Verhandlungssache

Wenn wir an Abraham denken, steht das Bild von Isaaks Opferung oft im Vordergrund. Klar, wenn das Leben eines Kindes auf dem Spiel steht, schafft es diese Geschichte immer auf die erste Seite. Dabei gibt es eine andere, in der es um eine ganze Stadt geht – und in der Abrahams Charakter noch viel deutlicher zum Ausdruck kommt. Drei Männer besuchen ihn in seinem Beduinenzelt. Er lädt sie ein und bewirtet sie. Während des Gesprächs verraten sie ihm, dass sie, in Gottes Auftrag, zwei Städte zerstören sollen: Die Leute in Sodom und Gomorrha haben es sich mit dem Allerhöchsten verdorben. Doch mit der Zerstörung ist Abraham nicht einverstanden. „Und wenn es doch gute Menschen dort gibt?“, wendet er ein. „Gut, wenn es 50 Gute gibt, soll die Stadt leben.“ Abraham will das schon als Erfolg feiern, da kommen ihm Bedenken: „Und wenn es nur vierzig sind?“ Na gut, Gott ist gnädig. Vierzig also. Aber Abraham hat immer noch ein schlechtes Gefühl – nach mehreren Runden handelt er Gott auf 10 herunter.

Nun, wie man weiß, hat auch das nicht geholfen. Vielleicht hätte Abraham weitermachen sollen? Vielleicht hat er nicht damit gerechnet, dass die Städte so verdorben waren? Vielleicht wusste er auch als erfahrener Verhandler, dass seine Position ausgereizt war.

Man muss sich das einmal vorstellen: Der Mensch feilscht mit dem Allmächtigen um Menschenleben – auf der Seite der Menschen! An diesem Bild stimmt – dogmatisch – gar nichts. Und menschlich alles.

Denn im wirklichen Leben feilschen wir meistens mit Gott – um unser Leben, das unserer Lieben, das unserer Welt. Und Gott erweist sich oft als sehr flexibel: Dass die Menschen böse sind, nimmt er mal als Grund für deren Vernichtung, dann wieder – derselbe Grund! – für deren Rettung (Sintflut). Jakob stellt Gott Bedingungen : „Wenn es mir gut geht, will ich an dich glauben. Sonst – und im Raum steht, dass Jakob sich wohl auch durchaus anderen Göttern zuwenden würde. Eine sehr moderne Haltung (1. Mose 28,20). Später kommt es dann noch zu einer stundenlangen handfesten Auseinandersetzung mit einem Engel (Kap. 32).

Die Alten pflegen mit Gott ein äußerst dynamisches Verhältnis. Und Gott mit ihnen. Er macht zwar einen Vertrag mit Abraham, inklusive großer Versprechungen: Ich bringe dich zu jeder Menge Reichtum und Ehre. Wenn man aber genauer hinschaut, bleibt von dem allen nur ein Familiengrab. Und auch die weitere Geschichte Israels verläuft alles andere als glanzvoll.

Die Theologen haben sich immer eifrig bemüht, den Menschen dafür die Schuld zu geben. Nicht immer haben sie mich überzeugt.

Ich mag Abraham. Er weiß durchaus zu kämpfen (1. Mose 14). Aber im Grunde ist er ein großer Verhandler und Schlichter, der mit seinen Verwandten, Nachbarn und Gegnern gut auskommen will. Vielleicht ist seine Fähigkeit aus der Not geboren. Da er nichts besitzt und keine große Familie hat, ist seine Lage immer sehr unsicher. Eine militärische Auseinandersetzung kann er sich nur im Ausnahmefall leisten. Deshalb redet er.

Und auch wenn er manchmal in der Gefahr steht, sich um Kopf und Kragen zu reden – am Ende verdient er sich mit seinem Geschick und seiner Integrität von allen Seiten Achtung, auch die mächtiger Fürsten.

