Lichtblick der Woche

Vorgestern schrieb ein Freund, der ungefähr so lange wie wir im Tumorland unterwegs ist: „Das CT Ergebnis ist wirklich großartig: Es gibt keine neuen Tumorherde, und die bisher vorhandenen sind kleiner geworden. Und das trotz des Weglassens des Krebsmedikamentes. Grund zum Feiern.“ Mit vielen Sternen und Knallern. sektflasche.jpg

Und wir haben gefeiert, gemeinsam mit einem ausführlichen Sektfrühstück. Danke, Petra und Bernhard, für diesen schönen Morgen.

Denn ein Lichtblick passiert einem ja nicht nur selbst, sondern auch Freunden, und dann passiert er doch einem selbst.

 

 

Die Chemo, ein Rückblick

Es hat sich gelohnt. -100%. Das bestmögliche Ergebnis. Und das ist sehr gut.

Aber der Weg dorthin war steil. Vor der Chemo sagte eine Freundin: „Es gibt auch gute Tage.“ Eigentlich hoffte ich, dass es umgekehrt sein würde: Nicht gute Tage zwischen all den schlechten, sondern auch mal schwierige Tage zwischen vielen guten. Aber die Freundin sollte Recht behalten.

Die Nebenwirkungen von Cisplatin, Doxetacel und Cetuximab sind heftig, besonders wenn alles zusammen verabreicht wird. Zwar verhinderten andere Medikamente, dass ich mich übergeben musste, wie es früher bei Chemo üblich war. Aber oft war mir einfach unwohl, der Appetit sehr eingeschränkt, und fast alles hat irgendwie metallisch geschmeckt. Deshalb habe ich auch Zusatznahrung bekommen.

Die Haut wurde trocken und bekam Ausschlag, die Haut an Händen und Füßen bekam Risse, die Haare fielen aus, ich friere leichter und bin extrem kurzatmig. Besonders unangenehm aber war die körperliche Schwäche. In der Regel musste ich mich nach den Infusionen am Montag erst einmal hinlegen. Und oft kam ich erst am Donnerstag oder Freitag wieder auf die Beine.

Diese Schwäche und die Infektionsgefahr führten auch dazu, dass ich persönliche Kontakte stark einschränken musste. Und konnte ich vorher die 7 km um den See am Bayernweg locker bewältigen, reichte es in den letzten Wochen manchmal nur um die Hinschwiese vor unserer Haustür. Trotzdem – wenn es irgendwie möglich war, sind wir spazieren gegangen.

Und so gab es auch Lichtblicke in dieser Zeit: Die Gottesdienste, die ich halten konnte, die Unterstützung so vieler Menschen, dieser Blog – und vor allem der Zusammenhalt in der Familie. Die Kinder sind nach wie vor wunderbar. Und Ute stand mir die ganze Zeit zur Seite – obwohl es für sie auch nicht einfach war, wie sie selbst beschreibt:

Und was bedeutete die Chemo für mich?

Es hat sich bestätigt, was ich schon bei der Begleitung und dem Sterben meiner Mutter gemerkt hatte: Ich bin nicht gut im Aushalten.

Ich bin gut im Erledigen: Dreimal am Tag zur Apotheke, Shuttle-Dienste, einkaufen, kochen, Wohnung aufklaren, arbeiten – das sind Dinge, die ja auch wichtig sind und im Hintergrund laufen müssen. Das Wesentliche aber ist: „Aushalten“. Aushalten und Warten. Morgens ins UKE zur Infusion fahren, weiter zur Arbeit, auf die Nachricht warten, ob die Blutwerte so gut sind, dass die Infusion gegeben werden kann, warten auf die Nachricht, dass Erik abgeholt werden kann (nach fünf oder auch nach elf Stunden, man weiß es nie so genau), warten, wie es ihm wohl geht, warten, welche Auswirkungen die Infusion diesmal hat. Und die Erfahrung der Chemo-Wochen hat gezeigt: Das einzig Berechenbare ist die Unberechenbarkeit. Das muss man: aushalten. Aushalten, dass der Liebste schwach und kraftlos ist, dass die Haare büschelweise auf dem Fußboden, im Bett und im Badezimmer liegen, dass die Haut heftig reagiert und nicht nur Flecken, sondern auch schmerzhafte Risse bekommt, dass manchmal selbst die Kraft für ein Gespräch oder eine Serie unseres Streamingdienstes fehlt – von Spaziergängen, und sei es nur um die Hinschwiese, ganz zu schweigen. Aushalten, dass nachts heftige Schmerzen auftreten und man nicht weiß – Notaufnahme ja oder nein? Aushalten, dass liebevoll zubereitete Mahlzeiten (ohnehin nicht mein Hobby…) nicht oder fast nicht gegessen werden (können) oder zumindest nicht schmecken, aushalten, dass keine gemeinsamen Unternehmungen mehr möglich sind. Das ist schwer. Und daneben die Angst: Hilft es? Hat die ganze Quälerei den erhofften Erfolg?

