Brunow

Wer bei Brunow an irgendein Dorf im Osten denkt – der liegt völlig richtig. 20 km östlich von Ludwigslust, 312 Einwohner, Mecklenburg an der Grenze zu Brandenburg. Viel Natur. Irgendwo im Nirgendwo, von Hamburg aus gesehen.

Zu Mecklenburg habe ich allerdings immer schon eine besondere Beziehung gehabt. Als ich ein Kind war, hat uns Oma aus Fritz Reuter vorgelesen – Mecklenburger Platt mit Angeliter Aussprache. Das war ähnlicher, als es klingt. Überhaupt haben beide Regionen viele Gemeinsamkeiten – angefangen von der Landschaft bis hin zur Mentalität der Menschen. Auch die Haltung zu Religion und Kirche kommt mir vertraut vor. Inzwischen nähert sich auch die Anzahl der Kirchenmitglieder in Nord und Ost einander an. In Angeln ist die Kirche noch eher ein Teil der Gesellschaft, aber auch diese Zusammengehörigkeit scheint zu bröckeln. Sehen wir in Mecklenburg vielleicht die Zukunft der Angeliter Volkskirche?

Brunow also. Der Pfarrsitz der Kirchengemeinde Brunow-Muchow. Hier ist Veronika Hansberg Pastorin. Veronika hat uns Mitte März besucht. Und was sie erzählte, war sehr spannend. Und so entstand die Idee zu diesem Interview.

Veronika, kannst Du Dich und Deine Gemeinde kurz vorstellen?

Geboren 1974 in Dresden, da habe ich aber nicht gelebt, es war die Heimatstadt meiner Mutter. Aufgewachsen bin ich im nordwestlichen Niedersachsen. In Münster habe ich nach meinem Abitur Ev. Theologie und Pädagogik studiert. Mein Vikariat damals in der Kirche, zu der ich gehörte: Oldenburg (in Oldenburg). Leider gehörte ich zu den Jahrgängen, die die Kirche wirklich nicht gut behandelt hat. Mit einer doch erstaunlichen Herzlosigkeit setzte man den ganzen Vikarskurs im Anschluss vor die Tür. Für mich ist wirklich eine Welt zusammengebrochen damals. Seit ich denken kann, wollte ich Pastorin werden und dann das.
Im Jahr darauf bekam ich unser zweites Kind, eine Tochter (unser großer Sohn war da vier Jahre alt). Ich arbeitete nun in verschiedenen Bereichen: als Öffentlichkeitsarbeiterin im Kirchenkreis, als freie Redakteurin bei der regionalen Zeitung, in der Lebensberatung in der Mutter-Kind-Klinik, erteilte Konfirmandenunterricht in der Förderschule für geistige Entwicklung, absolvierte eine Zusatzausbildung in Notfallseelsorge, entwickelte Seminare für Schülerinnen und Schüler und Konfirmanden und führte sie durch (in der Ev. Jugendbildungsstätte Asel in Ostfriesland) und stand fast jeden Sonntag als ordinierte (ehrenamtlich tätige) Pastorin auf einer anderen ostfriesischen Kanzel, vertrat die Kollegen bei Urlaub und Krankheit auch bei Taufen, Beerdigungen und Trauungen.
Leider ging die Vorstellung, dass ich als Pastorin in einer Kirchengemeinde tätig sein werde, mir nicht aus dem Sinn, vor allem aber wohl nicht aus dem Herz. So beschloss ich damals, mich nicht länger von den Landeskirchen Oldenburg und Hannover hinhalten zu lassen und schaute mich um. Ein Praktikum in einer schwedischen Kirchengemeinde beflügelte mich und eröffnete neue Perspektiven.
Eine Initiativbewerbung in der damals neu gegründeten Nordkirche war dann  sehr schnell erfolgreich. Man fragte mich, ob ich auch bereit sei, in Mecklenburg aufs Land zu gehen. Dorfpastorin war durchaus Teil meiner jahrelangen Vorstellung gewesen, und Mecklenburg fanden wir beide –  mein Mann Tjark und ich – schon immer schön. Für Tjark war es fast heimatlich, er ist in Ratzeburg aufgewachsen. Deshalb sagte ich der Kirchenleitung: Ja, ich bin bereit dazu. So kamen wir –  mit inzwischen noch einem Sohn mehr (geb. 2009) als Familie nach Brunow ins Pfarrhaus. Das war 2013.
Ich bin froh, dass ich mich in den Jahren vorher nicht verschätzt hatte. Es ist mein Ding. Auch wenn nicht alles schön und nicht alles leicht ist (und auch nicht alles gleich viel Spaß macht, manches macht auch gar keinen). Aber so ist das immer. Ich bin glücklich, in meinem Beruf arbeiten zu können. Für mich der schönste Beruf, den ich kenne.
Ich liebe – auch seit ich denken kann –  Bücher. Und Sprache fasziniert mich. Außerdem liebe ich Schweden, Schwimmen und  Natur. Und gute Musik (da bin ich sehr großzügig). Und ich liebe meine Familie. Die steht natürlich weiter vorn, ganz vorn.

