Brunow

Wer bei Brunow an irgendein Dorf im Osten denkt – der liegt völlig richtig. 20 km östlich von Ludwigslust, 312 Einwohner, Mecklenburg an der Grenze zu Brandenburg. Viel Natur. Irgendwo im Nirgendwo, von Hamburg aus gesehen.

Zu Mecklenburg habe ich allerdings immer schon eine besondere Beziehung gehabt. Als ich ein Kind war, hat uns Oma aus Fritz Reuter vorgelesen – Mecklenburger Platt mit Angeliter Aussprache. Das war ähnlicher, als es klingt. Überhaupt haben beide Regionen viele Gemeinsamkeiten – angefangen von der Landschaft bis hin zur Mentalität der Menschen. Auch die Haltung zu Religion und Kirche kommt mir vertraut vor. Inzwischen nähert sich auch die Anzahl der Kirchenmitglieder in Nord und Ost einander an. In Angeln ist die Kirche noch eher ein Teil der Gesellschaft, aber auch diese Zusammengehörigkeit scheint zu bröckeln. Sehen wir in Mecklenburg vielleicht die Zukunft der Angeliter Volkskirche?

Brunow also. Der Pfarrsitz der Kirchengemeinde Brunow-Muchow. Hier ist Veronika Hansberg Pastorin. Veronika hat uns Mitte März besucht. Und was sie erzählte, war sehr spannend. Und so entstand die Idee zu diesem Interview.

Veronika, kannst Du Dich und Deine Gemeinde kurz vorstellen?

Geboren 1974 in Dresden, da habe ich aber nicht gelebt, es war die Heimatstadt meiner Mutter. Aufgewachsen bin ich im nordwestlichen Niedersachsen. In Münster habe ich nach meinem Abitur Ev. Theologie und Pädagogik studiert. Mein Vikariat damals in der Kirche, zu der ich gehörte: Oldenburg (in Oldenburg). Leider gehörte ich zu den Jahrgängen, die die Kirche wirklich nicht gut behandelt hat. Mit einer doch erstaunlichen Herzlosigkeit setzte man den ganzen Vikarskurs im Anschluss vor die Tür. Für mich ist wirklich eine Welt zusammengebrochen damals. Seit ich denken kann, wollte ich Pastorin werden und dann das.
Im Jahr darauf bekam ich unser zweites Kind, eine Tochter (unser großer Sohn war da vier Jahre alt). Ich arbeitete nun in verschiedenen Bereichen: als Öffentlichkeitsarbeiterin im Kirchenkreis, als freie Redakteurin bei der regionalen Zeitung, in der Lebensberatung in der Mutter-Kind-Klinik, erteilte Konfirmandenunterricht in der Förderschule für geistige Entwicklung, absolvierte eine Zusatzausbildung in Notfallseelsorge, entwickelte Seminare für Schülerinnen und Schüler und Konfirmanden und führte sie durch (in der Ev. Jugendbildungsstätte Asel in Ostfriesland) und stand fast jeden Sonntag als ordinierte (ehrenamtlich tätige) Pastorin auf einer anderen ostfriesischen Kanzel, vertrat die Kollegen bei Urlaub und Krankheit auch bei Taufen, Beerdigungen und Trauungen.
Leider ging die Vorstellung, dass ich als Pastorin in einer Kirchengemeinde tätig sein werde, mir nicht aus dem Sinn, vor allem aber wohl nicht aus dem Herz. So beschloss ich damals, mich nicht länger von den Landeskirchen Oldenburg und Hannover hinhalten zu lassen und schaute mich um. Ein Praktikum in einer schwedischen Kirchengemeinde beflügelte mich und eröffnete neue Perspektiven.
Eine Initiativbewerbung in der damals neu gegründeten Nordkirche war dann  sehr schnell erfolgreich. Man fragte mich, ob ich auch bereit sei, in Mecklenburg aufs Land zu gehen. Dorfpastorin war durchaus Teil meiner jahrelangen Vorstellung gewesen, und Mecklenburg fanden wir beide –  mein Mann Tjark und ich – schon immer schön. Für Tjark war es fast heimatlich, er ist in Ratzeburg aufgewachsen. Deshalb sagte ich der Kirchenleitung: Ja, ich bin bereit dazu. So kamen wir –  mit inzwischen noch einem Sohn mehr (geb. 2009) als Familie nach Brunow ins Pfarrhaus. Das war 2013.
Ich bin froh, dass ich mich in den Jahren vorher nicht verschätzt hatte. Es ist mein Ding. Auch wenn nicht alles schön und nicht alles leicht ist (und auch nicht alles gleich viel Spaß macht, manches macht auch gar keinen). Aber so ist das immer. Ich bin glücklich, in meinem Beruf arbeiten zu können. Für mich der schönste Beruf, den ich kenne.
Ich liebe – auch seit ich denken kann –  Bücher. Und Sprache fasziniert mich. Außerdem liebe ich Schweden, Schwimmen und  Natur. Und gute Musik (da bin ich sehr großzügig). Und ich liebe meine Familie. Die steht natürlich weiter vorn, ganz vorn.

Brunow-Muchow heißt unsere Kirchengemeinde seit diesem Jahr. Fusioniert aus den Kirchengemeinden Brunow & Muchow. 15 kleine bis mittelgroße Dörfer, acht ganz verschiedene schöne Kirchen, sechs kirchliche Friedhöfe, knapp 750 Gemeindeglieder (ca. 19% der Bewohner). Zwei Pfarrhäuser. In einem (in Brunow) wohnen wir, das andere wird im Moment von unserer (50%) Gemeindepädagogin bewohnt. In Muchow arbeiten wir momentan an einem Nutzungskonzept. In diesem Haus befindet sich auch die im letzten Jahr gegründete Ev.-öffentliche Bücherei – die erste in Mecklenburg, wie ich von Ute lernen durfte.

