sie sind freundlich, zugewandt, ernst und heiter.

Und sie erzählen auch von Patienten, die pöbeln, die ungeduldig sind und ängstlich. Es gibt Gespräche, die uns nicht so gut tun. Es ist wie im wirklichen Leben. Das neue „normal“ eben.

„Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“, heißt es in der Bibel (Psalm 90,12). Dieser Satz hat eine tiefe Wahrheit. Doch auch dieser andere aus dem Film Ein Mann namens Ove gilt: „Wir können an den Tod denken oder wir können weiterleben.“ Der erste vielleicht eher für die, die in dem einen, unserem alten „normal“ leben, und der zweite für die im neuen „normal“.

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Bilder:
Beitragsbild: Pixabay
1. Bild: Die Onko-Ambulanz im UKE © Erik Thiesen
2. Bild: Ein typischer, bequemer Sessel in der Onko-Ambulanz © Erik Thiesen

Den Gedanken, dass Freundschaften „verdunsten“, lasen wir in einem Artikel über jemanden, der ebenfalls das neue „normal“ lebt.

Lichtblick der Woche

 

Die Kunst zu leben besteht darin
zu lernen im Regen zu tanzen
anstatt auf die Sonne zu warten.

Wie wahr. Und welch ein Gegensatz:

Im Regen tanzen

Draußen scheint die Sonne, für viele schon unangenehm lange und heiß. Und in uns drin erleben wir, wie mal wieder dunkle Wolken  aufgezogen sind: Das Ergebnis der letzten Untersuchung sieht nicht gut aus. Wir wissen noch nicht, was das konkret bedeutet. Aber nach Tanzen ist uns gerade so gar nicht zumute. Umso wichtiger wird es sein, sich diesen Lichtblick zu bewahren.

Die Bonbondose war ein Geschenk von Heidrun an Ute.

Der Einzug

Exerzitien 25. Teil, Bingen 2018, die „dritte Woche“.

Und weiter geht es mit unserer kleinen Fortsetzungsgeschichte über die letzten Tage Jesu (über ihren Hintergrund steht hier mehr). Die Planungen für den Einzug in Jerusalem sind abgeschlossen, die Vorbereitungen beginnen.

Nach den Beratungen hielt ich mich von der Gruppe fern; bei den Vorbereitungen hätte ich nur gestört. Und so machte ich mich auf den Weg in die Stadt. Wie ich schon vermutet hatte: Mit Rom kein Vergleich. Aber es lag eine seltsame Atmosphäre über der Stadt, eine explosive Mischung von Aufruhr, religiöser Anspannung und Festtagsstimmung.

Auf dem Rückweg kam ich an einem Hügel mit Olivenbäumen vorbei. Doch Oliven wurden hier keine mehr geerntet. Dafür waren Querbalken an die Stämme genagelt worden. Und an ihnen hingen Menschen, sterbend oder bereits tot. „Die Gruppe von Jehuda dem Messerwerfer,“ meinte ein Passant. „Die Römer kreuzigen alles, was nur entfernt nach Hochverrat aussieht. Und Jehuda hat immerhin einige Hoffnungen auf Befreiung in der Bevölkerung geweckt.“

Zurück in Betfage sah ich Jesus auf einer Bank sitzen. „Darf ich?“, fragte ich. Jesus rückte ein wenig zur Seite.

„Jesus“, sagte ich, „warum machst du das eigentlich? Ich meine, wenn dich die Leute dazu drängen würden, dann würde ich das ja noch verstehen. Aber diese ganze Inszenierung – es ist ja fast so, als ob du sterben wolltest.“

„Nun“, antwortete Jesus, „immerhin setzen meine Jünger große Hoffnungen in mich. Petrus sieht in mir den Gesalbten, den Messias, den Gottessohn. Judas hofft, dass ich die Römer vertreibe und ein gerechtes Reich aufrichte. Philippus sieht schon das Reich Gottes entstehen, und für Johannes bin ich der vollkommene spirituelle Lehrer. Alle setzen große Hoffnungen in mich.“

