Lichtblick der Woche

menasikone.jpgDie Ikone „Jesus und Menas“ begleitet uns bei den Taizé-Gebeten, und wir bekamen sie von Waltraud als Karte geschickt. Dann schenkte Ute sie mir, auf Holz gezogen, als Meditationsikone.

Warum sie meine Lieblingsikone ist? Habe ich hier beschrieben. Es ist vor allem ihre Ausstrahlung: Wie Jesus und Menas mich anschauen, wie sie zueinander stehen.

In Taizé heißt sie „Jesus et son ami“ – Jesus und sein Freund. Und ein Freund ist immer ein Lichtblick.

 

Alles wirkliche Leben ist Begegnung

Predigt in der Heiligen Nacht

Ich war mir nicht sicher, ob ich an Weihnachten wirklich auf der Kanzel würde stehen können. Aber es wurde wahr. Gemeinsam mit Pastor Hendrik Hoever, dem Gospelchor ReJOYce unter der Leitung von Christoph Schlechter und Gudrun Fliegner am Klavier gestalteten wir die Christmette in der Kirche am Markt. Und hier ist die Predigt:

Liebe Gemeinde!

Zu den Wünschen, die wir in den letzten Wochen ausgetauscht haben, gehörte gerne auch einmal: „Ich wünsche dir besinnliche Weihnachten.“ Nun ist der Heiligabend fast vorbei. Und ich fürchte, dass er in den meisten Häusern nicht das war, was wir unter besinnlich verstehen. Vielleicht finden wir ja in einem Gottesdienst Besinnlichkeit. Vielleicht wurde uns besinnlich zumute, wenn wir in der Familie die Weihnachtsgeschichte gelesen oder ein nachdenkliches Gedicht gehört haben. Vielleicht haben wir den Heiligabend aber auch schon aufgegeben, was Besinnlichkeit angeht, und wir hoffen auf die kommenden Tage, auf Besinnung nach dem ganzen Trubel.

Mit Besinnung verbinden wir ja, dass wir zur Ruhe kommen. Dass wir uns besinnen auf das, was Sinn macht und was wirklich wichtig ist – was uns wirklich wichtig ist. Haben wir aber nicht genau das heute Abend gemacht oder zumindest versucht?

Gut, zur Ruhe sind wir bisher vielleicht eher nicht gekommen. Aber dieser ganze Stress: Geschenke einkaufen, Wohnung schmücken, Essen vorbereiten, die ganzen Weihnachtsfeiern – das machen wir doch nicht so einfach zum Spaß. Oder zumindest nicht nur. Sondern weil es uns etwas wert ist. Weil wir es uns wert sind. Weil es für uns Sinn macht.

Zum Beispiel die Geschenke. Seitdem ich denken kann, wird über den Konsum und den Kommerz von Weihnachten geschimpft. Ich finde, das ist ungerecht diesem Fest gegenüber. Wir sind nicht mehr konsum- und kommerzorientiert als auch sonst im Jahr. Wenn wir etwas brauchen oder einfach nur haben wollen, dann kaufen wir es gleich. An Weihnachten aber geht es uns darum, anderen eine Freude zu machen, ihnen etwas Besonderes zu schenken. Nicht immer gelingt es uns, und nicht immer machen wir uns genug Gedanken darüber. Aber wenn es uns einmal glückt, dann war es die ganze Mühe wert.

Oder die Menschen, mit denen wir zusammen feiern. Am liebsten mit der Familie. Weil diese Menschen uns auch meistens am nächsten stehen. Das geht auch ganz gut, besonders wenn die Kinder klein sind. Das wird allerdings oft komplizierter, wenn die Kinder größer werden, eigene Interessen haben, eine eigene Meinung, eine eigene Vorstellung davon, wie ein schöner Weihnachtsabend aussieht. Soll man auf die traditionelle Ente verzichten, nur weil eine Tochter Veganerin ist? Oder wie ist es mit dem gemeinsamen Kirchgang? Wie teuer dürfen die Geschenke sein – und sind sie nicht ohnehin der Ausdruck schlechten Gewissens, dass man sich unterm Jahr nicht umeinander gekümmert hat?

Solche Konflikte können die besinnliche Zeit sehr schnell und effektiv schreddern. Deshalb greifen nicht wenige zu pragmatischen Lösungen: Man trifft sich einfach nicht mehr. Die einen fahren nach Fuerteventura, die anderen feiern bei Freunden. Und Onkel Peter mit seinen skurrilen politischen Ansichten wird ohnehin schon seit Jahren nicht mehr eingeladen.

