Durch die Hintertür

Die Bauernhäuser im Norden, die ich kenne, haben meistens eine Vordertür und eine Hintertür, die zum Stall rausgeht. So war es auch bei uns – man kam von hinten erst in die Waschküche, in der man das meist dreckige Schuhwerk ausziehen konnte, und dann direkt in die Küche. Diese Tür war fast nie abgeschlossen, man kam nahezu ungehindert direkt in die Wohnung. Die meisten nutzten diesen Zugang. Nach vorne kamen nur Fremde und Gäste bei größeren Festen. Sie gingen dann durch den – aufgeräumten und sauberen Flur – ins gute Wohnzimmer. Oder sogar in die „Beste Stube“, die nur zu besonderen Festen genutzt wurde.  Die Vordertür war die Schauseite.

Wir lernen unsere Welt und unser Land meist durch die Vordertür kennen. Wir bewegen uns auf den 6,2% versiegelten Flächen, auf sicherem Boden, möglichst sicher, möglichst planbar.

Das brachte Henning Sußebach, Reporter bei der Zeit, auf eine Idee: Er wollte einmal die sicheren Wege verlassen und sich auf eine Wanderschaft machen und dabei Straßen, Wege und Ortschaften meiden. Deutschland durch die Hintertür erleben. Sein Weg begann auf dem Darß und endete auf der Zugspitze. Und er erlebte das Land aus einem neuen Blickwinkel.

Ich erinnere mich, dass vor einigen Jahren schon einmal Zeit-Reporter das Land kennenlernen wollten. Als die AfD in Mecklenburg den Landtagswahlkampf aufmischte, wollten sie wissen: Wer sind die Menschen, die diese Partei wählen? Und sie fragten und beobachteten. Sie machten es gut und differenziert. Aber beide Seiten blieben sich fremd. So richtig verstanden haben sie sich nicht. Diese Reporter kamen durch die Vordertür.

Auch Henning Sußebach lernt Mecklenburg kennen. Er trifft AfD-Wähler, zufällig, am Wegrand. Sie laden ihn ein. Er geht praktisch durch die Hintertür und sitzt mit ihnen in der Küche. Und sie erzählen, und sie kommen sich nahe. Für mich gehört dieses Kapitel zu den berührendsten im Buch „Deutschland ab vom Wege“.

Sußebach lernt auch andere Menschen kennen, ganz unterschiedliche. Er trifft Hippies und kommt in einen Golfclub. Und als er die Grenze zu Bayern überschreitet, spürt er, dass dort wieder etwas anders ist. Das Leben ist schneller, und er, der Fußgänger, fühlt sich mehr als zuvor als Fremder.

Und am 50. Tag steigt er in die Wolken der Zugspitze hinauf. Und mit ihm, so schreibt er, gehen all die Menschen, denen er auf seiner Wanderung begegnet und denen er wirklich nahe gekommen ist.

„Deutschland ab vom Wege“ ist ein langsames Buch, das wir sehr schnell gelesen haben. Es hat uns berührt, neue Perspektiven eröffnet. Vor allem aber hat es uns noch einmal den großen Satz Martin Bubers vor Augen geführt: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“

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Henning Sußebach, Deutschland ab vom Wege. Eine Reise durch das Hinterland. rororo Taschenbuch, Rowohlt, Reinbek b. Hamburg. 183 Seiten. ISBN 978 3 499 63169 6