Sapere aude

„Habe den Mut, weise zu sein“, lautet das lateinische Sprichwort. Immanuel Kant machte es zum Motto der Aufklärung und übersetzte: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Im Grunde könnte dieser Satz aber auch der Bibel entstammen… 

Der heutige Gottesdienst stand unter dem Motto „Glaube und Wissen“. Ausgangspunkt war ein Text aus dem Buch Kohelet, Kapitel 7,15-18 (E).

15 In meinen Tagen voll Windhauch habe ich beides beobachtet: Es kommt vor, dass ein gesetzestreuer Mensch trotz seiner Gesetzestreue elend endet, und es kommt vor, dass einer, der sich nicht um das Gesetz kümmert, trotz seines bösen Tuns ein langes Leben hat. 1Halte dich nicht zu streng an das Gesetz und sei nicht maßlos im Erwerb von Wissen! Warum solltest du dich selbst ruinieren? 1Entfern dich nicht zu weit vom Gesetz und verharre nicht im Unwissen: Warum solltest du vor der Zeit sterben? 1Es ist am besten, wenn du an dem einen festhältst, aber auch das andere nicht loslässt. Wer Gott fürchtet, wird sich in jedem Fall richtig verhalten.

Begrüßung:

Liebe Gemeinde, herzlich willkommen zu diesem Gottesdienst am Sonntag Septuagesimae. „Credo quia absurdum“ lautete in der Alten Kirche ein geflügeltes Wort: Ich glaube, weil es absurd ist. Das klang damals nicht ganz so widersinnig wie heute. Denn damals setzte man gleichberechtigt neben das Vernunftwissen das Erfahrungswissen. So schreibt Paulus (1. Korinther 1,18): „Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft.“ Wenn wir im unvernünftigen Wort vom Kreuz Gottes Kraft erfahren, dann ist Gott anders als wir meinen, und mit dem Menschen und seiner Vernunft kann etwas nicht stimmen. Der moderne Mensch aber setzt die Vernunft an die erste Stelle und kommt zum Schluss, dass dann mit Gott etwas nicht stimmen kann.

Müssen wir also, wenn wir an das Wort vom Kreuz glauben wollen, denken wie die vormittelalterlichen Menschen? Oder gibt es eine Brücke zum modernen Denken? Für diese Frage habe ich einen interessanten Gesprächspartner gefunden. Einen Denker aus der ganz alten Zeit, der sehr modern gedacht hat. Kohelet, den Prediger Salomo.

In diesem Gottesdienst soll aber nicht nur das Denken zu seinem Recht kommen, sondern auch das Feiern: Musik und Singen, Beten und Hören und Segnen – in christlicher Gemeinschaft unter Beteiligung des Heiligen Geistes, der mit dem Vater und dem Sohn lebt und regiert von Ewigkeit bis Ewigkeit. Amen.

Und die Predigt:

Liebe Gemeinde!

Obwohl sich das Wissen der Menschen enorm vergrößert hat und wir durch das Internet Zugang zu allen möglichen Informationen haben, halten sich immer noch eine Reihe von populären Irrtümern. Sie werden immer weitererzählt, sind aber trotzdem falsch. Falsch ist z.B., dass die Menschen im Mittelalter dachten, die Erde sei eine Scheibe, dass die Wikinger Helme mit Hörnern trugen und die Beatles und Rolling Stones miteinander verfeindet waren. Das alles kann man auch überall bei ernsthaften Wissenschaftlern nachlesen.

Es gibt aber einen Irrtum, dem selten widersprochen wird, gerade auch von Wissenschaftlern. Und das ist die Meinung, dass Glauben und Wissen Gegensätze seien. Und Wissen besser sei als glauben.

Gut, früher glaubten die Menschen, Jupiter schleudert die Blitze und die Erde ist in 7 Tagen à 24 Stunden erschaffen – und einige glauben das heute immer noch. Aber wir wissen es eigentlich besser. Und keine Frage: Da ist das Wissen dem Glauben überlegen.

Aber es gibt ja noch ein anderes „glauben“. Wenn ich sage: Ich glaube, dass es regnet, heißt es: Ich weiß es nicht, ich vermute mal. Wenn ich es wissen will, muss ich es anschauen, untersuchen, prüfen. Ich muss mich distanzieren, damit ich ein möglichst objektives Urteil fällen kann.

