Bedeutende Zeiten

 

Predigt am 14. Oktober 2018, dem 20. Sonntag nach Trinitatis

Warum nur habe ich mich im Gottesdienst heute wieder so wohl gefühlt? Weil Daniel ihn so schön gestaltet hat? Weil so viele freundliche, offene, fröhliche, traurige, junge und ältere Menschen da waren? Weil es einfach Niendorf ist? Oder einfach alles zusammen und noch viel mehr?

Hier also wieder die Predigt. Die Grundlage war 1. Korinther 7, 29-31, ein Abschnitt innerhalb eines Kapitels, in dem es um Mann und Frau geht. Viel wichtiger aber ist seine Zeitansage: 29 Aber eins muss ich euch sagen, Brüder und Schwestern: Die Zeit ist knapp. Künftig gilt: Wer eine Frau hat, soll so leben, als hätte er keine. 30 Wer weint, soll sich nicht von der Trauer gefangen nehmen lassen. Wer sich freut, soll sich nicht in der Freude verlieren. Wer etwas kauft, soll es nicht festhalten wollen. 31 Und wer die Dinge dieser Welt benutzt, soll gut auf sie verzichten können. Denn die Welt, so wie sie ist, vergeht. (Text nach der Basisbibel)

Liebe Gemeinde!

„Ganz entspannt im Hier und Jetzt“ – die Älteren unter uns erinnern sich bestimmt: Vor ungefähr 40 Jahren machte ein indischer Guru auf sich aufmerksam: Bhagwan Shree Rajneesh. Er versammelte eine große Schar von Anhängerinnen und Anhängern um sich, die dann oft mit orange gefärbten Gewändern durch die Stadt liefen. Er versprach den Menschen Orientierung, Ruhe und Erleuchtung. Und vor allem ein erfülltes Leben in Gelassenheit und Erfüllung: ganz entspannt im Hier und Jetzt.

Bhagwan ist 1990 gestorben. Sein Imperium aber lebt weiter, und nicht wenige Sinnsuchende pilgern auch heute noch zu seinem Ashram in Pune. Denn seine Botschaft scheint gerade für uns im Westen attraktiv und zeitlos zu sein. Aufmerksam für das, was uns heute begegnet. Achtsam zu sein, sagen die Buddhisten.

Achtsam – das Wort haben wir vorhin schon gehört, am Anfang des Gottesdienstes, der Wochenspruch vom Propheten Micha: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott bei dir sucht: Nichts anderes als Gerechtigkeit üben, Freundlichkeit lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott.“ Das war 1995 das Motto des Hamburger Kirchentags – mit dieser Formulierung. Achtsam mitgehen – hat der Buddhismus schon den Kirchentag gekapert? Denn wir kennen den Vers eigentlich anders. Bei Luther heißt es: „…was der HERR von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ Luther scheint mit Demut eher an konkrete Gebote zu denken, auf dem Kirchentag und übrigens auch in der Einheitsbibel geht es mit Achtsamkeit eher um eine innere Haltung.

In der Tat kann man das entsprechende hebräische Wort so oder so übersetzen – ein Beispiel dafür, dass unser Glaube schon von der Sprache her eine große Weite hat: Was für Paulus die Demut ist, ist für mich die Achtsamkeit.

Paulus dagegen scheint eher auf der Seite Luthers zu stehen. Er hat einen ausgeprägten Sinn für Vorschriften und Hierarchien, bis in das Verhältnis von Mann und Frau hinein. Der Mann sei das Haupt der Frau, wie Christus das Haupt der Gemeinde sei, meint er (1. Korinther 11,3). Und jeder solle in seinem Stand bleiben, ob Sklave oder Herr. Wer verheiratet ist, soll es bleiben. Und wer nicht, soll es lieber bleiben lassen, damit man sich ganz für das Reich Gottes einsetzen kann – es sei denn, das körperliche Begehren ist einfach zu stark.

Das klingt alles ein bisschen retro. Ich glaube, dass die meisten unter uns doch ziemlich erstaunt wären, wenn sich ein Pastor in unser Liebesleben einmischen würde. Und so mag jeder und jede für sich selbst entscheiden, ob man sich nach den Vorgaben des Paulus richtet. Für mich hat er deutlich zu wenig Ahnung vom Verhältnis zwischen Mann und Frau.

Aber da ist noch etwas anderes. Paulus steht unter Druck. „Die Zeit ist knapp“, sagt er. Wir wissen, dass er wie die Gemeinde damals überhaupt mit der nahen Wiederkunft Jesu gerechnet hat. Und dann klingt seine Botschaft wie: Schwestern und Brüder, wir haben nicht mehr viel Zeit. Nächstes Jahr am Freitag kommt Christus wieder, lasst uns die Tage bis dahin nicht mit Nebensächlichkeiten wie Ehe und allem, was damit zu hat, vergeuden.