Soweit.

Eine Gemeinde, 8 Kirchen, Friedhof, Mitarbeitende – das klingt nach unglaublich viel Routine- und Verwaltungsarbeit und nach weiten Wegen. Bleibt da noch Zeit für Anderes? 

Leider zu wenig. Denn: Ja,  es ist viel Verwaltungsarbeit. Aber die Gemeinde leistet sich eine 5-Std./Woche-Sekretärin zur Entlastung (entgegen der mecklenburgischen Gepflogenheiten). Und es gibt beeindruckend viele Menschen auf den Dörfern, die helfen. Sonst ginge es gar nicht. Dienstliche Telefonate erledige ich oft auf den Autofahrten, um die Zeit zu nutzen. Die Investition in eine gute Freisprechanlage hat sich gelohnt. Leider kann ich die Ankündigung, Pastores von Verwaltungsarbeiten zu entlasten, damit Zeit für die „Kernkompetenz“ bleibt, nicht mehr hören und schon gar nicht glauben. In der Zeit, in der ich aktiv für Kirche bin, hat sich der Verwaltungsaufwand für Pastores (und sonstige Dinge, die ich NICHT gelernt habe), proportional zur Ankündigung der Reduzierung verhalten. Ist also, je mehr er angekündigt wurde, umso mehr gestiegen.

Wie sind die Mecklenburger Dir als Pastorin mit westdeutschen Wurzeln begegnet?

Oft erstaunlich offen und positiv. Ich habe den großen „Vorteil“, dass meine Eltern in der DDR aufgewachsen sind und ich wirklich aus meiner Kindheit weiß, wie es war. Meine Großeltern und viele andere Verwandte und die besten und engsten Freunde meiner Eltern haben alle in der DDR gelebt. Ich bin doch verhältnismäßig erstaunt gewesen, wie sehr das hier noch Thema ist. Wie gegenwärtig noch die (unsichtbare) Mauer ist. Das hat mich echt von den Socken gehauen. Meine Eltern können es gar nicht glauben, wenn ich das erzähle. Dazu muss man wohl hier leben, um zu merken, wie sehr es die Menschen geprägt hat (das kann ich verstehen) und wie sehr sie daran hängen (das kann ich wahrnehmen, aber nicht immer verstehen).
Ich versuche, darüber im Gespräch zu sein mit den Menschen. Möglicherweise kann das auch Aufgabe von Kirche sein vor Ort: Das zu hören, aber die Menschen auch nicht immer so zu lassen in ihrem „Gefangensein“ – so nenne ich es mal – in der Vergangenheit. Es gibt viele interessante Gespräche. Ich habe oft das Gefühl, ich darf den Menschen sagen, was sie sich von vielen anderen nicht anhören würden. Wichtig ist, glaube ich, den Menschen zu sagen, dass es nicht um die Abwertung von persönlichen Biographien geht, sondern im Gegenteil, dass der so genannte realexistierende Sozialismus viele um ihre Möglichkeiten gebracht hat. Und die Menschen damit eher aufzuwerten. Die Menschen hier können was. Davon bin ich beeindruckt.

Vor welchen Herausforderungen steht Deiner Meinung nach die Kirche in Mecklenburg ganz besonders?

Viel Gegend, wenig Leute. Und diese wenigen werden älter, haben weniger Möglichkeiten. Viele Gebäude und doch ziemlich wenig liquide. Das ist die Situation der Kirchengemeinden. Hohes Engagement der Kerngemeinde. Das gibt es auch. Es gibt viele Abschiede (wie überall). Wie können wir die miteinander gestalten? Abschiede sind ja nicht per se was Schlechtes. Bewusst und gut gestaltete Abschiede machen offen für Neues. Deshalb tun sie oft natürlich trotzdem weh, die Abschiede. Aber Kirchengemeinde soll auch ein Ort sein, der Schmerzen und Trauer gemeinsam trägt.
Wie machen wir möglichst vielen Menschen klar, wofür die Kirche steht? Leitend sind für uns „Werte“ wie Hoffnung, Nächstenliebe, Gastfreundschaft, Vertrauen. Aber wie bilden wir das ab? Woran können Menschen bei uns erkennen –  am besten auch jene, die die Kirche gar nicht kennen oder sie sogar meiden -, dass uns das leitet? Die Hoffnung als Kernkompetenz der Kirche (da haben wir ein Monopol und das ist ein Schatz!) findet hier fruchtbaren Boden. Nicht abgehängt und es kommt nichts mehr – wie es sich hier oft als Stimmung breitmacht -, sondern nach vorn ausgerichtet. Nicht an der Vergangenheit kleben, sondern auf Zukunft hin. Ein Gegenentwurf zu den anderen Entwicklungen. Ja, vielleicht ist das die größte Herausforderung: Den Versuchungen zu widerstehen, es der kommunalen Entwicklung gleich zu tun. Leider sehe ich im Moment oft anderes.

Ganz praktisch: Wie erfahren die Menschen von unserer Hoffnung?  Wir müssen davon sprechen. Und das in einer Sprache, die die Menschen verstehen. Das fällt nicht allen leicht. Ob unsere Hoffnung auch zu ihrer Hoffnung werden kann, liegt ja nicht nur in unserer Hand. Nur auf Zahlen zu starren, führt nicht zum Glück, da bin ich sicher.