Brunow-Muchow heißt unsere Kirchengemeinde seit diesem Jahr. Fusioniert aus den Kirchengemeinden Brunow & Muchow. 15 kleine bis mittelgroße Dörfer, acht ganz verschiedene schöne Kirchen, sechs kirchliche Friedhöfe, knapp 750 Gemeindeglieder (ca. 19% der Bewohner). Zwei Pfarrhäuser. In einem (in Brunow) wohnen wir, das andere wird im Moment von unserer (50%) Gemeindepädagogin bewohnt. In Muchow arbeiten wir momentan an einem Nutzungskonzept. In diesem Haus befindet sich auch die im letzten Jahr gegründete Ev.-öffentliche Bücherei – die erste in Mecklenburg, wie ich von Ute lernen durfte.

Soweit.

Eine Gemeinde, 8 Kirchen, Friedhof, Mitarbeitende – das klingt nach unglaublich viel Routine- und Verwaltungsarbeit und nach weiten Wegen. Bleibt da noch Zeit für Anderes? 

Leider zu wenig. Denn: Ja,  es ist viel Verwaltungsarbeit. Aber die Gemeinde leistet sich eine 5-Std./Woche-Sekretärin zur Entlastung (entgegen der mecklenburgischen Gepflogenheiten). Und es gibt beeindruckend viele Menschen auf den Dörfern, die helfen. Sonst ginge es gar nicht. Dienstliche Telefonate erledige ich oft auf den Autofahrten, um die Zeit zu nutzen. Die Investition in eine gute Freisprechanlage hat sich gelohnt. Leider kann ich die Ankündigung, Pastores von Verwaltungsarbeiten zu entlasten, damit Zeit für die „Kernkompetenz“ bleibt, nicht mehr hören und schon gar nicht glauben. In der Zeit, in der ich aktiv für Kirche bin, hat sich der Verwaltungsaufwand für Pastores (und sonstige Dinge, die ich NICHT gelernt habe), proportional zur Ankündigung der Reduzierung verhalten. Ist also, je mehr er angekündigt wurde, umso mehr gestiegen.

Wie sind die Mecklenburger Dir als Pastorin mit westdeutschen Wurzeln begegnet?

Oft erstaunlich offen und positiv. Ich habe den großen „Vorteil“, dass meine Eltern in der DDR aufgewachsen sind und ich wirklich aus meiner Kindheit weiß, wie es war. Meine Großeltern und viele andere Verwandte und die besten und engsten Freunde meiner Eltern haben alle in der DDR gelebt. Ich bin doch verhältnismäßig erstaunt gewesen, wie sehr das hier noch Thema ist. Wie gegenwärtig noch die (unsichtbare) Mauer ist. Das hat mich echt von den Socken gehauen. Meine Eltern können es gar nicht glauben, wenn ich das erzähle. Dazu muss man wohl hier leben, um zu merken, wie sehr es die Menschen geprägt hat (das kann ich verstehen) und wie sehr sie daran hängen (das kann ich wahrnehmen, aber nicht immer verstehen).
Ich versuche, darüber im Gespräch zu sein mit den Menschen. Möglicherweise kann das auch Aufgabe von Kirche sein vor Ort: Das zu hören, aber die Menschen auch nicht immer so zu lassen in ihrem „Gefangensein“ – so nenne ich es mal – in der Vergangenheit. Es gibt viele interessante Gespräche. Ich habe oft das Gefühl, ich darf den Menschen sagen, was sie sich von vielen anderen nicht anhören würden. Wichtig ist, glaube ich, den Menschen zu sagen, dass es nicht um die Abwertung von persönlichen Biographien geht, sondern im Gegenteil, dass der so genannte realexistierende Sozialismus viele um ihre Möglichkeiten gebracht hat. Und die Menschen damit eher aufzuwerten. Die Menschen hier können was. Davon bin ich beeindruckt.

Vor welchen Herausforderungen steht Deiner Meinung nach die Kirche in Mecklenburg ganz besonders?

Viel Gegend, wenig Leute. Und diese wenigen werden älter, haben weniger Möglichkeiten. Viele Gebäude und doch ziemlich wenig liquide. Das ist die Situation der Kirchengemeinden. Hohes Engagement der Kerngemeinde. Das gibt es auch. Es gibt viele Abschiede (wie überall). Wie können wir die miteinander gestalten? Abschiede sind ja nicht per se was Schlechtes. Bewusst und gut gestaltete Abschiede machen offen für Neues. Deshalb tun sie oft natürlich trotzdem weh, die Abschiede. Aber Kirchengemeinde soll auch ein Ort sein, der Schmerzen und Trauer gemeinsam trägt.
Wie machen wir möglichst vielen Menschen klar, wofür die Kirche steht? Leitend sind für uns „Werte“ wie Hoffnung, Nächstenliebe, Gastfreundschaft, Vertrauen. Aber wie bilden wir das ab? Woran können Menschen bei uns erkennen –  am besten auch jene, die die Kirche gar nicht kennen oder sie sogar meiden -, dass uns das leitet? Die Hoffnung als Kernkompetenz der Kirche (da haben wir ein Monopol und das ist ein Schatz!) findet hier fruchtbaren Boden. Nicht abgehängt und es kommt nichts mehr – wie es sich hier oft als Stimmung breitmacht -, sondern nach vorn ausgerichtet. Nicht an der Vergangenheit kleben, sondern auf Zukunft hin. Ein Gegenentwurf zu den anderen Entwicklungen. Ja, vielleicht ist das die größte Herausforderung: Den Versuchungen zu widerstehen, es der kommunalen Entwicklung gleich zu tun. Leider sehe ich im Moment oft anderes.

