Mea culpa – Bedeutungswandel

4. Teil der Reihe über die Exerzitien
Die ersten drei Teile findest du hier, hier und hier.

Bingen, 18. Juli 2016. In der ersten Woche der Exerzitien soll nach Ignatius „die Erwägung und Betrachtung der Sünden“ im Mittelpunkt stehen. Mein Problem: Der Begriff der „Sünde“ ist für mich vergiftet.

Ich bin aufgewachsen mit der Tradition, die Sünde moralisch versteht. Mea culpa, mea maxima culpa – meine Schuld, meine Schuld, meine übergroße Schuld. Sünde, das sind bestimmte Taten. Sie haben ihren Ursprung in unserer Auflehnung gegen Gott und führen zum Tod – im schlimmsten Fall zum ewigen Tod, in die Hölle. Und Sünde, so kann man getrost zusammenfassen, das ist im Prinzip alles, was Spaß macht.

Habe ich die Sünden als Evangelikaler vor allem bei mir persönlich gesehen, habe ich sie als kritischer Student gesellschaftlich verstanden. Sünde, das ist Krieg, Ausbeutung und Unterdrückung. Und Luther brachte mir bei, dass der Mensch Sünder ist, weil er nicht mehr im Paradies lebt. Weil Eva vom Apfel gegessen hat. Ich kann also gar nichts dafür. Aber glücklicherweise hat Jesus das ja mit seinem Tod am Kreuz in Ordnung gebracht. Das führte dann zu einer Theologie, die ich auch bei einigen Kolleginnen und Kollegen wahrnehme und sich mit dem Grundsatz der Transaktionsanalyse zusammenfassen lässt: Ich bin ok, du bist ok. Oder: Gott hat dich lieb, so wie du bist.

In den Exerzitien habe ich noch ein anderes Verständnis von Sünde kennengelernt. Sünde, das sind nicht bestimmte Taten. Es ist alles, was mich von meiner Berufung abhält. Und meine Berufung dient immer der Liebe.

Wenn ich es also richtig verstanden habe, dann ist es egal, ob ich stolz bin oder demütig, reich oder arm, zornig oder sanftmütig, fleißig oder faul – es kommt aber alles darauf an, ob es dem Frieden dient, dem Tost, der Liebe und Hoffnung. Und diesem Ziel kann der Stolz ebenso im Weg stehen wie die Demut. Und umgekehrt: Auch der Stolz kann sich in den Dienst der Liebe stellen.

Das Ziel der Exerzitien ist es, den Willen Gottes für mein Leben zu erkennen. „Nun hat das eine eigne Schwierigkeit“, meint der jesuitisch geprägte Mediziner und Theologe Matthias Beck (Heil und Heilung, Seite 8). „Immer dann, wenn wir uns dem Willen eines anderen fügen, dann fühlen wir uns in unserer Freiheit beschränkt … Das ist eine Anfrage an unser Gottesbild: Den Willen Gottes zu tun ist genau das Gegenteil … Wenn ich den Willen Gottes tue, komme ich erst zu meiner wahren Identität, ich komme zu meiner inneren Stimmigkeit, komme näher zu meinem inneren Gleichgewicht, zu meinem Frieden und zu meiner Entfaltung.“

Deshalb bin ich hier..

So Gott will

Wer in christlichen Kreisen ein wenig Eindruck machen will, bemerkt nach einer getroffenen Verabredung „Jakobus 4, Vers 15“ oder, noch gebildeter, „Conditio Jacobaea“ – das heißt übersetzt: der Vorbehalt des Jakobus. Wem das zu hochgestochen ist, sagt stattdessen einfach: „So Gott will und wir leben“ – und meint nichts anderes als „Wenn nichts dazwischen kommt“.

So habe ich den Satz auch immer wieder einmal gebraucht. Seit dem letzten Jahr aber hat er eine besondere Bedeutung bekommen. In der neuen Lutherübersetzung lautet er im Zusammenhang: „Und nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen -, und wisst nicht, was morgen sein wird … Dagegen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“

Wenn Gott will. Können wir überhaupt wissen, was Gott will? Deus lo vult – Gott will es – skandierte die Menge beim Aufruf zum 1. Kreuzzug. George W. Bush hatte offenbar auch vor dem Irak-Krieg göttliche Eingebungen. Die EKD – Evangelische Kirche in Deutschland – weiß dagegen: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.“ Und Leonard Cohen singt auf seinem letzten Album: „You want it darker“.

Diese eher theoretische Frage bekommt in meinem Leben eine sehr existentielle Bedeutung. Will Gott, dass ich demnächst sterbe? Dann macht das mit dem Krebs durchaus Sinn. Oder will er, dass ich lebe und noch „dies oder das tue“? Darauf deuten eine Vielzahl von sehr, sehr glücklichen Zufällen – oder göttlichen Wundern, je nach Sichtweise. Oder ist Gott das eigentlich egal? Ich weiß es nicht.

Als ich im letzten Jahr die Diagnose erhielt, dass ein Brustwirbel durch eine Metastase zerstört war, hatte ich gerade die erste Hälfte der „Ignatianischen Exerzitien“ bei den Jesuiten in Bingen absolviert. Ich musste sie abbrechen. Vor zwei Monaten habe ich mich für die zweite Hälfte angemeldet, im Juli 2017. Das kam mir zunächst sehr waghalsig vor: Kann ich, darf ich überhaupt in meiner Situation so weit im Voraus planen?

