Insel des Glücks

Es traf mich völlig unvorbereitet, ein oder zwei Nächte, nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Ich lag wach, vielleicht wirkte das Dexamethason noch nach. Ich suchte nach einer Position, in die ich meinen Kopf schmerzfrei legen konnte und fand sie. Und dann geschah es.

Mich durchströmte ein Glücksgefühl, wie ich es lange nicht gekannt habe. Ich achtete auf meinen Körper – er hatte keine Schmerzen. Ich sah das Zimmer im Dämmerlicht – hier war ich zuhause. Ich fühlte Utes Nähe und dachte an die Menschen um uns herum. Ich war geborgen, und alles war gut. Ich wusste um all die Umstände, die unser Leben prägen. Aber sie spielten in dem Moment keine Rolle.

Am nächsten Morgen war ich wieder normal. Der Körper machte die normalen Probleme, ich war normal gut drauf, und der Säbelzahntiger war der zuverlässige Begleiter, der sich auch ungefragt immer mal wieder in Erinnerung brachte. Der Alltag hatte mich wieder.

In der nächsten Nacht waren die äußeren Bedingungen die gleichen. Aber dieses besondere Gefühl stellte sich nicht ein. Ich hatte es auch nicht wirklich erwartet. Denn natürlich weiß ich, dass ich das Glück weder machen noch festhalten kann. Ich weiß auch aus Erfahrung, dass ich jederzeit auch aus unbedeutendem Anlass in ein Stimmungsloch fallen kann.

Und mir ist sehr bewusst, dass diese Momente aus vielen Facetten zusammengesetzt sind. Es geht uns in vielerlei Hinsicht einfach gut – wenn nur nicht der Tiger ständig um die Ecke schauen würde. Er ist dafür verantwortlich, dass uns eine gewisse Leichtigkeit im Leben verloren gegangen ist.

Umso wichtiger ist für mich das Erlebnis in jener Nacht. Ich weiß nicht, ob es je wiederkommt. Aber ich weiß, dass ich mich daran erinnern kann. Diese Erinnerung möchte ich festhalten. Und ich weiß, dass solche Erlebnisse überhaupt noch möglich sind.

Es sind diese Erinnerungen, es ist diese Hoffnung, die uns das Gefühl geben: Da geht noch was!

Verhandlungssache

Wenn wir an Abraham denken, steht das Bild von Isaaks Opferung oft im Vordergrund. Klar, wenn das Leben eines Kindes auf dem Spiel steht, schafft es diese Geschichte immer auf die erste Seite. Dabei gibt es eine andere, in der es um eine ganze Stadt geht – und in der Abrahams Charakter noch viel deutlicher zum Ausdruck kommt. Drei Männer besuchen ihn in seinem Beduinenzelt. Er lädt sie ein und bewirtet sie. Während des Gesprächs verraten sie ihm, dass sie, in Gottes Auftrag, zwei Städte zerstören sollen: Die Leute in Sodom und Gomorrha haben es sich mit dem Allerhöchsten verdorben. Doch mit der Zerstörung ist Abraham nicht einverstanden. „Und wenn es doch gute Menschen dort gibt?“, wendet er ein. „Gut, wenn es 50 Gute gibt, soll die Stadt leben.“ Abraham will das schon als Erfolg feiern, da kommen ihm Bedenken: „Und wenn es nur vierzig sind?“ Na gut, Gott ist gnädig. Vierzig also. Aber Abraham hat immer noch ein schlechtes Gefühl – nach mehreren Runden handelt er Gott auf 10 herunter.

Nun, wie man weiß, hat auch das nicht geholfen. Vielleicht hätte Abraham weitermachen sollen? Vielleicht hat er nicht damit gerechnet, dass die Städte so verdorben waren? Vielleicht wusste er auch als erfahrener Verhandler, dass seine Position ausgereizt war.

Man muss sich das einmal vorstellen: Der Mensch feilscht mit dem Allmächtigen um Menschenleben – auf der Seite der Menschen! An diesem Bild stimmt – dogmatisch – gar nichts. Und menschlich alles.

Denn im wirklichen Leben feilschen wir meistens mit Gott – um unser Leben, das unserer Lieben, das unserer Welt. Und Gott erweist sich oft als sehr flexibel: Dass die Menschen böse sind, nimmt er mal als Grund für deren Vernichtung, dann wieder – derselbe Grund! – für deren Rettung (Sintflut). Jakob stellt Gott Bedingungen : „Wenn es mir gut geht, will ich an dich glauben. Sonst – und im Raum steht, dass Jakob sich wohl auch durchaus anderen Göttern zuwenden würde. Eine sehr moderne Haltung (1. Mose 28,20). Später kommt es dann noch zu einer stundenlangen handfesten Auseinandersetzung mit einem Engel (Kap. 32).

Die Alten pflegen mit Gott ein äußerst dynamisches Verhältnis. Und Gott mit ihnen. Er macht zwar einen Vertrag mit Abraham, inklusive großer Versprechungen: Ich bringe dich zu jeder Menge Reichtum und Ehre. Wenn man aber genauer hinschaut, bleibt von dem allen nur ein Familiengrab. Und auch die weitere Geschichte Israels verläuft alles andere als glanzvoll.

Die Theologen haben sich immer eifrig bemüht, den Menschen dafür die Schuld zu geben. Nicht immer haben sie mich überzeugt.

