Lichtblick der Woche

Hoffnung ist die Fähigkeit,
die Musik der Zukunft zu hören.

Glaube ist der Mut,
in der Gegenwart danach zu tanzen.

Peter Kuzmic

Diesen schönen Lichtblick bekamen wir von Britta.

Bild: Wandmalerei aus einem Grab in Theben, um 1400 v.Chr. Quelle: The Yorck Project (aus: Wikipedia)

Verstehst du mich?

Heute Vormittag waren wir beim Open-Air-Gottesdienst. Es war wieder mal eine tolle Stimmung. Mehrere hundert Menschen aus den Schnelsener und Niendorfer Gemeinden, Katholiken, Lutheraner und Freikirchler, feierten bei schönstem Wetter zum Thema „Offene Türen“. Keine Frage, die Türen waren offen. Mit der Ökumene haben wir traditionell keine nennenswerten Probleme. Wir verstehen uns prima.

Pfingsten1Und so ist das doch einmal gemeint gewesen, damals, als es angefangen hat in Jerusalem. Jesus war gestorben, aber seine Nachfolger – die Apostel – überkam es plötzlich: Sie gingen in die Öffentlichkeit, redeten von ihrem gekreuzigten Meister – und alle verstanden sie in ihrer eigenen Sprache. Und offensichtlich hatten sie, die doch mehrheitlich aus eher einfachen Berufen kamen, keine Probleme, die Herzen und Köpfe unterschiedlichster Menschen zu erreichen. Das bleibt für uns Predigende auch nach 2000 Jahren immer noch ein Ziel, das wir nicht immer erreichen. Heute aber wurde wirklich, was die Menschen damals schon erlebten: Sie waren einmütig beieinander und lobten Gott.

Pfingsten4Natürlich kann man nachfragen: Meinen wir wirklich alle dasselbe, wenn wir von Ökumene sprechen? Ökumene ist doch ganz einfach, sagen die einen. Ihr müsst nur alle wieder katholisch werden, wie vor der Reformation. Och, meinen die anderen, es würde uns schon reichen, wenn ihr uns als eigenständige Kirche anerkennt und bei uns zum Abendmahl kommt. Nun, da gehen wir lieber nicht so sehr ins Detail. Und im freundlichen und entspannten Miteinander im Alltag und beim Gottesdienst sind solche Fragen dann auch nicht so wichtig.

Viel schwieriger empfinde ich es aber, wenn ich unseren geschützten kirchlichen Raum verlasse. Da habe ich oft den Eindruck, dass wir verschiedene Sprachen sprechen. Nicht nur, dass ich Nichtkirchlern nur schwer begreiflich machen kann, was „Kyrie eleison“ im Allgemeinen und speziell für Gottesdienstbesuchende bedeutet. Schon beim Begriff „Religion“ fängt es an. Nicht wenige sind offenbar überzeugt davon, dass Religiöse mindestens merkwürdig, im Grunde aber irgendwie minderbemittelt sind. Und es fällt mir unglaublich schwer zu vermitteln, dass ich Religion und speziell die christliche trotz aller Zweifel sehr faszinierend und bedeutend finde.

Aber vielleicht geht es auch gar nicht darum, dass ich anderen Menschen den Glauben nahe bringe. Es geht auch anders herum. Da erklären mir andere, was ich an der Bibel bisher nicht so richtig verstanden habe. Zum Beispiel wenn Jesus sagt: Dein Glaube hat dir geholfen. Und Ärzte mir erklären: „Nun haben wir alles geschnitten und bestrahlt und therapiert. Jetzt kommt es auf Ihre Einstellung an: Wenn Sie mit Verstand und Gefühl an das Leben glauben und dem Krebs den Finger zeigen, dann kann das den Heilungsprozess enorm unterstützen.“ Dann ist das doch sehr vergleichbar, oder?

Das ist dann wie Pfingsten, nur andersherum.

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Bilder: (c) Erik Thiesen, vom Open-Air-Gottesdienst in Niendorf, Pfingstmontag 2017; die Karte mit dem pfingstlichen Altarbild von St. Ansgar, Niendorf, wurde dort verteilt.