Ich habe festgestellt: Hier gelingt alles gut, wo viele Menschen an der Durchführung beteiligt werden. Deshalb werden wir immer stärker eine Beteiligungskirche bekommen müssen und das ist auch gut so. Die Mecklenburger werden Abschied nehmen müssen von der rein pastorenzentrierten Gemeindeform (was übrigens auch Vorteile hat, aber das nur nebenbei).
Möglichst viele Menschen sollen mit dem Evangelium in Berührung kommen. Das ist die klare Aufgabe. In welcher Form auch immer wir das einlösen. Da sind der Phantasie und Kreativität keine Grenzen gesetzt. Das ist das Spannende und Gute hier bei der Arbeit als Pastorin in mecklenburgischen Kirchengemeinden. Willkommen!

Ute und Du habt Euch kennengelernt, weil Du den Kontakt zum Bibliotheks- und Medienzentrum der Nordkirche gesucht hast. Wie bist Du auf die Idee gekommen?

Ich habe schon gesagt: Ich liebe Bücher. Und ich habe als 18 jährige (damals jüngste bundesweit) die Ausbildung zur Bibliotheksassistentin im kirchlichen Dienst absolviert. Muchow BüchereiDie Liebe zu den Büchern ist geblieben, die Büchereiarbeit ruhte viele Jahre. Nun haben wir ein großes Pfarrhaus in Muchow und bekamen viele Bücherspenden. Da ist es wieder neu entflammt bei mir. Und ich finde es immer einen Gedanken wert, Kultur aufs platte Land zu bringen, wo sonst nichts ist. Man kommt auch einfach nochmal mit anderen Menschen in Kontakt. Es ist ein –  wie wir gern innerkirchlich sagen –  relativ „niederschwelliges Angebot“. Die Menschen kommen in ein Haus der Kirche, treffen sich, trinken Kaffee, unterhalten sich und manchmal leihen sie auch ein Buch aus. Und das Gute daran ist: Sie kommen mindestens einmal wieder. Um es abzugeben. Und vielleicht ist dann der Weg über die Schwelle eines kirchlichen Hauses nicht mehr ganz so schwer.

Auf noch größere Resonanz stoßen Deine Passionsandachten: „Kreuzwege vor Ort“, Gedanken an wunden Punkten unserer Gemeinden. Magst Du davon erzählen?

Der Gottesdienstbesuch an einem „normalen“ (was ist schon normal?) Sonntag  ist –  sagen wir –  ziemlich überschaubar.  Es gibt Sonntage, da kann ich das gut ab. Aber leider ist es nicht immer so. Es macht auch Frust, da bin ich ganz ehrlich.
Und vor vier Jahren, da hatte ich mal wieder besonders Frust. Es war im Januar. Und ich dachte: Und nun kommt auch noch die Passionszeit und da kommen besonders wenige. Dabei verstehe ich das nicht. LEIDEN, das kennt doch nun wirklich jede, das kennt jeder, ob nun Christ oder nicht.
Und so kamen wir zu der Frage: Woran leiden die Menschen eigentlich heute? Also, DIESE Menschen HIER in DIESER ZEIT? Bei jedem Hausbesuch kamen Themen, die die Menschen umtreiben. Also, warum nicht davon sprechen? Und in die Bibel schauen, was sie uns dazu sagt. Es fielen uns gleich Themen ein. Aber habe ich als Pastorin Ahnung davon? Nein, natürlich nicht von allem. Also, ich kann mich in alles hineinlesen und hineinfragen und hineindenken. Aber als Theologin. Warum also nicht eine andere Perspektive dazu holen? Zu jedem Thema kommt also ein Experte oder eine Expertin. Es ist gar nicht so einfach, jemanden zu finden dazu.
Und vielleicht sind vielen Menschen, die seit Generationen nichts mehr mit Kirche zu tun hatten, unsere Kirchen zu alt und zu fremd, vielleicht die Kirchenmauern zu dick. Also, raus aus den alten Mauern. Wohin? Wo leiden denn Menschen heute? Also an die Orte. Und die stehen oft nur stellvertretend, symbolisch für die Frage, die uns da bewegt. Andachten am Kriegermal, auf dem Friedhof, an der Bushaltestelle, bei einem Milchbauern, bei der Feuerwehr, an der Schule, vor geschlossenen Kitas und Einkaufsläden auf den Dörfern, vor verlassenen Häusern, an den Müllcontainern, an einem Unfallschwerpunkt und die Andacht über „burn-out“ am Stoppschild (eines der beiden, die wir im ganzen Gemeindegebiet haben, eine Ampel haben wir gar nicht, haben wir festgestellt).
An fünf Freitagen in der Passionszeit um 18 Uhr. Wenn Ostern früh liegt, ist es bei den ersten Andachten noch dunkel und oft ziemlich kalt. Und die Menschen stehen. Deshalb dauern die Andachten nie länger als 30, allerhöchstens 35 Minuten. Die Musik ist instrumental (wir können doch nicht die, die sonst nicht kommen, als erstes durch das Singen ihnen unbekannter und oft gruseliger Passionslieder wieder verschrecken) und muss je nach Veranstaltungsort auch mal ohne Strom gehen. Im Anschluss gibt es eine Tasse heißen Tee oder Punsch und um 19 Uhr sind fast alle auf dem Weg nach Hause.
Mecklenburger fahren für eine Zahnbürste ins 20km entfernte Parchim, aber selten bis nie gehen sie in eine Kirche in der gleichen Kirchengemeinde im Nachbardorf, 4 km entfernt. Warum, weiß ich nicht. Weiß keiner.
Aber für eine Passionsandacht unserer Reihe geht das schon. Sie kommen aus allen Dörfern, sogar aus anderen Gemeinden. Die Kirchenältesten (die mich übrigens anfangs für verrückt hielten –  ja, das haben sie wörtlich so gesagt, – als ich diese Idee vorschlug) sind inzwischen enttäuscht, wenn weniger als 40 Menschen kommen. Dabei kommen im Sonntagsgottesdienst trotzdem weiter unter zehn, abnehmende Tendenz. Es kann nicht als Konkurrenz gesehen werden, sondern als eine Art Ergänzung. Wer möchte denn sagen, dass eine Andacht, die „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ beginnt, in der ein Bibeltext gelesen wird, dieser kurz ausgelegt wird, zwei Gebete gesprochen werden, ein gemeinsames Vaterunser und ein Segen kein vollwertiger Gottesdienst ist?  „Inzwischen“, das heißt übrigens, wir haben die Andachtsreihe „Kreuzwege vor Ort- Gedanken an wunden Punkten unserer Gemeinden“ in diesem Jahr das vierte Mal gehabt. Immer denke ich, jetzt fallen mir keine Orte und keine Themen mehr ein. Doch bis jetzt stimmte das nicht.