Aber dann habe ich auch die Ermutigung gespürt, die in diesem Satz liegt: Ja, wenn Gott es will, dann wird es sein können. Und wenn nicht, dann soll es auch nicht so sein. In beiden Fällen heißt es aber: Ich bin Teil eines Plans, auch wenn ich ihn noch nicht kenne. Das gibt mir die Verantwortung für jeden Tag, dass ich das nicht verpasse, was ich heute tun soll. Und wenn es mein letzter ist. Aber wenn Gott will, werde ich im Sommer die Exerzitien beenden.

Und wenn Gott nicht will? Dann gibt es noch immer eine Möglichkeit. In der Bibel wird erzählt, dass Abraham voller Selbstbewusstsein mit Gott verhandelte – und Gott sich auf den Handel einließ. Gut, letztendlich musste sich Abraham geschlagen geben, aber einen Versuch war´s allemal wert.

Ein solches Selbstbewusstsein auch Gott gegenüber, das wünsche ich mir. Dass ich mich nicht als Opfer der Verhältnisse betrachte. Dass ich mich nicht fürchte, weder vor der Zukunft noch vor dem Leben. Hat Paulus nicht an seinen Freund Timotheus geschrieben, dass wir einen solchen Geist von Gott bekommen haben – nicht „den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“? Ja, es gibt Zeiten, in denen ich ihn spüre. Nicht immer, aber immer wieder.

Der unberechenbare Gott

Es ist wahr, mit Gott habe ich so meine Schwierigkeiten. Ja, er hat mir schon viel Gutes geschenkt. Das übersehe ich keineswegs. Aber es war auch viel Mist dabei. Ich finde ihn einfach zu unberechenbar.

Denn das Schlimme an meiner Situation ist nicht, dass ich wieder ins Krankenhaus muss. Die Schmerzen und die Schwäche sind eklig, aber sie sind auszuhalten. Das Schlimme ist die Ungewissheit: Wird es gut ausgehen? Anders gefragt: Werde ich leben?

In der Bibel (2. Mose 19,5) wird erzählt, dass Gott erst mit dem Volk Israel und dann mit allen Menschen einen Bund geschlossen hat: Ich bin bei dir bis ans Ende aller Tage. Aber was ist das für ein Bund, wenn man sich nicht wirklich darauf verlassen kann?

Es gibt viele Geschichten, die diese Widersprüchlichkeit in Worte fassen.

Die Mystikerin Teresa von Avila (1515-1582) beklagte sich einmal im Gebet über all die vielen Drangsale und Widerwärtigkeiten, unter denen sie zu leiden hätte. „So behandele ich meine Freunde“, antwortete ihr der Herr. Teresa versetzte: „Darum hast Du auch nur so wenige.“

Der Milchmann Tewje beklagt sich im Musical Anatevka: Lieber Gott, schick‘ uns die Medizin, die Krankheit haben wir schon! Ich will mich ja nicht beklagen, aber mit deiner gütigen Hilfe, o Herr, sind wir fast am Verhungern.

Und in der Geschichte „Jossel Rakovers Wendung zu Gott“ lässt Zvi Kolitz seine Hauptperson am Ende sagen, nachdem sie alles verloren hat: „Gott Israels“, sagte er, „ich bin hierher geflohen, dass ich Dir ungestört dienen kann: um Deine Gebote zu tun und Deinen Namen zu heiligen. Du aber tust alles, dass ich an Dich nicht glauben soll. Wenn Du aber meinen solltest, dass es Dir gelingen wird, mich mit diesen Versuchungen vom richtigen Weg abzubringen, ruf ich Dir zu, mein Gott und Gott meiner Eltern, dass es Dir alles nicht helfen wird. Magst Du mich auch beleidigen, magst Du mich auch züchtigen, magst Du mir auch wegnehmen das Teuerste und Beste, das ich habe auf der Welt, und mich zu Tode peinigen – ich werde immer an Dich glauben. Ich werde Dich immer lieb haben, immer – Dir selbst zum Trotz!“

Auf der katholischen Internetseite kath.net wird dieses Buch gefeiert. Aber ist es wirklich gut katholisch, wenn ich nur gegen Gott an Gott glauben kann?

Kolitz ist offensichtlich mit Leonard Cohen einer Meinung, wenn der über Gott singt: „You want it darker.“ Am Ende kann sich Rakover nicht auf die Zusagen Gottes verlassen, sondern nur auf den eigenen Willen zu glauben. Und Cohen singt: „I wish there was a treaty we could sign” – ich wünschte, es gäbe einen Vertrag, einen Bund, den wir unterzeichnen und auf den wir uns verlassen könnten.

Ich wünschte es auch. Und ich gestehe: In Gott dem Schöpfer finde ich ihn nicht. Seine Gaben sind zu unberechenbar. Aber ich habe noch eine andere Hoffnung. Sie ist verbunden mit Jesus. Seine Botschaft und sein Leben strahlen eine Zuversicht aus, die mir gut tun.