„Und du?“, fragte ich. „Was willst du selbst? Du hast etwas von Leid und Tod erzählt – ich sah heute eine Reihe von Gekreuzigten. Es war ziemlich grauenvoll. Und das mit der Auferstehung verstehe ich, ehrlich gesagt, nicht wirklich. Warum also das alles?“

„Es ist mein Weg.“

„Es gibt zweifellos angenehmere Wege und Ziele.“

„Du denkst an Rom, die Thermen und alles?“ Jesu Frage war eher rhetorisch gemeint. „Ja, vielleicht ist das ja dein Weg. Ein angenehmes Leben und dann heiter sterben.“ Ich hatte in Rom mit einigen Stoikern zu tun gehabt, auch Seneca getroffen, und in der Tat: Das schien mir ein durchaus überzeugendes Lebenskonzept zu sein.

„Aber das will nicht zu meinem Leben passen“, fuhr Jesus fort. „Ich bin Jude, unser Gott ist alles: liebender Vater und unberechenbarer Despot, hochemotional und von unergründlicher Tiefe. Er trennt zwischen seinem Volk und allen anderen und ist doch der Gott aller Menschen und für alle da. Und so sind wir Juden auch: Wir glauben schnell und sind gleichzeitig auf der Suche nach der ewigen Wahrheit. Wir lachen und tanzen und leiden unter der Ungerechtigkeit und der Herrschaft der Römer. Wir könnten Römer werden, wie unsere Vorfahren Babylonier hätten werden können, aber dann hätten wir uns verloren. Wir hätten Gott verloren. Es gibt für uns offenbar nicht den leichten Weg.“ Und nach einer Pause: „Nein, ich weiß selbst nicht richtig, wozu das alles gut sein soll. Aber ich bin überzeugt davon, dass es wichtig ist.“

Dann schwieg er. Ich auch. Nach einer Weile stand ich auf und ging ins Bett.

Am nächsten Tag ging ich hinunter ins Kidron-Tal. Etwa 30 m hinter dem Garten Gethsemane hatten sich die Jüngerinnen und Jünger mit gut 40 weiteren Menschen versammelt. Und als Jesus unter den Bäumen zu sehen war, begannen sie zu rufen: „Da ist er, Jesus, der Prophet aus Nazareth, Gesalbter, Retter, Sohn Gottes. Hosanna.“ Erst durcheinander, dann im Chor. Das Fohlen hatte vor Schreck kurz gebockt, aber dann hatte Jesus es im Griff. Das Geschrei sorgte für Aufsehen. Immer mehr Menschen strömten zusammen. Einige hatten schon von Jesus gehört und informierten die anderen.

Ich schaute die Leute an. Die meisten waren aus Neugier dabei. Andere hatten einen hoffnungsvollen Blick. Wieder andere ließen sich mitreißen. Und einen hörte ich hinter mir sagen: „Vielleicht schafft er ja das, woran Jehuda der Messerwerfer gescheitert ist.“

Es dauerte eine ganze Weile, bis Jesus das Kidron-Tal durchritten hatte und zum Goldenen Tor kam. Bis dahin waren vielleicht zwei- bis dreihundert Menschen zusammengekommen.

Plötzlich kehrte Ruhe ein. Aus dem Tor waren Soldaten gekommen, eine kleine Einheit von Pilatus‘ berittener Garde. Aber sie beobachteten nur. Als Jesus das Tor durchritten hatte, schlossen sie es sofort. Sie befürchteten wohl, dass es in den engen Gassen Tote und Verletzte geben könnte.

Jesus aber hatte erreicht, was er wollte.

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Beitragsbild: Henri van Waterschoot († 1748(?) in München), Einzug in Jerusalem – http://www.lempertz-online.de/, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15774002
Über die Arten von Kreuzigung gibt, natürlich, Wikipedia umfassend Auskunft.