Jeremias Berufung

Jeremia hatte offenbar einen direkten Kontakt zu Gott und brauchte sich keine Gedanken darum zu machen, was er sagen und tun sollte. Und wie bekommt Gott heute Kontakt zu uns? Eine Spurensuche am 9. Sonntag nach Trinitatis. Wie eigentlich jede Predigt eine Spurensuche ist. 

Liebe Gemeinde!

Am 9. Juli 2000 wurden Susan Kigula und ihre Familie brutal überfallen. Ihr Mann wurde getötet, sie selbst schwer verletzt. Doch der Albtraum sollte erst beginnen. Während sie sich mit ihrer Tochter noch bei ihrer Familie erholte, zeigte die Familie ihres Mannes sie an – der Vorwurf: Sie habe ihn selbst ermordet. Sie wurde angeklagt und verurteilt zum Tod durch den Strang. Und weil sie – wie viele Frauen in Uganda – ihre Rechte nicht kannte, konnte sie sich nicht wehren.

In der ersten Zeit im Gefängnis war sie nur verzweifelt. Aber nach und nach, jeden Monat ein wenig mehr, fand sie den Mut, mit ihrem Leben etwas anzufangen. „Ich konnte ja nicht nur auf den Tod warten“, sagt sie heute. Und ich glaube, es war der Heilige Geist, der in ihr groß wurde: der Geist, der ihr Trost und Kraft gab. Sie gründete einen Chor, eine Tanzgruppe, schrieb Gospels und sorgte dafür, dass die Frauen – wie die Männer auch – im Gefängnis zur Schule gehen konnten. „Gott, nur du weißt, wie ich das überleben werde“, dichtete und sang sie in der Zeit. Und dann kam Gott selbst zu ihr. In Gestalt eines englischen Jurastudenten namens Alexander McLean, der die Bedingungen in afrikanischen Gefängnissen verbessern wollte. Er lernte Susan Kigula kennen. Und er war fasziniert von dieser Frau. Er ermöglichte ihr, dass sie Jura studieren konnte. Er besorgte ihr Audiodateien und Bücher, und sie lernte, immer nachts. Am Anfang wollte sie verzweifeln. Aber aufgeben war für sie keine Option.

Mit der Zeit konnte sie Mitgefangene beraten. Und dachte bald größer: Sie reichte Verfassungsklage ein: Die Todesstrafe sei unmenschlich, meinte sie, und deshalb verfassungswidrig. Sie klagte gegen den Staat Uganda – und gewann sensationell. Damit rettete sie unzähligen Menschen das Leben. Selbst der Nachbarstaat Kenia änderte daraufhin seine entsprechenden Gesetze.

Wir müssen nicht durch die Hölle gehen wie Susan Kigula es getan hat, um zu wissen: Das Leben von jedem Einzelnen von uns ist geprägt von ständigem Auf und Ab – manchmal leicht, manchmal ganz schön mühsam, und manchmal schier zum Verzweifeln. Spätestens dann ist es gut, wenn uns der Heilige Geist besucht. Oder vielleicht ist er dann auch schon längst da, und wir müssen ihn nur wecken? Zum Beispiel mit dem Satz: Aufgeben ist keine Option.

Wenn es schwierig wird in unserem Leben, dann ist es viel wert, wenn wir uns diesen Satz sagen können. Aber er ist erst der Anfang. Wirklich interessant wird es, wenn Gott uns begegnet. Und ich glaube, dass er bei jedem, bei jeder von uns vorbeischaut. Und dass wir es nur nicht merken. Oder erst im Nachhinein realisieren.

Und dann ist immer noch die Frage, ob wir ihn richtig verstehen. Jeremia zum Beispiel war davon überzeugt, dass Gott ihm seine Worte in den Mund legte. Seine Zeitgenossen allerdings waren völlig anderer Meinung. Erst im Nachhinein, als man merkte, dass seine Vorhersagen eingetroffen waren, erkannte man ihn als echten Propheten an.

