Eigentlich bin ich ganz anders…

… aber ich komme so selten dazu (Ödön von Horváth).

Nach den letzten doch sehr kritischen Blogs über das Reformationsjubiläum, das mir sogar ein Like eines Hardcore-Atheisten eingebracht hat, habe ich aus Bayern einen Vortrag von Prof. Ralf Frisch bekommen mit dem Titel „Hat die evangelische Kirche noch eine Zukunft?“ (hier als Podcast). Prof. Frisch lehrt an der Hochschule in Nürnberg und ist Theologischer Referent der bayrischen Kirchenleitung. Und wenn ich ihn richtig verstanden habe, dann stellt er die These auf: Die evangelische Kirche löst sich auf, weil sie in ihrer Botschaft von allgemein humanistischen Aussagen kaum noch zu unterscheiden ist. Er meint wohl, dass „Pfarrerinnen und Pfarrer nicht nur Sozialmanager und Verwaltungsspezialisten sein müssten, sondern Priester und Priesterinnen und geistliche Hirten und Hirtinnen ihrer Gemeinde“ (These 16). Und in These 13 wirbt er dafür, „Erfahrungsräume der geheimnisvollen irdischen Gegenwart des Göttlichen“ zu eröffnen und „Übergangsrituale“ wie Taufe, Trauung und Beerdigung sorgfältiger zu feiern.

Das gefällt mir. Denn ich habe es erlebt und erlebe es immer noch. Hier in der Gemeinde, und nicht nur hier: Exerzitien, Meditation und bewegende Gottesdienste, intensive Glaubensgespräche, Geselligkeit und Solidarität – untereinander und mit Fremden. Und alles wird möglich durch die Kirche – mit ihrem Personal, ihrem Geld und ihren Strukturen.

Aber auch das: Wir kommen so selten – zu selten – dazu. Weil genau diese Strukturen, die Finanzen, die Personalprobleme einen so großen Raum einnehmen. Deshalb fände ich es sinnvoll, die Verwaltung viel stärker auf den Kirchenkreis zu verlagern. Auch wenn sie durch die Distanz schwieriger werden würde, könnte sie andererseits professioneller arbeiten. Und würden wir nicht viel mehr an Zeit und Kraft gewinnen? Für die „eigentlichen“ Aufgaben der Kirche?

Was auch immer diese „eigentlichen“ Aufgaben sind. Ralf Frisch scheint mit einer gewissen „Entweltlichung“ der Kirche (These 1) zu sympathisieren. Die Kirche sollte dann Räume des Göttlichen neben dieser Welt eröffnen, um von ihr unterscheidbar zu sein. In der Tat haben die anderen Konfessionen genau solche Merkmale, die sie von „der Welt“ unterscheiden: Die orthodoxe Kirche die „göttliche Liturgie“, in der ein Stück Himmel aufscheinen soll. Die Katholiken berufen sich auf ein – von der Bibel abgeleitetes – Naturrecht, und die Evangelikalen auf die wörtliche Auslegung der Heiligen Schrift.

All das ist mir fremd oder fremd geworden. Ich glaube auch nicht, dass wir für die Zukunft der Kirche oder ihre Bedeutung in der Gesellschaft verantwortlich sind. Ich finde Dietrich Bonhoeffer ziemlich aktuell, der 1944 geschrieben hat: »Unsere Kirche,
die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein. Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen.“

Wobei er mit Beten nicht nur Händefalten und Fürbitte meint. Es geht ihm darum, in der Gemeinde „Gottes Wunder als Wunder zu bewahren, Gottes Geheimnis gerade als Geheimnis zu begreifen, zu verteidigen, zu verherrlichen“. „Welcher Unverstand“, schreibt er, „als sei es die Aufgabe der Theologie, Gottes Geheimnis zu enträtseln, es auf die platten, geheimnislosen menschlichen Erfahrungs- und Vernunftweisheiten herabzuziehen!“ Ralf Frisch sagt eigentlich nichts anderes.