Ich glaube, dass ich Abrahams Situation nachfühlen kann. Zwar habe ich im Gegensatz zu ihm immer in einem festen Haus gelebt. Doch das Leben war für mich mehr schwankendes Boot als sicherer Hafen – in den letzten Jahren sowieso. Ich wurde enttäuscht, fallen gelassen und verletzt. Und ich habe Unterstützung erfahren und wurde gehalten; das Boot ist bisher nicht untergegangen.

Und wie Abraham habe ich ein Versprechen, eine Verheißung bekommen. Mein Konfirmationsspruch lautet: „Gott spricht: Ich will mit dir sein.“ (2. Mose 3,12) Aber wie das mit Verheißungen so ist: Was macht mich so sicher, dass ich wirklich gemeint bin? Gott sprach ja eigentlich zu Mose. Auch Abraham hat ihn gehört, Paulus und vielleicht sogar mein Nachbar. Doch mit mir sprach er allenfalls in Andeutungen. Ich kann Leonard Cohen verstehen, wenn er sich von Gott wünscht: „I wish we had a treaty I could sign.“ Ich wünschte, ich hätte einen Vertrag, in dem steht: Ich, Gott, erkläre verbindlich… Am besten mit Notar, Vertragsstrafen und all den Sicherungen.

Habe ich nicht. Ich habe nur die bisherigen Erfahrungen, dass ich lebe und dass ich gehalten werde. Ob das auch für heute oder gar morgen gilt? Dietrich Bonhoeffer hat schon recht: Wenn überhaupt, dann gibt uns Gott nur „in jeder Notlage soviel Widerstandskraft, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern auf ihn verlassen“.

In der direkten Auseinandersetzung ist Gott mir überlegen. Deshalb mag ich gegen ihn auch nicht kämpfen. Auf der anderen Seite will ich aber auch nicht so einfach aufgeben. Denn es gibt Dinge, für die es sich zu kämpfen lohnt. In Abrahams Fall waren es Sodom und Gomorrha. Manchmal aber ist es einfach nur Lebenszeit, ein guter Tag oder der Sonnenstrahl, der gerade durchs Fenster scheint – und mich zum Spaziergang animiert wie in der Stunde, als ich diesen Beitrag schrieb…

______________________________
Die „Dreifaltigkeitsikone“ – am berühmtesten ist die von Andrey Rubljev – nimmt den RubljevGedanken des Gesprächs auf. Sie deutet die Gäste des Abraham als die drei Personen der Trinität und in einem immerwährenden Gespräch mit sich selbst. Gott ist nur Gott in Kommunikation, Begegnung und Bewegung. Eine schöne ausführliche Auslegung findet sich in der Zeitschrift Quatember. (The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. ISBN: 3936122202., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=158610

Beitragsbild:  Julius Schnorr von Carolsfeld – Holzschnitt aus „Die Bibel in Bildern“, 1860. Drei Engel bei Abraham, Ankündigung der Geburt Isaaks. Quelle: Der Literarische Satanist, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5469758

Tief ist der Brunnen…

Früher habe ich ziemlich viel gelesen, besonders im Studium. Klassiker der Weltliteratur waren darunter wie Faust I und(!) II, Der Herr der Ringe oder Peggy, der Blindenhund. Die Freude am Lesen blieb, aber die Inhalte veränderten sich. Im Beruf waren es vor allem Zeitungen und Zeitschriften, die mich fesselten, von  der Zeit über Psychologie heute bis Zeitzeichen und dem Deutschen Pfarrerblatt. Als die Onlinemedien aufkamen, konnte ich mir gar meine morgendliche Presseschau leisten.