Und auch bei Susan Kigula bin ich mir sicher, dass der Heilige Geist, ja dass Gott selbst am Werk gewesen ist. Denn es gibt tatsächlich Kriterien, wie wir sein Wirken identifizieren können: Wenn es der Liebe dient, dann sind wir schon einmal auf einem guten Weg. Wenn es Menschen aufbaut und tröstet, ist es ein weiterer Hinweis. Das muss dann auch nicht immer fromm aussehen – ich habe zum Beispiel keine Ahnung, ob Alexander McLean religiös war und, wie Susan Kigula, seine Kraft und Orientierung aus dem Glauben zog. Es ist für mich auch unwichtig, denn Gott hat viele Wege, um zu wirken.

Nicht immer aber liegt der Weg so klar vor uns wie bei Susan Kigula. Bei der Flüchtlingsfrage etwa: Was dient der Liebe mehr – die Grenzen auf oder zu zu machen? Und dann gibt es ja auch nicht nur diese beiden Alternativen, sondern noch tausend Möglichkeiten dazwischen. Oder einer zerrütteten Ehe: Dient es der Liebe, sich scheiden zu lassen oder beieinander zu bleiben, der Kinder wegen? Und wenn man sich einmal entschieden hat, fangen die Schwierigkeiten oft erst an. Vor vielen Jahren traf ich in Amerika einen Mann, der seinen Job bei einer Firma aufgab, weil sie für die Rüstungsindustrie arbeitete. Er konnte es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren. Aber nun hatte er keinen Job mehr, und seine Gemeinde musste ihn unterstützen. Und es war fraglich, dass er überhaupt die Möglichkeit hatte, einen Arbeitgeber zu finden, der gar nichts mit Rüstung zu tun hat. Wäre die Autoindustrie eine Alternative? Moralischer Rigorismus hilft nicht unbedingt weiter. Und für viele, ja für die meisten Entscheidungen in unserem Leben gibt es keine einfache Antwort.

Und dann gibt es noch unsere eigenen Befindlichkeiten, die uns von einer guten Lösung abhalten. Die Kirche hat dafür den Ausdruck „Sünden“ geprägt und sie negativ aufgeladen. Weil sie meinte, durch die Erbsünde sei der Mensch durch und durch verdorben. Das aber halte ich für einen Irrtum. Selbst die Sünden haben ihre guten Seiten. Nehmen wir die so genannten Todsünden wie Stolz oder Genuss, auch Faulheit oder Wut, Geiz oder Neid. Ich mag stolze Menschen. Ja, ich finde sie sogar einfacher als Menschen, die sich klein machen. Ich mag es nur nicht, wenn Menschen auf Kosten anderer leben. Und ebenso ist es mit dem Genuss. „Wer nicht genießt, ist ungenießbar“, sang einst Konstantin Wecker. Menschen aber, deren Leben sich nur um den eigenen Genuss dreht, finde ich ebenso ungenießbar. Wut über ungerechte Verhältnisse finde ich nötig, Hass aber auf Menschen furchtbar. Und ebenso ist es mit Geiz oder Neid: Sie geben uns die Energie zu großen Taten – und können uns  und anderen sehr schaden. Und im täglichen Leben ist die Grenze dazwischen oft nur schwer zu finden. Umso wichtiger ist die Aufgabe, immer wieder nach ihr zu fragen.

Eines aber lässt Gott gar nicht gelten, seinen Willen zu tun: Ausreden. „Ich bin zu jung“, meinte Jeremia. Kein Mensch ist zu jung oder zu alt, zu krank oder zu beschäftigt, das Gute zu tun. „Ich kann nicht reden“, meinte Mose, als er den Auftrag bekam, das Volk Israel aus Ägypten zu führen. „Dann hole dir Helfer“, antwortet Gott. Was man allein nicht schafft, geht oft gemeinsam.

Es geht darum, das Gute zu tun. Und das Gute ist das, was uns und anderen Menschen gut tut. Natürlich werden wir, selbst mit der größten Willensanstrengung, nicht zu rundum guten Menschen. Wir können aber immer wieder danach fragen, was das Richtige ist.

Jeremia brauchte nicht zu fragen. Ihm wurden die Worte in den Mund gelegt. Es mag sein, dass es auch heute Menschen gibt, die besonders hellsichtig sind. Oder solche, denen eine Wahrheit aufgeht, die andere so nicht oder noch nicht erkennen. Doch gilt auch dabei der Rat des Paulus: Prüfet alles und das Beste behaltet.