Die Liste Deiner Gäste, die das „Wort zur Sache“ sprechen, liest sich beeindruckend: Fachärztin für Neurologie, Staatssekretär, Klimawissenschaftler… Ist das Absicht?

Ja…. Die Menschen auf dem platten Land haben doch ein Recht, auch von diesen Fachleuten zu hören, was es zu sagen gibt zu diesem Thema. Der Bestatter auf dem Friedhof zur Andacht „Was bleibt?“, den hören die Menschen nie dazu etwas sagen, sie sehen immer nur, was er tut und irgendwie wirkt es so, als assistiere er der Pastorin oder so, aber er hat eine ganz eigene Sicht auf die Dinge. Die Neurologin erklärt, warum Menschen krank werden können, wenn sie aus der Mühle der Schnelllebigkeit nicht rauskommen, die Rettungsassistentin ermutigt die Leute zu helfen an der Unfallstelle, der Feuerwehrseelsorger berichtet darüber, was Feuerwehrleute bewegt. Der Schulpsychologe erzählt von seinem Umgang mit Versagensängsten bei Kindern, und der Leiter des Abfallbetriebes erläutert die Dimensionen der Wegwerfgesellschaft, die ich nur erahnen kann. Und der erste Staatssekretär aus der Landesregierung kommt hier aufs Dorf und hört, wie sich das mit dem Abgehängtsein  anfühlt und versucht aus der Politik dazu etwas zu sagen. Das eröffnet viele Räume. Ich bin selbst immer wieder beeindruckt, was sie da sagen.  Übrigens ist es ja oft meine Aufgabe bei diesen Andachten zum Thema einen Bibeltext zu finden, also genau der umgekehrte Weg zu der üblichen sonntäglichen Predigtvorbereitung. Das ist oft gar nicht einfach, macht aber ungeheuer Spaß. Deutliche Empfehlung!

Besonders einfühlsam finde ich den Ausdruck der „wunden Punkte unserer Gemeinden“. Wie bist Du darauf gekommen?

Wie bin ich darauf gekommen? Ja, zunächst liebe ich wohl Wortspiele.
Und dann: Fast bei jedem Besuch geht es um Wunden, wenn man genau hinhört. Und bei Wunden hilft es nicht, sie zu ignorieren. Den Finger hineinlegen erhöht den Schmerz erst einmal, meistens zumindest. Notwendigerweise, glaube ich. Kirche kann und muss aus meiner Sicht auch einen Beitrag dazu leisten, dass Menschen sprachfähig werden. Man kann das auch immer nur als „Jammern“ abtun, kann man machen, hilft aber nicht weiter. Keinem, wenn wir ehrlich sind. Oder man kann sie als offene Wunden wahrnehmen, die die Menschen mir hinhalten. Ich bin nun keine Ärztin und erst recht keine Wunderheilerin, will ich auch gar nicht sein. Aber ich kann die Menschen erst einmal ernst nehmen (zumindest das können wir machen), die Wunden sehen und hören, wenn sie davon erzählen. Ich kann den Menschen etwas anbieten, wo sie Trost und so etwas wie einen Heilungsprozess finden können. Die Andachten haben nicht den Anspruch, das „Problem“, das „Leid“ zu lösen – wie könnten wir das? Aber sie können Trauer und Schmerz teilen. Im ersten Jahr sagte ein Mann, der der Kirche nicht gerade nahe steht, um es vorsichtig zu sagen, zu mir: „Die Kirche geht dahin, wo es wehtut.“ Er war erstaunt darüber. Das war ganz offenkundig neu für ihn.

Veronika, ich danke Dir – für dieses Gespräch, für die Gedanken und unsere Begegnung.

Erik, ich danke Dir. Du bist eine Bereicherung für mich –  persönlich und beruflich.

Liebe Veronika, das kann ich so zurückgeben. Vielen Dank.

