Lichtblick der Woche

Unsere alte Schale war beim Umzug zerbrochen worden. Nun haben wir im Weltladen eine schöne neue erstanden – unsere Gebetsschale. Abends schicken wir oft Gedanken und Gebete an verschiedene Menschen und zünden eine Kerze an.

Gebetsschale1

(c) Erik Thiesen

 

Gott nuschelt

Es gibt einen Menschen in meinem Bekanntenkreis, der davon überzeugt ist, dass an den Horoskopen doch etwas dran ist. Genauso überzeugt ist er von seiner Vernunft und davon, dass es Gott nicht gibt.

Christen dagegen halten generell eher nichts von Horoskopen. Aber sie haben etwas Ähnliches. Es nennt sich „Herrnhuter Losungen“. Sie werden seit 1728 herausgegeben und sind das verbreitetste Andachtsbuch der Welt: Für jeden Tag wird ein Spruch aus dem Alten Testament ausgelost und dazu ein neutestamentlicher ausgesucht. Ein Liedvers oder Gebet sowie eine fortlaufende Bibellese runden das Ganze ab.

Oft schon habe ich gehört: „Dieser Spruch hat aber besonders gut auf meine Situation gepasst.“ Für Dietrich Bonhoeffer waren die Losungen eine wichtige Entscheidungshilfe, als er 1939 vor der Frage stand: Sollte er in den USA bleiben und in Sicherheit leben oder zurück nach Deutschland in den Widerstand und sich in Lebensgefahr begeben? Unmittelbar vor der Rückkehr nach Europa las er im 2. Timotheusbrief (Kapitel 4,21): „Komme noch vor dem Winter.“ Und er schrieb dazu: „Es ist nicht Mißbrauch der Schrift, wenn ich das mir gesagt sein lasse.“ Die Entscheidung war gefallen. Gott hatte zu ihm gesprochen.

Ich bin da wohl etwas skeptischer als Bonhoeffer. Mit den Losungen kann ich nicht mehr so viel anfangen – vielleicht weil ich sie tatsächlich wie ein christliches Horoskop gelesen habe. Denn so klar und eindeutig spricht Gott nach meiner Erfahrung nicht. Er nuschelt. Er geht viel subtiler vor. Vielleicht durch die Spam-Mails des von Robert und Winnie aus Uganda. Sie prophezeien mir „in the name of God“ ein tolles 2. Halbjahr 2017. Mein Kopf grinst darüber, mein Herz aber lächelt, weil es durch diese Worte warm wird. Und ich ahne: Gott hat zu mir gesprochen.

Das Bild ist das Symbol der Herrnhuter Losungen.

Du Opfer

Was kann schlimmer sein als Schmerzen und Krankheit, Streit und Einsamkeit, Stress und Gewalt? Das Gefühl, ein Opfer zu sein. Es ist mächtig, es ist destruktiv. Ganze Gruppen können sich unterdrückt und ausgeschlossen fühlen – ich erlebe es so zum Beispiel bei vielen Moslems, auch bei Pegida und anderen. Und einzelne Menschen können Opfer von Mobbing und Intrigen werden. Ich selbst habe es erlebt. Und ich erlebe mich heute als Opfer meiner Krankheit.

Meine Hauptwaffe gegen die Opferrolle war schon immer das Schreiben, erst analog, dann für mich am PC, jetzt öffentlich im Blog. Um aus der Ohnmacht herauszukommen, musste ich manchmal aggressiv werden. Ich habe dann versucht, die Aggressionen nicht öffentlich werden zu lassen, sondern so lange zu schreiben, bis ich die Situation neu deuten konnte. Bis ich wieder handlungsfähig wurde, um meine Lage zu ändern.

Schreiben ist für mich auch eine Form von Gebet. Beten kann man natürlich auf unterschiedliche Weise. Jesus zum Beispiel hat ja nicht geschrieben. Er ging in die Stille, immer wieder, zuletzt im Garten Gethsemane. Gerade dieses Gebet ist ein Beispiel dafür, wie er mit seiner Opferrolle umgegangen ist. Im Musical „Jesus Christ Superstar“ wird sein Kampf besonders eindrücklich dargestellt.