Wenn ich an etwas glaube, an den Sieg des HSV, an meine Kinder, an die Liebe oder auch an Gott, dann muss ich es ganz nah an mich heranlassen. Dann werde ich emotional, subjektiv. Der Glaube an die Kinder oder an Gott hat mit Logik nicht mehr viel zu tun; er ist eine Frage der Beziehung. Dann gibt es auch, objektiv gesehen, plötzlich mehrere Wahrheiten. Denn andere glauben an Borussia Dortmund und hoffentlich ihre eigenen Kinder.

Alles also nur ein großes Missverständnis, weil wir glauben und glauben nicht auseinanderhalten können? Religion und Wissenschaft gehören also nur in verschiedene Schubladen – wobei die Religion in unserer Gesellschaft immer mehr an Bedeutung verliert.

So dachte ich. Und dann lernte ich, dass Religion und Wissenschaft durchaus in eine Schublade gehören und sich nicht ausschließen müssen, ja, dass die Wissenschaft sogar ihre Wurzeln im Glauben, in der Religion hat.

Am Anfang jeder Wissenschaft steht die Frage: Könnte es nicht sein, dass…? Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem und jenem? Eine Theorie wird aufgestellt und wieder verworfen, und so erweitert sich das Wissen von der Welt. Und je mehr wir wissen, desto mehr können wir beeinflussen.

Und genauso ist die Religion entstanden. Die Ägypter erkannten Zusammenhänge zwischen den Sternen und dem Nilhochwasser. Ihre Theorie: Da wirken Götter im Hintergrund. Und je besser wir diese Götter verstehen, desto mehr können wir sie beeinflussen.

Und genauso lesen wir es auch in der Bibel. Ursprünglich, so lesen wir in der Schöpfungsgeschichte, lebten Mensch, Natur und Gott in einer engen Beziehung. Dann stellt die Schlange die Frage: Sollte Gott gesagt haben…? Gott wird Objekt einer Untersuchung – der Anfang der Wissenschaft. Die enge Beziehung bricht auseinander. Und einen Weg zurück gibt es nicht, denn ein Engel steht davor. Der Garten wird zum Dornenfeld. Schmerzen und Leid gehören nun zu uns Menschen. Und wir können diese Folgen nur in den Griff bekommen, wenn wir forschen und erfinden, in der Landwirtschaft wie in Medizin und Technik. Macht euch die Erde untertan. Wir sind auf diesem Weg schon ganz schön weit gekommen. Und all das wird in der Bibel nicht Sünde oder Sündenfall genannt, sondern einfach nur erzählt.

In der Bibel geht es dann nicht so sehr um Fragen der Technik, sondern des Zusammenlebens: Was ist richtig, was falsch, damit wir leben und überleben können? Wenn sich etwas als erfolgreich erwies, wurde es aufgeschrieben und bekam mit der Zeit vielleicht sogar den Rang eines göttlichen (Zehn-)Gebots. Nach diesem Prinzip fanden auch die Propheten ihren Eingang in die Bibel – wenn ihnen der Lauf der Geschichte Recht gegeben hatte.

Die Autoren der Bibel waren Forscher. Und das gilt besonders für den, den Martin Luther den „Prediger“ genannt hat. Sein Name „Kohelet“ hat aber vielmehr mit „versammeln“ zu tun. Er sammelt Sprüche und Weisheiten – aber nicht die alten, die überlieferten und bewährten. Er beobachtet selbst.

Kohelet ist ein Philosoph ganz im Sinne des Sokrates. „Ich richtete“, schreibt er am Anfang des Buches, „mein Herz darauf, die Weisheit zu suchen und zu erforschen bei allem, was man unter dem Himmel tut.“ Und das macht er, konsequent und ohne Kompromisse. Er sieht die Welt an, und er ist erschüttert. Das Leben? Ein Hauch, mehr nicht. Gott? Auch er schenkt keine Geborgenheit mehr, sondern ist unberechenbar und letztlich ungerecht. Eine Gerechtigkeit nach dem Tod gibt es für Kohelet nicht. Das Streben nach Sicherheit ist sinnlos. Ja, selbst die Moral ist relativ. Kohelet ist der Existentialist unter den biblischen Autoren, melancholisch, manchmal sogar pessimistisch.