Ich mag Abraham. Er weiß durchaus zu kämpfen (1. Mose 14). Aber im Grunde ist er ein großer Verhandler und Schlichter, der mit seinen Verwandten, Nachbarn und Gegnern gut auskommen will. Vielleicht ist seine Fähigkeit aus der Not geboren. Da er nichts besitzt und keine große Familie hat, ist seine Lage immer sehr unsicher. Eine militärische Auseinandersetzung kann er sich nur im Ausnahmefall leisten. Deshalb redet er.

Und auch wenn er manchmal in der Gefahr steht, sich um Kopf und Kragen zu reden – am Ende verdient er sich mit seinem Geschick und seiner Integrität von allen Seiten Achtung, auch die mächtiger Fürsten.

Ich glaube, dass ich Abrahams Situation nachfühlen kann. Zwar habe ich im Gegensatz zu ihm immer in einem festen Haus gelebt. Doch das Leben war für mich mehr schwankendes Boot als sicherer Hafen – in den letzten Jahren sowieso. Ich wurde enttäuscht, fallen gelassen und verletzt. Und ich habe Unterstützung erfahren und wurde gehalten; das Boot ist bisher nicht untergegangen.

Und wie Abraham habe ich ein Versprechen, eine Verheißung bekommen. Mein Konfirmationsspruch lautet: „Gott spricht: Ich will mit dir sein.“ (2. Mose 3,12) Aber wie das mit Verheißungen so ist: Was macht mich so sicher, dass ich wirklich gemeint bin? Gott sprach ja eigentlich zu Mose. Auch Abraham hat ihn gehört, Paulus und vielleicht sogar mein Nachbar. Doch mit mir sprach er allenfalls in Andeutungen. Ich kann Leonard Cohen verstehen, wenn er sich von Gott wünscht: „I wish we had a treaty I could sign.“ Ich wünschte, ich hätte einen Vertrag, in dem steht: Ich, Gott, erkläre verbindlich… Am besten mit Notar, Vertragsstrafen und all den Sicherungen.

Habe ich nicht. Ich habe nur die bisherigen Erfahrungen, dass ich lebe und dass ich gehalten werde. Ob das auch für heute oder gar morgen gilt? Dietrich Bonhoeffer hat schon recht: Wenn überhaupt, dann gibt uns Gott nur „in jeder Notlage soviel Widerstandskraft, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern auf ihn verlassen“.

In der direkten Auseinandersetzung ist Gott mir überlegen. Deshalb mag ich gegen ihn auch nicht kämpfen. Auf der anderen Seite will ich aber auch nicht so einfach aufgeben. Denn es gibt Dinge, für die es sich zu kämpfen lohnt. In Abrahams Fall waren es Sodom und Gomorrha. Manchmal aber ist es einfach nur Lebenszeit, ein guter Tag oder der Sonnenstrahl, der gerade durchs Fenster scheint – und mich zum Spaziergang animiert wie in der Stunde, als ich diesen Beitrag schrieb…

______________________________
Die „Dreifaltigkeitsikone“ – am berühmtesten ist die von Andrey Rubljev – nimmt den RubljevGedanken des Gesprächs auf. Sie deutet die Gäste des Abraham als die drei Personen der Trinität und in einem immerwährenden Gespräch mit sich selbst. Gott ist nur Gott in Kommunikation, Begegnung und Bewegung. Eine schöne ausführliche Auslegung findet sich in der Zeitschrift Quatember. (The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. ISBN: 3936122202., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=158610

Beitragsbild:  Julius Schnorr von Carolsfeld – Holzschnitt aus „Die Bibel in Bildern“, 1860. Drei Engel bei Abraham, Ankündigung der Geburt Isaaks. Quelle: Der Literarische Satanist, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5469758

Bedeutende Zeiten

 

Predigt am 14. Oktober 2018, dem 20. Sonntag nach Trinitatis

Warum nur habe ich mich im Gottesdienst heute wieder so wohl gefühlt? Weil Daniel ihn so schön gestaltet hat? Weil so viele freundliche, offene, fröhliche, traurige, junge und ältere Menschen da waren? Weil es einfach Niendorf ist? Oder einfach alles zusammen und noch viel mehr?

Hier also wieder die Predigt. Die Grundlage war 1. Korinther 7, 29-31, ein Abschnitt innerhalb eines Kapitels, in dem es um Mann und Frau geht. Viel wichtiger aber ist seine Zeitansage: 29 Aber eins muss ich euch sagen, Brüder und Schwestern: Die Zeit ist knapp. Künftig gilt: Wer eine Frau hat, soll so leben, als hätte er keine. 30 Wer weint, soll sich nicht von der Trauer gefangen nehmen lassen. Wer sich freut, soll sich nicht in der Freude verlieren. Wer etwas kauft, soll es nicht festhalten wollen. 31 Und wer die Dinge dieser Welt benutzt, soll gut auf sie verzichten können. Denn die Welt, so wie sie ist, vergeht. (Text nach der Basisbibel)

Liebe Gemeinde!

„Ganz entspannt im Hier und Jetzt“ – die Älteren unter uns erinnern sich bestimmt: Vor ungefähr 40 Jahren machte ein indischer Guru auf sich aufmerksam: Bhagwan Shree Rajneesh. Er versammelte eine große Schar von Anhängerinnen und Anhängern um sich, die dann oft mit orange gefärbten Gewändern durch die Stadt liefen. Er versprach den Menschen Orientierung, Ruhe und Erleuchtung. Und vor allem ein erfülltes Leben in Gelassenheit und Erfüllung: ganz entspannt im Hier und Jetzt.