Die Zeiten der Bücher waren, mit wenigen Ausnahmen, ziemlich vorbei. Aber nicht die der Hörbücher. Harry Potter hat für mich die Stimme von Rufus Beck. Ein liebender Mann ist natürlich Goethe, aber ich höre Martin Walser. Und Thomas Mann hätte ich ohne Gert Westphal nie geschafft. Mit ihm allerdings waren Joseph und seine Brüder purer Lese-, Verzeihung, Hörgenuss. 36 Stunden, 30 CDs. Es ist gut möglich, dass ich sie mir demnächst zum dritten Mal gönne.

Thomas Manns Worte und Gert Westphals Stimme führen uns in eine ferne Vergangenheit, als Geschichte und Mythos noch nicht zu trennen waren. „Höllenfahrt“ heißt das erste Kapitel – eine Reise zum Beginn der Welt, wie er uns von der Bibel berichtet wird. Und gleichzeitig eine Reise in unser Inneres, in die Ur- und Abgründe des Menschen. „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollten wir ihn nicht unergründlich nennen?“

Und so geht Thomas Mann auch erst einmal in die Anfangszeit zurück, zum Turm von Babel, der Urflut, Kain und Abel bis hin zum Paradies und der Schöpfung, ehe er in der Zeit der Patriarchen ansetzt: Abraham und Esau, Jakob und Joseph. Und er taucht ein in die Bilder- und Mythenwelt des Alten Orients, versucht zu verstehen, wie die Menschen damals gedacht und gefühlt haben: ihr Verständnis von der Zeit, vom Leben, von ihrer Umwelt und besonders von Gott und den Göttern.Thomas_Mann_1937

Und Thomas Mann erzählt – mäandernd und ausufernd und doch immer dicht und spannend. Wie es kam, dass ein Zeitraum von offenbar mehreren Jahrhunderten auf vier Generationen zusammenschrumpfen konnte. Warum Abraham aus seiner Heimat auswanderte und wie er „Gott entdeckte“. Warum Jakob humpelte – vom Engel an der Hüfte verwundet. Wie Joseph seinen Weg fand zwischen Bestimmung und eigener Anstrengung. Von seinen Schwächen und Stärken, Fall und Aufstieg. Wie Potiphars Frau dem Joseph in unglücklicher Liebe verfiel. Und Joseph sich am Ende mit seinen Brüdern versöhnte. Von seinem Weg mit Gott. „Beide Jakob und Joseph, Vater und Sohn, sind Menschen ‚mythischer Bildung‘, die immer wussten, was ihnen geschah, in allem irdischen Wandeln zu den Sternen blickten und immer ihr Leben ans Göttliche knüpften“, schreibt der Ägyptologe Jan Assmann.

Und doch geht es nicht nur darum, die Bibel zu bebildern. Thomas Mann verhandelt die großen Gegenwartsfragen: Was ist meine Bestimmung? Abraham machte sich auf den Weg, nicht nur um gute Weidegründe zu suchen, wie viele andere zu seiner Zeit. Er war auf der Suche nach Gott. Und zwar nicht irgendeinem Gott. Nicht dem zweitbesten, selbst wenn es der Eine Gott des mächtigen Pharao, die Sonne selbst wäre. Sein Anspruch galt nichts weniger als dem Höchsten.

Und „Abraham entdeckte Gott und machte einen Bund mit ihm, dass sie heilig würden – einer im anderen“. So sagt es sein Nachfahre Joseph dem Pharao. Glaube gibt es nur in Beziehung. Der Mensch ist an Gott gebunden wie Gott an den Menschen. Das ist die uralte und immer wieder neue Erkenntnis.

Und: Glaube ist Geschichte. Eine uralte Geschichte, die immer wieder neu erzählt und neu erlebt wird. Die wir immer wieder neu finden und weiterschreiben in unserem Leben. Und es lohnt sich, sehr genau zu lesen und zu hören, für Religiöse wie für Atheisten.

