Ein Bild für die Ewigkeit

Eine Szene im Weltraum. Rechts sehe ich einen großen Planeten, links darunter einen kleinen. Auf diesem kleinen steht ein Harlekin, angelehnt an den großen, die Hände in den Hosentaschen, den Blick nach unten. Langsam schaut er mich an, lächelnd und fröhlich. Da erscheint hinter ihm eine Hand, der Finger schnippst ihn an. Mit großer Geschwindigkeit fährt der Harlekin um den großen Planeten herum und schießt in den Weltraum, begleitet von den Schlussakkorden der Titelmelodie von „StarTrek – Raumschiff Voyager“.

Diesen Traum träumte ich, während ich nach der letzten OP aus der Narkose erwachte. Es war ein fröhlicher, ein heiterer Traum. Der Harlekin deutet schon darauf hin. Und die Voyager? Wir schauen gerade die ganze Serie der StarTrek – Saga. Das prägt, bis ins künstliche Koma hinein.

Vor allem aber ist es die Aussage, die mich fasziniert. Die Serie „Voyager“ hat zwar kein eigenes gesprochenes Intro. Die Mission ist aber die gleiche wie die der Vorgänger – Raumschiffe: „…um fremde Welten zu entdecken, unbekannte Lebensformen und neue Zivilisationen. Die Enterprise dringt in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“

Ich glaube, dass unsere Vorstellungen vom Jenseits von unserer Persönlichkeit und unseren Erfahrungen in diesem Leben geprägt sind. Wer einen starken Gerechtigkeitssinn hat, wird darauf Wert legen, dass die Sünder bestraft werden. Menschen mit einem geringeren Selbstwertgefühl möchten, dass Gott sie bedingungslos liebt. Solche mit einem Sinn fürs Schöne oder die, die eine besonders hässliche Welt erlebt haben, erfreuen sich an der Musik des Engelorchesters.

Ich füge diesen Vorstellungen noch eine Variante hinzu. Ich halte es für möglich, dass uns auf der anderen Seite eine neue Aufgabe erwartet. Eine neue Challenge. Die dann aber hoffentlich netter ist als der Krebs, den wir hier gerade erleben.

Ich bin neugierig, wie die Mannschaften bei StarTrek. Wie es aber genau sein wird, wenn es überhaupt sein wird, das werden wir erst herausfinden, wenn wir dort angekommen sind. Und das kann ruhig noch ein wenig warten.

So schön wie hier

Wer findet den Fehler? Es war Peter, beruflich eher naturwissenschaftlicher Hintergrund, der bei seinem letzten Besuch darauf hinwies, dass der Satz von Christoph Schlingensief irgendwie merkwürdig ist: „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein.“ Der Himmel – egal, ob wir christlich angehaucht sind oder Hardcore-Atheisten – steht für das Schöne an sich: „Wie im Himmel“ heißt der berührende schwedische Film. Verliebte sind gar im „7. Himmel“. Und „einfach himmlisch“ waren die Weihnachtskekse von Schwiegermutter, die unsere Tochter nun kongenial nachbackt.

Und „hier“, auf der Erde, ist die Lage doch eher gemischt. Schlingensief gab diesen Satz seinem Bericht über seine Krebserkrankung, der er nach fünf Jahren erlag. Und die auch bei ihm von jeder Menge unangenehmer Therapien und vor allem immer der Aussicht auf den Tod begleitet war. Und trotzdem: „So schön wie hier…“

Aber er hat auch nicht geschrieben: Auf der Erde ist es schöner als im Himmel. Diese Aussage könnte man zu Recht bezweifeln, denn der Himmel… siehe oben.

Ich könnte zum Beispiel aus voller Überzeugung sagen: „So schön wie in Niendorf kann’s in Spannbrück gar nicht sein.“ Ich weiß, wovon ich rede, denn ich komme von da. Mein Bruder, der immer noch von da kommt, sagt dagegen mit derselben Überzeugung: „So schön wie in Spannbrück kann’s in Niendorf gar nicht sein.“ Und wer hat nun recht?