Ganz praktisch: Wie erfahren die Menschen von unserer Hoffnung?  Wir müssen davon sprechen. Und das in einer Sprache, die die Menschen verstehen. Das fällt nicht allen leicht. Ob unsere Hoffnung auch zu ihrer Hoffnung werden kann, liegt ja nicht nur in unserer Hand. Nur auf Zahlen zu starren, führt nicht zum Glück, da bin ich sicher.

Ich habe festgestellt: Hier gelingt alles gut, wo viele Menschen an der Durchführung beteiligt werden. Deshalb werden wir immer stärker eine Beteiligungskirche bekommen müssen und das ist auch gut so. Die Mecklenburger werden Abschied nehmen müssen von der rein pastorenzentrierten Gemeindeform (was übrigens auch Vorteile hat, aber das nur nebenbei).
Möglichst viele Menschen sollen mit dem Evangelium in Berührung kommen. Das ist die klare Aufgabe. In welcher Form auch immer wir das einlösen. Da sind der Phantasie und Kreativität keine Grenzen gesetzt. Das ist das Spannende und Gute hier bei der Arbeit als Pastorin in mecklenburgischen Kirchengemeinden. Willkommen!

Ute und Du habt Euch kennengelernt, weil Du den Kontakt zum Bibliotheks- und Medienzentrum der Nordkirche gesucht hast. Wie bist Du auf die Idee gekommen?

Ich habe schon gesagt: Ich liebe Bücher. Und ich habe als 18 jährige (damals jüngste bundesweit) die Ausbildung zur Bibliotheksassistentin im kirchlichen Dienst absolviert. Muchow BüchereiDie Liebe zu den Büchern ist geblieben, die Büchereiarbeit ruhte viele Jahre. Nun haben wir ein großes Pfarrhaus in Muchow und bekamen viele Bücherspenden. Da ist es wieder neu entflammt bei mir. Und ich finde es immer einen Gedanken wert, Kultur aufs platte Land zu bringen, wo sonst nichts ist. Man kommt auch einfach nochmal mit anderen Menschen in Kontakt. Es ist ein –  wie wir gern innerkirchlich sagen –  relativ „niederschwelliges Angebot“. Die Menschen kommen in ein Haus der Kirche, treffen sich, trinken Kaffee, unterhalten sich und manchmal leihen sie auch ein Buch aus. Und das Gute daran ist: Sie kommen mindestens einmal wieder. Um es abzugeben. Und vielleicht ist dann der Weg über die Schwelle eines kirchlichen Hauses nicht mehr ganz so schwer.

Auf noch größere Resonanz stoßen Deine Passionsandachten: „Kreuzwege vor Ort“, Gedanken an wunden Punkten unserer Gemeinden. Magst Du davon erzählen?

Der Gottesdienstbesuch an einem „normalen“ (was ist schon normal?) Sonntag  ist –  sagen wir –  ziemlich überschaubar.  Es gibt Sonntage, da kann ich das gut ab. Aber leider ist es nicht immer so. Es macht auch Frust, da bin ich ganz ehrlich.
Und vor vier Jahren, da hatte ich mal wieder besonders Frust. Es war im Januar. Und ich dachte: Und nun kommt auch noch die Passionszeit und da kommen besonders wenige. Dabei verstehe ich das nicht. LEIDEN, das kennt doch nun wirklich jede, das kennt jeder, ob nun Christ oder nicht.
Und so kamen wir zu der Frage: Woran leiden die Menschen eigentlich heute? Also, DIESE Menschen HIER in DIESER ZEIT? Bei jedem Hausbesuch kamen Themen, die die Menschen umtreiben. Also, warum nicht davon sprechen? Und in die Bibel schauen, was sie uns dazu sagt. Es fielen uns gleich Themen ein. Aber habe ich als Pastorin Ahnung davon? Nein, natürlich nicht von allem. Also, ich kann mich in alles hineinlesen und hineinfragen und hineindenken. Aber als Theologin. Warum also nicht eine andere Perspektive dazu holen? Zu jedem Thema kommt also ein Experte oder eine Expertin. Es ist gar nicht so einfach, jemanden zu finden dazu.
Und vielleicht sind vielen Menschen, die seit Generationen nichts mehr mit Kirche zu tun hatten, unsere Kirchen zu alt und zu fremd, vielleicht die Kirchenmauern zu dick. Also, raus aus den alten Mauern. Wohin? Wo leiden denn Menschen heute? Also an die Orte. Und die stehen oft nur stellvertretend, symbolisch für die Frage, die uns da bewegt. Andachten am Kriegermal, auf dem Friedhof, an der Bushaltestelle, bei einem Milchbauern, bei der Feuerwehr, an der Schule, vor geschlossenen Kitas und Einkaufsläden auf den Dörfern, vor verlassenen Häusern, an den Müllcontainern, an einem Unfallschwerpunkt und die Andacht über „burn-out“ am Stoppschild (eines der beiden, die wir im ganzen Gemeindegebiet haben, eine Ampel haben wir gar nicht, haben wir festgestellt).
An fünf Freitagen in der Passionszeit um 18 Uhr. Wenn Ostern früh liegt, ist es bei den ersten Andachten noch dunkel und oft ziemlich kalt. Und die Menschen stehen. Deshalb dauern die Andachten nie länger als 30, allerhöchstens 35 Minuten. Die Musik ist instrumental (wir können doch nicht die, die sonst nicht kommen, als erstes durch das Singen ihnen unbekannter und oft gruseliger Passionslieder wieder verschrecken) und muss je nach Veranstaltungsort auch mal ohne Strom gehen. Im Anschluss gibt es eine Tasse heißen Tee oder Punsch und um 19 Uhr sind fast alle auf dem Weg nach Hause.
Mecklenburger fahren für eine Zahnbürste ins 20km entfernte Parchim, aber selten bis nie gehen sie in eine Kirche in der gleichen Kirchengemeinde im Nachbardorf, 4 km entfernt. Warum, weiß ich nicht. Weiß keiner.
Aber für eine Passionsandacht unserer Reihe geht das schon. Sie kommen aus allen Dörfern, sogar aus anderen Gemeinden. Die Kirchenältesten (die mich übrigens anfangs für verrückt hielten –  ja, das haben sie wörtlich so gesagt, – als ich diese Idee vorschlug) sind inzwischen enttäuscht, wenn weniger als 40 Menschen kommen. Dabei kommen im Sonntagsgottesdienst trotzdem weiter unter zehn, abnehmende Tendenz. Es kann nicht als Konkurrenz gesehen werden, sondern als eine Art Ergänzung. Wer möchte denn sagen, dass eine Andacht, die „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ beginnt, in der ein Bibeltext gelesen wird, dieser kurz ausgelegt wird, zwei Gebete gesprochen werden, ein gemeinsames Vaterunser und ein Segen kein vollwertiger Gottesdienst ist?  „Inzwischen“, das heißt übrigens, wir haben die Andachtsreihe „Kreuzwege vor Ort- Gedanken an wunden Punkten unserer Gemeinden“ in diesem Jahr das vierte Mal gehabt. Immer denke ich, jetzt fallen mir keine Orte und keine Themen mehr ein. Doch bis jetzt stimmte das nicht.