Bhagwan ist 1990 gestorben. Sein Imperium aber lebt weiter, und nicht wenige Sinnsuchende pilgern auch heute noch zu seinem Ashram in Pune. Denn seine Botschaft scheint gerade für uns im Westen attraktiv und zeitlos zu sein. Aufmerksam für das, was uns heute begegnet. Achtsam zu sein, sagen die Buddhisten.

Achtsam – das Wort haben wir vorhin schon gehört, am Anfang des Gottesdienstes, der Wochenspruch vom Propheten Micha: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott bei dir sucht: Nichts anderes als Gerechtigkeit üben, Freundlichkeit lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott.“ Das war 1995 das Motto des Hamburger Kirchentags – mit dieser Formulierung. Achtsam mitgehen – hat der Buddhismus schon den Kirchentag gekapert? Denn wir kennen den Vers eigentlich anders. Bei Luther heißt es: „…was der HERR von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ Luther scheint mit Demut eher an konkrete Gebote zu denken, auf dem Kirchentag und übrigens auch in der Einheitsbibel geht es mit Achtsamkeit eher um eine innere Haltung.

In der Tat kann man das entsprechende hebräische Wort so oder so übersetzen – ein Beispiel dafür, dass unser Glaube schon von der Sprache her eine große Weite hat: Was für Paulus die Demut ist, ist für mich die Achtsamkeit.

Paulus dagegen scheint eher auf der Seite Luthers zu stehen. Er hat einen ausgeprägten Sinn für Vorschriften und Hierarchien, bis in das Verhältnis von Mann und Frau hinein. Der Mann sei das Haupt der Frau, wie Christus das Haupt der Gemeinde sei, meint er (1. Korinther 11,3). Und jeder solle in seinem Stand bleiben, ob Sklave oder Herr. Wer verheiratet ist, soll es bleiben. Und wer nicht, soll es lieber bleiben lassen, damit man sich ganz für das Reich Gottes einsetzen kann – es sei denn, das körperliche Begehren ist einfach zu stark.

Das klingt alles ein bisschen retro. Ich glaube, dass die meisten unter uns doch ziemlich erstaunt wären, wenn sich ein Pastor in unser Liebesleben einmischen würde. Und so mag jeder und jede für sich selbst entscheiden, ob man sich nach den Vorgaben des Paulus richtet. Für mich hat er deutlich zu wenig Ahnung vom Verhältnis zwischen Mann und Frau.

Aber da ist noch etwas anderes. Paulus steht unter Druck. „Die Zeit ist knapp“, sagt er. Wir wissen, dass er wie die Gemeinde damals überhaupt mit der nahen Wiederkunft Jesu gerechnet hat. Und dann klingt seine Botschaft wie: Schwestern und Brüder, wir haben nicht mehr viel Zeit. Nächstes Jahr am Freitag kommt Christus wieder, lasst uns die Tage bis dahin nicht mit Nebensächlichkeiten wie Ehe und allem, was damit zu hat, vergeuden.

Dann hätte die Botschaft für uns allerdings auch nur begrenzte Relevanz. Denn seit damals sind eine Menge Freitage ins Land gegangen, und auch für die nächste Zeit rechnen wir nicht unbedingt mit der Wiederkunft Christi. Natürlich wissen wir, dass auch unsere Zeit kurz sein kann, dass wir jederzeit sterben können. Trotzdem planen wir schon mal den Urlaub fürs nächste Jahr und zahlen in die Rente ein.

Aber vielleicht missverstehen wir den Apostel auch. Denn die Zeit, die vergeht, heißt auf griechisch Chronos. Hier aber steht Kairos. Und das heißt so viel wie günstiger Zeitpunkt, und zwar die beste Zeit für eine Entscheidung. Wenn wir zu früh handeln oder zu spät, dann haben wir nicht den richtigen Kairos getroffen. Und dieser Kairos ist, so meint Paulus, kurz. Oder vielmehr: zusammengedrängt. Und dann heißt seine Botschaft: Die Zeit, in der wir jetzt leben, ist sehr wichtig, sehr bedeutend. So ähnlich sagte es auch der Bhagwan: Lebe im Hier und Jetzt – nur ist Paulus nicht ganz so entspannt. Sondern vielmehr aufmerksam, wach, bereit und achtsam.

Dieser Zeitpunkt ist wichtig – das heißt dann auch: Wir sind wichtig, jeder und jede Einzelne von uns, was wir tun oder unterlassen. Ob wir mit „somm Gesicht“ durch die Gegend laufen oder freundlich lächeln. Wie wir mit anderen umgehen und mit uns selbst. Und welche Entscheidungen wir treffen.

Und stehen gleich vor der nächsten Schwierigkeit. Denn es ist gar nicht so einfach, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Bei Paulus hört sich das so an: „Künftig gilt: Wer eine Frau hat, soll so leben, als hätte er keine. Wer weint, soll sich nicht von der Trauer gefangen nehmen lassen. Wer sich freut, soll sich nicht in der Freude verlieren. Wer etwas kauft, soll es nicht festhalten wollen. Und wer die Dinge dieser Welt benutzt, soll gut auf sie verzichten können. Denn die Welt, so wie sie ist, vergeht.“

Das mag ja sein, hört sich für mich aber erstmal nur so mittelgut an. Ich würde schon darauf bestehen, dass ich so lebe, als hätte ich eine Frau. Und wenn ich traurig bin, dann möchte ich traurig sein. Und wenn fröhlich, dann fröhlich. Es mag ja sein, dass diese Welt vergeht. Bis dahin würde ich sie aber gerne voll auskosten.