Natürlich beide. Denn wir sagen nichts über die schönere Schönheit der Orte an sich. Sondern über unsere Beziehung zu unserem Ort. Der „Hamburger an sich“ weiß natürlich, dass unsere Stadt die schönste der Welt ist. Auch wenn internationale Rankings etwas anderes behaupten, und eins sogar München bevorzugt. Ausgerechnet München! Na gut…

Schlingensief sagt also im Grunde nichts über den Himmel, sondern alles über sein Verhältnis zur Erde: Er lebt gerne, und zwar weil das Leben so schön ist. Schöner als im Himmel. Trotz aller Gegengründe, die auch er zur Genüge hat.

Und das heißt auch: Er will nicht dorthin. Zumindest noch nicht. Und er schreibt im Vorwort: „Nicht zuletzt wünsche ich der Kirche, dass sie aufhört, uns mit den Geheimnissen des Jenseits unter Druck zu setzen. Das Leben ist zu schön, um uns Menschen permanent mit kommendem Unglück zu drohen. Gottes Liebe und Hilfe – egal, wer oder was das auch sein möge … manifestiert sich vor allem in der Liebe zu uns selbst! … Wir sind ganz einfach wunderbar. Also lieben wir uns auch mal selbst. Gott kann nichts Besseres passieren.“ (Seite 11) 

Nach der Diagnose setzt er sich intensiv mit seiner Krankheit auseinander. „Mal wütend und trotzig, mal traurig und verzweifelt, aber immer mit berührender Poesie und Wärme umkreist er die Fragen, die ihm die Krankheit aufzwingen: Wer ist man gewesen? Was kann man noch werden? Wie weiterarbeiten, wenn das Tempo der Welt plötzlich zu schnell geworden ist? Wie lernen, sich in der Krankheit einzurichten? Wie sterben, wenn sich die Dinge zum Schlechten wenden? Und wo ist eigentlich Gott?“ So steht es im Klappentext.

Trotz – oder wegen? – seiner Krankheit arbeitet er an einer Vision: Ein Operndorf in Afrika. In der Nähe von Ougadougou, Burkina Faso. Ein internationales Kultur- und Begegnungszentrum. Abgedreht, menschenfreundlich und „eines der gegenwärtig interessantesten Kulturprojekte weltweit“ (Chris Dercon).

Genauso verstehe ich auch den Titel der Biographie des chilenischen Dichters Pablo Neruda: „Ich bekenne, ich habe gelebt.“ Als Aussage ist er banal: Dass jemand gelebt hat, muss man nicht bekennen. Das gilt für alle Lebewesen. Aber gerade durch dieses Wort „ich bekenne“ wird die Aussage großartig und geheimnisvoll. Sie beschreibt in fünf Wörtern ein Leben voller Hingabe und Lust, Neugier und Leiden – und der Liebe zum Leben und zu seinem Land.

Von seiner Rückkehr aus Europa schrieb er: „Gegen Ende 1943 kam ich wieder nach Santiago. „Ich richtete mich im eigenen … Haus ein … und begann nochmals das schwierige Leben. Von neuem ging ich auf die Suche nach den Herrlichkeiten meines Vaterlandes, der starken Schönheit der Natur, dem Zauber der Frauen, der Arbeit meiner Gefährten, der Intelligenz meiner Landsleute.“ Und beschreibt dann auch deren überaus schwere Lebensbedingungen.

Bis zum Schluss blieb er seinen Überzeugungen treu, setzte sich für die Menschen ein und schrieb seine Gedichte. Er lebte sein Leben.

Ich bin weder Künstler wie Schlingensief noch dichtender Politiker wie Neruda. Aber in ihren Überzeugungen bin ich ihnen nahe: „Ich bekenne, ich habe gelebt“, und so will ich weiterleben, denn „so schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein.“

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Beitragsbild: pxhere, Torres del Paine, Chile

Insel des Glücks

Es traf mich völlig unvorbereitet, ein oder zwei Nächte, nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Ich lag wach, vielleicht wirkte das Dexamethason noch nach. Ich suchte nach einer Position, in die ich meinen Kopf schmerzfrei legen konnte und fand sie. Und dann geschah es.

