Insel des Glücks

Es traf mich völlig unvorbereitet, ein oder zwei Nächte, nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Ich lag wach, vielleicht wirkte das Dexamethason noch nach. Ich suchte nach einer Position, in die ich meinen Kopf schmerzfrei legen konnte und fand sie. Und dann geschah es.

Mich durchströmte ein Glücksgefühl, wie ich es lange nicht gekannt habe. Ich achtete auf meinen Körper – er hatte keine Schmerzen. Ich sah das Zimmer im Dämmerlicht – hier war ich zuhause. Ich fühlte Utes Nähe und dachte an die Menschen um uns herum. Ich war geborgen, und alles war gut. Ich wusste um all die Umstände, die unser Leben prägen. Aber sie spielten in dem Moment keine Rolle.

Am nächsten Morgen war ich wieder normal. Der Körper machte die normalen Probleme, ich war normal gut drauf, und der Säbelzahntiger war der zuverlässige Begleiter, der sich auch ungefragt immer mal wieder in Erinnerung brachte. Der Alltag hatte mich wieder.

In der nächsten Nacht waren die äußeren Bedingungen die gleichen. Aber dieses besondere Gefühl stellte sich nicht ein. Ich hatte es auch nicht wirklich erwartet. Denn natürlich weiß ich, dass ich das Glück weder machen noch festhalten kann. Ich weiß auch aus Erfahrung, dass ich jederzeit auch aus unbedeutendem Anlass in ein Stimmungsloch fallen kann.

Und mir ist sehr bewusst, dass diese Momente aus vielen Facetten zusammengesetzt sind. Es geht uns in vielerlei Hinsicht einfach gut – wenn nur nicht der Tiger ständig um die Ecke schauen würde. Er ist dafür verantwortlich, dass uns eine gewisse Leichtigkeit im Leben verloren gegangen ist.

Umso wichtiger ist für mich das Erlebnis in jener Nacht. Ich weiß nicht, ob es je wiederkommt. Aber ich weiß, dass ich mich daran erinnern kann. Diese Erinnerung möchte ich festhalten. Und ich weiß, dass solche Erlebnisse überhaupt noch möglich sind.

Es sind diese Erinnerungen, es ist diese Hoffnung, die uns das Gefühl geben: Da geht noch was!

Aus aktuellem Anlass, mal wieder

Liebe Freundinnen und Freunde, Wegbegleitende auf diesem Blog und im Leben,

wir danken Euch für alles, was Ihr für uns tut. Und das ist wirklich viel. Wir spüren, wie nahe Ihr uns seid, und das tut uns unendlich gut. Es ist ein Privileg, diesen Weg mit Euch zu gehen.

Und es stimmt auch, dass uns dieser Weg momentan besonders schwer fällt. Der Tumor im Hirn hat noch einmal eine ganz neue Dimension hineingebracht. Einmal ist medizinisch eine Barriere gefallen, wie wir gelernt haben: Die Blut-Hirn-Schranke, die eigentlich die lebenswichtigen Organe oberhalb des Halses schützen soll. Dass der Tumor dieses Hindernis genommen hat, ist kein gutes Zeichen. Zum anderen aber ist es auch psychisch eine Belastung. Was ist, wenn der Geist nachlässt, seine Spannkraft verliert und schließlich der Austausch nicht mehr möglich ist? Daran mögen wir gar nicht denken.

Die Erfahrungen mit der ersten Chemo haben gezeigt: Das wird ein harter Weg. Außerdem ist mein Körper durch die letzten Therapien sehr geschwächt. Wenn ich daran denke, was auf uns zukommt, werden mir die Knie weich.

Aber es ist noch nicht das Ende des Weges. Bisher hat sich der Tumor zwar ungewöhnlich rasant ausgebreitet und kommt auch in schneller Abfolge immer wieder, an immer neuen Stellen. Doch er hat auch auf fast alle Therapien reagiert. Wir können zwar keine Prognosen für die Zukunft abgeben, dieser Umstand aber macht doch Hoffnung. Was auch immer die Ärzte empfehlen – wir werden die neue Therapie angehen.