Und dann gibt er auch Ratschläge gegen den Weltschmerz: „Sieh, was ich Gutes sah: Es ist schön, zu essen und zu trinken und Gutes zu genießen für all die Mühe und Arbeit unter der Sonne in der ganzen Zeit seines Lebens, die Gott einem gegeben hat.“ Und er meint es keineswegs ironisch wie später Paulus, sondern wiederholt diesen Rat an mehreren Stellen.

Gut, er sieht auch, dass es den einen mehr als anderen vergönnt ist zu genießen. Wir sollten es akzeptieren, meint er. Und uns im Übrigen an Gott und seine Gebote halten. Was das allerdings genau bedeutet, wird bei ihm nicht so ganz klar. Auf alle Fälle nicht übertreiben, meint er, weder mit den Gesetzen noch mit dem Wissen:

Halte dich nicht zu streng an das Gesetz und sei nicht maßlos im Erwerb von Wissen! Warum solltest du dich selbst ruinieren? Entfern dich nicht zu weit vom Gesetz und verharre nicht im Unwissen: Warum solltest du vor der Zeit sterben? Es ist am besten, wenn du an dem einen festhältst, aber auch das andere nicht loslässt. Wer Gott fürchtet, wird sich in jedem Fall richtig verhalten.

Kohelet hat gesehen, wie schnell Gesetzestreue in Selbstgerechtigkeit und Einbildung umschlagen kann. Er weiß, dass das Wissen zum Guten wie zum Schlechten verwendet wird und dass alles, was doch dem Leben dienen soll, schnell auch zum Tod führen kann.

Wer die Kunst des Maßhaltens beherrscht, so seine Überzeugung, der findet Ruhe in seiner Seele. Ganz ähnlich hören wir es von den griechischen Philosophen. Und er gibt uns den Rat: „Geh deinen Weg mit Verstand und mit offenen Augen.“ Das klingt auch sehr nach dem „Sapere aude“, das der Aufklärer Immanuel Kant viele Jahrhunderte später verkündete: Wage es, selber zu denken.

Wenn wir selber denken, können wir allerdings auch zu anderen Schlüssen kommen als Kohelet. Es kann Zeiten geben, in denen der Mittelweg nicht der richtige ist, in denen man sich entscheiden muss. Oder in denen man sich am besten ganz zurückhält. Und was für den einen gilt, muss für die andere noch lange nicht stimmen. Wir stehen an ganz unterschiedlichen Stellen in unserem Leben und haben ganz verschiedene Aufgaben. Das finden wir aber nur heraus, wenn wir uns unseres eigenen Verstandes bedienen.

Warum nur sind Wissenschaft und Glaube in einen Gegensatz geraten? Weil wir angefangen haben, an die Autoren der Bibel zu glauben und nicht, wie sie zu glauben. Wir haben gemeint, die Bibel wäre irgendwann vor fast 2000 Jahren abgeschlossen gewesen. Aber sie wird weitergeschrieben, durch jeden, jede von uns. Jeden Tag.

Wir sind, wie die Autoren der Bibel, auf einer Pilgerreise durch ein Land, das uns bekannt ist und dann wieder ganz neu. Wir haben keine Sicherheit – noch nicht einmal die, dass Gott uns trägt und wir tatsächlich ans Ziel kommen. Wir haben nur sein vages Versprechen: Ich werde mit dir sein. Ob es stimmt, werden wir nur herausfinden, wenn wir gehen. Und Pilger reisen mit leichtem Gepäck. Pablo Neruda nennt die Dinge, die wir brauchen. Er schreibt:

Nur drei Dinge nahm er mit
auf seine Pilgerreise:
die Augen geöffnet für die Weite,
die Ohren gespitzt
und den leichten Schritt.

Amen.

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Beitragsbild: Motto der Manchester Grammar School, by Sallyannewilliamson – Own work, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9950216

Ein Lehrer

Gestern habe ich mal wieder in alten Zeiten geschwelgt. Wir haben nach der Untersuchung im UKE einen Ausflug in Hamburgs Osten gemacht und das Ehepaar Diehn besucht.