Andererseits ist genau das der Ratschlag der großen spirituellen Meister: Jesus rät dem reichen Jüngling, alles zu verschenken. Buddha meditiert, um sich von der Welt frei zu machen. Ignatius predigt die indifferentia: Sich einüben in eine Haltung, in der es nicht wichtig ist, ob man reich ist oder arm, angesehen oder verachtet. Ja, auch ob man gesund ist oder krank, ob man früh stirbt oder als alter Mensch ist nicht so wichtig wie – den Willen Gottes zu tun.

Und Gott will, dass ich genau das tue, was ich eigentlich will. Was mir innere Ruhe und Trost gibt. Was meine Berufung ist. Und es gibt Dinge, die mich genau davon abhalten. Für Ignatius waren es eben Reichtum, Ehre, Gesundheit und langes Leben.

Reichtum für sich ist nichts Böses; ich darf ihn genießen. Wenn er mich aber davon abhält, zu mir selbst zu kommen und das zu tun, was meine Bestimmung ist, dann sollte ich mich von ihm trennen. Das ist gar nicht einfach, und ich weiß viele Gründe und Entschuldigungen für faule Kompromisse. Doch mit jedem dieser Kompromisse schade ich mir selbst.

Und so ist es längst nicht damit getan, irgendwelche Gebote zu erfüllen, und seien sie noch so biblisch. Wenn wir zu uns selbst kommen wollen, sollten wir uns selbst kennen – oder zumindest immer besser kennenlernen. Das kriegen wir sicher nicht vollkommen hin. Aber schon der Weg dahin ist spannend: der Weg zur Selbsterkenntnis und zur Gotteserkenntnis.

Wir merken es, wenn wir auf der richtigen Spur sind. Denn wir haben einen inneren Maßstab. Wir spüren, wie wir frei werden und gelassen, wie wir innerlich reifen und einen offenen Blick für die Zukunft bekommen. Und dieses Gespür können wir trainieren – in der Stille und durch geistliche Übungen, mit Geduld und Achtsamkeit, auch in der Auseinandersetzung mit der Bibel und den Menschen.

Und wir haben eine äußere Orientierung: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott bei dir sucht: Nichts anderes als Gerechtigkeit üben, Freundlichkeit lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott.“

Amen.

Psalm-Worte für jeden Tag

Vor einiger Zeit fragte mich Hans-Christoph Goßmann, ob ich eine Rezension von Reinhard von Kirchbachs „Worte für jeden Tag“ für das Deutsche Pfarrerblatt schreiben könne. Ich hatte vorher noch nie etwas vom Autor gehört, obwohl er nordelbischer Pastor und Propst gewesen ist. Aber ich sagte zu.

Erstens weil Christoph ein guter Freund ist. Er wohnt in Niendorf und ist Pastor der Jerusalem-Kirche in Eimsbüttel. Ich habe ihn kennengelernt, als er noch nordelbischer Beauftragter für den christlich-islamischen Dialog war. Auf diesem Blog tauchte er schon einmal auf – hier.

Und zweitens, weil von Kirchbach mich wirklich faszinierte. Warum? Genau das versuchte ich in der Rezension darzustellen.

1731 brachte Nikolaus Zinzendorf die Losungen heraus; sie gehören seitdem zur evangelischen Spiritualität. Inzwischen gibt es solche Sinnsprüche nicht nur aus der Bibel, sondern von Luther und Bonhoeffer – für den die Losungen selbst eine große Bedeutung besaßen –, Goethe und Rilke. Im besten Fall „passen“ sie in die Situation, deuten das Leben, sind tiefsinnig, hintergründig und regen zum Weiterdenken an. Nun hat Hans-Christoph Goßmann ebenfalls „Worte für jeden Tag“ herausgegeben, Sätze und Gedanken aus den Schriften von Reinhard von Kirchbach.

Reinhard von Kirchbach?

von Kirchbach (1913-1998) war Propst im Kirchenkreis Schleswig. Sein Anliegen war, besonders in den letzten Jahrzehnten seines Lebens, der interreligiöse Dialog. Er beklagte, dass wir unsere eigene Position als selbstverständlich dominant voraussetzen und kaum fähig sind, andere zu verstehen. Deshalb gründete er vor 35 Jahren einen Arbeitskreis für den interreligiösen Dialog. Er suchte und fand eine sehr konstante Gruppe von Moslems, Hinduisten, Buddhisten, Christen und, vereinzelt, Juden, mit denen er ins Gespräch kam. Sein Ziel war nicht die Mission, nicht die Verteidigung des eigenen Standpunkts, sondern das Verstehen des Anderen.

Aus Anlass seines 100. Geburtstags brachten Michael Moebius und Hans-Christoph Goßmann eine elfbändige Ausgabe seiner Werke heraus – mit dem Titel: „Eine Theologie im Gebet“. Aus diesen Schriften hat Goßmann „Worte für jeden Tag“ gesammelt.

kirchbach.jpgDiese „Worte“ unterscheiden sich von den Sinnsprüchen eines Goethe oder Rilke, auch von den Herrnhuter Losungen. Im Vorwort nimmt Goßmann ein Anliegen von Kirchbachs auf: „Ich wünsche mir Leser, die diese Worte … in der Hetze zu mehr Ruhe, in der Unübersichtlichkeit zu größerer Klarheit und in dem täglichen Arbeits- und Existenzkampf zu ‚menschlichem‘ Verhalten“ führen.