Die Liste Deiner Gäste, die das „Wort zur Sache“ sprechen, liest sich beeindruckend: Fachärztin für Neurologie, Staatssekretär, Klimawissenschaftler… Ist das Absicht?

Ja…. Die Menschen auf dem platten Land haben doch ein Recht, auch von diesen Fachleuten zu hören, was es zu sagen gibt zu diesem Thema. Der Bestatter auf dem Friedhof zur Andacht „Was bleibt?“, den hören die Menschen nie dazu etwas sagen, sie sehen immer nur, was er tut und irgendwie wirkt es so, als assistiere er der Pastorin oder so, aber er hat eine ganz eigene Sicht auf die Dinge. Die Neurologin erklärt, warum Menschen krank werden können, wenn sie aus der Mühle der Schnelllebigkeit nicht rauskommen, die Rettungsassistentin ermutigt die Leute zu helfen an der Unfallstelle, der Feuerwehrseelsorger berichtet darüber, was Feuerwehrleute bewegt. Der Schulpsychologe erzählt von seinem Umgang mit Versagensängsten bei Kindern, und der Leiter des Abfallbetriebes erläutert die Dimensionen der Wegwerfgesellschaft, die ich nur erahnen kann. Und der erste Staatssekretär aus der Landesregierung kommt hier aufs Dorf und hört, wie sich das mit dem Abgehängtsein  anfühlt und versucht aus der Politik dazu etwas zu sagen. Das eröffnet viele Räume. Ich bin selbst immer wieder beeindruckt, was sie da sagen.  Übrigens ist es ja oft meine Aufgabe bei diesen Andachten zum Thema einen Bibeltext zu finden, also genau der umgekehrte Weg zu der üblichen sonntäglichen Predigtvorbereitung. Das ist oft gar nicht einfach, macht aber ungeheuer Spaß. Deutliche Empfehlung!

Besonders einfühlsam finde ich den Ausdruck der „wunden Punkte unserer Gemeinden“. Wie bist Du darauf gekommen?

Wie bin ich darauf gekommen? Ja, zunächst liebe ich wohl Wortspiele.
Und dann: Fast bei jedem Besuch geht es um Wunden, wenn man genau hinhört. Und bei Wunden hilft es nicht, sie zu ignorieren. Den Finger hineinlegen erhöht den Schmerz erst einmal, meistens zumindest. Notwendigerweise, glaube ich. Kirche kann und muss aus meiner Sicht auch einen Beitrag dazu leisten, dass Menschen sprachfähig werden. Man kann das auch immer nur als „Jammern“ abtun, kann man machen, hilft aber nicht weiter. Keinem, wenn wir ehrlich sind. Oder man kann sie als offene Wunden wahrnehmen, die die Menschen mir hinhalten. Ich bin nun keine Ärztin und erst recht keine Wunderheilerin, will ich auch gar nicht sein. Aber ich kann die Menschen erst einmal ernst nehmen (zumindest das können wir machen), die Wunden sehen und hören, wenn sie davon erzählen. Ich kann den Menschen etwas anbieten, wo sie Trost und so etwas wie einen Heilungsprozess finden können. Die Andachten haben nicht den Anspruch, das „Problem“, das „Leid“ zu lösen – wie könnten wir das? Aber sie können Trauer und Schmerz teilen. Im ersten Jahr sagte ein Mann, der der Kirche nicht gerade nahe steht, um es vorsichtig zu sagen, zu mir: „Die Kirche geht dahin, wo es wehtut.“ Er war erstaunt darüber. Das war ganz offenkundig neu für ihn.

Veronika, ich danke Dir – für dieses Gespräch, für die Gedanken und unsere Begegnung.