Dann hätte die Botschaft für uns allerdings auch nur begrenzte Relevanz. Denn seit damals sind eine Menge Freitage ins Land gegangen, und auch für die nächste Zeit rechnen wir nicht unbedingt mit der Wiederkunft Christi. Natürlich wissen wir, dass auch unsere Zeit kurz sein kann, dass wir jederzeit sterben können. Trotzdem planen wir schon mal den Urlaub fürs nächste Jahr und zahlen in die Rente ein.

Aber vielleicht missverstehen wir den Apostel auch. Denn die Zeit, die vergeht, heißt auf griechisch Chronos. Hier aber steht Kairos. Und das heißt so viel wie günstiger Zeitpunkt, und zwar die beste Zeit für eine Entscheidung. Wenn wir zu früh handeln oder zu spät, dann haben wir nicht den richtigen Kairos getroffen. Und dieser Kairos ist, so meint Paulus, kurz. Oder vielmehr: zusammengedrängt. Und dann heißt seine Botschaft: Die Zeit, in der wir jetzt leben, ist sehr wichtig, sehr bedeutend. So ähnlich sagte es auch der Bhagwan: Lebe im Hier und Jetzt – nur ist Paulus nicht ganz so entspannt. Sondern vielmehr aufmerksam, wach, bereit und achtsam.

Dieser Zeitpunkt ist wichtig – das heißt dann auch: Wir sind wichtig, jeder und jede Einzelne von uns, was wir tun oder unterlassen. Ob wir mit „somm Gesicht“ durch die Gegend laufen oder freundlich lächeln. Wie wir mit anderen umgehen und mit uns selbst. Und welche Entscheidungen wir treffen.

Und stehen gleich vor der nächsten Schwierigkeit. Denn es ist gar nicht so einfach, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Bei Paulus hört sich das so an: „Künftig gilt: Wer eine Frau hat, soll so leben, als hätte er keine. Wer weint, soll sich nicht von der Trauer gefangen nehmen lassen. Wer sich freut, soll sich nicht in der Freude verlieren. Wer etwas kauft, soll es nicht festhalten wollen. Und wer die Dinge dieser Welt benutzt, soll gut auf sie verzichten können. Denn die Welt, so wie sie ist, vergeht.“

Das mag ja sein, hört sich für mich aber erstmal nur so mittelgut an. Ich würde schon darauf bestehen, dass ich so lebe, als hätte ich eine Frau. Und wenn ich traurig bin, dann möchte ich traurig sein. Und wenn fröhlich, dann fröhlich. Es mag ja sein, dass diese Welt vergeht. Bis dahin würde ich sie aber gerne voll auskosten.

Andererseits ist genau das der Ratschlag der großen spirituellen Meister: Jesus rät dem reichen Jüngling, alles zu verschenken. Buddha meditiert, um sich von der Welt frei zu machen. Ignatius predigt die indifferentia: Sich einüben in eine Haltung, in der es nicht wichtig ist, ob man reich ist oder arm, angesehen oder verachtet. Ja, auch ob man gesund ist oder krank, ob man früh stirbt oder als alter Mensch ist nicht so wichtig wie – den Willen Gottes zu tun.

Und Gott will, dass ich genau das tue, was ich eigentlich will. Was mir innere Ruhe und Trost gibt. Was meine Berufung ist. Und es gibt Dinge, die mich genau davon abhalten. Für Ignatius waren es eben Reichtum, Ehre, Gesundheit und langes Leben.

Reichtum für sich ist nichts Böses; ich darf ihn genießen. Wenn er mich aber davon abhält, zu mir selbst zu kommen und das zu tun, was meine Bestimmung ist, dann sollte ich mich von ihm trennen. Das ist gar nicht einfach, und ich weiß viele Gründe und Entschuldigungen für faule Kompromisse. Doch mit jedem dieser Kompromisse schade ich mir selbst.

Und so ist es längst nicht damit getan, irgendwelche Gebote zu erfüllen, und seien sie noch so biblisch. Wenn wir zu uns selbst kommen wollen, sollten wir uns selbst kennen – oder zumindest immer besser kennenlernen. Das kriegen wir sicher nicht vollkommen hin. Aber schon der Weg dahin ist spannend: der Weg zur Selbsterkenntnis und zur Gotteserkenntnis.