Oder noch besser: gerade nicht behalten, sondern das Beste weitergeben und teilen, tun und reden. Ich bin zuversichtlich, dass wir genug Aufgaben finden werden. Und um das Gute zu tun, sind wir genau im richtigen Alter und haben die besten Voraussetzungen. Denn wir tun es mit dem Rückenwind des Heiligen Geistes.

Amen.

Dimensionen des Glaubens

Exerzitien 20. Teil, Bingen 2016, die „zweite Woche“.

(Die kursiven Texte sind wörtlich meinem Binger Tagebuch von 2016 entnommen) 

DIE BERGPREDIGT

Das Spiel „Pokémon Go“ brachte mich auf die Idee, den Glauben als so etwas wie eine „Augmented Reality“ zu begreifen: Wir sehen unsere Umgebung mit unseren natürlichen Augen. Wir sehen eine Abfolge von Ereignissen und Dingen, die wir aber immer erst in einen Zusammenhang bringen müssen. So wie wir mit „Pokémon“ die Umgebung in einer speziellen Weise sehen, so geben wir mit den Augen des Glaubens dieser Welt und unserem Leben einen Sinn.

Muss es aber unbedingt der christliche Glaube sein? Für mich ja. Weil ich glaube, dass er die Wirklichkeit am besten durchdringt, beschreibt und zu einem Ziel führt. Und diese „Beschreibung“ liegt in der Bergpredigt vor. Sie füllt diese Welt mit einem Leben und Leuchten und einem Geheimnis, das Farbe hineinbringt.

Die Seligpreisungen beschreiben so etwas wie eine Gegenwelt. Sie setzen dem Reichtum, der Trauer, der Gewalt, dem Hunger, der Ungerechtigkeit, dem Krieg ein Versprechen entgegen: Alle, die auf der anderen Seite stehen, stehen auf der Seite Gottes. Sie sind die „eigentlich“ Lebendigen und Sieger der göttlichen Geschichte. Und sie müssen sich nicht verstecken, sollen aktiv in dieses Leben eingreifen.

Und nach den Seligpreisungen beschreibt Jesus, wie es nach Gottes Willen sein soll: Richtet euch nicht ein in den Unzulänglichkeiten des Lebens. Vollkommen ist nur das Vollkommene. Die Bergpredigt beschreibt die „wahre“ Gerechtigkeit Gottes. Und der Gegensatz zu ihr ist die „wirkliche“ Gerechtigkeit. In der Wirklichkeit kommt es weniger darauf an, was wir denken, sondern was wir tun. Wir machen Gesetze, um unsere Handlungen und unser Zusammenleben zu kontrollieren, im Staat wie in der Kirche.

Mit der Bergpredigt lässt sich keine Politik machen – aber für Christinnen und Christen bestimmt sie die Leitlinien ihres Handelns. Denn so hat Gott es einmal gemeint.

Es gibt aber auch Texte, mit denen ich so meine Schwierigkeiten habe. „Sorget nicht“, zum Beispiel. Aber sollen wir nicht unser Schicksal auch selbst in die Hand nehmen? Oder: „Bittet, so wird euch gegeben.“ So einfach ist das nicht. Ich habe gebetet, als die Schmerzen besonders schlimm waren. Geholfen hat aber nicht das Gebet, sondern das ganz profane Handeln verschiedener Menschen.

Immer wenn ich die Bibel wörtlich auszulegen versuche, komme ich in Schwierigkeiten. Sie ist eben kein Rezeptbuch, sondern ein „Bilderbuch des Glaubens“, wie es Pfr. Mückstein gesagt hat.

* Mea culpa – Bedeutungswandel

Serie „Exerzitien“ (4) – siehe Themensuche

Bingen, 18. Juli 2016. In der ersten Woche der Exerzitien soll nach Ignatius „die Erwägung und Betrachtung der Sünden“ im Mittelpunkt stehen. Mein Problem: Der Begriff der „Sünde“ ist für mich vergiftet.

