Gutes Karma

Die einen beschwören die christlichen Wurzeln unserer Gesellschaft und lassen Kreuze in Amtsstuben aufhängen, die anderen träumen von einer Islamisierung des Abendlandes und wieder andere sehen die Religion schon völlig bedeutungslos werden, während einige Inhalte östlicher Religionen offenbar unaufhaltsam auf dem Vormarsch sind. Fast dreiviertel der Österreicher glaubt, dass gute Handlungen ein gutes Karma erzeugen. Mehr Menschen als an Gott glauben. Im katholischen Österreich! In Deutschland dürfte es ähnlich sein.

Was dieser Satz genau bedeutet, ist nicht so ganz klar. Immerhin hat sich das Karma schon einen Platz in unserer Umgangssprache erobert: „Mach mal was für dein Karma und leih mir 10 Euro.“ Man kann Karma-Chucks kaufen und Karma-Tee trinken. Und man kann sich über das Ganze lustig machen.

Das liegt mir fern. Denn ich halte selbst einiges von dem Konzept. Allerdings nicht in seiner ursprünglichen Variante. Weiterlesen

Zungenrede und Prophetie

In der Kirche wird viel geredet. Dabei Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden ist eine bleibende Aufgabe. Schon Paulus hat diese Frage beschäftigt, zum Beispiel im 14. Kapitel des 1. Korintherbriefs. Davon sind die Verse 1-3 und 20-25 die Grundlage der Predigt gewesen, heute am 2. Sonntag nach Trinitatis. Eine Gelegenheit, sich ein paar Gedanken um das Reden im Gottesdienst – und darüber hinaus – zu machen.

 

Liebe Gemeinde!

Mit den Konfis habe ich seinerzeit jedes Jahr auch einen afrikanischen Gottesdienst besucht. In den letzten Jahren war ich hier am Sootbörn bei den Adventisten. Dort wird viel gesungen, lebendig gepredigt, und die Gemeinschaft ist beeindruckend. Noch bunter ging es allerdings bei den Lutheranern am Berliner Tor zu, die wir davor besuchten. Bei den Liedern tanzten Frauen durch die Bänke, ein Mann versuchte die Konfis wenigstens zum Klatschen zu animieren, was diese sichtlich überforderte. Und einmal fing einer an, in einer hohen Stimmlage zu reden. Und das war weder deutsch noch englisch noch Suaheli. Erst langsam erkannte ich: Der redet in Zungen, ein ekstatisches Gebet, das sonst keiner versteht. Weiterlesen

Lichtblick der Woche

Vorgestern schrieb ein Freund, der ungefähr so lange wie wir im Tumorland unterwegs ist: „Das CT Ergebnis ist wirklich großartig: Es gibt keine neuen Tumorherde, und die bisher vorhandenen sind kleiner geworden. Und das trotz des Weglassens des Krebsmedikamentes. Grund zum Feiern.“ Mit vielen Sternen und Knallern. sektflasche.jpg

Und wir haben gefeiert, gemeinsam mit einem ausführlichen Sektfrühstück. Danke, Petra und Bernhard, für diesen schönen Morgen.

Denn ein Lichtblick passiert einem ja nicht nur selbst, sondern auch Freunden, und dann passiert er doch einem selbst.

 

 

Die Chemo, ein Rückblick

Es hat sich gelohnt. -100%. Das bestmögliche Ergebnis. Und das ist sehr gut.

Aber der Weg dorthin war steil. Vor der Chemo sagte eine Freundin: „Es gibt auch gute Tage.“ Eigentlich hoffte ich, dass es umgekehrt sein würde: Nicht gute Tage zwischen all den schlechten, sondern auch mal schwierige Tage zwischen vielen guten. Aber die Freundin sollte Recht behalten.

Die Nebenwirkungen von Cisplatin, Doxetacel und Cetuximab sind heftig, besonders wenn alles zusammen verabreicht wird. Zwar verhinderten andere Medikamente, dass ich mich übergeben musste, wie es früher bei Chemo üblich war. Aber oft war mir einfach unwohl, der Appetit sehr eingeschränkt, und fast alles hat irgendwie metallisch geschmeckt. Deshalb habe ich auch Zusatznahrung bekommen.