Es hat ja auch etwas für sich, Weihnachten mal unter Palmen zu feiern. Und ist es nicht irgendwie logisch, dass wir gerade zum Fest der Liebe unangenehmen Diskussionen und gegenteiligen Meinungen aus dem Weg gehen und lieber unter uns bleiben? Ich kann das gut verstehen. In den letzten Monaten habe ich ein paar Diskussionen über Religion oder Politik mit Menschen geführt, die so gar nicht meiner Meinung waren. Wir haben uns nicht gerade gestritten, kamen aber inhaltlich auch nicht zueinander. Und das, obwohl ich die besten Argumente hatte. Fand ich. Aber das fanden die anderen wohl auch.

Und dann passierte es, dass wir manchmal doch noch zueinander kamen. Nicht inhaltlich. Aber auf einer anderen, der persönlichen Ebene. Das war im direkten Gespräch meist leichter als im Internet. Weil wir uns dort eher zeigen konnten: Mir liegt etwas an dir. Du hast zwar völlig skurrile Ansichten, aber du bist nett. Ich will dir nichts Böses und merke, dass du es auch mit mir gut meinst. Wir sind uns begegnet.

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“, meint der Philosoph Martin Buber. Ich glaube, hier liegt auch das Geheimnis und das Ziel von Weihnachten: dass wir uns begegnen. Dass wir uns hinter den Geschenken und Traditionen als Menschen wahrnehmen. Ich glaube, dass hier auch der Schlüssel für den Frieden in unserer Gesellschaft ist: dass wir uns trotz unterschiedlicher, ja manchmal gegensätzlicher Ansichten persönlich gewogen sind.

Nur so kann ich mir auch den ewigen Frieden vorstellen, von dem der Prophet Jesaja spricht – die Worte der Bibel haben wir vorhin gehört, jetzt hören wir sie von ReJoyce.

Prince of Peace (Jesaja 9, 1 und 5-6), hier als Podcast:
ReJoyce:

Ich versuche eine Übersetzung aus dem Englischen: Die Menschen, die in der Finsternis wandelten, haben ein großes Licht gesehen: Licht ist über ihnen angebrochen, den Bewohnern in einem Land, das dunkel ist wie der Tod. Weil ein Kind für uns geboren ist, ein Sohn ist uns gegeben. Es trägt das Zeichen der Herrschaft auf seiner Schulter; Er soll genannt werden wunderbarer Ratgeber, im Kampf Gott gleich, Vater für alle Zeit, Prinz des Friedens. Groß soll seine Herrschaft sein, und grenzenlos der Friede, der Davids Thron und seinem Königtum gewährt wird, mit Gerechtigkeit von nun an für immer. Der Herr der Heerscharen wird dies mit Leidenschaft tun.

Es ist möglich, dass Jesaja selbst durchaus in militärischen Kategorien dachte: dass da jemand kommt, der stärker ist als die furchtbaren Assyrer und die Ägypter; ein zukünftiger König, der sie alle mit der Kraft Gottes besiegen wird. Bis heute brauchen wir ja Polizei und Militär, um Konflikte in den Griff zu bekommen.

Ich glaube allerdings nicht, dass dies Gottes Weg ist. Denn wir haben es bis heute dadurch nicht geschafft, dauerhaft Friede und Gerechtigkeit zu schaffen. Gewalt gebiert nur neue Gewalt, und wirkliche Gerechtigkeit entsteht nur dort, wo der Mensch in seiner Einzigartigkeit gesehen wird. Egal ob menschliche oder Gottes Herrschaft – immer wenn sie mit militärischer Gewalt durchgesetzt werden sollte, war das Ergebnis Leid, Tod und Ungerechtigkeit. Ich glaube, dass Gottes Weg viel persönlicher ist.

Der „Prinz des Friedens“ ist ein kleines Kind. Jesaja sagt von ihm, dass er bereits geboren ist. Und das heißt: Der Friede ist unter uns, aber er muss noch wachsen. Und er wächst, mit jeder Begegnung.

Christen haben den „Prince of Peace“ immer schon mit Jesus identifiziert. Und genauso wie der Prinz muss das Kind in der Krippe noch wachsen. Und als Jesus erwachsen war, hat er kein System von Richtigkeiten aufgestellt und keine Dogmatik entwickelt. Er ist den Menschen begegnet, und diese Begegnung hat sie heil gemacht. Er hat die Menschen ermutigt, an einen Gott zu glauben, der wie ein Vater ist, und dem Leben zu vertrauen. Damit wir im Frieden mit uns und mit den anderen Menschen leben können.