Erik, ich danke Dir. Du bist eine Bereicherung für mich –  persönlich und beruflich.

Liebe Veronika, das kann ich so zurückgeben. Vielen Dank.

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Beitragsbild: Kirche in Brunow. © Tjark Hansberg. Die frühere Version dieses Beitrags zeigte irrtümlich die Kirche von Heckelberg-Brunow im Märkischen Oderland. Wir bitten dieses Versehen zu entschuldigen.
Bild im Text: Die Bücherei von Muchow, Anfangsstadium © Ute Thiesen

 

 

 

 

Lichtblick der Woche

Nun brennt im weit entfernten Palästina für uns eine Kerze. Inke hat gerade das Heilige Land besucht, und hat sie in der Brotvermehrungskirche in Tabgha aufgestellt.

Brotvermehrung KerzeIn Israel hat Jesus gelebt und gewirkt, gepredigt und Wunder getan. Seit 70 Jahren ist es ein heiß umkämpftes Land mit sehr wenig Hoffnung auf Frieden. Ein Land, in dem die Menschen aber nicht aufgeben.

In Tabgha hat Jesus mit 5 Broten und 2 Fischen 5000 Menschen satt gemacht. Ein Wunder, dass wir kritische Theologen uns so erklärt haben: Viele Menschen entdeckten, dass sie Brot in der Tasche hatten und teilten. Das ist nicht falsch. Wir aber wissen auch: Wo Menschen teilen – ihr Glück und ihre Trauer, ihre Angst und ihre Stärke -, da wächst die Hoffnung ins Wunderbare.

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Beitragsbild: Mosaik in der Brotvermehrungskirche in Tabgha. Von Berthold Werner – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5226544
Bild im Text: Kerzen in der Brotvermehrungskirche. Eine von ihnen ist unsere. © Inke Thiesen

Aus aktuellem Anlass

Es gab eine Zeit in meinem Leben, in dem sich fast jährlich mein Leben und meine Lebensperspektiven änderten. Wohnortwechsel und ein immer neuer Ausbildungsstatus sorgten in meiner Jugend für ständige Abwechslung. Es folgte, im Pfarramt, eine Zeit großer Stetigkeit, die vom Wechsel der Jahreszeiten geprägt war. Kirche und Familie, Weihnachten und große Ferien, Konfirmationen und regelmäßige Gottesdienste sorgten für ein recht verlässliches Leben. Zehn Jahre leitete ich den Kirchenvorstand, zehn Jahre stand die spirituelle Arbeit im Vordergrund.

Und dann kam der Krebs, und nun wechselten die Perspektiven fast monatlich. Das Leben nahm noch einmal richtig Fahrt auf.

Und das gilt erst recht für die letzte Woche. Praktisch wurden wir an jedem Tag vor neue Herausforderungen gestellt.

Noch am Mittwoch letzter Woche befinde ich mich in einer sehr aufreibenden Chemo. Körper und Beine werden immer schwächer. Wir führen ein Gespräch mit der „SAPV“ – der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung über Möglichkeiten, im Ernstfall zuhause versorgt zu werden.

In der Nacht zum Donnerstag nehmen wir den Service der SAPV gleich in Anspruch und lassen uns zum UKE fahren. Das MRT bestätigt meinen Verdacht: Die Schwäche in den Beinen kommt nicht von der Chemo. Eine Metastase drückt gefährlich auf das Rückenmark. Am Freitag werde ich operiert.

Den Sonnabend verbringe ich auf der Intensivstation. Das linke Bein ist anfangs völlig bewegungsunfähig. Und es ist – und ist nach wie vor – unklar, ob ich wieder werde gehen können.

Am Sonntagabend wechsle ich auf die Station der Wirbelsäulenchirurgie. Meine Stimme versagt mir den Dienst, mit dem Atem habe ich große Schwierigkeiten.

Der Montag beginnt chaotisch und bleibt es. Mittags gibt es unterschiedliche Informationen zum Entlassungstermin. Wir werden unruhig, weil die häusliche Versorgung trotz SAPV ungeklärt ist. Der Arzt kommt und stellt klar, dass eine Entlassung erst in der nächsten Woche und nach Klärung durch den Sozialdienst des UKE erfolgen wird. Noch während seiner Anwesenheit erscheint eine Mitarbeiterin des SD und beginnt mit der Organisation von Hilfsmitteln für die häusliche Versorgung. Das Gespräch wird durch eine temperamentvolle Ärztin aus der Palliativversorgung unterbrochen, die den Vorschlag macht, auf ihre Station zu wechseln. Dies wäre möglich, da doch die onkologischen Therapiemöglichkeiten weitgehend ausgereizt seien.

Wir sind sehr verwirrt. Von diesem Angebot hören wir zum ersten Mal. Es scheint attraktiv zu sein. Wir nehmen es an, und eine halbe Stunde später liege ich auf der Palliativstation des UKE. Zum ersten Mal an diesem Tag kehrt Ruhe ein.

Noch haben unsere Seelen mit all den Wirrungen und Wendungen nicht Schritt halten können. Keine Frage: Die Ruhe und die Betreuung auf dieser Station tun mir wohl. Andererseits sind die weiteren Schritte und Aussichten bestenfalls ungeklärt.