Das hat Thomas Mann getan. Sechzehn Jahre hat er geforscht und mit seinen Erkenntnissen selbst die Forschung bereichert. Vier Bände sind daraus geworden, fast anderthalbtausend Seiten. Nichts für Feiglinge. Aber es lohnt sich. Die alte Welt wird neu, lebendig, farbig. „Wie kann man noch einmal einer schönen geschminkten Frau in die Augen sehen, ohne sofort auch an die Schilderung der Frau des Potiphar zu denken, ihren ersten Auftritt, der auf zwei Seiten, subtil verschachtelt, ägyptische Lidstriche vorführt, Duftöle, Frisierkunst, gefälteltes durchscheinendes Leinen, träge Blicke aus verschwimmenden Kohleaugen und sich schlängelnde karmesinrote Lippen, die hochmütig nervös geschlossen sind: ‚Das war Mutemenet, eine verhängnisvolle Person'“, schreibt Dieter Bartetzko in der FAZ.

Und doch sollten wir Thomas Mann nicht alles glauben, natürlich nicht. Denn auch er wusste nicht wirklich, wie es zuging vor 3-, 4000 Jahren. Auch er hatte seinen eigenen Blick. Und der war nicht nur in die Vergangenheit gerichtet, sondern auch in seine Gegenwart. Er schrieb seine Romane zur Zeit des Nationalsozialismus. Sein Anliegen war es, der Unmenschlichkeit das Ideal des Humanismus entgegenzusetzen. Und das ist ein ebenso christliches wie atheistisches Anliegen und behält, wie wir auch und gerade wieder erleben, bis heute seine Aktualität.

_______________________________
Beitragsbild: Blick in den Brunnen der Burg Königsberg i. Bay. Von Michaklu – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10597892
Bild im Text: Thomas Mann 1937, von Carl Van Vechten – Van Vechten Collection at Library of Congress, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28419

Thomas Mann, Joseph und seine Brüder, vier Romane in einem Band, geb. Ausgabe, S. Fischer Verlag, Frankfurt/M., 6. Aufl. 2007, 1344 Seiten
Thomas Mann, Joseph und seine Brüder, Texteinrichtung Gert Westphal, Deutsche Grammophon, 2005 30 CDs 
Assmann, Borchmeyer, Stachorski, Joseph und seine Brüder I und II, kommentierte Ausgabe, Fischer, Frankfurt/M, 2018Peggy-der-Blindenhund
Und wer sich ein wenig einarbeiten möchte, kann hier im Netz etwas ausführlicher forschen: Miriam Albracht, Mythos und Zeit in Thomas Manns „Joseph in Ägypten“, pdf-Datei, 76 Seiten, http://www.mythos-magazin.de/mythosforschung/ma_mann.pdf
Übrigens hat Jan Assmann gerade mit seiner Frau Aleida den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten.
Und schließlich: Peggy der Blindenhund hat mich zu Tränen gerührt. Ich war ungefähr sieben.

Lichtblicke der Woche

Es ist gut möglich, dass die Herrnhuter Losungen besonders dann wirken, wenn das Leben die Wohlfühlzone verlässt und es ernst wird. Wir lesen sie, wenn wir abends unsere Kerzen anzünden und das Vater unser sprechen – und sie haben uns in der letzten Woche besonders beeindruckt. Eine kleine Auswahl:

3. August: Sind wir untreu, so bleibt er treu; denn er kann sich selbst nicht verleugnen. 2. Timotheus 2,13
4. August: In Gottes Seele ist die Hand von allem, was lebt. Hiob 12,10
7. August: Du nahtest dich zu mir, als ich dich anrief, und du sprachst: Fürchte dich nicht. Klagelieder 3,57
8. August: Du wirst sichere Zeiten haben. Jesaja 33,6
Und schließlich, gestern:
Wandelt auf dem Weg, den euch der HERR, euer Gott, geboten hat, damit ihr leben könnt. 5. Mose 5,33
und: Jesus sprach zum Gesetzeslehrer: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5. Mose 6,5; 3. Mose 19,18). Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.