So sind die „Worte“ auch weniger Reflexionen und Gedanken, sondern vielmehr Gebete, die aus einem Bewusstsein der Nähe Gottes entstanden sind. Ja, von Kirchbach fühlt sich Gott so nahe, dass er Gott selbst reden lässt – wie die biblischen Propheten.

Diese Gottesrede irritiert. Woher weiß von Kirchbach, was Gott denkt, was Gott zu mir spricht? Natürlich weiß er es nicht. Und seine Aussagen wären in der Tat unerträglich, kämen sie im Gewand der Dogmatik daher. Aber er spricht die Sprache des Gebets, der Poesie – „mit Worten niedergeschrieben, wie sie sich bei mir einfanden“, wie er selbst sagt. Er gibt sich in das Geheimnis Gottes hinein und wartet, dass und ob etwas geschieht.

Wenn „Gott“ in diesen Worten spricht, dann ist es zunächst von Kirchbachs Gott – das Wort, das er in der Stille gehört hat. Ob es auch zu meinem Wort wird, bleibt erst einmal völlig offen. Oft wird es erst dann lebendig, wenn ich selbst in die Stille gehe. Genau das ist die Absicht von Kirchbachs: „Es ist nicht die Menge des Gelesenen“, schreibt er, „sondern das aufmerksame Hören des Herzens.“

Weggefährten beschreiben so auch seinen Gesprächsstil: Er interessiert sich für sein Gegenüber, denkt sich in seine Gesprächspartner hinein, manchmal entsteht eine Stille – in die hinein er ein Wort spricht, ein gutes Wort, einen Segen – wie es sich bei ihm einfindet.

So sind auch diese „Worte für jeden Tag“ nichts für Menschen, die etwas „über“ Gott, den Autor, die Welt oder sich selbst wissen wollen. Sie unterscheiden sich von einer Losung, die eine Richtung vorgibt ebenso wie von einem Sinnspruch, der eine Deutung verspricht. Sie sind wie Türen in ein erweitertes Verständnis des Lebens und Denkens – wenn man sich die Zeit nimmt, diese Wege zu gehen.

Es sind Worte, die ihre Fremdheit nicht verlieren – dieser Eindruck wird durch die Beibehaltung der alten Rechtschreibung noch verstärkt. Wie die Psalmen der Bibel verkünden sie auch keine theologischen Richtigkeiten, sondern spiegeln persönliche Gottesbegegnungen wider und werden erst dann wirksam, wenn sie im eigenen Herzen nach- und mitgesprochen werden können. Und wie mit den Psalmen geht es mir mit diesen zeitgenössischen Worten; manche sind mir bis heute verschlossen, andere tun sich spontan auf und wieder andere fangen erst nach langer Zeit an zu leuchten.

Reinhard von Kirchbach: Worte für jeden Tag, hrsg. von Hans-Christoph Goßmann
Verlag T. Bautz GmbH Nordhausen, 2014 (I
SBN 978-3-88309-912-5)

Pfingsten in Jerusalem

Exerzitien 35. Teil, Bingen 2018, die „vierte Woche“.

Und wieder war Jerusalem voller Menschen. Die Juden feierten Schawuot, das Wochenfest. Wir hatten uns in einem Raum versammelt. Die Ängstlichen unter uns hatten sogar darauf bestanden, die Türen abzuschließen. Vielleicht erinnerten sich ja einige Juden an die Geschichte 50 Tage zuvor – damals hatten sie darauf bestanden, dass Jesus gekreuzigt werden sollte.

Zu unserer kleinen Gesellschaft waren nun auch Mitglieder der Familie Jesu gestoßen. Das war sehr bemerkenswert, denn ich erinnere mich deutlich daran, dass das Verhältnis zum Wanderprediger sehr gespannt gewesen war. Aber es hieß, dass Jakobus, einer seiner Brüder, selbst eine Vision gehabt habe. Ich beobachtete ihn. Es war deutlich, dass er sich zu Höherem berufen fühlte. Vom Vater allerdings keine Spur. Ich wollte schon nach Josef fragen, da war es, als ob jemand ein Fenster geöffnet hätte. Ein starker Wind zog durch den Raum, einige standen auf, hoben die Hände. Auf ihren Gesichtern erschien ein merkwürdiger Glanz. Irgendjemand sagte: „Das ist der Heilige Geist!“

Und plötzlich war kein Halten mehr. Die Türen wurden geöffnet, etliche Männer und Frauen gingen nach draußen und fingen an, zu den Menschen zu reden. Ich sah, wie viele genervt weitergingen, andere blieben stehen. Und obwohl deutlich war, dass etliche aus anderen Ländern angereist waren, schienen sie sich gut mit den Jesus-Leuten zu verstehen.

Und dann fing Petrus an, laut zu reden. Ausgerechnet Petrus. Und was er sagte, war nicht gerade leicht zu verstehen. Aber man spürte seine Begeisterung, und genau davon predigte er: „Was ihr hier seht, ist die Erfüllung dessen, was der Prophet Joel gesagt hat: Der Geist wird ausgegossen über die Menschen, und sie werden Visionen haben, und es werden Wunder geschehen, und das alles kommt von Jesus, der gekreuzigt wurde, aber wieder auferweckt worden ist. Der Tod ist besiegt, wir werden alle leben!“

Und er brachte noch mehr Zitate aus den Heiligen Schriften, offenbar alles, was ihm gerade einfiel. Das war mehr assoziativ als logisch, aber so kannte ich Petrus: Er war kein großer Denker, aber immer ganz bei der Sache. Nicht so sehr Kopf, dafür umso mehr Bauch.