Nun ist diese Welt noch nicht in Ordnung. Selbst in unseren Familien gibt es so manche Bruchstellen, bei den einen mehr, den anderen weniger. Und einige von ihnen sind auch heute wieder aufgebrochen. Jesaja aber macht uns Mut: Der Grund für den Frieden ist schon gelegt. Und Weihnachten erinnert uns auch in diesem Jahr wieder daran, dass das Licht schon in die Welt gekommen ist. Wenn Sie eine Krippe zuhause stehen haben, dann können Sie erkennen, wie das aussehen kann: Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft versammeln sich unter einem Dach und kommen gut miteinander aus.

Das wäre eine Weihnachtsbotschaft, die wir gut ins neue Jahr 2018 mitnehmen könnten, jeder und jede Einzelne von uns.

Amen.

Das Buch mit den sieben Siegeln

Mein Dank gilt allen, die bei „Zwischen Himmel und Erde“ über den Predigttext Offenbarung 5, 1-5 mitdiskutiert haben. Mein Dank gilt Timo Milewski, der den Gottesdienst im Immanuel-Haus gestaltete, Elme Brinkmann-Conring für die Musik, Reinhard Münster als Küster und allen, die dabei waren und mir einfach durch ihr Dasein Kraft und gute Laune gegeben haben.

Meine Aufgabe war es, die Begrüßung und die Predigt zu halten:

ImmanuelBegrüßung

Liebe Gemeinde, zu diesem Gottesdienst am 1. Advent begrüße ich Sie herzlich gemeinsam mit Timo Milewski. Timo wird den Gottesdienst mit dem Abendmahl gestalten, ich werde nur die Predigt halten. Der Grund ist die Chemotherapie, die morgen für mich in die 2. Hälfte geht. Wegen der Gefahr einer Infektion muss ich auch körperlich möglichst Abstand halten und bitte darum um Verständnis.

Advent – die Zeit der Erwartung, eine Zeit der Sehnsucht: dass in der Dunkelheit Lichter angezündet werden und es hell wird in unserer Welt und in unserem Leben. Dass wir, wenn es kalt wird, näher zusammenrücken und uns gegenseitig wärmen. Dass in einer Welt des Unheils das Heil größer und stärker sein möge.

Advent ist auch eine Zeit des Übergangs. Wer in den letzten Wochen das Kirchenjahr bewusst erlebt hat oder selbst betroffen war, hat am Volkstrauertag und am Ewigkeitssonntag zurück geschaut: Auf das, was wir verloren haben. Auf das Leid in der Welt. Auf Krieg und Verfolgung, Krankheit und Tod. Und wir wissen: Das lassen wir nicht einfach zurück. Es ist und bleibt Realität in unserer Welt und in unserem Leben.

Mit diesem Wissen und in diesem Bewusstsein nach vorne schauen, das ist Advent. Das ist Glauben: Wir erwarten die Geburt Jesu. Wir hoffen, dass mit ihm das Heil in unsere Welt und in unser Leben kommt. Und so feiern wir diesen Gottesdienst im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.


Predigt:

Liebe Gemeinde!

Vor kurzem erschien im Hamburger Abendblatt ein zauberhafter Artikel über den Niendorfer Weihnachtsmarkt auf dem Tibarg. Danach kommt er unseren Vorstellungen von der Adventszeit schon sehr nahe: Ein Fest für die Familie, dörflich kuschelig, und das praktisch in der Großstadt. Es gibt skandinavische Tipis, in denen man sich mit Freunden und Arbeitskolleginnen treffen kann, ein Zelt für Kinderspiele, Herrnhuter Sterne, eine Krippe und natürlich Glühwein und gebrannte Mandeln. Der Tibarg dürfte sich, einigermaßen gutes Wetter vorausgesetzt, zu einem richtigen Wohlfühlort entwickeln.

Und auf genau so einen Weihnachtsmarkt ist vor einem knappen Jahr ein Anschlag verübt worden. Und er hat uns auch deshalb so erschüttert, weil es gerade an einem Ort geschehen ist, an dem sich Menschen gefreut haben, gelacht, geredet. An dem das Leben gut war. In Momenten, die wir gerne festhalten und sagen möchten: Verweile doch, du bist so schön. Kann es nicht immer so sein: dass wir uns sicher und geborgen fühlen? Leider nicht. Wir sehen es bei anderen und manchmal auch in unserem eigenen Leben: Das Unheil ist ganz nahe, und der Tod begegnet uns manchmal ganz überraschend.