Dr. Otto Diehn hatte ich vor gut 30 Jahren kennengelernt, als ich nach dem 1. Examen nicht sofort ins Vikariat wollte und eine Alternative suchte. Er bot mir eine Stelle als Assistent in der „Volksmission“ an, einem Arbeitszweig des „Nordelbischen Gemeindedienstes“. Hier lernte ich innovative Formate der kirchlichen Arbeit kennen wie den „Cursillo“ und vor allem das Projekt „Neu anfangen“. Vor einem Jahr habe ich davon schon einmal berichtet.

Diehn.jpgOtto Diehn war im November 90 Jahre alt geworden. Zur Feier, die der „Freundeskreis der Volksmission“ für ihn ausgerichtet hatte, konnte ich nicht kommen; eine Hirn-OP kam dazwischen. Deshalb verabredeten wir ein persönliches Treffen. Und es wurden wunderbar leichte drei Stunden. Natürlich erinnerten wir uns an gemeinsame Erlebnisse, erzählten aber auch darüber hinaus, wie wir wurden und was wir jetzt sind. Wir entdeckten, dass Frau Diehn und Ute denselben Beruf haben – Bibliothekarin. Dass uns ähnliche Fragen beschäftigen, sie wegen des Alters und uns wegen der Krankheit. Und ich hatte den Eindruck, dass wir trotzdem große Lust hatten, noch einmal dort anzusetzen, wo wir damals aufgehört hatten.

Immer noch waren die beiden begeisterungsfähig, offen und neugierig – Eigenschaften, durch die Otto Diehn seine Projekte damals entwickeln und umsetzen konnte. Er schaute sich dabei bei Organisationen um, um die ein liberaler Volkskirchler einen Bogen gemacht hätte. „Campus für Christus“, im Original sogar „Campus Crusade“, Kreuzzug für Christus, hatte eine Werbekampagne entwickelt, die „Menschen für Christus gewinnen“ sollte: „Ich hab’s gefunden“. In der Schweiz hieß sie dann „Aktion Neues Leben“. Und die Katholiken hatten einen „Kleinen Glaubenskurs“, einen „Cursillo“ entwickelt, der tief in der katholischen Lehre verwurzelt war und Menschen in die Gemeinde integrieren sollte. Und auch hier war die theologische Grundannahme: „Christus ist die Antwort auf unsere Fragen und Probleme.“

In beiden Fällen war Otto Diehn begeistert und beschloss: Das machen wir auch bei den Protestanten in Norddeutschland. Genau so. Nur ganz anders. Aus der „Aktion“ wurde ein „Projekt“, aus „Ich hab’s gefunden“ „Christen laden ein zum Gespräch“. Aus der Vermittlung christlich-katholischer Lehre wurde ein offener Austausch über Glauben und Zweifel, eigenen Erfahrungen und kirchlicher Lehre. Wichtig war die Beteiligung und Befähigung von Laien – Geistliche hatten sich zurückzuhalten.

Lag es daran, dass Otto Diehn kein Pastor, sondern Lehrer war? Er hatte ein besonderes pädagogisches Gespür und konnte Menschen dazu ermutigen, gerne Neues zu lernen. Als er noch Referendar war, so erzählte er, sollte er eine Oberstufenklasse in Religion übernehmen, in der schon drei Referendare unterrichtet hatten. Vor der Tür stand ein Schüler, der ihm erklärte: Wir werden mit Ihnen nicht arbeiten. Von Referendaren haben wir genug. Er ging in die Klasse und sagte: Sie wollen mit mir nicht arbeiten? Das ist schade, auch im Hinblick auf meine Prüfung. Aber ich mache Ihnen einen Vorschlag: Ich gehe jetzt nach Hause, und wir überlegen bis zur nächsten Stunde, ob und wie wir nicht doch noch etwas gemeinsam machen können. Mit dieser Klasse, meinte Otto Diehn, habe er noch manches Schöne unternommen. Eine solche Souveränität hätte ich mir als Mittzwanziger auch gewünscht.

Bei aller Offenheit spürt man, dass das Ehepaar Diehn eine feste Grundlage und Haltung besitzt. Ihr Rückhalt ist die Gemeinschaft der Ansverus-Communität. Und die, die sie untereinander pflegen. Renate Diehn hatte ihren Beruf aufgegeben, um ihn zu unterstützen. „Sie war die Kantorin“, meinte er – und da der a-capella-Gesang in den Kursen und Projekten eine zentrale Rolle spielte, war das eine wichtige Position. Aber ich bin mir sicher, dass die beiden auch darüber hinaus einen intensiven Austausch pflegen.