Die Hoffnungssätze eines Fulbert Steffensky werden noch einmal ganz neu mit Inhalt gefüllt. Hoffen heißt „zu handeln, als gäbe es einen guten Ausgang“. Dazu denken wir an Psalm 90,12: „Jeder Tag zählt.“

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Beitragsbild: Mein „Ausblick“ auf dem Zimmer der Palliativstation.  © Erik Thiesen

Aus aktuellem Anlass

Die Operation ist gut verlaufen – und sie war auch dringend nötig. Der Arzt meinte, dass diese Metastase noch wesentlich stärker auf das Rückenmark drückte als die der letzten OP. Es war sozusagen 5 vor 12. Es war also ziemlich gut, dass mein Gefühl für den eigenen Körper diesmal genauer war als die Expertise der Ärzte.

Momentan hat sich an meinem Zustand nichts verändert. Das ist auch relativ normal. Erst im Lauf der nächsten Tage, eher noch Wochen wird sich zeigen, ob ich wieder auf eigenen Füßen werde stehen können.

Erst einmal aber sind wir dankbar, dass ein harter Querschnitt abgewendet wurde. So ist noch Hoffnung auf alles.

Wir sind uns sehr bewusst, dass vor uns ein mühsamer Weg liegt. Wir wissen aber auch, dass wir von einem tollen Netzwerk getragen werden.

Danke Euch allen.

Nachdenken über Gott

„Wenn dir der Gedanke kommt, dass alles, was du über Gott gedacht hast,
verkehrt ist, und dass es keinen Gott gibt, so gerate darüber nicht in Bestürzung.
Es geht vielen so. Glaube aber nicht, dass dein Unglaube daher rühre,
dass es keinen Gott gibt.

Wenn du nicht mehr an den Gott glauben kannst, an den du früher geglaubt hast,
so rührt das daher, dass in deinem Glauben etwas verkehrt war,
und du musst dich besser bemühen, zu begreifen, was du Gott nennst.

Wenn ein Wilder an seinen hölzernen Gott zu glauben aufhört, heißt das nicht,
dass es keinen Gott gibt, sondern nur, dass der wahre Gott nicht aus Holz ist.“
(Leo Tolstoi)

Mit dem Krebs veränderte sich mein Bild vom Glauben, von Gott. Vielleicht war es auch gar keine Veränderung, sondern eine Intensivierung; die Grundlinien waren schon früher gelegt. Aber die Voraussetzungen hatten sich verändert.

Mein erster Lehrer auf dem Weg war Leonard Cohen: You want it darker. Was ist, wenn der Krebs kein Versehen Gottes war, kein „Ich geh denn mal kurz Kaffee trinken“, während der Teufel den Hiob quält. Was ist, wenn er den Krebs wollte?

Wir kennen diesen dunklen Gott, den Richter und den, der das Leid Unschuldiger zulässt. Martin Luther nennt ihn „deus absconditus“ – den verborgenen Gott. Für den „natürlichen“ Menschen verborgen und unverständlich. Der Glaubende wendet sich dem „deus revelatus“ zu, der sich in Jesus offenbart hat – als derjenige, der die Sünde wegnimmt und den Menschen nur Gutes will.

Für mich wird der Mensch dadurch entmündigt und Gott nicht ernst genommen. Für mich gibt es keinen „lieben Gott“ mehr, einen, der von seinen dunklen Seiten reingewaschen wird.

Widerspricht das aber nicht der gesamten biblischen Botschaft? Ist Gott nicht Liebe, menschenfreundlich und gut?

Ja, auch. Er ist sogar ganz großartig. Wenn er in allem ist und alles in ihm, dann ist sein Wesen ebenso schön und grandios, wie es das Leben eben – auch – ist.

Er ist beides, mal so und mal so, gut und böse, die coincidentia oppositorum (Nicolaus von Kues), das Zusammenfallen der Gegensätze. In der Theorie. Und deshalb in der Praxis vor allem: Unberechenbar.

Wie ich damit umgehen kann, habe ich bei Psychologinnen und Neurobiologen, Ärztinnen und Theologen gelernt. Die Kunst scheint darin zu bestehen, die Realität und eigene Wahrnehmung nicht zu leugnen – und dann die Fähigkeit zu haben, auf das Gute zu schauen.

Unsere Freundin Jutta Seeland (Psychotherapeutin) betont mit Gerald Hüther (Neurobiologe), dass unser Bewusstsein nicht nur unser Verhalten, sondern sogar das Verhalten unserer Zellen beeinflusst. Ärzte sagen, dass nachgewiesenermaßen – neben der Bewegung – eine gute Einstellung eine positive Wirkung hat. Für alle anderen alternativen Therapien gibt es keine ausreichenden Belege.

Giovanni Maio (Arzt) sagt: „Hoffnung ist ein Offensein für das, was kommen wird, und ein Vertrauen darauf, es bewältigen zu können.“ Und Fulbert Steffensky (Theologe): Hoffen ist „zu handeln, als gäbe es einen guten Ausgang“. Schließlich noch Sebastian Murken (Religionspsychologe): „Eine Religion hilft vor allem denen, die stark daran glauben, dass sie ihnen hilft.“

So verstehe ich auch die Botschaft Jesu: Er weiß darum, wie gefährlich das Leben ist. Er weiß um die Gefahr voPsalsssssssssssssssssn Hunger und Krankheit, um Unterdrückung und Folter. Und doch sagt er: Sorget nicht! (Matthäus 5,25ff.) Wenn wir ihn nicht für unzurechnungsfähig halten sollen, dann meint er damit: Schaut auf die hoffnungsvolle Seite des Lebens. Geht nicht auf in den Bedrängungen der Welt. Sucht die gute Seite Gottes als Verbündete.