Glaubenswahrheiten

Es war Ende der 80er Jahre. Gerade war das Buch von Uta Ranke-Heinemann „Eunuchen für das Himmelreich“ erschienen, in dem sie die Sexuallehre der katholischen Kirche scharf anprangerte und damit einigen Wirbel auslöste. Ich sprach damals darüber mit einem katholischen Theologiestudenten, und er sagte: „Was Ranke-Heinemann behauptet, ist falsch.“ Ich fragte ihn, woher er seine Information habe. Er meinte: „Die Kirche sagt es.“ Ich fragte: „Aber wenn die Fakten im Buch stimmen?“ Darauf er: „Dann ist es trotzdem falsch, weil die Kirche es so sagt.“ Er meinte es ernst. Und ich dachte: Das nenne ich mal ehrlichen Kadavergehorsam.

Ein Sprung in die Gegenwart. Gestern sagte mir eine Freundin: „Dein Blog sorgt auch zwischen mir und meinem Mann für Gesprächsstoff. Er sagte letztens, als wir uns darüber unterhielten: Ist dir eigentlich bewusst, dass du gerade die Auferstehung leugnest?“ Und ich dachte: Super, wenn dieser Blog diese Wirkung hat.

Dabei geht es mir keineswegs darum, dass jemand an seiner eigenen Kirche irre wird. Oder gar die Auferstehung in Zweifel zieht. Und doch: Wenn ich nur glaube, weil ein Papst es sagt oder weil es in der Bibel steht, dann glaube ich nicht selbst, sondern ich lasse glauben. Das gilt auch, wenn ich freiwillig auf das Denken und Erleben verzichte und mich auf andere verlasse.

Glauben ist für mich nicht das Fürwahrhalten dessen, was andere erlebt und gedacht haben. Der Theologe Lothar Steiger hat einmal geschrieben: „Glaube ist Suche nach einer verlorenen Geschichte.“ (Erzählter Glaube, 1978)

Im letzten Sommer glaubte ich endlich meine Geschichte gefunden zu haben. Es war eine Geschichte voller Leben und Freude, Erfolg und Dankbarkeit, Demut und Heilung, Spiritualität und Stille. Es war ein langer Weg dorthin.

Und dann verlor ich sie wieder mit einem Schlag an den Krebs. Seitdem bin ich wieder auf der Suche nach dem, was trägt. Nach Hoffnung auf eine Zukunft. Nach einem Gott, der uns endlich ein bisschen Ruhe gönnt. Und auch wenn dieser Gott uns schon einige Male enttäuscht hat, ich erwarte von ihm noch etwas. Noch eine ganze Menge Leben, wie Konstantin Wecker es einmal ausgedrückt hat. Ist das nicht ein anderes Wort für Auferstehung?

Nein, ich stelle die Auferstehung Jesu nicht in Frage. Ich halte sie für eine gute Geschichte. Eine Geschichte, die ich für mich, für uns wiederfinden möchte.

Show me the place

oder: Hilft mir der Glaube? Teil 2

Nach der Diagnose vor anderthalb Wochen, als eine neue Metastase entdeckt wurde, habe ich wieder Leonard Cohen gehört. You want it darker. Das ganze Album. Ich kann gut in dieser melancholischen Stimmung mitschwimmen. Und am Ende dann mitsummen: I wish, there was a treaty between your love and mine. So möchte ich auch sterben, mit Sehnsucht und Einverständnis im Herzen, alt und lebenssatt.

Aber noch nicht! Am vergangenen Freitag hatten wir Dr. Jutta Seeland zu Gast. Sie ist Ärztin für Psychotherapeutische Medizin im Ruhestand und hat sich sehr der Onkologie zugewendet. Sie beschwor uns geradezu, uns nicht dem Tod zuzuwenden, sondern dem Leben: „Sagen Sie nicht: Ich will nicht sterben. Sagen Sie: Ich will leben!“

Sie riet mir, dass wir uns mit unseren Plänen für die Route 66 beschäftigen sollen. Uns hineinversetzen in schöne Situationen, lachen und planen. Das würde, sagte sie, nicht nur die Heilung fördern, sondern nachweislich die Zellen im Körper verändern.

Dafür sollen wir den Begriff „palliativ“ aus unserem Denken verbannen. Es mag ja sein, dass ich medizinisch gesehen nur noch palliativ behandelt werden könne – und das heißt: nicht auf Heilung, sondern auf Begrenzung der Krankheit hin. Aber wer sagt denn, dass Heilung nicht mehr möglich sei? Jutta Seeland zumindest nicht.