Und wir wissen nicht, wann etwas Schreckliches passieren kann. Es beunruhigt uns, es kann auch Angst machen, dass die Zukunft für uns ein Buch mit sieben Siegeln ist.

Das Bild kennen wir aus der Bibel, aus der Offenbarung – oder, wie sie auch genannt wird, der Apokalypse, auf deutsch: Enthüllung, Entschleierung. Wir haben eben davon gehört. Der Prophet Johannes hat das Buch in einer Vision gesehen. Und er hat gesehen, wie es geöffnet wird. Es hat ihm die Zukunft enthüllt. Und was dem Buch entsteigt, ist wahrhaft apokalyptisch, aber in der anderen, der schrecklichen Bedeutung. Ein Siegel nach dem anderen wird geöffnet, und bei jedem Siegel erscheint ein Reiter – der erste ist ein Krieger, der zweite bringt den Krieg. Der dritte die Ungerechtigkeit und der vierte den Tod. Und so geht es weiter. Die Zukunft, wie Johannes sie sieht, ist düster und geprägt von Hunger und Krankheit, von Rechtsbruch und Naturkatastrophen. Und niemand, so seine Vision, entgeht diesen Katastrophen. Man kann nichts dagegen machen.

Und genau dies ist das Lebensgefühl der Menschen über Jahrhunderte gewesen: Gegen Naturgewalten und Epidemien kann man nichts machen. Hunger ist eine ständige Bedrohung, wenn man nicht gerade zur Oberschicht oder wenigstens zur oberen Mittelschicht gehörte. Ein verregneter Sommer, ein zu langer Winter konnte den Tod bedeuten, bis weit ins 19. Jahrhundert hinein. Ständig führten die Mächtigen Krieg, und Leidtragende war immer die Zivilisten. Für die allermeisten Menschen war das Leben ein täglicher Überlebenskampf, mit ungewissem Ausgang.

Johannes teilt dieses Lebensgefühl. Gegen Krieg, Hunger und Naturkatastrophen kann man im Prinzip nichts machen. Seine Hoffnung richtet sich deshalb auch nicht auf eine Veränderung der Verhältnisse, sondern auf das Ende der Zeiten. Haltet aus, sagt er den Christinnen und Christen. Denn wenn Jesus wiederkommt, werden alle, die bis dahin den Glauben nicht aufgegeben haben, gerettet werden. Und sie werden es gut haben, in der wunderbaren Stadt Gottes, dem neuen Jerusalem – kein Tod, keine Tränen, kein Leid wird es geben.

Die Bilder des Johannes haben ihre Kraft nicht ganz verloren. Die Vision vom neuen Jerusalem lese ich bei jeder Beerdigung: So wird es sein. Und die apokalyptischen Reiter erinnern uns daran, dass wir die Natur immer noch nicht im Griff haben, dass es weiter Kriege, Hunger und Ungerechtigkeit gibt. Und vor fünf Jahren drehte Ross Ashcroft einen Film mit dem Titel „The Four Horsemen“, in dem er die Auswirkungen der Finanzkrise dokumentierte und zeigte, wie viel Unheil von den Bankern ausging und ausgeht.

Und doch gibt es einen fundamentalen Unterschied zum Lebensgefühl des Johannes und zu dem früherer Zeiten: So schlimm die Krisen und Katastrophen auch sind, wir liefern uns ihnen nicht mehr hilflos aus. Wir haben Medikamente gefunden gegen Masern und Pest, Cholera und HIV – nun arbeiten wir an solchen gegen Krebs und Parkinson und werden vielleicht sogar einmal den Tod besiegen. Wir schicken UN-Friedensmissionen in die Welt, wir bekämpfen den Hunger. Und auch der Film „Four Horsemen“ hat nicht zum Ziel, ein unabänderliches Schicksal zu beschreiben, sondern zum Kampf gegen die Macht der Banken aufzurufen.

Wir wollen nicht, wie Johannes, auf das Ende der Zeiten oder das Jenseits warten, bis alles besser wird. Denn das erscheint uns weniger als Trost denn als Vertröstung. Heinrich Heine hat dieses moderne Lebensgefühl mit einigem Pathos in seinem Wintermärchen ausgerufen: „Ein neues Lied, ein besseres Lied, O Freunde, will ich euch dichten! Wir wollen hier auf Erden schon Das Himmelreich errichten.“ Und weiter: „Es wächst hienieden Brot genug Für alle Menschenkinder, Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust, Und Zuckererbsen nicht minder. Ja, Zuckererbsen für jedermann, Sobald die Schoten platzen! Den Himmel überlassen wir Den Engeln und den Spatzen.“

Und ich gestehe, dass ich an dieser Stelle Heinrich Heine näher bin als dem Propheten Johannes. Auch mein Glaube richtet sich nicht in erster Linie auf das Jenseits. Ich weiß, dass ich sterben werde, früher oder später. Ich glaube auch, dass das, was nach dem Tod kommt, gut wird. Ich glaube, dass Gott dann für mich sorgt.