Gleichzeitig aber fragt Bonhoeffer: „Was bedeutet eine Kirche, eine Gemeinde, eine Predigt, eine Liturgie, ein christliches Leben in einer religionslosen Welt? Wie sprechen wir von Gott – ohne Religion …?“ Vielleicht gar nicht. Besser sei es, das Gerechte zu tun, das sich dann von selbst interpretiert.

Auch wenn ich die Trennung zwischen Gemeinde und Welt nicht so scharf sehe wie Bonhoeffer, kann ich mit seinem Ansatz viel anfangen. Meine Erfahrung ist, dass wir mit spirituellen Angeboten nach außen nur eine sehr begrenzte Reichweite haben und selbst die „Übergangsrituale“ von immer weniger Menschen in Anspruch genommen werden. Wenn Ralf Frisch da eine andere Wahrnehmung hat, liegt es wohl daran, dass er aus Bayern kommt und ich aus Hamburg.

Ich glaube, dass wir die Geheimnisse Gottes in dieser Welt nicht entdecken werden, wenn wir nicht vorher die Welt entdecken: Uns in der Beerdigungsansprache ganz auf das Leben der Verstorbenen einlassen, ehe wir darin Gottes Geschichte erkennen. In der Flüchtlingsarbeit nicht nur ein paar Decken verteilen, sondern aktiv mitwirken, die Probleme vor Ort zu lösen, ehe wir mit Ratschlägen aufwarten. Erst nach der wirklichen Not des Menschen fragen, ehe wir mit Bibel und Tradition kommen. Und ich hätte gar nichts dagegen, wenn wir in der Öffentlichkeit auf Wörter wie Gnade, Sünde und Buße verzichten würden.

Wir sind auf dem Weg. Denn was könnte spannender sein, als in einer religionslosen Welt Gottes Geheimnisse zu entdecken? Wir müssten dazu einfach öfter kommen.

______________________
Wer es zu Bonhoeffer ein wenig theologischer und ausführlicher haben möchte, dem sei dieser Artikel von Andreas Pangritz empfohlen.

 

Begrenzte Bedeutsamkeit

Heinrich Bedford-Strohm ist mit dem Reformationsjubiläum zufrieden, Margot Käßmann sowieso, Thies Gundlach auch, wie man auf evangelisch.de hören kann. Friedrich Schorlemmer und Christian Wolff nicht so, wie sie in ihrem Memorandum öffentlich machten. Sie sind „beunruhigt, dass sich die Begeisterung für die Themen des Reformationsjubiläums sehr in Grenzen hält und es in diesem Jahr noch nicht gelungen ist, zum Kern reformatorischer Erneuerung der Kirche vorzudringen“.

Was also wollen sie besser machen als Thies Gundlach, der „Cheftheologe der EKD“, der in einem Artikel der Zeitschrift „Pastoraltheologie“ ebenfalls nach der Relevanz der Reformation gefragt hat?

Gundlach sucht zunächst nach den Gemeinsamkeiten zwischen uns und den Menschen des Mittelalters. Er findet sie in der Angst: Damals hatten sie Angst vor der Hölle, heute seien die Ängste „diesseitiger und innerweltlicher geworden sind, aber nicht geringer“, wie er schreibt. Die Antwort auf diese Ängste ist aber im Grunde die gleiche, wie er meint: „Fürchte Dich nicht, diese biblische Grundbotschaft hat Luther wieder und neu freigelegt, und sie kann uns auch heute noch Freiheit eröffnen.“

Schorlemmer und Wolff dagegen meinen nun, dass es die Organisatoren des Reformationsjubiläums versäumt hätten, die „Krise der Kirche in der säkularen Gesellschaft offen anzusprechen“.