Sie hat die Erfahrung gemacht, dass es drei Arten von Krebskranken gibt: Diejenigen, die sich dem Leben mehr zugewandt hätten als dem Leiden, die dem Krebs den Finger gezeigt und das Schöne bewusst gesucht und gelebt hätten, die hätten eine große Chance zur Heilung gehabt. Diejenigen, die sich weder gewehrt noch ergeben hätten, sondern immer treu die Behandlungen durchgeführt haben, ohne viel nachzudenken, hätten eine fifty-fifty-Chance gehabt. Und diejenigen, die sich in ihr Schicksal ergeben hätten, die wären auch eher gestorben.

Ein Freund erzählte, dass diese Erkenntnisse in der Psychosomatik längst bekannt seien. Und ich erinnerte mich an Forschungen über das Thema „Glaube und Heilung“. „So hat z.B. ein negatives Gottesbild mit entsprechenden Gefühlen eher ungünstige, ein positives Gottesbild eher günstige Effekte“, schreibt Sebastian Murken. Oder pointierter: „Eine Religion hilft vor allem denen, die stark daran glauben, dass sie ihnen hilft.“

Und glauben, so betont Jutta Seeland, heißt nicht nur denken, sondern vor allem auch fühlen.

Hm, dachte ich, und ich mit meinem Bild von einem unberechenbaren Gott? Ist ein solches Gottesbild nicht zu negativ? Aber ich habe kein anderes, zurzeit. Wie finde ich zum heilenden Gott? Mir scheint, dass es dieselbe Frage ist, die Leonard Cohen zu einem Song auf seinem drittletzten Album „Old Ideas“ inspiriert hat:

Show me the place, help me roll away the stone
Show me the place, I can’t move this thing alone
Show me the place where the word became a man
Show me the place where the suffering began.

Zeige mir den Ort, hilf mir den Stein hinwegzurollen. Ich kann dieses Ding nicht alleine bewegen. Zeig mir den Ort, an dem das Wort Mensch wurde. Zeig mir den Ort, an dem das Leiden begann.

Cohen, der Jude, nimmt eindeutig die christlichen Eckpunkte auf: Menschwerdung Jesu, Passion und Auferstehung. Nur in einer ungewöhnlichen Reihenfolge. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, sagt Jesus (Johannes 14, 6). Ich ahne, dass hinter diesen Worten mehr steckt – ein Geheimnis, das vielleicht nicht gelöst werden, dem man sich aber nähern kann.

Darüber muss ich weiter nachdenken.

(Die Zitate von Sebastian Murken stammen aus Schowalter, Murken, Religion und psychische Gesundheit S. 156, hier im Netz zu finden, und Ulrich Schnabel, Die Vermessung des Glaubens, S. 44, Blessing 2008)

Hilft mir der Glaube?

5. Teil der Reihe über die Exerzitien. Bingen, 19. Juli 2016
Die ersten vier Teile findest du hier, hier, hier und hier.

In der Bibel wird berichtet, dass Jesus Menschen geheilt hat. Danach sagt er zu manchen Geheilten: „Dein Glaube hat dir geholfen“. Während der Exerzitien wurden wir auch gefragt: Gab es Situationen, in denen dir dein Glaube geholfen hat? Die Antwort sollte mir nicht schwer fallen. Schon öfter haben mich Menschen darauf angesprochen: „Sie haben es gut, Herr Pastor. Sie haben einen Glauben, der Ihnen in schweren Situationen hilft.“

Leider ist es nicht ganz so einfach. Denn ich „habe“ keinen Glauben. Ja, ich habe Selbstvertrauen, das mir in manchen Situationen gute Dienste getan und eine gewisse Naivität, die mir schon manchmal geschadet hat. Ich habe einen Verstand, der mich Dinge erkennen lässt und ich habe manchmal Angst, die mich lähmt. Aber einen Glauben, den ich haben könnte, kann ich bei mir nicht so recht identifizieren. Zumindest fehlt mir der Glaube an einen Gott oder eine Heilige wie Aldegundis von Maubeuge, die meine Krankheit auf magische Weise heilen könnten. Ich vertraue dann doch eher auf die Ärzte, die mir schon nachweislich das Leben gerettet haben.

Und doch gibt es da etwas, das nicht recht zu fassen ist. Bei meinem Gespräch vor meiner ersten OP meinte der Chefarzt, nachdem er mir sein Vorgehen erklärt hatte: „Und das Übrige legen wir in höhere Hände.“ Ich dachte, er würde das sagen, weil ich Pastor bin. Deswegen meinte ich, dass ich schon auf seine ärztliche Kunst vertrauen würde. Aber er bekräftigte: „Wir sind nur die Ausführenden.“ Offensichtlich rechnete er mit einer höheren Macht. Und seltsam, diese Demut, die er zeigte, steigerte mein Vertrauen in ihn.

