Was bleibt

Jeder Mensch hat seine Geschichte. Und sie ist nicht nur die Summe der Erlebnisse und Erfahrungen seines Lebens. Sie ist das Band, das sein Leben umfasst und zusammenhält, dem Leben Sinn verleiht und unverwechselbar ist. Sie ist so etwas wie der rote Faden oder die goldene Schnur.

Immer habe ich in meinem Leben nach meiner Geschichte gesucht. Manchmal hatte ich sie verloren. Dann machte mein Leben keinen Sinn, ich verlor mich – in depressiven Gedanken, in Selbstvorwürfen oder in der Geschichte, die andere für mich erzählten. Dann wieder hatte ich das Gefühl, meine Geschichte wiedergefunden zu haben. Ich war bei mir selber, war innerlich stark und überzeugt davon, dass mein Handeln und Denken richtig war. Weiterlesen

Bibel evolutionär

Nun aber.

Nachdem Legionen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Theologie, Soziologie, Psychologie, Archäologie und anderen Disziplinen die Bibel auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt haben, kommt jetzt das ultimative schaik-michel-e1507967179979.jpgBuch über das Buch der Bücher, das „Tagebuch der Menschheit“ von Carel van Schaik und Kai Michel. Zumindest wenn man ihren eigenen Worten glaubt.

Das ist 50 Seiten sehr witzig und anregend, 50 Seiten nervig und dann 400 Seiten solide – insgesamt aber unbedingt lesenswert. Die Autoren lesen die Bibel aus evolutionsbiologischer Sicht, respektlos, wie es sich für Agnostiker gehört, aber auch – und das ist selten – voller Begeisterung. Die Bibel, sagen sie, „hat jede Menge ungehobener Schätze zu bieten. Es wäre schade, bliebe sie nur der Religion vorbehalten“ (S. 19). Und sie gehen davon aus: „Die Bibel hat zahllose Autoren. Gott war aller Wahrscheinlichkeit nicht darunter.“ (S. 24)

Ihre Grundthese: Über Jahrhunderttausende hat sich der Mensch der Umwelt als Jäger und Sammler angepasst. Diese genetische Grundausstattung, zu der auch die Religiosität gehört, tragen wir in uns. Dann kam der „Sündenfall“, die Sesshaftwerdung, die Vertreibung aus dem natürlichen Paradies, die dann auch in 1. Mose 3 ihren Niederschlag gefunden hat. Neue Katastrophen mussten bewältigt werden in einer Geschwindigkeit, die von der biologischen Evolution nicht mehr geleistet werden konnte. Der Mensch passte sich trotzdem an – mit Hilfe der „kulturellen Evolution“, die vor allem von den Vertretern der Religion übernommen wurde. Und die Bibel ist dafür ein, wenn nicht das hervorragende Zeugnis.

Nicht alle Argumente der Autoren finde ich gleichermaßen überzeugend. Wie kann ein Prozess, der vor über 10.000 Jahren stattgefunden hat, etwa 700 v.Chr. niedergeschrieben worden sein? Carel van Schaik und Kai Michel erwecken den Eindruck, als ob die Bibel ein Lehrbuch der kulturellen Evolution sei. Sie behandeln es aber eher als Bilderbuch ihrer eigenen Thesen.

Und sicher gibt es gute Gründe für die die These, dass es einen ständigen Konflikt zwischen intellektueller Priesterreligion und einfacher Volksreligion gab, zwischen Monotheismus und Polytheismus. Die Autoren sehen seinen Ursprung darin, dass eine herrschende Priesterkaste dem ständig widerstrebenden einfachen Volk seine Dogmen aufzwingen will. Ich glaube, dass diese Vorstellung eher dem Muster moderner säkularer Kirchen- und Religionskritik entspricht als der komplexen Realität damals.

Und doch hat mich dieses Buch fasziniert. „Die Bibel ohne Heiligenschein geht alle an“, schreiben die Autoren. Ja, sie fängt dadurch sogar noch einmal an zu leuchten. Religion ist komplex und ein Zusammenspiel vieler Menschen und Gedanken. Sie ist nicht Gegnerin, sondern Ursprung der Wissenschaft. Sie beschäftigt sich mit den wesentlichen Fragen der Menschen. Und gerade weil die Antworten so unterschiedlich sind, ja zum Teil widersprüchlich, sind sie immer noch aktuell.

Und ich glaube: Aktueller als die Autoren meinen. Carel van Schaik und Kai Michel behaupten, dass die Wissenschaft die Religion als Welterklärerin abgelöst hat und dass die Menschenrechte von modernen Institutionen mindestens genauso gut bewahrt werden wie von Religionen. Da ist etwas dran.

Aber ich glaube, dass die Kirche nicht nur eine Zukunft im Bereich der ursprünglichen intuitiven Religion hat. Ich entdecke gerade neue Zusammenhänge zwischen Glaube und Wissenschaft, zwischen meiner christlichen Tradition und der modernen Medizin. Die Realität ist wahrscheinlich komplexer als sich zwei säkulare Wissenschaftler – aber auch eine Menge Theologen – ausmalen können.