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Beitragsbild: Kirche in Brunow. © Tjark Hansberg. Die frühere Version dieses Beitrags zeigte irrtümlich die Kirche von Heckelberg-Brunow im Märkischen Oderland. Wir bitten dieses Versehen zu entschuldigen.
Bild im Text: Die Bücherei von Muchow, Anfangsstadium © Ute Thiesen

 

 

 

 

Bridge Over Troubled Water

In den letzten Jahren sind wir immer wieder Menschen begegnet, die mit uns im Tumorland unterwegs sind. Auch Manuela muss ihren Mann auf diesem Weg begleiten. Sie hat mich besucht und von dem Bild erzählt, das sie für ihre Situation gefunden hat: „Bridge Over Troubled Water“ von Simon & Garfunkel. Sie stellt sich vor, dass die Brücke die Form der Japanischen Brücke von Claude Monet hat – aber natürlich ist sein Bild viel zu friedlich. Sie schreibt:

Das Leben ist wie eine Wanderung, eine Reise von der Geburt zum Leben, von einem Ort zum andern. Diese Reise ist nicht immer einfach. Immer wieder stoßen wir auf Hindernisse, die zu überwinden sind – raues Wetter, hohe Berge, breite Flüsse. Wir konnten sie immer überwinden, erst alleine, dann gemeinsam zu zweit, in der Familie oder auch mit Hilfe von Freundinnen und Freunden.

Wilder FlussDann aber stießen wir auf einen Fluss, der so ganz anders war. Aufgewühltes Wasser, reißende Strömung. Wir kamen nicht weiter.

Denn mein Mann wurde krank. Er bekam Krebs. Wir mussten die Komfortzone verlassen und konnten unser Leben nur noch in Grenzen selbst bestimmen – Operationen, Chemotherapie und weitere Behandlungen nahmen unsere Zeit und unsere Kraft in Anspruch. Es war – und ist – eine raue und bewegte Zeit wie ein Fluss mit troubled water. Gleichzeitig war es so, als ob das Leben zu einem Stillstand gekommen war. Dieser Fluss war zu gefährlich, als dass wir ihn hätten überqueren können.

Und doch haben wir im Lauf der letzten vier Jahre viel gelernt. Wir lernten, die Situation anzunehmen und das Leben bewusster zu leben. Das Grün ist grüner geworden. Nichts ist mehr selbstverständlich. Wir haben die Seiten und auch den Blickwinkel gewechselt.

Und wir wollen mehr. Wir wollen weiterleben. Auch für uns gilt das Motto: Der Krebs ist nur Beifahrer und wir behalten das Steuer in der Hand! Wir wollen über den Fluss.

Wir brauchten eine Brücke. Und dann war da jemand, der uns diese Brücke zeigte, ja, der selbst diese Brücke war:

When you’re weary, feeling small / When tears are in your eyes / I will dry them all / I’m on your side / Oh when times get rough / And friends just can’t be found
Like a bridge over troubled water / I will lay me down / Like a bridge over troubled water / I will lay me down…

Es war wie eine Botschaft aus einer anderen Welt, eine Botschaft von Gott. Und um auf die andere Seite zu kommen, hat mir mein Glaube geholfen:

In Räumen der Kirche komme ich immer gut zur Ruhe. Das war bei mir schon immer so. Ich suche hier nicht nach Lösungen, sondern Zeiten des inneren Friedens. Ich fühle dabei, siehe Liedtext:

– Ich bin an deiner Seite, sagt – für mich – Gott. Er ist an meiner Seite
– den Boden unter den Füßen behalten – im Text heißt es: ich werde mich niederlegen.
– da segelt jemand hinter mir.

Und tatsächlich, meine Gedanken werden leichter.

Ein väterlicher Freund hat mir in jungen Jahren gesagt: Es wäre gut, wenn ich eines verinnerliche: Wir sind allein, wenn wir geboren werden, und wir sind allein, wenn wir sterben, und zwischendurch haben wir zwar Weggefährten an unserer Seite, aber wir sind immer allein.

Das stimmt. Aber durch den Glauben fühle ich mich nicht allein. Gott tröstet mich, wenn ich völlig fertig bin!

Und mit seiner Hilfe überqueren wir den Fluss. Das Leben geht weiter.

© Manuela F. Schwarz, Bearbeitung: Erik Thiesen

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Beitragsbild: Claude Monet (1840-1926), Japanische Brücke in Giverny – Reprography from art book, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7169264
Bild im Text: Pxhere

Wirklich oder wahr?

Im nächsten Jahr feiert die Kirchengemeinde Niendorf ihr 250-jähriges Jubiläum. Vor ihrer Gründung gehörte sie zum Hamburger Kirchspiel Eppendorf, politisch aber zur Herrschaft Pinneberg und unterstand dem dänischen König. Zwischen den reichen Hamburgern und den ärmlichen Schleswig-Holsteinern gab es oft Streit, meist um Geld und Personalfragen. Wobei die „Pfeffersäcke“ die Nase immer ein wenig höher trugen.

Das Verhältnis wird schön von einer Geschichte illustriert, die ich von einem alten Niendorfer hörte: Es muss irgendwann in den Jahren vor dem Bau der Kirche geschehen sein. Die Eppendorfer hatten ihre alte Kirche renoviert und Kirchengestühl eingebaut. Da aber nicht genug Platz zur Verfügung stand und die Niendorfer sowieso mit den kirchlichen Abgaben im Rückstand waren, waren alle Sitzplätze für die Hamburger reserviert. Das erfuhren die Niendorfer Bauernjungs, überquerten in der Nacht vor der Einweihung die Grenze zur Hansestadt, brachen in die Kirche ein, stapelten das Gestühl auf dem Vorplatz und verbrannten es. Es hat die Freundschaft der Nachbarorte nicht vertieft.

