Gethsemane

Exerzitien 27. Teil, Bingen 2018, die „dritte Woche“.

Seltsam – einen der wichtigsten Inhalte der christlichen Theologie, das Abendmahl selbst, habe ich während der Exerzitien nur gestreift. Immerhin ist es eines der nur zwei Sakramente der evangelischen Kirche und steht in der katholischen im Mittelpunkt der Messe. In der Meditation und im Gespräch mit Pfr. Mückstein habe ich aber die Frage der Gemeinschaft mit Jesus im Anschluss an die Fußwaschung bewegt: Die Entscheidung mit Jesus zu gehen, bedeutet nicht, sich unbedingt selbst kreuzigen zu lassen. Sondern erst einmal nur, dass ich verspreche bei ihm zu bleiben. Wie ein Ehepartner dem anderen ja auch nicht verspricht, dem anderen in den Tod zu folgen. Sondern bei ihm zu bleiben – und was das konkret heißt, muss sich im Lauf des Lebens erweisen.

Auch die interessante Frage, wie Judas einzuschätzen sei, haben wir nur gestreift. Ich hatte mich bei Pfr. Mückstein über das Urteil des Johannes, Judas sei vom Teufel besessen gewesen (Joh. 13,27), beschwert. Und er meinte nur, ich solle doch endlich einmal meine Theologie und die des Johannes beiseite schieben und mich mit den Geschehnissen dahinter beschäftigen. Nicht Johannes sei wichtig, sondern wie ich mich selbst in der Geschichte wiederfinde.

Reisen wir also wieder nach Palästina ins Jahr 785 ab urbe condita. Wer übrigens die vorherigen Teile lesen möchte, wählt einfach unter „Themensuche“ unter „spirituell unterwegs“ die „Exerzitien“.

Nach dem Seder-Mahl verließen wir Jerusalem wieder. Kaum einer von uns sagte ein Wort. Uns gingen die Vorkommnisse während des Essens nicht aus dem Kopf. Judas hatte sich mit Jesus angelegt. Oder war es umgekehrt? Judas sollte „verraten“, aber was oder wen? Jesus selbst? Oder nur den Ort, wo er sich aufhalten würde? Es wurde nicht ganz klar. Zumindest hatte er den Raum lange vor uns verlassen.

Und Petrus war mal wieder mit sich selbst beschäftigt. Als Jesus gefragt hatte, ob wir mit ihm gehen wollten, hatte er als erster und voller Inbrunst gerufen: „Ich werde dich niemals verlassen!“ Und Jesus antwortete ihm: „Im Gegenteil. Noch in dieser Nacht wirst du mich gleich dreimal verleugnen.“ Mal ehrlich und nicht fürs Protokoll: Ich finde, Petrus ist ein Hohlkopf. Große Klappe und nichts dahinter. Aber Jesus scheint große Stücke auf ihn zu halten. Seltsam.

Wir gingen durchs Kidron-Tal und kamen in den Gethsemane-Garten. Ruhig war es. Wir waren alle ganz schön fertig. Nur Jesus zeigte keine Anzeichen von Müdigkeit. „Bleibt bitte hier“, sagte er nach einer Weile. „Und bleibt bitte wach. Ich möchte für einen Moment alleine sein.“ Und dann ging er einen Steinwurf weiter und betete.

Und ich, mit meiner Neugier, tat etwas, was ich eigentlich nicht hätte tun sollen: Ich ging ihm hinterher und lauschte. Und was ich dann hörte, berührte mich sehr. Jesus sagte: „Gott, du weißt, wie sehr ich mich jetzt ganz weit weg wünsche. Wenn es irgend geht, dann lass diese Geschichte hier und jetzt zu Ende sein. Oder zeig mir wenigstens im Ansatz, wie es weitergeht und ob das Ganze überhaupt zu etwas gut ist.“ Er schwieg eine Weile. Und seufzte dann: „Ich sehe schon, es ist zwecklos. So sei es denn.“

Er kam zurück. Die anderen Jünger waren inzwischen ausnahmslos alle eingeschlafen. Jesus machte ihnen Vorwürfe: „Ihr solltet doch wach sein, damit auch ihr vorbereitet seid auf das, was kommt.“ Und damit entfernte er sich nochmal. Kurz darauf hörte ich wieder allgemeines regelmäßiges Atmen und Schnarchen.

Plötzlich Lärm. Soldaten und weitere Männer. Jetzt war es also soweit. Jesus schaute den Ankommenden ruhig entgegen. Einer von ihnen löste sich, ging auf Jesus zu und gab ihm einen Kuss. Judas. Jesus umarmte ihn. Herzlich, wie es schien.

Die Jünger aber waren völlig verstört. Petrus hatte plötzlich ein Schwert in der Hand und stürmte auf die Soldaten los. Es gelang ihm, einen von ihnen am Kopf zu verletzen. Jesus wollte die Sache beruhigen, aber nun hatten die Soldaten ihrerseits die Schwerter gezückt. Ich zog es vor, mit den anderen das Feld zu räumen. Als ich merkte, dass die Soldaten an uns nicht mehr interessiert waren, blieb ich unter den ersten Bäumen; die anderen waren nicht mehr zu sehen. Da bemerkte ich einen weiteren Jünger neben mir: Petrus.