Bis dahin aber lebe ich hier auf der Erde. Und wenn Jesus sagt: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben“ – dann beziehe ich es nicht nur auf das ewige, sondern jetzt vor allem auf dieses irdische Leben. Und dann heißt der Satz für mich auch: Ihr sollt, soweit möglich, dieses Leben genießen: die Menschen, mit denen ihr zusammen seid. Und einem guten Wein war Jesus selbst nicht abgeneigt. Einfach mal in der Sonne liegen, wenn sie denn scheint. Oder auch den Regen genießen, das geht auch. Oder einen Glühwein auf dem Niendorfer Weihnachtsmarkt.

Nun ist das Leben allerdings nicht nur schön. Manche unter uns leiden unter einer Depression, werden gemobbt, sind krank oder die Beziehung läuft nicht. Dann heißt glauben und Jesus nachfolgen: die Hoffnung nicht verlieren. Nach Lösungen suchen. Sich Hilfe holen. Nach vorne schauen und darauf vertrauen, dass die Engel Gottes auch in unserem Leben ihre Arbeit machen.

Und wenn wir die Kraft und die Möglichkeit haben, dann bleiben wir als Christin, als Christ nicht bei uns selbst stehen. Dann tragen wir unseren Teil dazu bei, diese Welt ein wenig besser zu machen. Medizinerinnen bekämpfen Krankheiten, Politiker sorgen dafür, dass wir im Frieden miteinander leben, und IT-Experten, dass unser Internet-Anschluss funktioniert. Andere kümmern sich um Kinder oder bohren nach Wasser in der Wüste, sind freundlich zu ihren Kunden oder begleiten Sterbende, sie machen wunderbare Musik oder sorgen dafür, dass mein Beihilfeantrag reibungslos bearbeitet wird. Wenn es darum geht, Gutes zu tun, gibt es keine Unterscheidung in bedeutend und banal.

Im wirklichen Leben ist es natürlich nicht immer so klar, was diese Welt wirklich ein wenig besser macht. Oft genug müssen wir uns entscheiden zwischen unseren eigenen Bedürfnissen und Notwendigkeiten und den Interessen anderer. Und egal, was wir tun – wir werden dadurch kein Himmelreich auf Erden errichten, wie es sich Heine erträumt hat. Aber ich glaube, dass der Prophet Micha eine ganz gute Richtlinie für unser Leben herausgegeben hat, als er schrieb: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott bei dir sucht: Nichts anderes als Gerechtigkeit üben, Freundlichkeit lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott.“

Das wäre schon einmal ein guter Anfang.

Amen.

Das größte Gebot

Einmal wurde Jesus von einem Schriftgelehrten gefragt: „Meister, was ist das größte Gebot?“ Da antwortete er: „‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt lieben‘. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.‘ In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Matthäus 22,35-40)

Es liegt mir fern, den Meister in Frage zu stellen. Ich möchte ihn aber gerne ergänzen: „Ein drittes aber ist ihnen gleich…“, und dem Doppelgebot der Liebe Micha 6,8 zur Seite stellen.

Jahrzehntelang fand ich diesen Vers allerdings nur mittelmäßig. Denn ich las ihn in der Übersetzung Martin Luthers: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ Der Herr fordert, sein Wort zu halten und demütig zu sein – das ist ein extrem autoritärer Glaube, der mir schlicht nicht liegt.

Dann las ich vor ein paar Jahren in der Evangelischen Zeitung in einem Artikel über den Zen-Buddhisten Hinnerk Polenski: „Nach Polenski beschreibt ein Wort des alttestamentlichen Propheten Micha präzise den Weg des Zen und sei eine Brücke zum Christentum: ‚Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott bei dir sucht: Nichts anderes als Gerechtigkeit üben, Freundlichkeit lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott.'“

Mein erster Gedanke war: Welch schöne Zusammenfassung meines Glaubens. Und der zweite: Das ist zu schön, um wahr zu sein. Da hat sich bestimmt jemand die Bibel mundgerecht gemacht. Und mein dritter: Das will ich nun selbst wissen.