Diese Geschichte erzählte ich gerne bei so mancher Kirchenführung. Bis mich ein anderer alter Niendorfer fragte, woher ich sie habe. Und ich erzählte, ich hätte sie gehört und sie stünde doch in der Kollau-Chronik.

Neugierig geworden schaute ich nun selber nach. Und siehe da, ich fand die Stelle. Allerdings hörte sie sich anders an. Der Streit ging um die Besetzung der Pfarrstelle. Man konnte sich nicht einigen. Und dann heißt es: „Es kam so weit, daß, als die Eppendorfer Kirche neu gebaut war, man die Kirchenstühle neu verpachtete und die alten Rechte der Holsteiner nicht achtete. Sie beschwerten sich und vernagelten die neuen Stühle, obwohl sie nicht übermäßig pünktlich in der Bezahlung der Kirchstände zu sein pflegten.“ Was auch immer das Vernageln bedeutete, es war ein unfreundlicher Akt der Pinneberger. Aber nichts von Bauernjungs, nichts von Freudenfeuer – und das Ganze passierte auch nicht kurz vor 1770, sondern 1631. Und die Vorstellung, dass hier in der Gegend nur arme Geestbauern lebten? Als ich das einem Nachfahren einer alten Niendorfer Bauernfamilie erzählte, wiegte er mit dem Kopf und meinte: Nein, arm waren sie nicht. Richtig reich auch nicht. Aber durchaus vermögend.

Meine Geschichte von den armen, aber tapferen Niendorfern, die sich gegen die hochnäsigen Geldsäcke aus der Stadt auflehnten, fiel ziemlich in sich zusammen. Das mag in diesem Fall harmlos gewesen sein. Aber aus solchen Vorstellungen können auch Mythen gewoben werden: So ist er nun einmal, der Niendorfer an sich. Macht nicht viel von sich her, hat aber innen ein aufrechtes Herz. Mit der Realität hat das dann nur noch am Rande zu tun.

Ich zeige gerne mit dem Finger auf Donald Trump und seine „alternativen Fakten“, lache über den Stern, der auf die Hitler-Tagebücher hereingefallen ist und frage mich, warum Claas Relotius so lange beim Spiegel mit seinen Reportagen aus Fakt und Fiction durchgekommen ist. Dabei bin ich selbst keineswegs gefeit davor, gerne das aufzunehmen und zu glauben, was sowieso in mein Weltbild passt.

Ja, sagte ich, als ich meinen Irrtum eingestehen musste, es gibt eine Wirklichkeit und es gibt eine Wahrheit. Und meine Geschichte mit den Bauernjungs ist eben wahr, denn sie illustriert doch wunderbar die Situation, wie sie zur Zeit der Kirchengründung existierte.

Diese Einstellung fand ich wieder beim Regisseur Werner Herzog, der in einem Interview mit dem Tagesspiegel gesagt hat: „Ich habe Dokumentationen gedreht, in denen so gut wie jedes Detail erfunden ist und die genau deshalb viel mehr Wahrheit enthalten als viele andere, die sich buchhalterisch an Objektivismus klammern.“

Ganz ähnlich gehen wir ja auch mit den biblischen Geschichten um, wenn wir sie nicht wörtlich nehmen wollen, weil wir dann mit der Naturwissenschaft in Konflikt kommen – von der Schöpfungsgeschichte über die Sintflut bis hin zu den Wundern Jesu: Wenn sie auch vielleicht nicht wirklich passiert sind, so sagen wir, drücken sie doch eine tiefere, eine göttliche Wahrheit aus.

Woher aber wissen wir von dieser Wahrheit, woher weiß Herzog, welche Wahrheit wirklich wahr ist? Liegt sie in den Geschichten, die aber womöglich erfunden – oder vielmehr gefunden – wurden, um eine dahinter liegende Wahrheit zu erzählen?

Ich bewege mich da auf unsicherem Boden. Wir können nur ahnen, wer die Autoren der Bibel wirklich waren – welche Erfahrungen sie gemacht, welche Verletzungen sie in ihrem Leben davon getragen, mit welchen Dämonen sie gekämpft haben. Wir kennen ihre Welt und ihre Motive nur in Umrissen. Und ich bin ganz anders, lebe in einer anderen Zeit und habe andere Herausforderungen zu bestehen.

Wahrheit entdecke ich, wenn ich genau danach frage, was unsere Welt zusammenhält. Was uns gut tut. Indem ich nach Gott frage und dem Sinn. Und ich entdecke, dass es die eine Wahrheit nicht gibt. Was für mich früher einmal wahr war, ist fraglich geworden. Was für mich heute wahr ist, sieht eine andere völlig anders. Und auch das gilt: Ich entdecke in den Gedanken des anderen eine Wahrheit, die mir völlig plausibel scheint. Aus einem Bibeltext leuchtet eine Erkenntnis, die mein Leben hell macht. Aber wenn ich nicht vorsichtig mit dieser Wahrheit umgehe, ist sie schnell wieder verschwunden.

„Zart und genau“, schrieb Kurt Marti, „sind … Kategorien …, die göttlich zu nennen erlaubt ist, weil ihr Recht … dem Willen entspringt …, zart und genau zu sein, d. h. den Menschen, den Dingen zutiefst gerecht zu werden.“

Den Menschen und Dingen gerecht zu werden bedeutet, immer wieder neu hinzuschauen. Denn sie können ganz anders sein und ganz anders werden als ich vorher dachte. Das gilt auch für Werner Herzog. Ich weiß noch nicht einmal, ob er den Satz wirklich so gesagt hat. Denn das Interview führte ausgerechnet Claas Relotius.