Otto Diehn war ein Lehrer. Er war mein Lehrer. Sicher, seine organisatorischen Fähigkeiten habe ich nie auch nur annähernd erreicht. Aber er hat mir neue Glaubenswelten erschlossen, von denen er selbst begeistert war. Und vor allem hat er mir gezeigt, wie groß das Leben sein kann, wenn man – ausgehend von einem tragfähigen Fundament – mit Offenheit und Neugier und ohne große Berührungsängste die Welt erkundet.

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Beitragsbild: Von Anonym – Camille Flammarion, L’Atmosphère: Météorologie Populaire (Paris, 1888), pp. 163, (Neugier). Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=318054
Bild mit Renate und Otto Diehn © Ute Thiesen

Gegen das Drehbuch

Am 24. Dezember veröffentlichte das Hamburger Abendblatt auf der Titelseite eine Geschichte mit dem Titel „Es begab sich in Ostfriesland…“. Ich empfehle allen, die sie gelesen haben oder auch nicht, das Original von Ruth Schmidt-Mumm „Wie man zum Engel wird“ (für den vollen Genuss jetzt, denn es folgt eine kleine Zusammenfassung).

Die 6. Klasse richtet traditionell das jährliche Krippenspiel aus. Doch in diesem Jahr kann die Rolle des Wirts nicht besetzt werden, da es an Jungen mangelt. Da soll Tim, der kleine Bruder des Joseph-Darstellers, einspringen. Er hat ja nur einen Satz zu sagen: Kein Zimmer mehr frei. Tim sagt zu. Und bei der Probe klappt auch alles.

Als Joseph jedoch bei der ersten Vorstellung fragt: „Habt ihr ein Zimmer frei?“, antwortet Tim, der Wirt: „Ja, gerne.“ Und er lässt sich auch durch die Improvisationen des Joseph nicht davon abbringen. Nach der Vorstellung meint er zur Begründung, „dass Joseph eine so traurige Stimme gehabt hätte, da hätte er nicht nein sagen können, und zu Hause hätten sie auch immer Platz für alle, notfalls auf der Luftmatratze“. Aber bei der nächsten Vorstellung, so verspricht er, wolle er die richtigen Worte sagen.

Doch auch die zweite Vorstellung geht schief. „Für die dritte und letzte Aufführung des Krippenspiels in diesem Jahr wurde Tim seiner Rolle als böser Wirt enthoben. Er bekam Stoffflügel und wurde zu den Engeln im Stall versetzt. Sein „HaIleluja“ war unüberhörbar, und es bestand kein Zweifel, dass er endlich am richtigen Platz war.“

Für mich ist es das schönste Krippenspiel, das ich je gesehen, gehört oder gelesen habe – noch weit vor „Hilfe, die Herdmanns kommen“ von Barbara Robinson (und der Ostfriesen-Fassung im Abendblatt). Deshalb habe ich sie auch 2005 zur Grundlage meiner plattdeutschen Ansprache zum Waldsingen gemacht und neun Jahre später zum Krippenspiel umgearbeitet.

Und ihre Botschaft finde ich heute wichtiger denn je: dass wir uns dem unbarmherzigen Drehbuch des Lebens einfach widersetzen. Selbst dann, wenn wir zu den „Engeln“ abgeschoben werden, wo wir keinen „Schaden“ mehr anrichten können.

Aber ist dieser Schaden nicht schon längst entstanden? Sicher, das Drehbuch schreiben wir ebensowenig um wie Tim. Und oft genug werden wir in die Ecke der Engel, der Gutmenschen und Träumer gestellt. Aber das „Ja, gerne, natürlich haben wir noch einen Platz frei für Menschen, die ihn brauchen“, ist nun mal in der Welt. 2015 gilt bei vielen als das Jahr, in dem wir die Kontrolle über unsere Grenzen verloren haben, und als Anfang vom Ende von Merkels Kanzlerschaft. Für mich ist es das Jahr, in dem sich gezeigt hat, wie viel Hilfsbereitschaft und Gemeinsinn und Lust an Nächstenliebe in uns Deutschen steckt. „Wir schaffen das“ ist Merkels stärkster Satz gewesen. Leider hat sie selbst nicht darauf vertraut.