Mich durchströmte ein Glücksgefühl, wie ich es lange nicht gekannt habe. Ich achtete auf meinen Körper – er hatte keine Schmerzen. Ich sah das Zimmer im Dämmerlicht – hier war ich zuhause. Ich fühlte Utes Nähe und dachte an die Menschen um uns herum. Ich war geborgen, und alles war gut. Ich wusste um all die Umstände, die unser Leben prägen. Aber sie spielten in dem Moment keine Rolle.

Am nächsten Morgen war ich wieder normal. Der Körper machte die normalen Probleme, ich war normal gut drauf, und der Säbelzahntiger war der zuverlässige Begleiter, der sich auch ungefragt immer mal wieder in Erinnerung brachte. Der Alltag hatte mich wieder.

In der nächsten Nacht waren die äußeren Bedingungen die gleichen. Aber dieses besondere Gefühl stellte sich nicht ein. Ich hatte es auch nicht wirklich erwartet. Denn natürlich weiß ich, dass ich das Glück weder machen noch festhalten kann. Ich weiß auch aus Erfahrung, dass ich jederzeit auch aus unbedeutendem Anlass in ein Stimmungsloch fallen kann.

Und mir ist sehr bewusst, dass diese Momente aus vielen Facetten zusammengesetzt sind. Es geht uns in vielerlei Hinsicht einfach gut – wenn nur nicht der Tiger ständig um die Ecke schauen würde. Er ist dafür verantwortlich, dass uns eine gewisse Leichtigkeit im Leben verloren gegangen ist.

Umso wichtiger ist für mich das Erlebnis in jener Nacht. Ich weiß nicht, ob es je wiederkommt. Aber ich weiß, dass ich mich daran erinnern kann. Diese Erinnerung möchte ich festhalten. Und ich weiß, dass solche Erlebnisse überhaupt noch möglich sind.

Es sind diese Erinnerungen, es ist diese Hoffnung, die uns das Gefühl geben: Da geht noch was!

Kritisch: der Volkstrauertag

 

Der Krieg war 12 Jahre vorbei, als ich geboren wurde. Mein Großvater war damals bei den Besatzungstruppen in Dänemark und desertierte, ehe er an die Ostfront kam. Mein Vater war ein „weißer Jahrgang“ und hatte weder mit der Wehrmacht noch der Bundeswehr zu tun. Das Einzige, was ich in meiner Kindheit und Jugend mit dem Krieg verband, war ein Bombentrichter auf unserem Land.

Erst im Vikariat habe ich zum ersten Mal bewusst den Volkstrauertag gefeiert, am Ehrenmal mit Kranzniederlegung, Rede und „Ich hatt‘ einen Kameraden“. Ich konnte herzlich wenig damit anfangen. Bis heute kann ich keinen Sinn darin sehen, dass so viele deutsche Soldaten und Zivilisten im 2. Weltkrieg gestorben sind.

In Niendorf musste ich dann bald selbst die Ansprache zum Volkstrauertag halten. Ich formulierte sehr vorsichtig, und doch waren Angehörige von Gefallenen und ehemalige Wehrmachtssoldaten enttäuscht. Sie hatten erwartet, dass ich den Kampf als „Vaterlandsverteidigung“ rechtfertigte. Mahnmal

Dabei hatte sich die Niendorfer Tradition schon von Anfang an von der des „Heldengedenktags“ verabschiedet. Ich lernte schon früh von meinem Kollegen Pastor Trunz, dass wir hinter der Kirche kein Ehrenmal, auch keinen Gedenkstein und schon gar kein Kriegerdenkmal haben, sondern ein Mahnmal. Unser Vorgänger Claus Seebrandt hatte es gemeinsam mit dem Niendorfer Hans Wullenweber errichten lassen und auf der Inschrift bestanden: „Schaffet Frieden“.