Ganz anders als übrigens der andere große Theologe der Jesusbewegung, den ich auf meiner Rückreise nach Rom kennenlernen sollte. Paulus war ein scharfer Denker, nüchtern und kopfgesteuert. Und ein schwieriger Charakter. Beide aber hatten maßgeblichen Anteil daran, dass sich immer mehr Menschen von der Jesus-Botschaft begeistern ließen. Die Bewegung wurde so stark, dass Kaiser Nero sie einige Jahrzehnte später zu Sündenböcken für einen verheerenden Brand in Rom machen konnte.

Ich erlebte es selbst mit. Knapp 20 Jahre blieb ich noch in Palästina, dann kehrte ich nach Rom zurück. Nicht ohne ein paar Abstecher zu machen. Vor allem interessierte mich Athen, wo ich den Parthenon bewunderte und über den Areopag schlenderte. Dort begegnete ich auch Paulus persönlich – ein Treffen, das mich sehr beeindruckt hat und über das ich früher schon einmal berichtet habe.

In Rom hatte sich mittlerweile eine ansehnliche Gemeinde gebildet, die ich öfter aufsuchte. Allerdings genoss ich auch die Freuden der Hauptstadt – auf die Thermen hatte ich lange verzichten müssen. Und ich pflegte und knüpfte alte und neue Verbindungen, die mir während der heiklen Zeit unter Nero sehr nützlich wurden. Paulus, der sich zu dieser Zeit auch gerade in Rom aufhielt, hatte nicht soviel Glück. Er wurde verhaftet und hingerichtet.

Kurz nach dem großen Brand kam auch Petrus in die Hauptstadt. Er hatte zugelegt, an Weisheit wie an Körperumfang. Und er war alles andere als verkniffen. Deshalb freute ich mich, als er mich besuchen kam. Ich holte einen starken Schnaps aus dem Keller, den ein Freund mir aus dem Norden Britanniens mitgebracht hatte und der dort „Wasser des Lebens“ genannt wurde. Und wir hatten einen wirklich netten Abend. Petrus schwärmte von den alten Zeiten als Fischer am Galiläischen Meer, so dass ich fast Lust bekam, wieder dorthin zu reisen.

Kurz darauf wurde Petrus verhaftet und zum Tod verurteilt. Im Prozess blieb er gerade und klar – ganz anders als damals bei der Kreuzigung in Jerusalem. Er wurde getötet wie sein Meister, aber nicht gebrochen.

Und die Gemeinde in Rom wuchs trotz allem weiter. Ich fand dort viele Freunde und Freundinnen und genoss als einer, der „den Meister gesehen“ hatte, auch einiges Ansehen. Allerdings musste ich auch einige Erwartungen enttäuschen. Denn ich wusste auf viele Fragen immer noch keine Antwort. Doch nach wie vor bin ich davon überzeugt, dass Jesus eine besondere Nähe zu Gott hatte – und dass ich an dieser Nähe teilhabe.

Damit endet meine Geschichte – bzw. die Geschichte meines „alter ego“, des namenlosen Römers – mit Jesus und der ersten Gemeinde, die unter den Olivenbäumen bei Caesarea Philippi begann. Wir beide, der Römer und ich, haben in dieser Zeit die bekannten Geschichten neu erlebt und haben einige Überraschungen erlebt. Vor allem aber war es spannend, diesen Weg im Geist mitzugehen. Ich möchte noch einmal betonen: Das ist meine ganz eigene Sicht der Dinge in der Mitte des Jahres 2018. Zu anderen Zeiten hätte ich anderes „erlebt“. Und ich bin überzeugt: Wenn ich irgendwann wieder in diese Zeit und an diesen Ort reise, wird es wieder anders werden. Und warum muss ich eigentlich allein reisen? Vieles ist denkbar, wenn man den Geist laufen lässt…

_____________________________________
Beitragsbild: Glasbild-Trennwand zu einem religiösen Thema im Seniorenheim Martin Luther Haus Wormsvon Barbara Heinisch – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48367637

Szenen einer Auferstehung

 

Exerzitien 34. Teil, Bingen 2018, die „vierte Woche“.

Einige Wochen nach dem Erlebnis in Emmaus ging ich auf den Ölberg und setzte mich dort unter einen Olivenbaum. Ich brauchte etwas Abstand. Ich ließ meinen Blick schweifen über den Garten Gethsemane, den Tempel und, im Hintergrund, den Golgatha-Hügel, auf dem Jesus gekreuzigt worden war. Erinnerungen stiegen hoch, besonders an die letzte Zeit.

Ich hatte mich meistens in Jerusalem und Umgebung aufgehalten. Oft traf ich mich mit den Jesus-Anhängern. Es war eine merkwürdig intensive Stimmung. Wir redeten miteinander, lasen in den Heiligen Schriften und beteten, um die Erlebnisse einzuordnen.