Die Haut wurde trocken und bekam Ausschlag, die Haut an Händen und Füßen bekam Risse, die Haare fielen aus, ich friere leichter und bin extrem kurzatmig. Besonders unangenehm aber war die körperliche Schwäche. In der Regel musste ich mich nach den Infusionen am Montag erst einmal hinlegen. Und oft kam ich erst am Donnerstag oder Freitag wieder auf die Beine.

Diese Schwäche und die Infektionsgefahr führten auch dazu, dass ich persönliche Kontakte stark einschränken musste. Und konnte ich vorher die 7 km um den See am Bayernweg locker bewältigen, reichte es in den letzten Wochen manchmal nur um die Hinschwiese vor unserer Haustür. Trotzdem – wenn es irgendwie möglich war, sind wir spazieren gegangen.

Und so gab es auch Lichtblicke in dieser Zeit: Die Gottesdienste, die ich halten konnte, die Unterstützung so vieler Menschen, dieser Blog – und vor allem der Zusammenhalt in der Familie. Die Kinder sind nach wie vor wunderbar. Und Ute stand mir die ganze Zeit zur Seite – obwohl es für sie auch nicht einfach war, wie sie selbst beschreibt:

Und was bedeutete die Chemo für mich?

Es hat sich bestätigt, was ich schon bei der Begleitung und dem Sterben meiner Mutter gemerkt hatte: Ich bin nicht gut im Aushalten.

Ich bin gut im Erledigen: Dreimal am Tag zur Apotheke, Shuttle-Dienste, einkaufen, kochen, Wohnung aufklaren, arbeiten – das sind Dinge, die ja auch wichtig sind und im Hintergrund laufen müssen. Das Wesentliche aber ist: „Aushalten“. Aushalten und Warten. Morgens ins UKE zur Infusion fahren, weiter zur Arbeit, auf die Nachricht warten, ob die Blutwerte so gut sind, dass die Infusion gegeben werden kann, warten auf die Nachricht, dass Erik abgeholt werden kann (nach fünf oder auch nach elf Stunden, man weiß es nie so genau), warten, wie es ihm wohl geht, warten, welche Auswirkungen die Infusion diesmal hat. Und die Erfahrung der Chemo-Wochen hat gezeigt: Das einzig Berechenbare ist die Unberechenbarkeit. Das muss man: aushalten. Aushalten, dass der Liebste schwach und kraftlos ist, dass die Haare büschelweise auf dem Fußboden, im Bett und im Badezimmer liegen, dass die Haut heftig reagiert und nicht nur Flecken, sondern auch schmerzhafte Risse bekommt, dass manchmal selbst die Kraft für ein Gespräch oder eine Serie unseres Streamingdienstes fehlt – von Spaziergängen, und sei es nur um die Hinschwiese, ganz zu schweigen. Aushalten, dass nachts heftige Schmerzen auftreten und man nicht weiß – Notaufnahme ja oder nein? Aushalten, dass liebevoll zubereitete Mahlzeiten (ohnehin nicht mein Hobby…) nicht oder fast nicht gegessen werden (können) oder zumindest nicht schmecken, aushalten, dass keine gemeinsamen Unternehmungen mehr möglich sind. Das ist schwer. Und daneben die Angst: Hilft es? Hat die ganze Quälerei den erhofften Erfolg?

Und: Für sich selbst sorgen, möglichst ohne schlechtes Gewissen. Auch nicht einfach. Arbeiten. Zum Sport gehen. Leute treffen. Oder auch nicht, je nachdem. Sich vergraben. Auch mal heulen.

Und das hat auch geholfen: Stunden, in denen es fast „normal“ war. Gemeinsame Spirizeit, in der wir manchmal eine Kerze nur für uns angezündet haben. Unser fester Vorsatz, das gemeinsam zu schaffen. Hoffnungsgeschichten. Aber auch: Endlose Spaziergänge um die Alster, immer wieder. Oft alleine und oft auch mit Inga (wunderbare Tochter!).  Freundinnen, die sich immer wieder gemeldet haben, und die auch ausgehalten haben, wenn ich nicht reden und mich nicht verabreden wollte. Und über unsere großartige Familie und unser Netz haben wir ja schon oft geschrieben. Es hält und trägt mehr denn je. Und jetzt dieses Ergebnis!

