Lichtblick der Woche

Dieser Geburtstag ist etwas ganz Besonderes. Natürlich in erster Linie euretwegen, die ihr mich so wunderbar begleitet. Dafür bin ich sehr, sehr dankbar.

Dann aber auch: Im letzten Jahr in Mainz habe ich drei Wünsche formuliert, und ich wusste nicht, ob sie in Erfüllung gehen würden:

  1. Ich wollte Hamburg wiedersehen. Das habe ich vor fast genau einem Jahr schon.
  2. Ich wollte meinen 60. feiern. Das habe ich heute, und bei besserer Gesundheit als ich zu hoffen gewagt hatte.
  3. Ich möchte mit Ute die Route 66 fahren. Daran arbeiten wir. Den Reiseführer habe ich schon durchgelesen.

Heute war ein guter Tag.

Das sprechende Kreuz

 

auch 9. Teil der Reihe über die Exerzitien. Bingen, 24. Juli 2016
Die vorherigen Beiträge sind unter dem Stichwort „Bingen“ versammelt.

Sprechendes Kreuz1Im Exerzitienhaus in Bingen hatten wir zwei Meditationsräume zur Verfügung, in denen jeweils ein Kruzifix aufgestellt war. Vor beiden suchte ich mit Jesus ins Gespräch zu kommen, aber nur bei einem gelang es mir.

Im Gebetsraum I stand eine Nachbildung des Kreuzes der Kirche San Damiano in Assisi, eine Kreuz-Ikone, etwa aus dem 11. Jahrhundert. Sie wird auch das „sprechende Kreuz“ genannt, denn als Franziskus einmal vor ihr betete, sprach Jesus zu ihm und gab ihm den Auftrag für sein Leben: „Franziskus, geh und baue mein Haus wieder auf, das, wie du siehst, ganz und gar in Verfall gerät.“

Auch ich kam zu diesem Jesus mit meinen Fragen und Sprechendes Kreuz10Zweifeln – aber er gab mir keine Antwort. Ja, ich hatte das Gefühl, dass er gar nicht mit mir reden wollte. Er schaute ständig links an mir vorbei, mit einem abwesenden Gesichtsausdruck. So als ob er gelangweilt wäre oder ganz mit sich selbst beschäftigt.

Sprechendes Kreuz5Dafür entdeckte ich etliche weitere Personen, mit denen ich mich sofort gut verstand. Das galt besonders für die beiden Engelpaare unter seinen Armen. Sie unterhalten sich so angeregt, sind so ins Sprechendes Kreuz6freundschaftliche Gespräch vertieft, dass ich mich am liebsten zu ihnen gesetzt hätte. Eigentlich fehlen in diesen Szenen nur noch die Bier- oder Weingläser.

Sprechendes Kreuz7Die Menschen unter dem Kreuz sind in ihre Trauer vertieft: Auf der linken Seite stehen Maria und Johannes. Kümmere dich um meine Sprechendes Kreuz8Mutter, hatte Jesus zu ihm gesagt. Und Johannes wendet sich ihr zu. Gegenüber stehen Maria Magdalena und die Mutter des Jakobus mit dem Centurio von Kapernaum. Besonders die beiden Frauen stehen sich offensichtlich sehr nahe. Der Hauptmann schaut zwar zu Jesus nach oben, gehört aber zu den beiden.

So stelle ich mir Kirche vor: Eine Gemeinschaft von Menschen, die miteinander reden, streiten, denken, die sich gegenseitig trösten und sich nahe sind.

Sprechendes Kreuz2Auch die Szene über dem Kopf von Jesus hat mich berührt. Heute weiß ich, dass sie die Himmelfahrt darstellen soll, und die zehn Personen die Engel sind, die Jesus im Himmel aufnehmen. Damals habe ich gemeint, es wäre Jesus, der voller Begeisterung zu seinen Jüngern spricht. Oder ein Apostel, der anderen Menschen von seinem Glauben berichtet. Und auch das ist für mich Kirche, missionarische Kirche. Denn „Mission heißt zeigen, was man liebt“, sagt Fulbert Steffensky.

Fehlen noch die kaum zu erkennenden Figuren zu Füßen Jesu. Es sind die sechs Patrone Sprechendes Kreuz9Umbriens, die Jesus auf seinem Weg in den Himmel nachschauen. Damals sah ich in ihnen leidende Menschen – „die im Dunkel sieht man nicht“ (Bert Brecht). Auch sie gehören zu unserer Welt und manchmal zu unserer Gemeinde.

Das alles ist für mich sehr realistisch dargestellt. Und der gekreuzigte Jesus ist auch die Verbindung zwischen diesen Personen und Szenen. Und doch scheint er keine rechte Beziehung zu ihnen aufzubauen. Seine Augen schauen ins Leere. Traurig? Teilnahmslos? Und seine Arme breitet er in einer fast hilflosen Geste aus.

