Gemischte Gefühle

Inzwischen haben wir das Ergebnis der letzten Nachuntersuchung, und es ist, wie der Arzt meinte, „eigentlich ein gutes Ergebnis“. Es unterscheidet sich auch kaum vom letzten, das wir doch so bejubelt haben: Keine neuen Metastasen, die vorhandenen sind nicht mehr nachweisbar, und sogar die Strahlenpneumonitis ist etwas zurückgegangen.

Doch nun ist eine Stelle in den Fokus gerückt, die wir in der Vergangenheit gern ignoriert haben: Im Rücken ist seit der OP Bewegung. Jede PET/CT hat dort geleuchtet. Doch es war nie klar: Waren es die Nachwirkungen der OP oder war es Metastasenaktivität? Zurzeit deutet vieles auf die zweite Möglichkeit hin. Doch um zu entscheiden, wie wir darauf reagieren, sollen erst weitere Analysen abgewartet werden. Man will – und das ist ja auch ganz in unserem Interesse – eine richtige, keine schnelle Entscheidung.

Für uns bedeutet es: Warten. Wir sind auf die Einschätzung der Fachleute angewiesen – und nicht immer sind sie einer Meinung. Die Unsicherheit bleibt.

Es sind Gefühle, die wir eigentlich gut kennen müssten. Und mit denen wir auch manchmal ganz gut umgehen können. Doch dann stolpern wir wieder über dieses Wörtchen „eigentlich“. Denn es bedeutet, was wir „eigentlich“ schon lange wissen: Wir werden das Tumorland nicht verlassen, nicht auf absehbare Zeit. Chemo- und Immuntherapien, Bestrahlungen und OPs werden ein Teil unserer Welt bleiben.

Allein die Vorstellung ist anstrengend. Wir hätten es uns wirklich gewünscht, dass wir davor wenigstens für einige Monate Ruhe gehabt hätten. Und am liebsten würden wir die Decke über den Kopf ziehen – nicht dran denken.

Aber natürlich wissen wir, dass das nicht gut wäre und uns nicht gut täte. Zu Beginn und zum Ende des vergangenen Jahres tauchte das Wort „Hineni“ auf, und jetzt ist es wieder da: Hier bin ich. Abraham hat es gesprochen, als er aus seinem Heimatland gehen sollte, und Mose, als Gott ihm sagte, er hätte ein Volk zu retten. Samuel sollte Frieden stiften zwischen den Menschen und Jeremia Gerechtigkeit predigen. Und keiner hat sich um diese Aufgaben gerissen.

Unsere werden nicht diese Dimension haben. Aber es gibt sie. Und ich habe das Gefühl: Auch uns täte es gut, wenn wir sagen könnten: Hineni. Wach und mit ganzem Herzen. Vielleicht schaffen wir es ja, mit der Hilfe der Ärzte und der vielen Engel um uns herum.

 

Von guten Mächten

Seit meiner Jugend kenne ich das Gedicht, zuerst in der Vertonung von Siegfried Fietz, dann auch in der Gesangbuchfassung von Otto Abel (EG 65). Dietrich Bonhoeffer hat es im Dezember 1944 geschrieben, aus der Haft und nur wenige Monate vor seinem Tod.

Immer und immer wieder habe ich es gesungen und zitiert, höre ich es an der Schwelle zum Jahr 2018 noch einmal ganz neu.

1. Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

2. Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.

3. Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

4. Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.

5. Laß warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

6. Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so laß uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

7. Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

Ja, wir spüren sie, die guten Mächte, die uns treu umgeben. Aber das alte Jahr mit OP, Bestrahlungen und Chemo und all den Begleiterscheinungen ist nicht vorbei, weder innerlich noch äußerlich. Und es fällt immer wieder schwer, den Kelch aus Gottes Hand zu nehmen und zu bekennen: „…und dann gehört dir unser Leben ganz.“ Das ist ein großes Wort, „heroisch“ nannte es Frank in seinem Gruß zum Ende des Jahres. Und er meinte: „Aber ein JA, das möchte ich sprechen können.“

Ich auch. Dabei habe ich es doch schon einmal gesagt: „Hineni.“ Aber diese Bereitschaft ist kein Besitz. Sie lässt sich noch nicht einmal erarbeiten. Vielleicht aber lässt sie sich finden, indem ich die Verse noch einmal nachspreche, indem wir sie gemeinsam singen: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Möge es so sein.

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Beitragsbild: Engel verkünden den Hirten die Geburt Christi. Von Herrad von Landsberg – Hortus Deliciarum (um 1180), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31485509

Hineni

Predigt von Thomas Engel (Bordesholm) zu 2. Mose 33

thomas-engelLesung Exodus 33,17-23: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen.“

Mich beschäftigt zur Zeit sehr stark die schwere Krebserkrankung eines sehr guten Freundes. Wenn wir miteinander sprechen, geht es häufig um die Frage: „Was hat Gott sich damit gedacht, dass er mir diese Krankheit schickt.?“ Mein Freund formuliert es gerne auch noch provokativer: Was für ein fieses Spiel treibt dieser Herr da oben mit mir? Weiterlesen