Es beginnt mit seinem Protest gegen Gott: „I only want to say, if there is a way, take this cup away from me, for I don’t want to taste its poison.“ Dann die Frage nach dem Warum: „Why should I die? Can you show me now that I would not be killed in vain?“ Und schließlich willigt er in seinen Weg ein: „God, Thy will is hard but You hold every card. I will drink Your cup of poison. Nail me to Your cross and break me, bleed me, beat me, kill me, take me now, before I change my mind.“

Auch das „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“ des Ignatius von Loyola kann dazu beitragen, aus der Opferrolle auszusteigen. Am Abend lasse ich den Tag noch einmal Revue passieren, möglichst ohne die Situationen zu bewerten – um dann die Frage zu stellen: Was könnte mir Gott sagen wollen? Wofür war es vielleicht gut? Oder wie kann das, was ich erlebt habe, zum Guten gewendet werden?

Selbst einer Krankheit wie dem Krebs kann man mit diesen Mitteln begegnen. Wir versuchen es immer wieder: Dem Krebs den Finger zeigen, wie eine Psychologin vorgeschlagen hat. Aktiv werden. Den eigenen Heilungskräften vertrauen. Schauen, wofür das vielleicht gut ist.

Aber das können wir nur selbst machen. Wenn uns andere erklären wollen, wie wir damit umgehen sollen, sind wir wieder in der Opferrolle. Das geht gar nicht.

Übrigens: Im Musical endet die Geschichte von Jesus am Kreuz. In der Bibel geht sie weiter. Ihre Botschaft lautet: Auferstehung ist möglich.

Dialog oder Mission?

Kirche im Dialog (4). Hier, hier und hier stehen die ersten drei Teile

Dass der Vorsitzende des Säkularen Forums Hamburg, Prof. Helmut Kramer, ausgerechnet der Nordkirche ein vordemokratisches Dialogverständnis vorwirft, kann nur bedeuten, dass er entweder eine selektive Wahrnehmung hat, ein Feindbild braucht oder Lust an der Provokation hat. Trotzdem ist auch mir nicht ganz klar, mit welchen Voraussetzungen und Zielen die Kirche in den Dialog hineingehen will.

Will sie den Konfessionslosen die christlichen Inhalte  nahebringen? Man muss es ja nicht machen wie die Zeugen Jehovas, sondern auf die nette Art, etwa wie das Projekt „Neu anfangen – Christen laden ein zum Gespräch“. Wäre dann die Mitarbeit auf den „dritten Feldern“ auch als eine Art Türöffner gedacht, um Menschen mit dem Evangelium in Berührung zu bringen?

Oder will man erst einmal wissen, wie Religionslose überhaupt ticken? Einfach mal ins Gespräch kommen und dann mal sehen, was kommt? Denn, wie Prof. Kramer richtig sagt: Ein respektvoller Gedankenaustausch ist Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben. Aber ist das nicht ein bisschen wenig für eine „bleibende Herausforderung der Kirche“ (Bischof von Maltzahn)?

Mir schwebt ein anderes Modell vor: Eine Gruppe von Christinnen und Christen lebt in einem nichtchristlichen Umfeld ihren Glauben mit Ernst und Konsequenz. Ihre Mitglieder pflegen sorgfältig ihre Traditionen und spirituellen Ressourcen. Ihren Mitmenschen begegnen sie mit Respekt und Verständnis. Sie helfen, wo es nötig ist und arbeiten mit an einem konstruktiven Miteinander. Dietrich Bonhoeffer hat es auf die Formel gebracht: „Beten und tun des Gerechten.“

Es ist vielleicht kein Wunder, dass mir gerade dieses Modell vorschwebt. Ich habe es gerade gesehen, auf DVD (und hier besprochen): „Von Menschen und Göttern“, ein Film über ein Kloster in Algerien. Ich habe davon gelesen, in einer Rede von Navid Kermani, eine Beschreibung über ein Kloster in Syrien. Und ich habe es erlebt. Vielleicht nicht ganz so ideal, aber dafür viel näher, in einer Gemeinde in Niendorf.