Leider gehöre ich zu den Theologen, die die hebräische Sprache zwei Monate gelernt und danach nur selten geübt haben. Das heißt: Ich bin kein Experte. Aber Grundkenntnisse sind durchaus vorhanden, und „der Gesenius“, das hebräisch-deutsche Wörterbuch, begleitet mich seit nunmehr 40 Jahren. Und meine Recherchen führten mich zu dem Schluss: Polenskis Übersetzung ist mindestens ebenso nahe am Urtext wie Luthers. Und ich fand es bemerkenswert, wie sehr Luthers theologische Grundeinstellung seine Übersetzung geprägt hat – und damit Theologie und Glaube der letzten 500 Jahre.

Es stimmt: Die Bibel stammt aus einer patriarchalischen, autoritären, gewalttätigen und homophoben Zeit, und das schlägt sich an vielen Stellen nieder. Aber bei genauerem Hinsehen ist sie undogmatischer, vielfältiger und menschlicher als die Übersetzungen nahelegen.

Für die Theologen und die theologisch Interessierten unter uns hier noch einmal im Einzelnen die Ergebnisse meiner Recherche:

Der 1. Teil von Micha 6,8 lautet הִגִּ֥יד לְךָ֛ אָדָ֖ם מַה־טֹּ֑וב וּמָֽה־יְהוָ֞ה דֹּורֵ֣שׁ מִמְּךָ֗ כִּ֣י  – natürlich von rechts nach links gelesen :).
Interessant sind das dritt- und viertletzte Wort: יְהוָ֞ה – Jahwe – wird von Luther durchgängig in patriarchal-feudaler Weise mit „Herr“ übersetzt, ist aber ein Eigenname und wird von den Juden gar nicht ausgesprochen.
Und  דֹּורֵ֣שׁ  bedeutet tatsächlich „suchen“ und wird nur in Verbindung mit Gott mit „fordern“ übersetzt. Warum eigentlich? Das scheint mir eher eine theologische als eine linguistische Entscheidung zu sein. Vielleicht wissen die Hebraisten unter uns mehr?
Bis dahin favorisiere ich die Übersetzung: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott bei dir sucht.“

Zum 2. Teil: כִּ֣י אִם־עֲשֹׂ֤ות מִשְׁפָּט֙ וְאַ֣הֲבַת חֶ֔סֶד וְהַצְנֵ֥עַ לֶ֖כֶת עִם־אֱלֹהֶֽיךָ
Das 3. Wort (von rechts) heißt, nach dem Gesenius, machen, üben, tun, und das 4. Wort Gericht, Gesetz, Recht. Wenn man sehr viel Phantasie hat, kann man auch „Gottes Wort“ darin sehen.

Im folgenden Nebensatz bedeutet das Verb „lieben“ und das Substantiv „Liebe, Gunst, Gnade“ oder auch „Liebreiz, Anmut, Grazie“. Ich finde, wenn Luther diese Worte mit „Liebe üben“ übersetzt, dürfte man auch „Anmut lieben“ dafür einsetzen…
Schließlich: Das Wort, das Polenski gut buddhistisch mit „achtsam“ übersetzt und Luther gut lutherisch mit „demütig“, kommt in der Bibel nur an dieser Stelle vor. Gesenius entscheidet sich, natürlich, für demütig. Aber: Die Septuaginta, die Übersetzung des Alten Testamentes ins Griechische aus dem 2. Jahrhundert vor Christus, wählt hier das Wort ακριβεια (Genauigkeit). Und zwei Stellen aus dem apokryphen Buch Jesus Sirach (16,25 und 32,3) wählen dafür die Worte „Sorgfalt“ und „Bedacht“. In verwandten Sprachen wie aramäisch, syrisch oder arabisch heißt der Wortstamm auch bescheiden, zurückhaltend, unterwürfig oder züchtig.
Und der letzte Teil heißt in der Tat wörtlich: „mitgehen mit deinem Gott“ – wobei hier nicht Jahwe als Gottesbezeichnung steht, sondern Elohim – im Alten Testament sehr verbreitet, ursprünglich aber aus der alten kanaanitischen Religion stammend. Zumal die Endung auf eine Mehrzahl hinweist, also wörtlich „Götter“ bedeutet. Das aber nur am Rande.

Mein Fazit: Die Übersetzung Polenskis ist nicht nur möglich, sondern nach meinem Eindruck näher am hebräischen Text als Luther.

Vielleicht es es dem einen oder der anderen von euch etwas zu detailliert gewesen; mir hat es allerdings Spaß gemacht, an dieser Stelle einmal tiefer zu graben.