Auch die Mediziner erwarten nicht alles von der Schulmedizin. Ob Onkologinnen oder Chirurgen, Psychologen oder Vertreterinnen der Chinesischen Medizin, sie alle betonen: Es kommt ganz wesentlich auf die Einstellung an. Der Mediziner und Kabarettist Eckart von Hirschhausen preist die Wirkung von Placebos – Medikamenten, die keine Wirkstoffe enthalten. Ja, er meint sogar: Placebo ist gelebtes Christentum. Ich sehe da auch deutliche Parallelen zum Glauben.

In der Bibel steht: „Was ist denn der Glaube? Er ist ein Rechnen mit der Erfüllung dessen, worauf man hofft, ein Überzeugtsein von der Wirklichkeit unsichtbarer Dinge.“ (Hebräer 11,1, Neue Genfer Übersetzung) Ja, ich bin davon überzeugt, dass es diese unsichtbaren Dinge gibt. Und ich hoffe – auf eine gute Diagnose, auf das Glück meiner Familie, auf ein entspanntes Zusammenleben im Stadtteil und auf noch manch anderes. Aber rechne ich auch mit der Erfüllung? Manchmal habe ich dieses Zutrauen. Dann aber habe ich auch wieder das Gefühl, über sehr dünnes Eis zu gehen. Nein, diesen Glauben „habe“ ich nicht. Ich bitte aber darum.

Christentum to go

  1. Teil. Gott

Neben unserer Kirche befindet sich eine berufsbildende Schule. Zum Stundenplan gehört dort auch das Kennenlernen fremder Religionen. Zwei Schülerinnen hatten die Aufgabe, das Christentum darzustellen. Die Lehrerin fragte, ob sie das auch in der Kirche machen könnten. Kein Problem. Die beiden machten das auch gut und hatten eine Idee, die mich sehr faszinierte. Sie verteilten an alle ein kleines Heftchen im DIN-A-7-Format mit dem Titel „Christentum to go“ – acht Seiten mit Stichworten zu Glauben, Dreifaltigkeit, Kreuz, Bibel, Konfessionen. Dazu noch Raum für Notizen und Quellenangaben.

ctg2Stark, dachte ich. So etwas brauchen wir. Normalerweise kommen die Essentials des Glaubens in Büchern von 30 bis 1200 Seiten daher. Und ich versuchte es selbst einmal mit „Christentum to go“.

Zuerst die Themen, das war gar nicht mal so schwer. Acht Seiten: Titel, Gott, Jesus, Heiliger Geist, Bibel, Glaube/Spiritualität, Kirche. Dazu Links, Literatur und Adressen. Ein Thema pro Seite, ein paar Stichworte und ein Bild.

Titel war klar. Erstes Thema: Gott. Und hier scheiterte schon fast das ganze Projekt. Denn wie kann man Gott in ein paar Stichworten beschreiben? Ja, was kann man überhaupt über ihn sagen? Gar nichts, sagen Platoniker und Mystiker, eigentlich nur das, was er nicht ist. Dafür machen andere Theologinnen und Theologen umso mehr Worte um ihn.

Wie fasse ich also meine Vorstellungen über Gott kurz zusammen – so, dass sie verständlich sind und irgendwie allgemeingültig? Über Wochen startete ich immer mal wieder einen Versuch, verbesserte, entfernte, veränderte. Die vorläufig letzte Fassung habe ich während der Exerzitien in Bingen geschrieben. Ich möchte sie hier zur Diskussion stellen:

GOTT – das Höchste und Tiefste, das Fernste und Nächste. In allem und allem gegenüber. Nicht zu fassen. Was allem Sinn gibt. Die Liebe. Schöpfer des Universums. Gott gibt mir, was ich zum Leben brauche.

In der ursprünglichen Fassung stand auch: Gott liebt mich. Das kann ich heute nicht mehr so einfach sagen. Denn zur Liebe Gottes gehören offenbar auch Schläge und Liebesentzug – wenn ich an meine eigenen Leiden und vor allem die in der Welt denke. Sicher, früher war es schon ein Ausdruck von Elternliebe, sein Kind zu schlagen (z.B. Sprüche Salomos 23, 13-14). Damit konnte man dann auch die „Züchtigung“ Gottes erklären oder gar rechtfertigen. Nach den Grundsätzen heutiger Erziehung ist das schwierig geworden. Also: Warum schlägt Gott seine Kinder und wie geht das mit seiner Liebe zusammen? Das würde ich mit ihm gerne noch einmal ausdiskutieren.