Wir brauchen solche und andere Gedanken und Sätze, die Mut machen. Wir merken gleichzeitig, wie sie einen schweren Stand haben gegen diejenigen, die wir von den Ärzten hören.

Jeremias Berufung

Jeremia hatte offenbar einen direkten Kontakt zu Gott und brauchte sich keine Gedanken darum zu machen, was er sagen und tun sollte. Und wie bekommt Gott heute Kontakt zu uns? Eine Spurensuche am 9. Sonntag nach Trinitatis. Wie eigentlich jede Predigt eine Spurensuche ist. 

Liebe Gemeinde!

Am 9. Juli 2000 wurden Susan Kigula und ihre Familie brutal überfallen. Ihr Mann wurde getötet, sie selbst schwer verletzt. Doch der Albtraum sollte erst beginnen. Während sie sich mit ihrer Tochter noch bei ihrer Familie erholte, zeigte die Familie ihres Mannes sie an – der Vorwurf: Sie habe ihn selbst ermordet. Sie wurde angeklagt und verurteilt zum Tod durch den Strang. Und weil sie – wie viele Frauen in Uganda – ihre Rechte nicht kannte, konnte sie sich nicht wehren.

In der ersten Zeit im Gefängnis war sie nur verzweifelt. Aber nach und nach, jeden Monat ein wenig mehr, fand sie den Mut, mit ihrem Leben etwas anzufangen. „Ich konnte ja nicht nur auf den Tod warten“, sagt sie heute. Und ich glaube, es war der Heilige Geist, der in ihr groß wurde: der Geist, der ihr Trost und Kraft gab. Sie gründete einen Chor, eine Tanzgruppe, schrieb Gospels und sorgte dafür, dass die Frauen – wie die Männer auch – im Gefängnis zur Schule gehen konnten. „Gott, nur du weißt, wie ich das überleben werde“, dichtete und sang sie in der Zeit. Und dann kam Gott selbst zu ihr. In Gestalt eines englischen Jurastudenten namens Alexander McLean, der die Bedingungen in afrikanischen Gefängnissen verbessern wollte. Er lernte Susan Kigula kennen. Und er war fasziniert von dieser Frau. Er ermöglichte ihr, dass sie Jura studieren konnte. Er besorgte ihr Audiodateien und Bücher, und sie lernte, immer nachts. Am Anfang wollte sie verzweifeln. Aber aufgeben war für sie keine Option.

Mit der Zeit konnte sie Mitgefangene beraten. Und dachte bald größer: Sie reichte Verfassungsklage ein: Die Todesstrafe sei unmenschlich, meinte sie, und deshalb verfassungswidrig. Sie klagte gegen den Staat Uganda – und gewann sensationell. Damit rettete sie unzähligen Menschen das Leben. Selbst der Nachbarstaat Kenia änderte daraufhin seine entsprechenden Gesetze.

Wir müssen nicht durch die Hölle gehen wie Susan Kigula es getan hat, um zu wissen: Das Leben von jedem Einzelnen von uns ist geprägt von ständigem Auf und Ab – manchmal leicht, manchmal ganz schön mühsam, und manchmal schier zum Verzweifeln. Spätestens dann ist es gut, wenn uns der Heilige Geist besucht. Oder vielleicht ist er dann auch schon längst da, und wir müssen ihn nur wecken? Zum Beispiel mit dem Satz: Aufgeben ist keine Option.

Wenn es schwierig wird in unserem Leben, dann ist es viel wert, wenn wir uns diesen Satz sagen können. Aber er ist erst der Anfang. Wirklich interessant wird es, wenn Gott uns begegnet. Und ich glaube, dass er bei jedem, bei jeder von uns vorbeischaut. Und dass wir es nur nicht merken. Oder erst im Nachhinein realisieren.