Dabei ist das doch ein zutiefst christlicher Satz. Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“, heißt es im Psalm (18,30). Und Jesus sagt: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ (Markus 9,23) Und auf dieser Linie liegt auch der Satz von David Ben Gurion, den Ute mir vor kurzem vorgelesen hat: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“

Wie schwer ein solcher Glaube sein kann, muss uns niemand erzählen. Aber er ist unsere einzige Chance gegen ein unbarmherziges Drehbuch. Er ist unsere Chance auf Leben.

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Beitragsbild: Hosterwitzer Krippenspiel in der Schifferkirche „Maria am Wasser“, Dresden, Bild von Dr. Bernd Gross – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30491624

Heilige heidnische Weihnachten

Eigentlich dürfte Weihnachten gar nicht mehr existieren, denn gefühlt alle Menschen haben etwas dagegen: Die einen finden den Konsum ganz furchtbar, die anderen beklagen sich über zu wenig Geschenke. Die Familien versinken im Stress, die anderen verfallen in Depressionen, und die dritten fliegen in den Süden oder fahren wenigstens nach Dänemark. Die Heiden beschweren sich über den christlichen Überbau und betonen die Tradition des Sonnenwendfestes, die Christen beklagen die heidnische Ausgestaltung.

In der Tat hat die heutige Weihnachtsfeier nicht mehr viel mit den original christlichen Traditionen zu tun. In amerikanischen Weihnachtsfilmen wird zwar sehr viel für den Glauben geworben, aber nicht den an Jesus oder Gott, sondern an Santa Claus. Und selbst hierzulande kann man die Krippenspiele nur als grobe Verfälschungen der biblischen Aussagen bezeichnen (beliebte Quizfragen: Gab es in der Bibel Esel, Ochse, Wirt, eine überfüllte Stadt, die Heiligen drei Könige, den Stern, der den Hirten erschien? Nein, nichts davon!).

All das war mir natürlich von Anfang an bekannt. Und trotzdem habe ich jedes Jahr wieder ein Krippenspiel verantwortet, die rührendsten Geschichten erzählt, vom Zauber der Weihnacht gepredigt und mich gefreut, dass so viele Menschen in der Kirche waren. Und ich stehe dazu.

Auch wenn es Lukas 2 in fast jedem Gottesdienst im Wortlaut gab, selbst in den Familiengottesdiensten – ich verstehe meine Aufgabe als Pastor nicht so, dass ich die Bibel vorlesen oder auslegen soll. Ich möchte die Botschaft des Evangeliums verkündigen, das ist etwas anderes. Denn diese Botschaft muss heute anders lauten als damals, weil die Umstände und Verhältnisse ganz andere sind. Deshalb darf ich an Weihnachten zum Beispiel von Flüchtlingen sprechen, obwohl in der ganzen Weihnachtsgeschichte kein einziger vorkommt.

Ich habe als Pastor meine Aufgabe weniger darin gesehen, Seelen zu retten. Das erschien mir immer eine Nummer zu groß, und deshalb habe ich es Gott überlassen. Aber ich habe mich immer gefreut, wenn Menschen, sinngemäß, gesagt haben: Meine Seele ist größer geworden, freier. Jetzt sehe ich etwas in der Welt und in meinem Leben, was ich vorher daraus nicht habe entnehmen können: Einen Zauber, eine Bedeutung, eine Kraft, eine Richtung, ein Ziel. Einen Gott.

Wenn ich es richtig einschätze, sehen die meisten Menschen in ihrem Leben keinen wirklichen Sinn. Und wenn, dann den, den sie sich selbst geben. Und irgendwie haben sie auch recht. Es gibt keinen Lebenssinn an und für sich und für alle Menschen gleich. Man muss ihn für sich schon irgendwie herausfinden. Wenn man partout keinen sieht, ist das aber sehr schwer

Mein Glaube besteht darin, dass es für jeden Menschen diesen Sinn gibt. Dass jedes Leben zauberhaft ist und bedeutungsvoll. Dass Gott schon unter uns und in uns wohnt. Und wir ihn nur entdecken müssen. Und Weihnachten ist ein wunderbarer Anlass, gemeinsam auf diese Entdeckungsreise zu gehen.