Ich bin aufgewachsen mit der Tradition, die Sünde moralisch versteht. Mea culpa, mea maxima culpa – meine Schuld, meine Schuld, meine übergroße Schuld. Sünde, das sind bestimmte Taten. Sie haben ihren Ursprung in unserer Auflehnung gegen Gott und führen zum Tod – im schlimmsten Fall zum ewigen Tod, in die Hölle. Und Sünde, so kann man getrost zusammenfassen, das ist im Prinzip alles, was Spaß macht. Weiterlesen

So Gott will

Wer in christlichen Kreisen ein wenig Eindruck machen will, bemerkt nach einer getroffenen Verabredung „Jakobus 4, Vers 15“ oder, noch gebildeter, „Conditio Jacobaea“ – das heißt übersetzt: der Vorbehalt des Jakobus. Wem das zu hochgestochen ist, sagt stattdessen einfach: „So Gott will und wir leben“ – und meint nichts anderes als „Wenn nichts dazwischen kommt“.

So habe ich den Satz auch immer wieder einmal gebraucht. Seit dem letzten Jahr aber hat er eine besondere Bedeutung bekommen. In der neuen Lutherübersetzung lautet er im Zusammenhang: „Und nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen -, und wisst nicht, was morgen sein wird … Dagegen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“

Wenn Gott will. Können wir überhaupt wissen, was Gott will? Deus lo vult – Gott will es – skandierte die Menge beim Aufruf zum 1. Kreuzzug. George W. Bush hatte offenbar auch vor dem Irak-Krieg göttliche Eingebungen. Die EKD – Evangelische Kirche in Deutschland – weiß dagegen: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.“ Und Leonard Cohen singt auf seinem letzten Album: „You want it darker“.

Diese eher theoretische Frage bekommt in meinem Leben eine sehr existentielle Bedeutung. Will Gott, dass ich demnächst sterbe? Dann macht das mit dem Krebs durchaus Sinn. Oder will er, dass ich lebe und noch „dies oder das tue“? Darauf deuten eine Vielzahl von sehr, sehr glücklichen Zufällen – oder göttlichen Wundern, je nach Sichtweise. Oder ist Gott das eigentlich egal? Ich weiß es nicht.

Als ich im letzten Jahr die Diagnose erhielt, dass ein Brustwirbel durch eine Metastase zerstört war, hatte ich gerade die erste Hälfte der „Ignatianischen Exerzitien“ bei den Jesuiten in Bingen absolviert. Ich musste sie abbrechen. Vor zwei Monaten habe ich mich für die zweite Hälfte angemeldet, im Juli 2017. Das kam mir zunächst sehr waghalsig vor: Kann ich, darf ich überhaupt in meiner Situation so weit im Voraus planen?

Aber dann habe ich auch die Ermutigung gespürt, die in diesem Satz liegt: Ja, wenn Gott es will, dann wird es sein können. Und wenn nicht, dann soll es auch nicht so sein. In beiden Fällen heißt es aber: Ich bin Teil eines Plans, auch wenn ich ihn noch nicht kenne. Das gibt mir die Verantwortung für jeden Tag, dass ich das nicht verpasse, was ich heute tun soll. Und wenn es mein letzter ist. Aber wenn Gott will, werde ich im Sommer die Exerzitien beenden.

Und wenn Gott nicht will? Dann gibt es noch immer eine Möglichkeit. In der Bibel wird erzählt, dass Abraham voller Selbstbewusstsein mit Gott verhandelte – und Gott sich auf den Handel einließ. Gut, letztendlich musste sich Abraham geschlagen geben, aber einen Versuch war´s allemal wert.

Ein solches Selbstbewusstsein auch Gott gegenüber, das wünsche ich mir. Dass ich mich nicht als Opfer der Verhältnisse betrachte. Dass ich mich nicht fürchte, weder vor der Zukunft noch vor dem Leben. Hat Paulus nicht an seinen Freund Timotheus geschrieben, dass wir einen solchen Geist von Gott bekommen haben – nicht „den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“? Ja, es gibt Zeiten, in denen ich ihn spüre. Nicht immer, aber immer wieder.

* Der unberechenbare Gott

Es ist wahr, mit Gott habe ich so meine Schwierigkeiten. Ja, er hat mir schon viel Gutes geschenkt. Das übersehe ich keineswegs. Aber es war auch viel Mist dabei. Ich finde ihn einfach zu unberechenbar.

Denn das Schlimme an meiner Situation ist nicht, dass ich wieder ins Krankenhaus muss. Die Schmerzen und die Schwäche sind eklig, aber sie sind auszuhalten. Das Schlimme ist die Ungewissheit: Wird es gut ausgehen? Anders gefragt: Werde ich leben? Weiterlesen