Insofern dürfte Shakespeares Satz in beide Richtungen stimmen: „Es gibt mehr Ding im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit – und, wie ich hinzufüge: eure Theologie – sich träumt.“ Das „Tagebuch der Menschheit“ erzählt von mehr als einem solchem „Ding“.

 

Das Beitragsbild zeigt den „Sündenfall“ von Michelangelo.
http://www.heiligenlexikon.de/Fotos/Eva2.jpgTransferred from de.wikipedia to Commons by Roberta F. using CommonsHelper., 9 September 2007 (original upload date), Original uploader was Nitramtrebla at de.wikipedia, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7556462

 

* Du Opfer

Was kann schlimmer sein als Schmerzen und Krankheit, Streit und Einsamkeit, Stress und Gewalt? Das Gefühl, ein Opfer zu sein. Es ist mächtig, es ist destruktiv. Ganze Gruppen können sich unterdrückt und ausgeschlossen fühlen – ich erlebe es so zum Beispiel bei vielen Moslems, auch bei Pegida und anderen. Und einzelne Menschen können Opfer von Mobbing und Intrigen werden. Ich selbst habe es erlebt. Und ich erlebe mich heute als Opfer meiner Krankheit.

Meine Hauptwaffe gegen die Opferrolle war schon immer das Schreiben, erst analog, dann für mich am PC, jetzt öffentlich im Blog. Um aus der Ohnmacht herauszukommen, musste ich manchmal aggressiv werden. Ich habe dann versucht, die Aggressionen nicht öffentlich werden zu lassen, sondern so lange zu schreiben, bis ich die Situation neu deuten konnte. Bis ich wieder handlungsfähig wurde, um meine Lage zu ändern. Weiterlesen

Nur eine Geschichte?

In meiner Jugend gehörte ich zu den Frommen im Lande und nahm die Bibel ziemlich wörtlich. Dann bekam ich das Buch „Jesus Menschensohn“ von Rudolf Augstein in die Hände, und meine Überzeugungen wurden sehr durcheinander gewirbelt. Ich ging zu meinem Religionslehrer, damals Propst in Angeln und später Bischof von Oldenburg, Wilhelm Sievers. Er meinte, dass Augstein tatsächlich genau den Stand der theologischen Forschung wiedergäbe. „Dann stimmt das also gar nicht, was in der Bibel steht?“, fragte ich. Mein Lehrer versuchte mir den Unterschied zwischen einem wissenschaftlichen Lehrbuch und einem Glaubensdokument deutlich zu machen. Aber ich war damit nicht zufrieden. Ich wollte, dass die Geschichten der Bibel meinen Glauben tragen und nicht umgekehrt. Ich wollte auch in Fragen des Glaubens Fakten, Fakten, Fakten! Weiterlesen

* Glaubenswahrheiten

Es war Ende der 80er Jahre. Gerade war das Buch von Uta Ranke-Heinemann „Eunuchen für das Himmelreich“ erschienen, in dem sie die Sexuallehre der katholischen Kirche scharf anprangerte und damit einigen Wirbel auslöste. Ich sprach damals darüber mit einem katholischen Theologiestudenten, und er sagte: „Was Ranke-Heinemann behauptet, ist falsch.“ Ich fragte ihn, woher er seine Information habe. Er meinte: „Die Kirche sagt es.“ Ich fragte: „Aber wenn die Fakten im Buch stimmen?“ Darauf er: „Dann ist es trotzdem falsch, weil die Kirche es so sagt.“ Er meinte es ernst. Und ich dachte: Das nenne ich mal ehrlichen Kadavergehorsam. Weiterlesen

Lichtblick der Woche

Eine gute Geschichte

Wir haben Verwandte in der Nähe von Chemnitz. Und obwohl sie selbst seit vielen Jahren mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen haben, waren sie für uns ein Lichtblick in der vergangenen Woche. M. erzählte am Telefon: „Meine Mutter hatte auch Krebs. Sie musste sich vielen Therapien unterziehen. Und die waren hart, damals in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Aber sie verlor nie den Mut. Nie. Und sie lebte noch 42 Jahre.“

Das tat gut. Genau wie das kurze Gespräch gestern in der onkologischen Praxis: „Wissen Sie“, sagte eine Frau, „vor fünf Jahren bekam mein Mann Krebs. Die Ärzte gaben ihm noch drei Jahre. Er lebt immer noch. Und wir nehmen jeden Tag, wie er ist.“

Solche Geschichten erzählen vom Leben. Sie machen uns Mut. Danke, für jede gute Geschichte, die ihr uns erzählt.

Das Beitragsbild ist ein Ankh-Kreuz und ist in der ägyptischen Mythologie wie in der koptischen Kirche ein Symbol für das (ewige) Leben.