Es ist also wenig hilfreich, einfach nur auf Gott zu vertrauen und zu glauben, dass er es schon gut machen werde. Weniger „Der Herr ist mein Hirte“ (Psalm 23,1) als vielmehr: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ (Psalm 18,30)

Ich halte den Psalm 23 immer noch für einen schönen Text, der trösten kann und beruhigen und in den Schlaf wiegen. Aber er trägt mich nicht mehr, wenn es darauf ankommt. Genausowenig wie der Satz, den Margot Käßmann anlässlich ihrer Krebserkrankung gesagt hat: „Ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.“ Ich fürchte: Doch, ich kann. Ich muss nicht. Selbst wenn ich bisher immer gehalten wurde, kann ich beim nächsten Mal durchgereicht werden. Zu vielen ist es schon passiert.

Die Frage, wie ich denn mit einem unberechenbaren Gott umgehen soll, werde ich nicht durch das Fürwahrhalten solcher Glaubenssätze lösen, auch nicht, indem ich über ihn rede, sondern mit ihm. Ganz grundsätzlich sagt Martin Buber dazu: „Wenn an Gott glauben bedeutet, von ihm in der dritten Person reden zu können, glaube ich nicht an Gott. Wenn an ihn glauben bedeutet, zu ihm reden zu können, glaube ich an Gott.“

Im Grunde ist es das Gottesbild der Bibel, besonders des Alten Testaments. Dort wird eigentlich relativ wenig über Gott geredet, dafür umso mehr mit ihm. Einer der für mich wichtigsten Texte steht in 2. Mose 3, die Unterhaltung des Mose mit Gott am Dornbusch. Mose erhält von Gott den Auftrag, die Hebräer aus Ägypten zu befreien. Mose lehnt ab. Alles spricht dagegen, dass er es könnte. Gott besteht darauf. Mose verlangt Garantien. Gott gibt ihm keine. Nur seinen Namen.

Und der lautet eben nicht: „Ich bin, der ich bin“ – ich bin der Ewige, der Herrscher des Himmels und der Erde. Das ist griechisches Denken. Er lautet: אֶֽהְיֶ֖ה אֲשֶׁ֣ר אֶֽהְיֶ֑ה „Ich werde mich als der erweisen, als der ich mich erweisen werde. Mit anderen Worten: Du wirst es nur herausfinden, wenn du es ausprobierst.

Und Mose geht los. Mit nichts an der Hand als den Trick mit der Schlange (2. Mose 4,2-4) und einem Bruder, der zur Not für ihn reden soll. Nicht gerade viel gegen den Herrn der damals bekannten Welt.

Es hätte schief gehen können. Und es ist auch nicht gerade glatt gegangen. Aber die Hebräer konnten Ägypten verlassen.

Schließlich ist er dann doch gestorben, bevor er am Ziel war. Sein Lebenstraum hat sich nicht erfüllt, aber seine Aufgabe hat er bewältigt.

Und ich glaube, genau das ist Leben: Nicht dass wir unsere Träume verwirklichen können, sondern dass wir eine Aufgabe haben und sie bewältigen, jeden Tag neu. Václav Havel hat gesagt: Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“

 

Aufs Leben schauen

In diesem Jahr habe ich zwei Gottesdienste gehalten, und jeder war auf seine Weise ein Highlight. Im Januar war es die Kombination mit der Musik. Ich erinnere mich noch an den Auftakt, Picinellis C-Dur Sonate, von Andrii Spharkyi auf der Posaune gespielt, und ich bin immer noch und immer wieder ganz geflasht. Es war ein schöner Gottesdienst.

Während dieser Gottesdienst besonders war wegen der Dinge, die in ihm geschahen, gewann der zweite seine Bedeutung vor allem durch die, die vor ihm passierten. Denn am Freitag und am Sonnabend ging es mir so schlecht, dass nicht klar war, ob ich wirklich auf die Kanzel würde steigen können. Nein, eigentlich war völlig klar, dass ich es nicht könnte. Glieder-, Magen- und Rückenschmerzen waren schon schlimm genug. Vor allem mein Kreislauf machte mir zu schaffen – ich kam kaum unfallfrei vom Sofa zum Sessel. Bis in die Nacht war nichts, aber auch gar nichts mit mir anzufangen. Und Ute meint, dass ich mit dieser Beschreibung noch nicht einmal besonders dramatisiere.

Und doch habe ich meine Kollegin Friederike Waack nicht angerufen und sie gebeten, die Predigt zu übernehmen. Obwohl ich wusste, wie es mir geht, habe ich diesen Gedanken nicht zugelassen. Denn ich wollte diesen Gottesdienst und wäre nur gewichen, wenn mich der Krebs von der Kanzel geschubst hätte. Und das wollte ich doch erstmal sehen.

Ich weiß nicht, was mich dazu getrieben hat. So unvernünftig kenne ich mich sonst nicht. Es war auch nicht so sehr eine bewusste als vielmehr eine instinktive Entscheidung. An dieser Stelle gönnte ich dem Tiger keinen Zentimeter. Ich dachte an Sonja (Ein Mann namens Ove): Wir können an den Tod denken oder wir können weiterleben. Gottesdienst bedeutete für mich Leben. Ich hatte mich vorbereitet und wollte meine Gedanken mit euch teilen. Ich wollte euch sehen. Ich wollte nicht zuhause liegen und an den Tod denken.