Und nicht nur das. In einer Woche steht wieder ein Gottesdienst an. Manchmal denke ich: Das nicht jetzt auch noch. Das wird mir jetzt doch ein bisschen viel. Und dann wieder: Jetzt erst recht. Soll ich mir vom Krebs etwa mein ganzes Leben bestimmen lassen? Und dann kann es natürlich auch sein, dass die Ärzte umgehend eine OP ansetzen. Wie dieser Konflikt ausgeht, werdet Ihr erfahren – spätestens hier auf dem Blog.

Und ist es ein Zufall, dass ausgerechnet am kommenden Sonntag Hiob 14 auf dem Plan steht? Einer der deprimierendsten Texte der Bibel: „Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht…“ Da will es aber einer wissen.

Aber eins nach dem andern: Ab morgen werden wir erst einmal wieder Gespräche führen, in Untersuchungen gehen und die Therapie gemeinsam mit den Ärztinnen und Ärzten entwickeln und entscheiden. Und es tut gut zu wissen, dass wir diesen Weg gemeinsam gehen.

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Beitragsbild: Edvard Munch, Der Schrei – WebMuseum at ibiblioPage: http://www.ibiblio.org/wm/paint/auth/munch/image.  https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37610298

Das war nicht gut

Natürlich gibt es jede Menge Lichtblicke auf der Welt. Nur um uns scheinen sie gerade einen Bogen zu machen. Oder ist es so, dass sie da sind – und wir haben gerade keinen Sinn für sie?

Heute erfuhren wir die Ergebnisse des letzten PET/CT. Und es waren wieder keine guten Nachrichten, gar keine guten. In der Leiste waren erneut Metastasen zu sehen. Beide Lungenflügel sind befallen. Das Schlimmste aber: Nun habe ich auch einen Hirntumor. Beziehungsweise gleich mehrere.

Natürlich wissen wir noch nicht genau, welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind. Dass die Immuntherapie nun wieder von einer Chemo abgelöst wird, scheint ziemlich klar zu sein. Wahrscheinlich ist eine Bestrahlung, vielleicht sogar eine Kopf-OP.

Das alles macht uns Angst. Mehr noch als bisher.

Neben diesen Nachrichten gab es allerdings auch eine positive: Die Metastasen im Rücken sind rückläufig. Und das bedeutet auch: Alle Behandlungen waren bisher erfolgreich. Ob das tatsächlich ein Hoffnungsschimmer ist?

Der Weg, der vor uns liegt, mutet uns steil an, allzu steil. Wir werden ihn gehen. Er ist noch nicht zu Ende.

Lichtblick der Woche

route-66-historic.jpgJohanna und Jörn schenkten uns, nachträglich zu meinem Geburtstag, diese „Route 66“. Sie erinnerten sich an unseren Wunsch, die „Main Street of America“ einmal zu fahren. Und damit ist sie ein Symbol für unsere Hoffnung, dass es auch möglich sein wird. Dieses Schild hängt nun im Flur.

Die beiden schrieben dazu: „Die Route 66 beginnt ganz bestimmt in Niendorf.“

Und der Tag, an dem wir dieses Geschenk bekamen, hielt noch mehr Lichtblicke für uns bereit: Ute und Sönke besuchten uns, und es wurde ein wunderbarer Nachmittag.

Und abends lasen wir die Herrnhuter Losung, die diesmal ganz besonders zu passen schien: Paulus sprach zu den Mitreisenden: Diese Nacht trat zu mir der Engel des Gottes, dem ich gehöre und dem ich diene, und sprach: Fürchte dich nicht, Paulus, du musst vor den Kaiser gestellt werden; und siehe, Gott hat dir geschenkt alle, die mit dir fahren. (Apostelgeschichte 27,23-24) Die Begegnung mit dem Kaiser wurde für Paulus alles andere als angenehm. Aber bis dahin hatte er Mitreisende, die ihm Gott geschenkt hatte und die ihm zur Seite standen.