Und: Für sich selbst sorgen, möglichst ohne schlechtes Gewissen. Auch nicht einfach. Arbeiten. Zum Sport gehen. Leute treffen. Oder auch nicht, je nachdem. Sich vergraben. Auch mal heulen.

Und das hat auch geholfen: Stunden, in denen es fast „normal“ war. Gemeinsame Spirizeit, in der wir manchmal eine Kerze nur für uns angezündet haben. Unser fester Vorsatz, das gemeinsam zu schaffen. Hoffnungsgeschichten. Aber auch: Endlose Spaziergänge um die Alster, immer wieder. Oft alleine und oft auch mit Inga (wunderbare Tochter!).  Freundinnen, die sich immer wieder gemeldet haben, und die auch ausgehalten haben, wenn ich nicht reden und mich nicht verabreden wollte. Und über unsere großartige Familie und unser Netz haben wir ja schon oft geschrieben. Es hält und trägt mehr denn je. Und jetzt dieses Ergebnis!

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Weil’s so schön war…

Lichtblick des Monats

und aus aktuellem Anlass

Wir haben ein bisschen warten müssen auf das Ergebnis der PET/CT vom Montag. Und das ganz endgültige Ergebnis steht auch noch aus. Aber heute Nachmittag rief die Ärztin an und teilte uns mit: Von den Metastasen, die Anfang Oktober entdeckt worden waren, sind momentan keine mehr „darstellbar“. Das heißt: auf der CT nicht zu sehen. Zu sehen sind nur zwei unklare Geschichten: In der Lunge – wahrscheinlich eine Strahlenpneumonitis – und im Rücken – vielleicht Metastasen, vielleicht auch Auswirkungen der OP.

Und weil’s so schön ist, noch einmal wörtlich: „Das Gesamtansprechen gemäß der RECIST 1.1 Leitlinie ist aktuell „Partial Response“ … Die Änderung zum aktuellen Zeitpunkt beträgt -100.0%. Aktuell existieren keine neuen Läsionen.“ Zu deutsch: Ein „partieller Rückgang“ um 100%.

Sollte sich das so bestätigen, und darauf setzen wir ganz stark: Hammer, absoluter Hammer. Die fiesen Pacmen haben wirklich ganze Arbeit geleistet.

Und wie geht es weiter? Wie schon geschrieben, werde ich ab nun alle 14 Tage die doppelte Dosis Antikörper (für die Experten: Cetuximab) bekommen. Bis man auf der CT wieder etwas entdeckt. Dann muss man sehen, welche Möglichkeiten es gibt. Wir hoffen, dass wir für die nächsten Monate, möglichst Jahre erst einmal Ruhe haben.

Die braucht der Körper auch. Er ist – wie unsere Seelen – ziemlich herunter gewirtschaftet.

Aber ich freue mich darauf, wieder unter Menschen zu gehen. Gestern war ich schon mal beim Pastorenkonvent. Nächste Woche geht es auf das Nordkirchen-Barcamp (#bcnordkirche). Und das Leben fühlt sich immer mehr wie Leben an.

Lichtblick der Woche

Manchmal wird ein fast normales Gespräch zum Lichtblick. Ein Gespräch, in dem eigentlich nichts Neues gesagt wird. Und das doch unerwartet ist und richtig gut tut. So wie Utes Besuch bei der Ärztin Frau Blank gestern. Eigentlich ging es um eine muskuläre Verspannung. Und dann fragte sie nach. Und dann fielen Sätze wie: „Was in zwei Jahren passiert, kann Ihnen doch niemand sagen. Der Krebs muss doch nicht wiederkommen. Bis dahin ist in der Forschung doch wieder so einiges passiert.“ Und auch wenn wir wissen, dass sie auch nicht mehr weiß als wir – wenn das eine Ärztin sagt…

Und dann persönlich: „Sie machen das ganz großartig zusammen, Sie sind doch so dicht. Und was auch immer Sie irgendwann entscheiden, es wird immer eine gemeinsame Entscheidung sein und es wird sich richtig anfühlen, wo immer die Reise hingeht. Und das kennen Sie doch selber, dass man durch ein tiefes Tal geht und es dann wieder heller wird.“

Ja, wir wissen es. Aber im Tal ist es gut und manchmal nötig, wenn da jemand ist, der einen antippt und auf das Licht hinweist.

Der Kümmerer

Das war ein besonderer Gottesdienst, ein besonderer Predigttext – Markus 1,32-39 -, ein besonderer Zeitpunkt – einen Tag vor Beginn der Chemo – und eine besondere Gemeinde. Besonders auch, dass Daniel Birkner, Kollege und Freund, die Liturgie übernahm. Aber ebenfalls, und das fehlte mir, dass ich wegen der Infektionsgefahr auf die Verabschiedung am Ausgang verzichten musste.