Ich hatte das Gefühl, dass die Menschen auch ohne ihn ganz gut klar kommen. Für ein Gespräch unter Freunden oder für ein tröstendes Wort brauchen sie ihn nicht. Zumindest keinen Jesus, der unbeteiligt über allem schwebt.

Heute denke ich, dass wir Jesus brauchen, oder zumindest seinen Geist, damit wir uns bewusst werden: Es gehört zusammen – das Gespräch in der Kneipe und das Trauercafé, die Predigt vom schönen Evangelium und die Sorge um den Zusammenhalt in der Region, der Einsatz für die Benachteiligten und die Feier von besonderen Festen.

Damals aber fand ich keinen Zugang zu diesem Jesus. Ich ging dann lieber zu dem anderen, zum Kruzifix in Gebetsraum II.

Bildnachweise: Das Beitragsbild zeigt den Eingang der Kirche San Damiano in Assisi, von Gunnar Bach Pedersen – San Damiano exterior, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=901193
Die Bilder im Beitrag sind Ausschnitte einer Fotographie von der Nachbildung des Kreuzes in der Kirche San Damiano in Assisi aus dem Gebetsraum des Kardinal-Volk-Hauses, Bingen (c) Erik Thiesen

Die AfD – wirklich fremd?

4. Teil der AfD-Reihe
Die ersten drei Teile findest du hier, hier und hier.

Alles spricht dafür, dass die AfD nicht viel mit mir zu tun hat. AfD-Wählerinnen und Wähler sind die anderen: Die mit den anderen Werten, anderen Zielen, anderen Sorgen und anderen Methoden. Höre ich einen Björn Höcke oder eine Frauke Petry, widersprechen ihre Aussagen so ziemlich allem, für das ich mich ein Leben lang eingesetzt habe: Dass alle Menschen dieselben Rechte haben, dass wir füreinander einstehen sollten, einander verstehen. Dass alle ihre eigene Meinung sagen dürfen und, soweit es andere nicht stört, jede und jeder nach eigener Fasson selig werden darf, wie der Preußenkönig Friedrich II. formulierte.

Es ist leicht, die Rede von Björn Höcke in Dresden („Wir brauchen eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“) intellektuell auseinander zu nehmen, wie der Bundesrichter Thomas Fischer auf „Zeit Online“. Aber die AfD hat keinen intellektuellen Anspruch. Im Juni 2016 bezog sich Höcke noch auf auf den hauseigenen Philosophen und Sloterdijk-Schüler Marc Jongen. Jongen bescheinigt den Deutschen eine „thymotische Unterversorgung“. Der Begriff Thymos kommt aus der griechischen Philosophie und bezeichnet so etwas wie emotionale Leidenschaft, die sich auch in Zorn und Empörung ausdrücken kann.

In Dresden kam Höcke ganz ohne philosophische Bezüge aus. Für ihn und sein Publikum gilt, was Adrian Daub über Trump und seine Wählerschaft schreibt: „Für sie haben Kriminalität, Wirtschaft, Außenpolitik nichts mit Fakten, Statistik, Trendlinien zu tun, sondern vor allem mit Gefühl.“ Es ist ein Gefühl, dass alles schlechter wird, dass sich keiner kümmert und schon gar nicht um mich. Politik, Gesellschaft, Kirchen, alle lassen uns alleine. Und die AfD arbeitet daran, die neue „Kümmerer-Partei“ zu werden.

Man kann gegen diese Politik protestieren. Man kann sie intellektuell demontieren. All das dient aber in erster Linie dazu, die eigene Meinung zu bestätigen und die eigenen Reihen zu schließen. Ich glaube, dass es noch einen anderen Weg gibt.

Der Organisationspsychologe Prof. Peter Kruse hat untersucht, welche Werte die Deutschen grundsätzlich vertreten. Und er stellte fest, dass etwa die Hälfte individuell orientiert sind („eigene Zielstrebigkeit, persönliche Autonomie, Wachstumsoptimismus, Wettbewerbsfähigkeit, stabiler Lebensrahmen“) und die andere Hälfte gemeinschaftsorientiert („tragfähiges Wir-Gefühl, soziale Achtsamkeit, praktische Anteilnahme, gleiche Bildungschancen, kooperatives Handeln“). Und die Befragten meinten weiter, dass die individuellen Werte in Deutschland gut verwirklicht seien, die gemeinschaftsorientierten aber nicht – und dass auch keine Hoffnung bestünde, dass sie sich entwickeln würden.

Und da hatte ich eine Ahnung, dass mir das Anliegen der AfD gar nicht so fremd ist. Ich sympathisiere deutlich mit den gemeinschaftsorientierten Werten. Und genau auf diese Werte bezieht sich auch Björn Höcke. Und ich glaube: Eine aussichtsreiche Auseinandersetzung mit den Menschen, die AfD wählen, liegt genau hier: Wenn wir uns umeinander kümmern. Wenn wir das Gefühl vermitteln können, dass wir eine tragfähige Gemeinschaft sind. Und um das zu erreichen, sollten wir uns nicht gegeneinander, sondern miteinander engagieren.