 

Lichtblick. Aus aktuellem Anlass

Wir haben länger überlegt, ob wir überhaupt einen Lichtblick schreiben können. Denn die letzten Gespräche im UKE waren nicht sehr ermutigend. Aber vielleicht passt deshalb gerade die Ermutigung, die uns Waltraud in der vergangenen Woche zukommen ließ: storch.jpgGib niemals auf.

Wie schon vor einer Woche angedeutet, waren die Ergebnisse der letzten Untersuchung nicht gut: In der Lunge gibt es unklare Befunde. Vor allem aber haben sich die Metastasen in der Wirbelsäule vergrößert und bedrohen das Rückenmark. Das heißt: Die Immuntherapie hat bisher nicht angeschlagen.

Deshalb diskutieren wir jetzt schon riskante Behandlungsmethoden: Bestrahlung oder OP, die aber auch fürs Rückenmark gefährlich werden können. Insofern trifft es das Bild ganz gut: Den Frosch hat es schon ziemlich schlimm erwischt. Wird er die Kraft behalten, den Hals zuzudrücken?

Mit der Immuntherapie machen wir erst einmal weiter. Es wird nun viel darauf ankommen, dass die Immunzellen in meinem Körper doch noch aufwachen. In seltenen Fällen hat man es schon beobachtet, dass sie durch eine Bestrahlung angeregt werden. Jetzt wäre ich gerne mal wieder ein solcher seltener Fall.

Und dann sind da noch die Herrnhuter Losungen. Heute mit einem Wort aus 5. Mose 23,6: „Der Herr, dein Gott, wandelte dir den Fluch in Segen um, weil dich der Herr, dein Gott, lieb hatte.“ (5. Mose 23,6) Wir würden es gerne glauben. Und wir zweifeln. Weil wir es erlebt haben, wie es genau umgekehrt kam: Aus Segen wurde Fluch.

Leonard Cohen singt: „I’ve seen you change the water into wine. I’ve seen you change it back to water, too.“ (Treaty) Auch wir kennen die Wunder – in beide Richtungen. Wir möchten gerne an die der ersten Kategorie glauben können.

 

Lichtblick der Woche

Wir hatten schon einen Lichtblick vorbereitet. Und dann überraschten uns die Herrnhuter Losungen gestern abend mit diesen Versen:

Gras SteinHerr Zebaoth, wohl dem Menschen, der sich auf dich verlässt. (Psalm 84,13)

Wo keine Hoffnung war, hat Abraham auf Hoffnung hin geglaubt. (Römer 4,18)

Es gehört zum Geheimnis des Glaubens: Wo keine Hoffnung ist zu hoffen, und zu erfahren: So entsteht Hoffnung. Und natürlich helfen uns dabei die Hoffnungszeichen, die wir auch in den vergangenen Tagen wieder erlebt haben.

Lichtblick der Woche

Es ist schwer, in dieser Zeit einen Lichtblick auszumachen –
– einer Zeit, in der die Aussichten auf „Rückkehr in die Therapie“ stehen,
– einer Zeit, in der die Enttäuschung über das erneute Wachstum von Metastasen groß ist,
– einer Zeit, in der wir wieder Träume von entspannte(re)m Urlaub begraben können –
– einfach in einer Zeit, in der sich so manche Hoffnungen zerschlagen haben. 

Aber nicht jede. Denn
– noch haben Ärztinnen und Ärzte ihre Möglichkeiten nicht ausgeschöpft,
– und es stehen uns viele Menschen zur Seite,
– und wir haben uns,
– und, nicht zu unterschätzen, wir haben Arbeit, Frühling und einen funktionierenden Laptop. Das mag banal erscheinen, aber es sind auch solche kleinen Dinge, die über einen guten oder schlechten Tag entscheiden.

Und ein Spruch, der mir in anderen Zusammenhängen ebenfalls sehr banal vorkommt, geht mir heute nicht aus dem Kopf: Es ist noch nicht aller Tage Abend.

Nein, es gibt diesmal nicht den einen Lichtblick der Woche. Aber eine ganze Reihe von kleinen.