Begrüßung

Herzlich willkommen, liebe Gemeinde, zu diesem Gottesdienst am 19. Sonntag nach Trinitatis. Es ist ein besonderer Gottesdienst. Denn das Leitmotiv ist ein Vers aus dem Propheten Jeremia: „Heile du mich, HERR, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen; denn du bist mein Ruhm.“

Morgen beginnt meine Chemotherapie. Heil werden, gesund werden, das gehört zu meinen größeren Wünschen. Und ich gehe davon aus, dass ich damit nicht alleine bin. In der einen oder anderen Weise tragen wir ihn alle in uns. Aber wir machen auch die Erfahrung: So einfach ist er nicht zu verwirklichen. Auch nicht für Menschen, die auf Gott vertrauen wie der Prophet selbst. Was kann das also bedeuten, auf dem Hintergrund dessen, dass von Jesus gesagt wird: „Jesus zog durch ganz Galiläa. Er heilte alle Krankheiten und vertrieb die Dämonen“? Weiterlesen

Die drei Naturen des Menschen

Dass – mindestens – „zwei Seelen, ach, in meiner Brust“ wohnen, das wusste auch Goethe (Faust I). Sigmund Freud identifizierte in unserer Psyche das Es und das Über-Ich, die durch das Ich mühsam ausbalanciert werden müssen. Und Peter L. Berger wies uns darauf hin, dass wir auf unterschiedlichen Ebenen der Wahrnehmung z.B. ein und dasselbe Bild von seiner emotionalen, kunsthistorischen oder ökonomischen Seite her ganz unterschiedlich beurteilen. Wir sind also komplizierte Wesen und manchmal ganz schön widersprüchlich.

Nun kommen Mediziner und Biologen und meinen: Die Evolution hat ebenfalls ihre Spuren hinterlassen. Deshalb haben wir nicht nur eine, sondern vielmehr drei Naturen. Zunächst begegnete mir die Theorie in einem Film, den mir Dr. Prochnow im UKE empfohlen hatte: Das Geheimnis der Heilung. Darin stellen die Autoren eine Theorie auf:

(Das ganze Video hier.)

Bisher hätte die Schulmedizin vor allem auf der obersten Ebene gearbeitet. Aber jetzt entdeckt auch sie, dass das zu kurz gesprungen ist. Es gibt eine Ebene darunter, und nicht zufällig zeigt das Video eine Kapelle: Die religiöse Dimension wird wichtig, Gemeinschaft und Spiritualität. Und noch tiefer, uralte Rituale kommen zum Vorschein. All das, was Wissenschaft lange als buchstäblich vorsintflutlich abgetan hat.

Und jetzt las ich „Das Tagebuch der Menschheit“ von Carel van Schaik und Kai Michel – danke, Daniel, für dieses wunderbare Geschenk. Ein Evolutionsbiologe und ein Historiker, beides bekennende Agnostiker, erkunden die Bibel. Und auch sie gehen von den drei Naturen des Menschen aus: „Die erste Natur“, schreiben sie, „sind unsere angeborenen Gefühle, Reaktionen und Vorlieben. Sie haben sich über die Jahrhunderttausende hinweg entwickelt“ und sind uns heute praktisch angeboren. Die zweite Natur ist das, was wir als Kultur oder Habitus bezeichnen: Das, was man in einer Gesellschaft tut oder eben nicht macht. Das ist von Region zu Region unterschiedlich, weil anerzogen. „Die dritte Natur nennen wir unsere Vernunftnatur … Beispiele dafür sind jene Dinge, die wir nur widerstrebend tun, obwohl wir wissen, dass sie gut für uns oder zumindest vernünftig wären.“ Wie die guten Vorsätze zu Neujahr. Und weil ausgerechnet die erste Natur die wirkungsvollste und die dritte die schwächste ist, misslingt uns die Umsetzung auch immer wieder. Carel van Schaik und Kai Michel gewinnen mit diesem Ansatz einen neuen interessanten Blick auf Bibel und Religion.

Für mich ist er nicht nur ein spannendes Denkmodell. Er zeigt mir neue Wege im Gespräch zwischen Wissenschaft und Religion. Vor allem aber auch neue Möglichkeiten, gemeinsam mit der Schulmedizin Wege der Heilung zu beschreiten.

Ich bleibe dran.

Heilungswunder

Ausgerechnet ein Heilungswunder.

Gestern habe ich wieder gepredigt. Als Grundlage sah die kirchliche Ordnung Markus 1,40-45, die Heilung eines Aussätzigen. Auf den ersten Blick ein passender Text, denn Krankheit, Gesundheit und Heilung sind Themen, die mich zurzeit natürlich sehr beschäftigen. Darin bestand aber auch die besondere Herausforderung. Weiterlesen