Damals wurden an diesem Mahnmal nach meiner Erinnerung vier Kränze niedergelegt – von der CDU, den Sozialverbänden, den Reservisten und der Freiwilligen Feuerwehr. Das passte zu meiner Vorstellung einer eher konservativen Veranstaltung. Dann aber hörte ich aus Lokstedt, dass die Vereine sich auf einen gemeinsamen Kranz verständigt hatten. Bildergebnis für niendorf volkstrauertagDiese Idee fand ich stark, und bald hatten wir sie auch in Niendorf umgesetzt.

Unser Motto ist seitdem gleich geblieben: Gedenken der Opfer – Mahnung zum Frieden. Auf der Kranzschleife sind nun die unterschiedlichen Niendorfer Parteien und Vereine vereint und machen deutlich: Wir gehen unterschiedliche Wege, haben aber ein gemeinsames Ziel: den Frieden.

Die Ansprache hält seitdem auch nicht mehr der Pastor, sondern ein Vertreter oder eine Vertreterin der Vereine und Verbände: Sie hielten persönliche und nicht selten sehr bewegende Reden: Die Feuerwehr würdigte seinerzeit das Engagement der Kameraden beim Anschlag auf das World Trade Center, die Behinderten-AG und der SoVD warben um Integration, die Reservisten erinnerten daran, dass sich auch heute deutsche Soldaten in gefährlichen Einsätzen befinden. Der Bezirksamtsleiter machte das gemeinsame Engagement für den Frieden zum Thema, und eine Jugendliche berichtete von ihrem Einsatz mit dem Volksbund dt. Kriegsgräberfürsorge in Polen – und wie sie Versöhnung mit einem alten Kriegsteilnehmer erlebt hat.

Auch wenn der Feiertag schon etwas angestaubt und die Teilnahme gerade von Jugendlichen eher übersichtlich ist – das Anliegen ist und bleibt aktuell. Es gibt zwar immer weniger Menschen, die den Krieg noch erlebt haben. Doch zu uns kommen andere, die vor ihm fliehen, aus Afghanistan oder Ostghuta, Jemen oder Kongo, vor Leid, Schmerz und Tod. Es lohnt jeden Einsatz, den Frieden zu bewahren und zu schaffen. Und am Volkstrauertag erinnern wir uns daran, dass wir uns in diesem Ziel einig sind.

 

Nachtgedanken

Dieser Artikel entstand vorgestern, in der Nacht vor der OP. Weil ich nicht schlafen konnte,  las ich die Herrnhuter Losungen – und traute meinen Augen kaum. Sie passten so gar nicht. Ein Grund, mich mit ihnen auseinanderzusetzen und zu prüfen, ob und wo sie zu sprechen anfangen würden. Und sie erzählten, Dunkles und Helles.

Und dann die Frage: Wie würde die Antwort des nächsten Tages sein? Dunkel oder hell? Sie lautet: Wir sind dankbar. Dankbar dafür, dass ich sehen und denken kann, offenbar ohne Einschränkungen. Für die hohe ärztliche Kunst und die außergewöhnlich einfühlsame Betreuung. Für alle, die uns begleitet haben.

Der Tumor soll groß gewesen sein, etwa wie eine Mandarine. Und so abgrenzbar wie erwartet: Gut, aber nicht vollständig. Man hofft und geht davon aus, dass die Bestrahlung den Rest schafft. Es ist das Beste, was wir erreichen konnten.

Aber das wussten wir noch nicht, als ich diese Gedanken formulierte:

 

Die Nacht vor der OP. Das Cortison hält mich wach. Auf meinem Streifzug durch das Smartphone stoße ich auf die Losungen. Manchmal passen sie ja.

Diesmal nicht.

1. Chronik 29,5: Wer ist bereit, dem HERRN heute eine Gabe zu bringen?
Und 2. Korinther 9,6: Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.

Was soll das? Wenn das eine Aufforderung sein soll, dass ich geben soll, dann bin ich raus – out of the game, wie Leonard Cohen sagt. Heute Nacht habe ich nichts zu geben. Im Gegenteil. Die OP steht mir bevor. Ich möchte bekommen – Trost, Mut, irgendwas. Aber die Losungen reden von geben!