Und dann ist immer noch die Frage, ob wir ihn richtig verstehen. Jeremia zum Beispiel war davon überzeugt, dass Gott ihm seine Worte in den Mund legte. Seine Zeitgenossen allerdings waren völlig anderer Meinung. Erst im Nachhinein, als man merkte, dass seine Vorhersagen eingetroffen waren, erkannte man ihn als echten Propheten an.

Und auch bei Susan Kigula bin ich mir sicher, dass der Heilige Geist, ja dass Gott selbst am Werk gewesen ist. Denn es gibt tatsächlich Kriterien, wie wir sein Wirken identifizieren können: Wenn es der Liebe dient, dann sind wir schon einmal auf einem guten Weg. Wenn es Menschen aufbaut und tröstet, ist es ein weiterer Hinweis. Das muss dann auch nicht immer fromm aussehen – ich habe zum Beispiel keine Ahnung, ob Alexander McLean religiös war und, wie Susan Kigula, seine Kraft und Orientierung aus dem Glauben zog. Es ist für mich auch unwichtig, denn Gott hat viele Wege, um zu wirken.

Nicht immer aber liegt der Weg so klar vor uns wie bei Susan Kigula. Bei der Flüchtlingsfrage etwa: Was dient der Liebe mehr – die Grenzen auf oder zu zu machen? Und dann gibt es ja auch nicht nur diese beiden Alternativen, sondern noch tausend Möglichkeiten dazwischen. Oder einer zerrütteten Ehe: Dient es der Liebe, sich scheiden zu lassen oder beieinander zu bleiben, der Kinder wegen? Und wenn man sich einmal entschieden hat, fangen die Schwierigkeiten oft erst an. Vor vielen Jahren traf ich in Amerika einen Mann, der seinen Job bei einer Firma aufgab, weil sie für die Rüstungsindustrie arbeitete. Er konnte es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren. Aber nun hatte er keinen Job mehr, und seine Gemeinde musste ihn unterstützen. Und es war fraglich, dass er überhaupt die Möglichkeit hatte, einen Arbeitgeber zu finden, der gar nichts mit Rüstung zu tun hat. Wäre die Autoindustrie eine Alternative? Moralischer Rigorismus hilft nicht unbedingt weiter. Und für viele, ja für die meisten Entscheidungen in unserem Leben gibt es keine einfache Antwort.

Und dann gibt es noch unsere eigenen Befindlichkeiten, die uns von einer guten Lösung abhalten. Die Kirche hat dafür den Ausdruck „Sünden“ geprägt und sie negativ aufgeladen. Weil sie meinte, durch die Erbsünde sei der Mensch durch und durch verdorben. Das aber halte ich für einen Irrtum. Selbst die Sünden haben ihre guten Seiten. Nehmen wir die so genannten Todsünden wie Stolz oder Genuss, auch Faulheit oder Wut, Geiz oder Neid. Ich mag stolze Menschen. Ja, ich finde sie sogar einfacher als Menschen, die sich klein machen. Ich mag es nur nicht, wenn Menschen auf Kosten anderer leben. Und ebenso ist es mit dem Genuss. „Wer nicht genießt, ist ungenießbar“, sang einst Konstantin Wecker. Menschen aber, deren Leben sich nur um den eigenen Genuss dreht, finde ich ebenso ungenießbar. Wut über ungerechte Verhältnisse finde ich nötig, Hass aber auf Menschen furchtbar. Und ebenso ist es mit Geiz oder Neid: Sie geben uns die Energie zu großen Taten – und können uns  und anderen sehr schaden. Und im täglichen Leben ist die Grenze dazwischen oft nur schwer zu finden. Umso wichtiger ist die Aufgabe, immer wieder nach ihr zu fragen.

Eines aber lässt Gott gar nicht gelten, seinen Willen zu tun: Ausreden. „Ich bin zu jung“, meinte Jeremia. Kein Mensch ist zu jung oder zu alt, zu krank oder zu beschäftigt, das Gute zu tun. „Ich kann nicht reden“, meinte Mose, als er den Auftrag bekam, das Volk Israel aus Ägypten zu führen. „Dann hole dir Helfer“, antwortet Gott. Was man allein nicht schafft, geht oft gemeinsam.