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Das Zitat aus der Kollau-Chronik stammt aus Dr. Adolf Hansen und Rudolf Sottorf, Die Kollauer Chronik II. Band, Seite 80, Altona 1929. 
Und „Zart und genau“: Kurt Marti, Zärtlichkeit und Schmerz, Seite 116, Darmstadt 1981.

 

Weltfrieden

Auf der Suche nach entspannender Unterhaltung landeten wir eines Abends beim Netflix-Film „Miss Undercover“. Der Streifen ist nicht weiter erwähnenswert. Es geht um eine harte, ziemlich schlampige FBI-Agentin (Sandra Bullock), die undercover bei einem Schönheitswettbewerb eingeschleust wird, um einen Terroranschlag zu verhindern. Dazu wird sie von einem Styling-Berater (Michael Caine) innerhalb von drei Tagen soweit fit gemacht, dass sie bei der Miss-Wahl den 3. Platz erreicht. So weit, so unglaubwürdig.

Und doch gibt es einige nette Szenen, besonders wenn die Wahl selbst auf die Schippe genommen wird. So sollen die Kandidatinnen sagen, was ihnen das Wichtigste für unsere Gesellschaft ist. Die Antwort ist praktisch vorgegeben.

Weltfrieden also. So erwartbar wie belanglos.

Eine ähnliche Veranstaltung wie eine solche Miss-Wahl gibt es auch im kirchlichen Bereich. Ihr Titel: Weihnachtsgottesdienste. Darsteller: Die leitenden Bischöfe der evangelischen und katholischen Kirche. Ich lehne mich mal aus dem Fenster und formuliere jetzt schon den Text für die Tagesschau am 24. Dezember 2018:

„Die Kirchen thematisieren in ihren Weihnachtsansprachen besonders die Flüchtlingsfrage und die Missbrauchsfälle in ihren Reihen. Der leitende Bischof der Evangelischen Kirche in Deutschland zeigte sich besorgt über den schwindenden Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Es brauche mehr ziviles Engagement, so der Bischof, damit den demokratiefeindlichen Tendenzen begegnet werden könne. In diesem Zusammenhang dankte er ausdrücklich den Ehrenamtlichen, die sich gerade auch im Bereich der Kirche für die Geflüchteten einsetzen. Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz verurteilte noch einmal die Missbrauchsfälle und versicherte, dass die Kirche alles dafür tun würde, für die Opfer einzutreten…“

Ich bin gespannt, ob sich die Bischöfe an mein Drehbuch halten werden. Da ich aber von ihnen zu solchen Gelegenheiten noch nie etwas Überraschendes gehört habe, wird dieses Szenario nicht weit von der Wirklichkeit entfernt sein. Es sollte mich freuen, wenn es anders wird.

Ausgelöst wurden meine Befürchtungen übrigens von einem Artikel, den Bischof Bedford-Strohm in der kirchlichen Zeitschrift „Zeitzeichen“ zum Thema „Musik“ veröffentlichte. Dort tauchten dann Sätze auf wie: „Singen tut der Seele gut … Als Bischof darf ich bei vielen Festveranstaltungen dabei sein … Die Männerstimmen des Männergesangvereins … Das Weihnachtsoratorium … Der Landfrauenchor, der Lieder aus der Heimat singt … Die Kindergartenkinder … der Gospelchor, der eine Begeisterung ausstrahlt … Das Luther-Oratorium … Großer Gott, wir loben dich … Kirchentag … Viele Menschen gewinnen im Singen neue Kraft für den Alltag…“ Der Bischof findet alles super.

Das ist alles nicht falsch, und doch nehme ich es ihm nicht ab. Entweder hat er einen unendlich weiten oder überhaupt keinen Geschmack. Ich persönlich habe schon unsägliche Posaunenchöre und langweilige Festgottesdienste erlebt. Für mich liegen Welten zwischen Fritz Baltruweit und Detlev Jöcker. Mir liegt der Blues näher als die Klassik. Und Kinderchöre gewinnen sehr, wenn mein eigener Sprössling mitmacht.

Natürlich erkenne ich ehrenamtliches Engagement an. Ich habe fantastische Kinderchöre gehört, und das Weihnachtsoratorium hat mich schon zu Tränen gerührt. Aber ich finde bei weitem nicht alles toll, nur weil es von der Kirche kommt.

Wenn alles gleich gültig ist, wird es gleichgültig. Wenn ich nur das Erwartete und Erwartbare sage, werde ich banal und egal.

Denn für den Weltfrieden sind wir doch irgendwie alle.

 

Kirche für das 3. Jahrtausend

USA 88 – ein Resumee

Kurz nach unserer USA-Reise stellten Johannes und ich aus unseren Bildern Diaserien zusammen, nannten sie „Spiritualität und Weltverantwortung“, „Kirche in der Stadt“ oder gleich etwas unbescheidener „Überlebenschancen der Kirche“ oder gleich „Kirche für das 3. Jahrtausend“. Tatsächlich sahen wir in den christlichen Gemeinschaften, die sich jenseits der Konfessionen an der Bibel ausrichteten, Modelle für eine Kirche der Zukunft. Wir luden interessierte Bekannte ein, stellten die Bilder, Erfahrungen und Begegnungen vor, hatten intensive Diskussionen – und gingen dann bald als normale Pastoren in die Gemeinde. Entweder war die Zeit noch nicht reif für tief greifende Veränderungen oder wir waren es nicht – oder beides. Weiterlesen

Sie passen einfach nicht zusammen – Teil 2

Kirche und Social Media leben in zwei verschiedenen Welten

Am guten Willen fehlt es ja nicht. Kirche will ja gerne in die digitale Welt einsteigen. Sie setzt sich in Synoden damit auseinander, stellt Expertinnen und Experten ein und verfasst jede Menge Papiere. Aber so richtig ist der Funke noch nicht übergesprungen.