Und auch das ist die Botschaft des Kindes in der Krippe: Hier fängt etwas an, etwas Bedeutungsvolles, und es ist noch nicht abzusehen, wohin es führen wird.

Deshalb werde ich den Menschen in dieser Zeit weiterhin „Gesegnete Weihnachten“ oder zumindest „Fröhliche Weihnachten“ wünschen, und nicht „Happy Holidays“ oder „Season’s Greetings“ oder irgendwelche deutschen Ableger. Weil darin nun wirklich kein Zauber und keine Bedeutung mehr zu spüren sind.

Deshalb sind die Suchbewegungen nach dem Sinn von Weihnachten, wie sie in den Medien und Gesprächen jedes Jahr um diese Zeit geführt werden, oft so viel spannender als viele Predigten, die die Antwort schon gefunden haben, ehe die Frage gestellt wurde. Und mir deshalb die Frage, die ich zu stellen habe, gleich mit vorgeben.

Ja, Weihnachten ist furchtbar: zu stressig, zu viel Konsum, zu heidnisch, zu kitschig, zu … ach, es gibt eine ganze Menge, was man an diesem Fest aussetzen kann. Und Weihnachten ist wunderbar. Soviel Zauber, soviel Gemeinsamkeit, soviel Mühe um Menschen, die man liebt, aber auch die, denen man sonst im Jahr aus dem Weg geht. Soviel Zukunft und Hoffnung und Schönheit. Ostern mag vielleicht, christlich gesehen, bedeutender sein. Weihnachten aber ist schöner, zweifellos.

Lichtblick der Woche

Heute ist es wieder so weit: Seit vielen Jahren gehört „Der kleine Lord“ zu unserem Adventsprogramm – und die ganze Familie versammelt sich vor dem Fernseher. Familienfilm Kleiner LordNatürlich haben wir den Film inzwischen aufgezeichnet – für den Fall, dass jemand nicht zum Sendetermin dabei sein kann. Aber das versuchen wir zu vermeiden – und das ist schon der erste Lichtblick: dass alle mit dabei sein wollen. Der zweite ist, wenn wir alle live dabei sind. Und der dritte ist die Botschaft des Films: Unbeirrt an das Gute im Menschen und in der Welt glauben, dann wandeln sich selbst misanthropische englische Adlige. Und wer weiß, was sonst noch alles.

„Fröhliche Weihnachten“, wünscht Little Lord Fountleroy am Ende den Gästen. Wir schließen uns an.

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Beitragsbild: Pixabay
Bild im Text: Unser Ausblick heute Abend © Erik Thiesen
Bilder vom Film sind urheberrechtlich geschützt. Also selber ansehen…

 

 

Das wirkliche Leben

Eines der geheimnisvollsten und wichtigsten Worte, die mir in der letzten Zeit begegnet sind, hat Martin Buber gesagt: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Wie wahr, habe ich oft gedacht. Wenn wir unseren wöchentlichen Lichtblick zu wählen hatten, dann waren es fast immer Begegnungen, die uns eingefallen sind. Oft haben wir dann einen anderen Lichtblick gewählt, weil es sonst ziemlich eintönig geworden wäre; nur die Namen hätten manchmal gewechselt.

Begegnungen und Gespräche, die Nähe zu anderen Menschen, ihre Teilnahme, ihre Gebete, einfach ihr Da-sein geben uns Leben und Freude und Energie – das, was die Mediziner etwas spröde „Lebensqualität“ nennen. Man kann auch sagen: Sie sind unser Lebenselixier. Dazu zählen natürlich vor allem die persönlichen Begegnungen, aber auch die über den Blog, über Mails, übers Telefon. Oder diejenigen „über Bande“ – wenn uns Menschen erzählen, dass andere Menschen innerlich unseren Weg mitgehen.

„Begegnung“ aber ist auch das Zauberwort in meiner Glaubenswelt geworden. Dabei haben mir die Exerzitien wichtige Anstöße gegeben. So fragte ich Pfr. Mückstein, warum Gott bei meiner Krankheit nicht besser aufgepasst habe. Ein andermal erzählte ich ihm, dass ich den Paulustext Römer 1,18-31 ablehne. Ich hoffte dann auf eine anregende theologische Diskussion – die mir der Spiritual jedesmal verweigerte. Stattdessen gab er mir den Ratschlag: Sprechen sie mit ihm – mit Gott, mit Paulus. Gehen Sie in den Meditationsraum und schweigen Sie eine Stunde mit Gott. Und als ich ihn fragte, wer mir dort antworten sollte, meinte er: Trauen Sie Gott doch zu, dass er mit Ihnen redet.