 

Eigentlich bin ich ganz anders…

… aber ich komme so selten dazu (Ödön von Horváth).

Nach den letzten doch sehr kritischen Blogs über das Reformationsjubiläum, das mir sogar ein Like eines Hardcore-Atheisten eingebracht hat, habe ich aus Bayern einen Vortrag von Prof. Ralf Frisch bekommen mit dem Titel „Hat die evangelische Kirche noch eine Zukunft?“ (hier als Podcast). Prof. Frisch lehrt an der Hochschule in Nürnberg und ist Theologischer Referent der bayrischen Kirchenleitung. Und wenn ich ihn richtig verstanden habe, dann stellt er die These auf: Die evangelische Kirche löst sich auf, weil sie in ihrer Botschaft von allgemein humanistischen Aussagen kaum noch zu unterscheiden ist. Er meint wohl, dass „Pfarrerinnen und Pfarrer nicht nur Sozialmanager und Verwaltungsspezialisten sein müssten, sondern Priester und Priesterinnen und geistliche Hirten und Hirtinnen ihrer Gemeinde“ (These 16). Und in These 13 wirbt er dafür, „Erfahrungsräume der geheimnisvollen irdischen Gegenwart des Göttlichen“ zu eröffnen und „Übergangsrituale“ wie Taufe, Trauung und Beerdigung sorgfältiger zu feiern.

Das gefällt mir. Denn ich habe es erlebt und erlebe es immer noch. Hier in der Gemeinde, und nicht nur hier: Exerzitien, Meditation und bewegende Gottesdienste, intensive Glaubensgespräche, Geselligkeit und Solidarität – untereinander und mit Fremden. Und alles wird möglich durch die Kirche – mit ihrem Personal, ihrem Geld und ihren Strukturen.

Aber auch das: Wir kommen so selten – zu selten – dazu. Weil genau diese Strukturen, die Finanzen, die Personalprobleme einen so großen Raum einnehmen. Deshalb fände ich es sinnvoll, die Verwaltung viel stärker auf den Kirchenkreis zu verlagern. Auch wenn sie durch die Distanz schwieriger werden würde, könnte sie andererseits professioneller arbeiten. Und würden wir nicht viel mehr an Zeit und Kraft gewinnen? Für die „eigentlichen“ Aufgaben der Kirche?

Was auch immer diese „eigentlichen“ Aufgaben sind. Ralf Frisch scheint mit einer gewissen „Entweltlichung“ der Kirche (These 1) zu sympathisieren. Die Kirche sollte dann Räume des Göttlichen neben dieser Welt eröffnen, um von ihr unterscheidbar zu sein. In der Tat haben die anderen Konfessionen genau solche Merkmale, die sie von „der Welt“ unterscheiden: Die orthodoxe Kirche die „göttliche Liturgie“, in der ein Stück Himmel aufscheinen soll. Die Katholiken berufen sich auf ein – von der Bibel abgeleitetes – Naturrecht, und die Evangelikalen auf die wörtliche Auslegung der Heiligen Schrift.

All das ist mir fremd oder fremd geworden. Ich glaube auch nicht, dass wir für die Zukunft der Kirche oder ihre Bedeutung in der Gesellschaft verantwortlich sind. Ich finde Dietrich Bonhoeffer ziemlich aktuell, der 1944 geschrieben hat: »Unsere Kirche,
die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein. Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen.“

Wobei er mit Beten nicht nur Händefalten und Fürbitte meint. Es geht ihm darum, in der Gemeinde „Gottes Wunder als Wunder zu bewahren, Gottes Geheimnis gerade als Geheimnis zu begreifen, zu verteidigen, zu verherrlichen“. „Welcher Unverstand“, schreibt er, „als sei es die Aufgabe der Theologie, Gottes Geheimnis zu enträtseln, es auf die platten, geheimnislosen menschlichen Erfahrungs- und Vernunftweisheiten herabzuziehen!“ Ralf Frisch sagt eigentlich nichts anderes.

Gleichzeitig aber fragt Bonhoeffer: „Was bedeutet eine Kirche, eine Gemeinde, eine Predigt, eine Liturgie, ein christliches Leben in einer religionslosen Welt? Wie sprechen wir von Gott – ohne Religion …?“ Vielleicht gar nicht. Besser sei es, das Gerechte zu tun, das sich dann von selbst interpretiert.