Hat da vielleicht jemand gemeint, dass ich schon genug Trost bekommen habe heute Abend? Da waren ja etliche, die telefoniert und geschrieben haben, auf vielen Wegen. Und noch mehr, deren Gedanken mich erreicht haben.

Ich merke, wie meine Gedanken weiterwandern. Wenn ich für jetzt schon genug Trost bekommen habe – steckt in den Losungen vielleicht noch eine andere Botschaft, eine größere?

Dann soll ich also bereit sein, „eine Gabe zu bringen“. Eine große Gabe, dem Herrn würdig. Die größte wäre wohl das Leben selbst. Das aber ist meine größte Angst heute Nacht wie vor jeder OP: dass ich sterben könnte. Soll ich dazu bereit sein? Das will ich nicht!

Ich lese weiter: „Wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.“ Wenn ich heute sterbe, werde ich nicht mehr ernten können, was auch immer. Und ich soll ernten. Und nicht zu knapp. Wenn ich reichlich säe.

Was könnte das sein? Keine Ahnung. Heute Abend zumindest habe ich nichts. Aber morgen vielleicht. Dann gibt es also ein Morgen. Ein Morgen, an dem es irgendwann auch ein Säen und Ernten gibt. Dieser Gedanke reicht mir eigentlich schon aus. Es muss nichts Großes sein. Es könnte auch etwas Großes sein. Segen.

Ich weiß immer noch nicht mehr als vorher. Werde ich leben oder sterben – und wenn leben, dann wie? Die Angst bleibt. Aber durch die Losungen ist auch etwas Neues in die Nacht gekommen. Die Möglichkeit, dass da noch etwas kommt. Mehr kann ich hier und jetzt nicht erwarten.

Woher kam diese Botschaft? Waren es die Losungen? Sie sind nur ein Stück Papier, wie jedes andere auch. Kam sie von Gott? Von ihm habe ich keinen Ton gehört in dieser Nacht. Waren es meine eigenen Gedanken? Ja klar, aber ganz alleine wäre ich auch nicht auf sie gekommen.

Es war wohl das Zusammenkommen all dieser Gedanken – und etwas Neues entstand. So etwas kommt öfter vor. Also etwas ganz Normales. Hätte auch mit einem Horoskop oder dem Orakel von Delphi funktioniert.

Oder auch nicht. Oder wenigstens bei mir nicht. Denn Horoskope beeindrucken mich  nicht, kein bisschen. Und das Orakel ist Geschichte. Ihnen allen gebe ich keine Bedeutung.

Den Losungen schon. Weil ich meine Geschichte mit ihnen habe. Weil sie zu mir gehören. Und ich habe sogar Einfluss auf ihre Wirkung. Ich habe es heute Abend erfahren. Sie zogen mich herunter – und sie zogen mich rauf. Das ist die Wirkung des Geistes, sagt Ignatius. Und wenn sie mich raufziehen, dann kommen sie von Gott. Und sie kommen nicht nur durch Losungen. Gott spricht zu Ihnen, auch in der Stille eines Meditationsraumes, sagte Pfarrer Mückstein einst. Oder in der eines Krankenzimmers vor der OP.

Auch wenn ich um 4.51h immer noch nicht weiß, was er mir konkret sagen will.

Auferstehung ganz anders

Exerzitien 31. Teil, Bingen 2018, die „vierte Woche“.

Die Exerzitientage Karfreitag, Karsamstag, Ostersonntag und -montag fielen – Zufall oder nicht – genau auf die Wochentage Freitag bis Montag. Am Sonnabend machte mir Pfr. Mückstein noch den Vorschlag, die Auferstehung im Strahl der aufgehenden Sonne zu feiern. Allerdings meinte er auch, dass ein solches Vorhaben eher während der Exerzitien, die näher an Frühling oder Herbst liegen, realistisch sei. Jetzt, am 1. Juli, wäre es wohl doch eine zu große Herausforderung wegen der frühen Stunde. Ich stimmte ihm zu. Doch es sollte anders kommen.