Ich habe es getan. Und es war tatsächlich wie ein Gespräch. Ob es mit Gott oder mit mir selbst war – wer will das objektiv wirklich beurteilen? Es hat mich zumindest weitergebracht als eine theologische Diskussion. Und näher zu mir selbst. „Wenn an Gott glauben heißt, über ihn in der dritten Person zu reden, glaube ich nicht an ihn. Wenn es heißt, mit ihm zu reden, glaube ich.“ (Martin Buber) Und auch die Gespräche mit Paulus und Jesus haben mir noch einmal neue Türen geöffnet. Trotzdem bin ich nach wie vor ein Fan von differenziertem theologischen Denken.

Und noch in einem dritten Bereich ist mir „Begegnung“ wichtig geworden: in der Politik. Hans-Dietrich Genscher hat einmal gesagt: „Solange man miteinander redet, schießt man nicht aufeinander.“ Das gilt für mich nicht nur für die internationale Politik, sondern auch für das Miteinander in unserem Land. Ich trete dafür ein, mehr mit Moslems zu reden als über sie, mit der AfD, mit dem nervigen Nachbarn. Ronja von Rönne hat dazu in einer schönen Kolumne geschrieben: „Es geht auch um den Entschluss, nicht erfrieren zu wollen in einer erkalteten Gesellschaft, sondern stattdessen ein Nachbarschaftsfest zu organisieren. Was natürlich viel schwieriger ist, als ein Deckenburrito zu sein [= sich in eine Decke einzumümmeln wie in einen Burrito]: Was, wenn keiner kommt? Oder noch schlimmer, was wenn jemand kommt?“

Was aber ist, wenn die Nachbarn nicht wollen, wenn sich die AfD in ihren Hassreden gefällt, und die moslemische Gemeinde lieber in ihrer Opferrolle verharrt und sich gar nicht integrieren will? Ralf hat mir bei unserem letzten Besuch das Buch von Tuba Sarica gezeigt, in dem sie die Scheinheiligkeit der im Grunde integrationsunwilligen Deutschtürken schildert. Die Probleme sind immens, ob bei Moslems oder AfD. Übrigens – kann jemand mal anfangen, Horst Seehofer zu integrieren?

Manchmal ist es auch nötig, Abstand zu halten, wenn es geht. Nicht mit allen Menschen kommt man klar. Und auch in der Gesellschaft ist die Haltung eines „leben und leben lassen“ manchmal hilfreicher als sich mit allem und jedem auseinander zu setzen.

Trotzdem bleibe ich dabei: Soviel und solange miteinander reden wie möglich. Mein Beispiel ist unsere türkische Gemeinde, die ich mit den Konfis viele Jahre lang besucht habe. Sie pflegt intensiv eine türkische und muslimische Identität. Und doch gehörten ihre Beiträge zu meinem Abschied aus der Gemeinde zu den berührendsten. Ich glaube auch, dass ich mehr erreiche, wenn ich sie als Freund kritisiere und nicht als Gegner.

Begegnung ist für mich zwar kein Allheilmittel, aber ein Schlüsselwort geworden, im persönlichen wie im religiösen und politischen Bereich.

 

 

Begrenzte Bedeutsamkeit

Heinrich Bedford-Strohm ist mit dem Reformationsjubiläum zufrieden, Margot Käßmann sowieso, Thies Gundlach auch, wie man auf evangelisch.de hören kann. Friedrich Schorlemmer und Christian Wolff nicht so, wie sie in ihrem Memorandum öffentlich machten. Sie sind „beunruhigt, dass sich die Begeisterung für die Themen des Reformationsjubiläums sehr in Grenzen hält und es in diesem Jahr noch nicht gelungen ist, zum Kern reformatorischer Erneuerung der Kirche vorzudringen“.

Was also wollen sie besser machen als Thies Gundlach, der „Cheftheologe der EKD“, der in einem Artikel der Zeitschrift „Pastoraltheologie“ ebenfalls nach der Relevanz der Reformation gefragt hat? Weiterlesen