Ein neues Leben

So fühlt es sich also an.

Am Abend des 16. April 1991 fuhr ich die Breitenfelder Straße herunter in Richtung Jerusalem-Krankenhaus, und mein Bauch sagte mir: Jetzt geschieht etwas Bedeutendes. Mein Bauch hat nicht immer Recht, diesmal aber schon. Denn neben mir saß Ute, die eine halbe Stunde vorher in mein Arbeitszimmer gekommen war mit den Worten: Es geht los. Wir sollten also Eltern werden.

Das erhabene Gefühl sollte nicht lange andauern. Denn vor uns lagen viele Stunden Mühsal und Schmerzen. Am nächsten Morgen rief ich Propst Rogmann an, um den Pastorenkonvent abzusagen, auf dem ich mich hatte vorstellen sollen. Es sollte dann noch eine gute Stunde dauern, bis Rasmus mit der Saugglocke geholt wurde. Von dieser Prozedur behielt er noch einige Monate eine lustige Kopfform, bis auch die verschwand.

Was nicht verschwand, war sein Hang zu Bauchschmerzen. Und so lebten wir im Sommer ’91 praktisch in einem permanenten Ausnahmezustand: Ich machte die ersten Schritte in der neuen Gemeinde, Rasmus wollte möglichst ständig getragen werden – und gleichzeitig blieb dieses Gefühl: Wir sind Eltern, Mutter und Vater. Wir sind eine Familie. Wir sind verantwortlich für ein Leben, von nun an für immer. Wir hörten Reinhard Mey, Mein Apfelbäumchen, und wussten und erlebten: Was er sang, stimmt. Jedes einzelne Wort: „Keine ruhige Minute ist seitdem mehr für mich drin. Und das geht so, wie ich vermute, bis ich hundert Jahre bin.“ oder: „Abends an deinem Bett zerrinnt das Wichtige zur Nichtigkeit“. Und beim „Kleinen Kameraden“ laufen besonders Utes Gefühle Amok, immer noch.

Rasmus forderte uns, eigentlich zu 100%. Dazu kamen noch die 100%, die ich für den Beruf aufbringen musste und wollte. Denn nicht nur die Gemeinde erwartete, dass ich im Prinzip 24 Stunden an 7 Tagen der Woche für sie bereit stand. Auch das Pfarrergesetz setzte es voraus. Und nicht zuletzt war es das Pastorenbild, das ich schon aus dem Elternhaus mitbrachte.

Und das führte zu heftigen familiären Auseinandersetzungen. Es dauerte, bis wir zu einem halbwegs tragbaren Kompromiss kamen – der im Lauf der Jahre immer wieder nachverhandelt werden musste.

Trotzdem wurden wir Wiederholungstäter. Und darüber waren wir uns von Anfang an einig. Maj-Britt und Inga waren genauso wie der ältere Bruder absolute Wunschkinder. Und sie sollten uns nicht enttäuschen. Jedes einzelne von ihnen hat uns im Lauf der Jahre unendlich viel mehr Freude gebracht als Schwierigkeiten gemacht. Sicher, sie haben uns immer wieder herausgefordert. Aber wir wollten es so. Und haben es nie bereut.

Heute wohnen wir alle in Niendorf. Und wenn wir unsere Kinder fragen, warum nicht in einem anderen Stadtteil oder in einer anderen Stadt, antworten sie: „Weil hier unsere Familie wohnt.“