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Weil’s so schön war…

Lichtblick des Monats

und aus aktuellem Anlass

Wir haben ein bisschen warten müssen auf das Ergebnis der PET/CT vom Montag. Und das ganz endgültige Ergebnis steht auch noch aus. Aber heute Nachmittag rief die Ärztin an und teilte uns mit: Von den Metastasen, die Anfang Oktober entdeckt worden waren, sind momentan keine mehr „darstellbar“. Das heißt: auf der CT nicht zu sehen. Zu sehen sind nur zwei unklare Geschichten: In der Lunge – wahrscheinlich eine Strahlenpneumonitis – und im Rücken – vielleicht Metastasen, vielleicht auch Auswirkungen der OP.

Und weil’s so schön ist, noch einmal wörtlich: „Das Gesamtansprechen gemäß der RECIST 1.1 Leitlinie ist aktuell „Partial Response“ … Die Änderung zum aktuellen Zeitpunkt beträgt -100.0%. Aktuell existieren keine neuen Läsionen.“ Zu deutsch: Ein „partieller Rückgang“ um 100%.

Sollte sich das so bestätigen, und darauf setzen wir ganz stark: Hammer, absoluter Hammer. Die fiesen Pacmen haben wirklich ganze Arbeit geleistet.

Und wie geht es weiter? Wie schon geschrieben, werde ich ab nun alle 14 Tage die doppelte Dosis Antikörper (für die Experten: Cetuximab) bekommen. Bis man auf der CT wieder etwas entdeckt. Dann muss man sehen, welche Möglichkeiten es gibt. Wir hoffen, dass wir für die nächsten Monate, möglichst Jahre erst einmal Ruhe haben.

Die braucht der Körper auch. Er ist – wie unsere Seelen – ziemlich herunter gewirtschaftet.

Aber ich freue mich darauf, wieder unter Menschen zu gehen. Gestern war ich schon mal beim Pastorenkonvent. Nächste Woche geht es auf das Nordkirchen-Barcamp (#bcnordkirche). Und das Leben fühlt sich immer mehr wie Leben an.

Lichtblick der Woche

Manchmal wird ein fast normales Gespräch zum Lichtblick. Ein Gespräch, in dem eigentlich nichts Neues gesagt wird. Und das doch unerwartet ist und richtig gut tut. So wie Utes Besuch bei der Ärztin Frau Blank gestern. Eigentlich ging es um eine muskuläre Verspannung. Und dann fragte sie nach. Und dann fielen Sätze wie: „Was in zwei Jahren passiert, kann Ihnen doch niemand sagen. Der Krebs muss doch nicht wiederkommen. Bis dahin ist in der Forschung doch wieder so einiges passiert.“ Und auch wenn wir wissen, dass sie auch nicht mehr weiß als wir – wenn das eine Ärztin sagt…

Und dann persönlich: „Sie machen das ganz großartig zusammen, Sie sind doch so dicht. Und was auch immer Sie irgendwann entscheiden, es wird immer eine gemeinsame Entscheidung sein und es wird sich richtig anfühlen, wo immer die Reise hingeht. Und das kennen Sie doch selber, dass man durch ein tiefes Tal geht und es dann wieder heller wird.“

Ja, wir wissen es. Aber im Tal ist es gut und manchmal nötig, wenn da jemand ist, der einen antippt und auf das Licht hinweist.

Lichtblick der Woche

Ein wunderbares Gedicht von Hilde Domin ist die „Bitte“. Was taugt inmitten der „Wasser der Sintflut“, mit denen wir gewaschen werden? Nicht dass wir verschont werden, sondern dass uns die Hoffnung bleibt und „immer versehrter und heiler … zu uns selbst entlassen werden“.

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Die „Bitte“ findet sich in den „Gesammelten Gedichten“ von Hilde Domin. Leider hat uns der Fischer-Verlag keine Freigabe gegeben. Es kann aber leicht im Netz gefunden werden.
Beitragsbild ©
Erik Thiesen, Sonnenaufgang über dem Flughafen