Das Beten der Juden war für mich immer noch ungewohnt. In Rom beteten wir auch: Wir gingen zum Altar des jeweiligen Gottes, von dem wir uns etwas wünschten, brachten ihm ein Opfer und unser Anliegen vor und gingen wieder nach Hause. Hier standen wir in einem Raum, die Hände erhoben, einige murmelten, manchmal sprachen wir ein gemeinsames rituelles Gebet. Und dann war dieser Tag, an dem ein, dann zwei und drei von uns sagten: „Jesus, ja, ich sehe dich.“ Ich sah zwar nichts, aber ein gutes Gefühl bekam ich doch, so etwas wie Heimat und Trost und innerer Friede. Und als wir die Augen wieder aufmachten, meinte eine: „Er hat uns den Heiligen Geist gegeben.“ Und ein anderer ergänzte: „Und ich habe gehört, wie er gesagt hat: Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben.“

Über dieses Wort diskutierten wir noch länger. Die einen meinten, es wäre eine Aufforderung, unseren Mitmenschen zu vergeben. Wenn wir vergeben könnten, dann würden auch sie Frieden finden. Andere sagten: Das ist noch viel größer. Und sie erinnerten daran, dass Jesus selbst Sünden vergeben hätte – etwas, das doch sonst nur Gott zustände. Wir hätten also dieselben Fähigkeiten wie Gott. Doch wir wurden uns nicht darüber einig, was das denn konkret bedeuten würde. Ich gestehe, dass ich den ganzen Überlegungen über die Sünde auch nicht ganz folgen konnte. Der Mensch ein Sünder? Gut, ich habe meine Fehler. Aber die werde ich nicht los, indem irgendjemand sagt: Ich vergebe dir deine Sünden. Die bekomme ich allenfalls ein wenig in den Griff, wenn ich hart an ihnen arbeite. Und das ist eher ein längerfristiges Projekt.

Und dann war da die Geschichte mit Thomas. Ich kannte ihn als einen ziemlich kritischen Geist, doch nach diesem bewussten Ereignis war er ziemlich verwandelt.

Ich war nicht selbst dabei. Man erzählte mir, dass Thomas wieder mal an den ganzen Erscheinungsgeschichten herumnörgelte, als ER plötzlich im Raum stand. Alle hätten ihn gesehen, und Thomas hätte Jesus sogar berührt. Was auch immer geschehen war, danach gehörte Thomas zu den überzeugtesten Jüngern. Mir erzählte er später, dass Jesus gesagt habe: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Ich nahm es als einen ziemlich realistischen Hinweis darauf, dass mir das Sehen nicht vergönnt sein würde.

Danach hörten die Erscheinungen dann auch allmählich auf. Einige Jünger waren davon überzeugt, dass sie Jesus noch einmal dort sehen würden, wo alles angefangen hatte. Und in der Tat kamen sie kürzlich mit einer seltsamen Geschichte zurück: Sie wären in Galiläa wieder ihrem alten Beruf als Fischer nachgegangen. Nach einem ziemlich erfolglosen Tag auf See hätten sie am Ufer einen Mann gesehen, der sie aufgefordert hätte, noch einmal hinauszufahren. Und da wären die Netze übergequollen.

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich kannte die Geschichte schon. Nur war sie zwei Jahre früher passiert, als Jesus noch lebte. Petrus aber schien mir sehr verändert zu sein. Ruhiger, verantwortungsvoller. Als würde er allmählich seinen Platz in der Welt finden.

In den letzten Tagen hatte ich von keinen Erscheinungen mehr gehört. Einige sagten: Jesus ist jetzt endgültig in den Himmel gefahren, zu seinem Vater.

______________________________________
Die Bibelstellen, die diesem Exerzitientag zugrunde lagen, kamen vor allem aus dem Johannesevangelium: Johannes 20,19-23 (Beauftragung der Jünger), 20,24-29 (Jesus und Thomas), 21,1-17 (Am See). Die Theologen stimmen fast alle darin überein, dass das 21. Kapitel später angehängt wurde. Und schließlich Lukas 24,44-53.

Gethsemane

Exerzitien 27. Teil, Bingen 2018, die „dritte Woche“.

Seltsam – einen der wichtigsten Inhalte der christlichen Theologie, das Abendmahl selbst, habe ich während der Exerzitien nur gestreift. Immerhin ist es eines der nur zwei Sakramente der evangelischen Kirche und steht in der katholischen im Mittelpunkt der Messe. In der Meditation und im Gespräch mit Pfr. Mückstein habe ich aber die Frage der Gemeinschaft mit Jesus im Anschluss an die Fußwaschung bewegt: Die Entscheidung mit Jesus zu gehen, bedeutet nicht, sich unbedingt selbst kreuzigen zu lassen. Sondern erst einmal nur, dass ich verspreche bei ihm zu bleiben. Wie ein Ehepartner dem anderen ja auch nicht verspricht, dem anderen in den Tod zu folgen. Sondern bei ihm zu bleiben – und was das konkret heißt, muss sich im Lauf des Lebens erweisen.

Auch die interessante Frage, wie Judas einzuschätzen sei, haben wir nur gestreift. Ich hatte mich bei Pfr. Mückstein über das Urteil des Johannes, Judas sei vom Teufel besessen gewesen (Joh. 13,27), beschwert. Und er meinte nur, ich solle doch endlich einmal meine Theologie und die des Johannes beiseite schieben und mich mit den Geschehnissen dahinter beschäftigen. Nicht Johannes sei wichtig, sondern wie ich mich selbst in der Geschichte wiederfinde.

Reisen wir also wieder nach Palästina ins Jahr 785 ab urbe condita. Wer übrigens die vorherigen Teile lesen möchte, wählt einfach unter „Themensuche“ unter „spirituell unterwegs“ die „Exerzitien“.