Ich glaube, dass ich noch nie mit solch wackeligen Beinen zur Kirche gegangen bin. Aber es gelang. Ich weiß nicht, ob mir diese Erfahrung in anderen Situationen nützen wird. Aber ich habe sie gemacht, und sie hat schon ihren Wert in sich.

Ich glaube, dass ich in einem gewissen Rahmen Entscheidungen treffen kann. Welche Medikamente will ich nehmen und welche Therapie durchführen? Blog schreiben oder Netflix gucken? Gottesdienst ja oder nein? Gespräche führen oder doch lieber nicht? Diese Entscheidungen beeinflussen mein Leben und seine Qualität. Aber ich spüre eine Grenze. Auf den Zeitpunkt meines Todes habe ich keinen Einfluss. Weder durch innere Vorstellungen, indem ich mir z.B. ausmale, wie wir die Route 66 fahren, noch durch irgendwelche anderen Entscheidungen.

Ich glaube, dass Gott der Herr ist über Leben und Tod. Er bestimmt Anfang und Ende des Lebens. Ich weiß nicht, ob Gott den Tod irgendwann für jeden Menschen von Anfang an vorherbestimmt hat oder ob er das adhoc entscheidet. Mir geht es aber ganz gut damit, das Ganze ihm zu überlassen.

route66-schild1-e1503652216841.jpgMeine Aufgabe ist es, die Zeit zwischen Geburt und Tod zu gestalten und die Möglichkeiten auszuloten. Im Moment ist die Route 66 in weite Ferne gerückt. Aber ausgeschlossen ist sie immer noch nicht. Ich schaue täglich auf das Schild im Wohnzimmer und freue mich daran und weiß: Wenn die Zeit dafür kommt, werde ich sie nutzen. Das Straßenschild ist ein Symbol für die Zukunft, wie (un-)wahrscheinlich sie auch immer sein mag.

Am Gottesdienst-Wochenende habe ich erfahren, wie recht Fulbert Steffensky hat, wenn er schreibt: Hoffen ist „zu handeln, als gäbe es einen guten Ausgang“.

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Beitragsbild: Aus dem Gottesdienst am 17. Januar; Gudrun Fliegner an der Orgel und Andrii Spharkyi mit der Posaune © Ingelor Schmidt
Route 66: © Erik Thiesen

 

Aus aktuellem Anlass

Gestern war der Tag der Diagnosen. Nach dem PET/CT am Montag wurde noch ein Kopf-MRT gemacht, das wir gleich im Anschluss mit dem Operateur Prof. Westphal besprechen konnten. Und wie es aussieht, war die OP ein voller Erfolg. Die Metastase ist nicht mehr zu identifizieren, auch die anderen Raumforderungen sind entweder entfernt oder zusammengefallen und die Nachwirkungen unbedeutend. Der Professor zeigte uns beeindruckende Vorher-Nachher-Bilder. Er hat eine unglaubliche Arbeit geleistet.

Am Schluss des Gesprächs entdeckten wir, dass das PET/CT-Ergebnis auch bereits im System war, und das war keineswegs so eindeutig. Prof. Westphal konnte uns bei der Interpretation nur wenig weiterhelfen. Doch obwohl es schon nach Feierabend war, waren noch zwei Ärztinnen der HNO für uns da.

„Im kurzfristigen Verlauf divergentes Tumoransprechen“, heißt es im Bericht. Konkret: Die Metastasen am Fuß, in der Leiste und in der Leber sind rückläufig. In der Lunge gibt es kleiner und größer werdende Herde. Und im Rücken zeigen sowohl die Weichteile um die Knochen als auch der Spinalkanal deutlich vermehrte Stoffwechselaktivität. Es ist immer noch möglich, dass sie auf Nachwirkungen der Rücken-OP zurückzuführen ist. Die Erfahrungen aber haben gezeigt: Der Krebs mutiert, und gerade der Rücken ist eine Problemzone. Ein MRT in den nächsten Tagen soll klarere Ergebnisse bringen. In der kommenden Woche bespricht das Tumorboard den Fall, und dann werden wir sehen, ob uns noch etwas einfällt.

Bis dahin wird es eine unruhige Zeit: Wir wissen um die Gefahr, haben aber noch keine Strategie, um ihr zu begegnen. Und die Abstände werden kürzer: Dauerte es vor einem Jahr noch bis zwei Wochen nach der Chemo, bis sich neue Metastasen bildeten, kommen sie jetzt schon währenddessen. Wir haben zwar noch Pfeile im Köcher, sagen die Ärzte, aber sie werden stumpfer. Vielleicht müssen wir unser Augenmerk ja noch stärker auf alternative „Pfeile“ richten. Und dabei sind uns auch eure Informationen und euer Wissen wichtig.

Der Säbelzahntiger brüllt wieder. Es gab Zeiten, in denen es einfacher war, ihn zu ignorieren. Aber wir haben bei Fulbert Steffensky ja auch gelernt: „Hoffen lernt man auch dadurch, dass man handelt.“

P.S. Der nächste Gottesdienst ist bereits am 24. März. Ich stelle schon einmal den Predigttext bei „Zwischen Himmel und Erde“ rein. Wer noch nicht bei unserem Online-Bibelgesprächskreis dabei ist und gerne mitmachen möchte, dem gebe ich gerne das Passwort.

Wir wollen weiter hoffen lernen.