Nun ist ihre Diagnose des gegenwärtigen Menschen nicht allzu weit von der Gundlachs entfernt. Viele Menschen, sagen sie, suchen „ihren Platz in der Gesellschaft, suchen nach Anerkennung und Zuwendung und strampeln sich dabei genauso ab wie Martin Luther vor 500 Jahren“.

Deshalb hören sich ihre Lösungsvorschläge wohl auch ähnlich an. Wenn sie sagen, dass es gilt, „Glauben zu vermitteln, Menschen durch den Zuspruch des Evangeliums zu stärken, gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen“, dann meint Gundlach: „Unser Glaube hilft der Welt, wenn er den inneren Menschen stärkt, die Seele des angefochtenen Menschen tröstet, den Geist der Güte verbreitet und Ruheräume für strapazierte Seelen entwickelt.“ Und: „Nicht der Rückzug aus der Welt, sondern die Hinwendung zu ihr entspricht reformatorisch geprägter Frömmigkeit.“ Und wenn Gundlach schreibt: „Es gehört zur Grundaufgabe jedes Glaubenden, Gemeinschaft aufzusuchen und Gemeinschaft zu gewähren“, dann sehe ich keinen großen Unterschied zu Schorlemmer und Wolff: „Christliche Gemeinde wird nur dann überleben, wenn sie entlastende und verbindliche Menschennähe will, praktiziert und ermöglicht.“

So unterschiedlich die Theologen ansetzen, ihre Haltung zur Welt ist die gleiche: Wir sagen euch, woran ihr krank seid (Angst), und wir geben euch die Medizin (Glaube an einen gnädigen Gott). Was „die Welt“ davon halten könnte, haben zwei Atheisten auf dem „Ketzerpodcast“ diskutiert. Es lohnt sich, diese Stunde anzuhören, auch wenn man sich als Christ danach richtig mies fühlen könnte.

Aber besteht nicht genau hierin das Prinzip unserer Gottesdienste? In der Predigt erklären wir die Welt und erstellen Gegenwartsdiagnosen, um dann eine Lösung zu präsentieren, die möglichst irgendwie mit dem Predigttext zusammenhängt.

Könnte es sein, dass auch deshalb der Buddhismus dem modernen Menschen näher liegt? In den Tempeln des Ostens werden keine Predigten gehalten. Dort leben Mönche, zu denen die Menschen kommen, um eine Kerze anzuzünden, zu beten – und sich von ihnen ihr Leben deuten zu lassen. Und wenn es eine hilfreiche Deutung war, kommen sie wieder.

Dieser Ansatz fasziniert mich. Nicht die Antwort schon kennen, ehe eine Frage gestellt wurde. Erst zuhören. Dann erst wird sich zeigen, ob die reformatorische Botschaft – was immer sie auch ist – überhaupt noch eine Relevanz hat.

___________________________
Der Aufsatz von Thies Gundlach in der „Pastoraltheologie“ ist leider nicht öffentlich zugänglich, aber hier findet sich eine gute Zusammenfassung.
Beitragsbild: Ferdinand Pauwels – flickr, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3767049

Keiner versteht mich

Vor einigen Tagen habe ich auf diesem und einem anderen Blog über die Grundlage unseres Denkens und Handelns diskutiert. Und auch wenn jeder Mensch einzigartig und nicht wirklich in Kategorien einzuordnen ist, würde ich zwei von uns als Rationalisten bezeichnen. Sie wünschen sich die Vernunft als Grundlage unserer Auseinandersetzungen und Entscheidungen. Eine ist eine evangelikale Christin und ich würde mich als liberalen Christen bezeichnen. Und ich denke, dass wir damit die Denkweisen in unserer Gesellschaft im Prinzip nicht schlecht abbildeten.

Wir haben immer wieder neue Ansätze gesucht, unsere jeweilige Position den anderen zu erklären. Am Ende haben wir die Gespräche abgebrochen. Wir kamen nicht zueinander. Weiterlesen