Es geht darum, das Gute zu tun. Und das Gute ist das, was uns und anderen Menschen gut tut. Natürlich werden wir, selbst mit der größten Willensanstrengung, nicht zu rundum guten Menschen. Wir können aber immer wieder danach fragen, was das Richtige ist.

Jeremia brauchte nicht zu fragen. Ihm wurden die Worte in den Mund gelegt. Es mag sein, dass es auch heute Menschen gibt, die besonders hellsichtig sind. Oder solche, denen eine Wahrheit aufgeht, die andere so nicht oder noch nicht erkennen. Doch gilt auch dabei der Rat des Paulus: Prüfet alles und das Beste behaltet.

Oder noch besser: gerade nicht behalten, sondern das Beste weitergeben und teilen, tun und reden. Ich bin zuversichtlich, dass wir genug Aufgaben finden werden. Und um das Gute zu tun, sind wir genau im richtigen Alter und haben die besten Voraussetzungen. Denn wir tun es mit dem Rückenwind des Heiligen Geistes.

Amen.

Was kommt „danach“?

Der Papst hat die Hölle abgeschafft. Nun, nicht die ganze Hölle, nur einen Teil, den „Limbus“, und davon auch nur einen Teil, nämlich den, in dem die ungetauften Kinder zwischen dem Jahr 418 (Synode von Karthago) und 2017 (der Entscheidung des Papstes) schmoren mussten.

Und ich frage mich: Warum hat er nicht gleich die ganze Hölle abgeschafft? Dann müsste sich niemand mehr vor dem Tod fürchten, zumindest kein gläubiger Katholik.

Vielleicht ist genau das das Problem. Weiterlesen

* Ich und Du

Endlich habe ich es geschafft, „Ich und Du“ von Martin Buber durchzulesen. Es war nicht einfach, denn manchmal waren mir seine Gedanken fremd. Wo ich ihn aber verstanden habe, hat er mich fasziniert.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/8/81/Martin_Buber_portrait.jpg/762px-Martin_Buber_portrait.jpgUnd so fängt sein Buch an: „Die Welt des Menschen ist zwiefältig nach seiner zwiefältigen Haltung. Die Haltung des Menschen ist zwiefältig nach der Zwiefalt der Grundworte, die er sprechen kann. Die Grundworte sind nicht Einzelworte, sondern Wortpaare. Das eine Grundwort ist das Wortpaar Ich-Du. Das andere Grundwort ist das Wortpaar Ich-Es; wobei, ohne Änderung des Grundwortes, für Es auch eins der Worte Er und Sie eintreten kann. Somit ist auch das Ich des Menschen zwiefältig. Denn das Ich des Grundworts Ich-Du ist ein andres als das des Grundworts Ich-Es.“ (Ich und Du, S. 9) So geht es weiter, 160 Seiten lang. Weiterlesen

Wanderjahre

Wie ich wurde, was ich bin: Als Student in Heidelberg, Berlin und Basel

Nachdem ich in Neuendettelsau die Grundlagen der Theologie kennengelernt hatte, sollte es zum 4. Semester endlich an einer „richtigen“ Uni losgehen. Heidelberg gehörte damals zu den theologischen Fakultäten mit dem besten Ruf, nicht zuletzt wegen der Legenden im Alten Testament Claus Westermann und Hans-Walter Wolff. Als ich dort ankam, waren ausgerechnet diese beiden allerdings gerade in den Ruhestand gegangen.

Das machte aber nicht sehr viel. Denn die akademische Theologie sollte ohnehin nicht die zentrale Rolle in dieser Zeit spielen. Nun standen erst einmal existentielle Fragen im Vordergrund. Weiterlesen