Wir merken es, wenn wir auf der richtigen Spur sind. Denn wir haben einen inneren Maßstab. Wir spüren, wie wir frei werden und gelassen, wie wir innerlich reifen und einen offenen Blick für die Zukunft bekommen. Und dieses Gespür können wir trainieren – in der Stille und durch geistliche Übungen, mit Geduld und Achtsamkeit, auch in der Auseinandersetzung mit der Bibel und den Menschen.

Und wir haben eine äußere Orientierung: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott bei dir sucht: Nichts anderes als Gerechtigkeit üben, Freundlichkeit lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott.“

Amen.

Die zwei Banner

Exerzitien 17. Teil, Bingen 2016, die „zweite Woche“.

Das ist wieder ein typisch ignatianisches Bild: Zwei Heerlager stehen sich einander gegenüber. Auf der einen Seite sieht man das Banner Luzifers, inmitten von Feuer und Rauch. Seine Dämonen locken die Menschen mit Reichtum, Ehre und Hochmut. Auf der anderen Seite sammelt Jesus die Seinen. Sein Platz ist bescheiden und liebenswürdig. Die Apostel sammeln die Menschen, indem sie ihnen Armut, Verachtung und Demut in Aussicht stellen – und dass sie für die gute Sache kämpfen. Weiterlesen

Der Ruf des Königs

Exerzitien 13. Teil, Bingen 2016, die „zweite Woche“.

(Die kursiven Texte sind wörtlich meinem Binger Tagebuch von 2016 entnommen) 

Ignatius schreibt in seinem Exerzitienbuch als Anleitung, dem „Ruf des Königs“ zu folgen und damit der eigenen Berufung gerecht zu werden – und er gibt damit auch einen Einblick in seine Vorstellungswelt: „Der erste Punkt ist: Sich einen menschlichen König vor Augen stellen, von Gott Unserm Herrn selber erwählt, dem alle Fürsten und alle Christenmenschen Ehrfurcht erweisen und gehorchen. Weiterlesen

* Du Opfer

Was kann schlimmer sein als Schmerzen und Krankheit, Streit und Einsamkeit, Stress und Gewalt? Das Gefühl, ein Opfer zu sein. Es ist mächtig, es ist destruktiv. Ganze Gruppen können sich unterdrückt und ausgeschlossen fühlen – ich erlebe es so zum Beispiel bei vielen Moslems, auch bei Pegida und anderen. Und einzelne Menschen können Opfer von Mobbing und Intrigen werden. Ich selbst habe es erlebt. Und ich erlebe mich heute als Opfer meiner Krankheit.

Meine Hauptwaffe gegen die Opferrolle war schon immer das Schreiben, erst analog, dann für mich am PC, jetzt öffentlich im Blog. Um aus der Ohnmacht herauszukommen, musste ich manchmal aggressiv werden. Ich habe dann versucht, die Aggressionen nicht öffentlich werden zu lassen, sondern so lange zu schreiben, bis ich die Situation neu deuten konnte. Bis ich wieder handlungsfähig wurde, um meine Lage zu ändern. Weiterlesen

* Mea culpa – Bedeutungswandel

Serie „Exerzitien“ (4) – siehe Themensuche

Bingen, 18. Juli 2016. In der ersten Woche der Exerzitien soll nach Ignatius „die Erwägung und Betrachtung der Sünden“ im Mittelpunkt stehen. Mein Problem: Der Begriff der „Sünde“ ist für mich vergiftet.

Ich bin aufgewachsen mit der Tradition, die Sünde moralisch versteht. Mea culpa, mea maxima culpa – meine Schuld, meine Schuld, meine übergroße Schuld. Sünde, das sind bestimmte Taten. Sie haben ihren Ursprung in unserer Auflehnung gegen Gott und führen zum Tod – im schlimmsten Fall zum ewigen Tod, in die Hölle. Und Sünde, so kann man getrost zusammenfassen, das ist im Prinzip alles, was Spaß macht. Weiterlesen

Die Ignatianischen Exerzitien

2. Teil der Reihe über die Exerzitien
Den 1. Teil findest du hier.

Allein das Wort „Exerzitien“ klingt für unsere Ohren, die protestantischen zumal, ungewohnt und militärisch. Das ist kein Zufall. „Exercitium“ heißt Übung, und der sie entwickelt hat, war ursprünglich Soldat gewesen.

Ignatius von Loyola war ein Zeitgenosse Martin Luthers. In einer Schlacht wurde er schwer verletzt und las, weil nichts anderes da war, in seinem Krankenbett Heiligenlegenden. Und er war begeistert. So wollte er auch sein: Nicht mehr einem weltlichen König untertan sein und Menschen töten, sondern dem ewigen König folgen und Menschen helfen. Er hatte seine Berufung gefunden. Er wollte den Willen Gottes tun. Weiterlesen