Aber vielleicht habt ihr ja eine andere Meinung und andere Ideen, was man über Gott sagen kann oder sollte oder eben nicht. Ich bin gespannt.

Der Charme des Atheismus

  1. Teil der Reihe über den Atheismus

Die Auseinandersetzung mit dem Atheismus hat für mich schon immer einen großen Reiz gehabt. Schließlich geht es bei der Frage nach Gott nicht nur um die Fundamente der Erkenntnis und der Welt, sondern vor allem auch um meine persönlichen Grundlagen. Für mich als Pastor ist das ja besonders heikel. Käme ich zur Erkenntnis, die ganze „Sache mit Gott“ (Heinz Zahrnt) wäre Unsinn, wäre meine berufliche Zukunft gefährdet. Käme ich zum Schluss, an „Gott“ wäre etwas dran, könnte deshalb der Wunsch der Vater des Gedankens sein.

Atheisten lehnen den Theismus, das heißt den Glauben an einen persönlichen Gott, ab. Religiöse Menschen, sagen sie, glauben an einen imaginären Freund. Aber das beruhe nur auf Einbildung. Niemand hat Gott je beweisen können.

„Man kann aber auch nicht seine Nichtexistenz beweisen“, sagen andere. „Man weiß es eben nicht. Wir halten uns raus.“ Das sind dann die Agnostiker.

Wer hat nun Recht? Gibt es denn nun (einen) Gott oder nicht?

Die Antwort der Naturwissenschaft ist eindeutig: Selbst wenn es ihn gäbe, interessiert er uns nicht. Wissenschaft basiert auf dem Grundsatz „etsi deus non daretur“ – das ist lateinisch und heißt „als wenn es Gott nicht gäbe“. Und die letzten 400 Jahre haben gezeigt: Gott als Erklärungsmodell für irgendwelche Ereignisse in dieser Welt hat ausgedient. „Jedes Mal, wenn die Kirche ihr eigenes Bild von dem, was in der Welt geschieht, vorlegte und wenn es gleichzeitig zum selben Thema eine wissenschaftliche Alternative gab, hat diese sich als die bessere erwiesen. Jede Schlacht wurde von der Kirche verloren und zwar unwiderruflich.“ (Pascal Boyer, zit. nach „Glaube und Wissen“)

Da können mich auch zwei „Gottesbeweise“ nicht überzeugen, die heute noch eine Rolle spielen. „Wenn die Theorie vom Urknall stimmt – was war vor dem Urknall?“, fragen einige. Eine Variation ist die Aussage: „Wir werden nie alle Fragen wissenschaftlich beantworten können.“ Beide Aussagen weisen Gott einen Platz am Rande unserer Erkenntnis zu. Gott ist dort, wo unser Verstand (noch) nicht hinreicht. Das eliminiert Gott aus unserer erfahrbaren Welt – und für die Wissenschaft ist das auch kein Problem: Sie hat nicht den Anspruch, „alles“ zu erklären, sondern sie will forschen ohne Denkverbote. „Gott“ an irgendeiner Stelle der Theorie stört dann nur.

Der „Gottesbeweis“ des Mathematikers Kurt Gödel geht auf Leibniz zurück, der meinte: Wenn man etwas denken kann, gibt es das auch. Da ich Gott denken kann… Und damit schrumpft Gott auf eine Theorie meines Geistes. Mathematisch bestimmt schlüssig, theologisch fragwürdig.

Dagegen finde ich Florian Freistetters Argumentation sehr überzeugend, der zum Schluss kommt, „dass sämtliche ‚Gottes‘-Begriffe, die der Menschheit bisher eingefallen sind, zuverlässig widerlegt wurden. Aus diesem Grund, kann man beruhigt feststellen, dass es mit absoluter Sicherheit keine „Götter” geben kann … (Das schließt) natürlich nicht aus, dass es einen Bereich des Seins gibt, in dem unsere Vernunft versagt. Aber zu diesem Bereich können wir eben nichts sagen. Gar nichts … Ludwig Wittgenstein formulierte (es) einmal sehr treffend in Satz 7 seines Tractatus logico-philosophicus …: ‚Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.‘”

Hundert zu null also für die Wissenschaft? Der Wissenschaftler in mir ist an dieser Stelle zufrieden. Der Pastor aber sagt: Da muss es doch noch etwas geben…?