Anfang letzter Woche habe ich auf Facebook eine geschlossene Gruppe „Gespräche über Bibel und Glauben“ gegründet. Von vierzehn Interessierten sagten vier: Auf Facebook gehe ich nicht. Jetzt sind wir hier auf dem Blog, „Zwischen Himmel und Erde“. Wer mitmachen möchte, bekommt ein Passwort zugeschickt.

Ich glaube aber, dass die Distanz zwischen Kirche und Social Media nicht nur an der Aversion einzelner Kirchenmitglieder liegt oder dass die neuen Medien einfach ungewohnt sind. Meine These ist: Social Media passt nicht zu Struktur und Selbstverständnis der Kirche.

Natürlich kann man Facebook nutzen, um die eigenen Angebote bekannter zur machen. Der Erfolg dürfte eher begrenzt sein. Es gibt auch eine Reihe von Facebookgruppen im Konfirmanden- und Jugendbereich – um Absprachen zu treffen oder auf Veranstaltungen hinzuweisen. Dazu kann dann auch wahlweise WhatsApp zum Einsatz kommen. Social Media aber ist und will mehr.

„In der digitalisierten Welt gibt es keine Trennung zwischen Sendern und Empfängern, keine Hierarchien, keine Orthodoxie, alle sind gleich und gleichermaßen Kirche“, schreibt Hannes Leitlein in Christ und Welt Und weiter: „Es geht um Vielfalt, um Beziehungen und Interaktionen, um Netzwerke und Solidaritäten.“ Und er meint, dass damit doch protestantische Kernideen wie das „Priestertum aller Gläubigen“ aufgenommen und verwirklicht würden.

Welch ein Irrtum. Nach der Confessio Augustana, der Grundlage der Lutheraner, ist die Kirche „die Versammlung aller Gläubigen, bei welchen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente dem Evangelium gemäß gereicht werden“ (CA 7). Dafür verantwortlich ist aber das „Kirchenregiment“, das ist das „Predigtamt“, und das sind Pastorinnen und Pastoren: „Vom Kirchenregiment (kirchlichen Amt) wird gelehrt, dass niemand in der Kirche öffentlich lehren oder predigen oder die Sakramente reichen soll ohne ordnungsgemäße Berufung.“ (CA 14) Das Priestertum aller Gläubigen heißt nur so, weil alle Christinnen und Christen einen direkten Zugang zum Heil haben und dazu keine Kirche brauchen. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie auch in der Kirche alles dürfen.

Die Grundaufgaben der Pastorinnen und Pastoren sind – mit Ausnahme der Verwaltung einer Kirchengemeinde – Predigt, Seelsorge und Lehre. Und immer geht es darum, dass ich als Pastor Bescheid weiß und die Botschaft nur noch passgenau an die Menschheit vermitteln muss. Nix mit „keine Trennung zwischen Sendern und Empfängern, keine Hierarchien, keine Orthodoxie“.

Der Blog kommt dieser Art von Kommunikation noch am nächsten. Doch ich bemühe mich, so wenig wie möglich „Pastor“ zu sein, so wenig wie möglich zu predigen. Ehrlichkeit in Glaubensfragen ist mir wichtig, und ich muss nicht auf jede Frage eine Antwort haben.

Wie ich es sehe, befindet sich Kirche mit Blick auf Social Media in einem echten Dilemma: Entweder sie gibt ihre bisherigen Prinzipien weitgehend auf oder verändert sie zumindest so stark, dass sie kaum wiederzuerkennen sind. Oder sie verweigert sich der Digitalisierung und „ist gestrig, alt und unbeweglich“ (Hannes Leitlein).

Wie dieses Dilemma zu lösen ist? Das ist eine Frage, auf die ich – noch – keine Antwort habe.

Der Kümmerer

Das war ein besonderer Gottesdienst, ein besonderer Predigttext – Markus 1,32-39 -, ein besonderer Zeitpunkt – einen Tag vor Beginn der Chemo – und eine besondere Gemeinde. Besonders auch, dass Daniel Birkner, Kollege und Freund, die Liturgie übernahm. Aber ebenfalls, und das fehlte mir, dass ich wegen der Infektionsgefahr auf die Verabschiedung am Ausgang verzichten musste.

Begrüßung

Herzlich willkommen, liebe Gemeinde, zu diesem Gottesdienst am 19. Sonntag nach Trinitatis. Es ist ein besonderer Gottesdienst. Denn das Leitmotiv ist ein Vers aus dem Propheten Jeremia: „Heile du mich, HERR, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen; denn du bist mein Ruhm.“

Morgen beginnt meine Chemotherapie. Heil werden, gesund werden, das gehört zu meinen größeren Wünschen. Und ich gehe davon aus, dass ich damit nicht alleine bin. In der einen oder anderen Weise tragen wir ihn alle in uns. Aber wir machen auch die Erfahrung: So einfach ist er nicht zu verwirklichen. Auch nicht für Menschen, die auf Gott vertrauen wie der Prophet selbst. Was kann das also bedeuten, auf dem Hintergrund dessen, dass von Jesus gesagt wird: „Jesus zog durch ganz Galiläa. Er heilte alle Krankheiten und vertrieb die Dämonen“? Weiterlesen