Nach dem Seder-Mahl verließen wir Jerusalem wieder. Kaum einer von uns sagte ein Wort. Uns gingen die Vorkommnisse während des Essens nicht aus dem Kopf. Judas hatte sich mit Jesus angelegt. Oder war es umgekehrt? Judas sollte „verraten“, aber was oder wen? Jesus selbst? Oder nur den Ort, wo er sich aufhalten würde? Es wurde nicht ganz klar. Zumindest hatte er den Raum lange vor uns verlassen.

Und Petrus war mal wieder mit sich selbst beschäftigt. Als Jesus gefragt hatte, ob wir mit ihm gehen wollten, hatte er als erster und voller Inbrunst gerufen: „Ich werde dich niemals verlassen!“ Und Jesus antwortete ihm: „Im Gegenteil. Noch in dieser Nacht wirst du mich gleich dreimal verleugnen.“ Mal ehrlich und nicht fürs Protokoll: Ich finde, Petrus ist ein Hohlkopf. Große Klappe und nichts dahinter. Aber Jesus scheint große Stücke auf ihn zu halten. Seltsam.

Wir gingen durchs Kidron-Tal und kamen in den Gethsemane-Garten. Ruhig war es. Wir waren alle ganz schön fertig. Nur Jesus zeigte keine Anzeichen von Müdigkeit. „Bleibt bitte hier“, sagte er nach einer Weile. „Und bleibt bitte wach. Ich möchte für einen Moment alleine sein.“ Und dann ging er einen Steinwurf weiter und betete.

Und ich, mit meiner Neugier, tat etwas, was ich eigentlich nicht hätte tun sollen: Ich ging ihm hinterher und lauschte. Und was ich dann hörte, berührte mich sehr. Jesus sagte: „Gott, du weißt, wie sehr ich mich jetzt ganz weit weg wünsche. Wenn es irgend geht, dann lass diese Geschichte hier und jetzt zu Ende sein. Oder zeig mir wenigstens im Ansatz, wie es weitergeht und ob das Ganze überhaupt zu etwas gut ist.“ Er schwieg eine Weile. Und seufzte dann: „Ich sehe schon, es ist zwecklos. So sei es denn.“

Er kam zurück. Die anderen Jünger waren inzwischen ausnahmslos alle eingeschlafen. Jesus machte ihnen Vorwürfe: „Ihr solltet doch wach sein, damit auch ihr vorbereitet seid auf das, was kommt.“ Und damit entfernte er sich nochmal. Kurz darauf hörte ich wieder allgemeines regelmäßiges Atmen und Schnarchen.

Plötzlich Lärm. Soldaten und weitere Männer. Jetzt war es also soweit. Jesus schaute den Ankommenden ruhig entgegen. Einer von ihnen löste sich, ging auf Jesus zu und gab ihm einen Kuss. Judas. Jesus umarmte ihn. Herzlich, wie es schien.

Die Jünger aber waren völlig verstört. Petrus hatte plötzlich ein Schwert in der Hand und stürmte auf die Soldaten los. Es gelang ihm, einen von ihnen am Kopf zu verletzen. Jesus wollte die Sache beruhigen, aber nun hatten die Soldaten ihrerseits die Schwerter gezückt. Ich zog es vor, mit den anderen das Feld zu räumen. Als ich merkte, dass die Soldaten an uns nicht mehr interessiert waren, blieb ich unter den ersten Bäumen; die anderen waren nicht mehr zu sehen. Da bemerkte ich einen weiteren Jünger neben mir: Petrus.

Wir nickten uns zu und folgten mit Abstand dem Verhaftungskommando. Unbemerkt gelangten wir durchs Tor. Nein, nicht ganz. Eine Frau schaute Petrus an und fragte: „Gehörst du auch zu dem Verhafteten da drüben?“ Erschrocken antwortete Petrus: „Nein, tu ich nicht.“

„Doch!“, rief ein anderer. „Ich habe dich mit ihm gesehen.“ Da saß Petrus in der Falle. „Auf keinen Fall“, beteuerte er. Wir stellten uns ans Feuer. Da schaute ihn ein älterer Mann von unten an. „Ich erkenne dich“, sagte er. „Du gehörst zu dem da.“ Und er wies mit seiner Hand in den Saal, in dem Jesus vor Kaiphas, dem Hohepriester stand. „Du musst mich verwechseln“, sagte Petrus, mit deutlich leiserer Stimme. Und in diesem Moment hörten wir beide den Hahn krähen. Ich spürte, wie es Petrus schüttelte und nahm ihn in den Arm. Er ließ es geschehen.

Langsam gingen wir zum Gerichtssaal. Da schaute Jesus plötzlich zu uns. Petrus sackte zusammen.

Dann aber schaute er auf, Jesus direkt in die Augen. Jesus nickte. Und Petrus ging zum Tor hinaus. Sein Rücken war gerade.

________________________
Ob der Verrat des Judas wirklich ein Verrat war, wird heute heftig diskutiert. Das Wort, das Luther so – im Anschluss an die lateinische Vulgata – übersetzt, heißt „übergeben, überantworten“. Es gibt die These, dass Judas gar keinen Verrat begangen hat, sondern lediglich den Priestern im Auftrag Jesu dessen Aufenthaltsort verriet.
Und für das Gebet Jesu im Garten Gethsemane habe ich mich von der entsprechenden Szene in „Jesus Christ Superstar“ inspirieren lassen, die ich für eine der besten Interpretationen halte. Aber auch die Umsetzung im Jesus-Film aus der Reihe „Die Bibel“, in der der Teufel leibhaftig auftritt, finde ich gelungen.

Beitragsbild: By Ian Scott – Olive trees in the traditional gardenar k of Gethsemane, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44995444