Auch wenn ich die Trennung zwischen Gemeinde und Welt nicht so scharf sehe wie Bonhoeffer, kann ich mit seinem Ansatz viel anfangen. Meine Erfahrung ist, dass wir mit spirituellen Angeboten nach außen nur eine sehr begrenzte Reichweite haben und selbst die „Übergangsrituale“ von immer weniger Menschen in Anspruch genommen werden. Wenn Ralf Frisch da eine andere Wahrnehmung hat, liegt es wohl daran, dass er aus Bayern kommt und ich aus Hamburg.

Ich glaube, dass wir die Geheimnisse Gottes in dieser Welt nicht entdecken werden, wenn wir nicht vorher die Welt entdecken: Uns in der Beerdigungsansprache ganz auf das Leben der Verstorbenen einlassen, ehe wir darin Gottes Geschichte erkennen. In der Flüchtlingsarbeit nicht nur ein paar Decken verteilen, sondern aktiv mitwirken, die Probleme vor Ort zu lösen, ehe wir mit Ratschlägen aufwarten. Erst nach der wirklichen Not des Menschen fragen, ehe wir mit Bibel und Tradition kommen. Und ich hätte gar nichts dagegen, wenn wir in der Öffentlichkeit auf Wörter wie Gnade, Sünde und Buße verzichten würden.

Wir sind auf dem Weg. Denn was könnte spannender sein, als in einer religionslosen Welt Gottes Geheimnisse zu entdecken? Wir müssten dazu einfach öfter kommen.

______________________
Wer es zu Bonhoeffer ein wenig theologischer und ausführlicher haben möchte, dem sei dieser Artikel von Andreas Pangritz empfohlen.

 

Der Kümmerer

Das war ein besonderer Gottesdienst, ein besonderer Predigttext – Markus 1,32-39 -, ein besonderer Zeitpunkt – einen Tag vor Beginn der Chemo – und eine besondere Gemeinde. Besonders auch, dass Daniel Birkner, Kollege und Freund, die Liturgie übernahm. Aber ebenfalls, und das fehlte mir, dass ich wegen der Infektionsgefahr auf die Verabschiedung am Ausgang verzichten musste.

Begrüßung

Herzlich willkommen, liebe Gemeinde, zu diesem Gottesdienst am 19. Sonntag nach Trinitatis. Es ist ein besonderer Gottesdienst. Denn das Leitmotiv ist ein Vers aus dem Propheten Jeremia: „Heile du mich, HERR, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen; denn du bist mein Ruhm.“

Morgen beginnt meine Chemotherapie. Heil werden, gesund werden, das gehört zu meinen größeren Wünschen. Und ich gehe davon aus, dass ich damit nicht alleine bin. In der einen oder anderen Weise tragen wir ihn alle in uns. Aber wir machen auch die Erfahrung: So einfach ist er nicht zu verwirklichen. Auch nicht für Menschen, die auf Gott vertrauen wie der Prophet selbst. Was kann das also bedeuten, auf dem Hintergrund dessen, dass von Jesus gesagt wird: „Jesus zog durch ganz Galiläa. Er heilte alle Krankheiten und vertrieb die Dämonen“? Weiterlesen

Rendezvous in Athen

Ein fiktives Gespräch mit Paulus, aufgezeichnet während der Exerzitien in Bingen im Juli 2016

Zu den Bibeltexten, die mir während der Exerzitien zur Meditation mitgegeben waren, gehörte auch Römer 1,18-32. Paulus zieht dabei in unglaublicher Weise über Nichtchristen her, und der ganze Abschnitt ist durchzogen von einer misanthropischen und homophoben Grundhaltung. „Das kann ich nicht akzeptieren“, meinte ich zu Pfarrer Mückstein – und dachte, damit wäre der Fall erledigt. Doch der Spiritual vermutete hinter meinen emotionalen Ausführungen einen inneren Konflikt. Etwas, das Ignatius „ungeordnete Anhänglichkeiten“ nannte, die unbedingt bearbeitet werden müssen, ehe man davon unbelastet den Weg weitergehen kann. Und er riet mir, mich mit Paulus auseinanderzusetzen. „Aber das habe ich doch schon getan“, meinte ich. „Schon“, war sein Einwand, „aber nur auf intellektueller Ebene. Mein Vorschlag ist: Gehen Sie zu ihm und sprechen mit ihm. Er ist, wie Sie, ein Mensch, der eine wichtige und befreiende theologische Entdeckung gemacht hat und das unbedingt weitergeben will. Möglicherweise sitzen Sie im selben Boot. Besprechen Sie das mit ihm. Und am besten laden Sie Jesus zum Treffen mit ein.“ Weiterlesen