Wir nickten uns zu und folgten mit Abstand dem Verhaftungskommando. Unbemerkt gelangten wir durchs Tor. Nein, nicht ganz. Eine Frau schaute Petrus an und fragte: „Gehörst du auch zu dem Verhafteten da drüben?“ Erschrocken antwortete Petrus: „Nein, tu ich nicht.“

„Doch!“, rief ein anderer. „Ich habe dich mit ihm gesehen.“ Da saß Petrus in der Falle. „Auf keinen Fall“, beteuerte er. Wir stellten uns ans Feuer. Da schaute ihn ein älterer Mann von unten an. „Ich erkenne dich“, sagte er. „Du gehörst zu dem da.“ Und er wies mit seiner Hand in den Saal, in dem Jesus vor Kaiphas, dem Hohepriester stand. „Du musst mich verwechseln“, sagte Petrus, mit deutlich leiserer Stimme. Und in diesem Moment hörten wir beide den Hahn krähen. Ich spürte, wie es Petrus schüttelte und nahm ihn in den Arm. Er ließ es geschehen.

Langsam gingen wir zum Gerichtssaal. Da schaute Jesus plötzlich zu uns. Petrus sackte zusammen.

Dann aber schaute er auf, Jesus direkt in die Augen. Jesus nickte. Und Petrus ging zum Tor hinaus. Sein Rücken war gerade.

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Ob der Verrat des Judas wirklich ein Verrat war, wird heute heftig diskutiert. Das Wort, das Luther so – im Anschluss an die lateinische Vulgata – übersetzt, heißt „übergeben, überantworten“. Es gibt die These, dass Judas gar keinen Verrat begangen hat, sondern lediglich den Priestern im Auftrag Jesu dessen Aufenthaltsort verriet.
Und für das Gebet Jesu im Garten Gethsemane habe ich mich von der entsprechenden Szene in „Jesus Christ Superstar“ inspirieren lassen, die ich für eine der besten Interpretationen halte. Aber auch die Umsetzung im Jesus-Film aus der Reihe „Die Bibel“, in der der Teufel leibhaftig auftritt, finde ich gelungen.

Beitragsbild: By Ian Scott – Olive trees in the traditional gardenar k of Gethsemane, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44995444

Wie mit Gott reden?

Wie reden man mit jemandem, den man nicht sieht – ja, von dem man noch nicht einmal sicher weiß, dass es ihn überhaupt gibt? In allen Religionen spielt das Gebet eine hervorragende Rolle. Die meisten Schwierigkeiten scheinen die Protestanten mit ihm zu haben. Der Sonntag Rogate ist eine gute Gelegenheit, diesen Fragen nachzugehen. Zum Beispiel in einer Predigt.

Liebe Gemeinde!

Der Pfarrer von Boscaccio ist entsetzt. Gerade haben die Kommunisten, diese atheistischen Weltzerstörer, die Gemeinderatswahl gegen die christliche Partei gewonnen. „Wie konntest du das zulassen?“, ruft er empört in Richtung Kruzifix. Und der Jesus am Kreuz antwortet. „Das ist eben Demokratie“, sagt er. „Und die Armen haben schließlich Gründe genug, einen kommunistischen Bürgermeister zu wählen.“

Kenner wissen: Wenn ein Jesus am Kreuz antwortet, dann in den Geschichten von Giovanni Guareschi: Don Camillo und Peppone. Weiterlesen

Lichtblick der Woche

Gebet

Alles Gelingen: in deine Fülle
In dein Erbarmen: meine Grenzen
Und meine Sehnsucht: in deinen Frieden

In deine Hände gebe ich mich

All meine Freude: in  deine Schönheit
In deinen Abgrund: meine Klagen
Und meine Hoffnung: in deine Treue

In deine Hände gebe ich mich

All meine Wege: in deine Weite
In deinen Schatten: meine Schwachheit
Und meine Fragen: in dein Geheimnis

In deine Hände gebe ich mich

Stille

In deine Hände gebe ich mich

Dieses „Mittagsgebet am Dienstag“ aus dem Kloster Dinklage brachte Maren zum letzten Konvent mit. Es hat uns sehr berührt.

Gott nuschelt

Es gibt einen Menschen in meinem Bekanntenkreis, der davon überzeugt ist, dass an den Horoskopen doch etwas dran ist. Genauso überzeugt ist er von seiner Vernunft und davon, dass es Gott nicht gibt.

Christen dagegen halten generell eher nichts von Horoskopen. Aber sie haben etwas Ähnliches. Es nennt sich „Herrnhuter Losungen“. Weiterlesen

* Du Opfer

Was kann schlimmer sein als Schmerzen und Krankheit, Streit und Einsamkeit, Stress und Gewalt? Das Gefühl, ein Opfer zu sein. Es ist mächtig, es ist destruktiv. Ganze Gruppen können sich unterdrückt und ausgeschlossen fühlen – ich erlebe es so zum Beispiel bei vielen Moslems, auch bei Pegida und anderen. Und einzelne Menschen können Opfer von Mobbing und Intrigen werden. Ich selbst habe es erlebt. Und ich erlebe mich heute als Opfer meiner Krankheit.

Meine Hauptwaffe gegen die Opferrolle war schon immer das Schreiben, erst analog, dann für mich am PC, jetzt öffentlich im Blog. Um aus der Ohnmacht herauszukommen, musste ich manchmal aggressiv werden. Ich habe dann versucht, die Aggressionen nicht öffentlich werden zu lassen, sondern so lange zu schreiben, bis ich die Situation neu deuten konnte. Bis ich wieder handlungsfähig wurde, um meine Lage zu ändern. Weiterlesen

Dialog oder Mission?

Kirche im Dialog (4). Siehe Themensuche

Dass der Vorsitzende des Säkularen Forums Hamburg, Prof. Helmut Kramer, ausgerechnet der Nordkirche ein vordemokratisches Dialogverständnis vorwirft, kann nur bedeuten, dass er entweder eine selektive Wahrnehmung hat, ein Feindbild braucht oder Lust an der Provokation hat. Trotzdem ist auch mir nicht ganz klar, mit welchen Voraussetzungen und Zielen die Kirche in den Dialog hineingehen will. Weiterlesen