Mitten in der Nacht wachte ich auf. Mich plagten intensive Schmerzen, und ich fühlte mich sehr unwohl. Es war gegen halb vier. Ich schaute zum Fenster, das nach Westen ging. Wurde es schon hell? Dunkel erinnerte ich mich an den Vorschlag Pfr. Mücksteins. Ziemlich benommen wankte ich zur Terrasse, die nach Osten hinaus ging. Tatsächlich, über der Rochuskapelle bildete sich deutlich ein roter Rand. Ich hatte die Auferstehung gesehen! Das reichte nun aber auch. So zielstrebig wie nur möglich ging ich wieder ins Bett und versuchte, noch ein wenig zu schlafen. Am nächsten Morgen erst kam ich auf die Idee, dass ich ja ein Foto vom Sonnenaufgang hätte machen können.

In der Nacht auf den Montag wiederholte sich der Vorgang: Ich wachte wegen der Schmerzen im Rücken auf, etwa um dieselbe Zeit. Diesmal war ich vorbereitet, ergriff das Smartphone, ging auf die Terrasse, und zu meinem Glück war es ein ähnliches Bild wie in der Nacht vorher.

Obwohl – Glück? Ich hatte Schmerzen, ich war müde und mir war kalt. Unter einem Ostermorgen bei Sonnenaufgang hatte ich mir immer etwas anderes vorgestellt – etwa so, wie es viele Jahre auch bei uns in der Gemeinde praktiziert wurde: Eine Gruppe von Christinnen und Christen macht sich mitten in der Nacht auf, müde zwar, aber guter Dinge. Die Gemeinschaft ist gut, am Ziel angekommen kann man gemeinsam den Sonnenaufgang beobachten – oder wegen der Wolken auch nicht. Aber das gemeinsame Frühstück, die Gespräche, das Erlebnis entschädigen für alles.

Gab es bei mir die Auferstehung nur unter Schmerzen?

Kurt Marti, der Schweizer Dichterpfarrer (1921-2017) schrieb 1969: „Aber es kommt eine Auferstehung, die ganz anders wird als wir dachten.“ Und er dachte sie sich sozialpolitisch, als „Aufstand Gottes gegen die Herren“. Aber vielleicht ist sie ja noch einmal ganz anders.

Mit Schmerzen hatte ich mir die Auferstehung bisher nicht zusammendenken können. Aber wer weiß? Mir blieb noch bis zum Donnerstag Zeit, dem Geheimnis ein wenig mehr auf die Spur zu kommen.

Auferstehung

Exerzitien 30. Teil, Bingen 2018, die „vierte Woche“.

Die Auferstehung ist das Highlight des christlichen Glaubens. Hinduismus und Buddhismus haben die Wiedergeburt, Atheisten das Nichts und die Naturreligionen die Welt der Ahnen. Auferstehung ist etwas anderes. Sie ist – ja, was ist sie eigentlich? Überwindung des Todes, Überwindung von Leid, Krankheit und Schmerz. Sie ist unsere Hoffnung, und sie gibt dem Tod Jesu erst einen Sinn. „Wenn aber Christus nicht auferweckt wurde, dann hat unsere Verkündigung keinen Sinn. Auch euer Glaube ist dann sinnlos“, schreibt Paulus an die Korinther (1. Kor. 15,14). Aber selbst die Bibel bleibt eher undeutlich, wenn es um die konkrete Beschreibung der Auferstehung geht.

Auferstehung Isenheimer-AltarDa gibt es die Geschichten, in denen Jesus nach seinem Tod wieder als Mensch aus Fleisch und Blut auftaucht. Er spricht mit den Menschen (z.B. Lukas 24, 17), teilt Essen aus (Lukas 24, 30; Johannes 21, 13), und der „ungläubige“ Thomas soll seine Finger in seine Wunden legen und ihn so fühlen (Johannes 20,26-29). Der Prophet Ezechiel beschreibt in einer Vision, wie tote Knochen mit Fleisch und Haut überzogen werden und Gott sie wieder lebendig macht (Ez. 37, 1-14).

Und dann wird der Auferstandene beschrieben wie ein Geist, der plötzlich durch verschlossene Türen auftaucht (Johannes 20, 26) und wieder verschwindet (Lukas 24, 31).

Wie also kann ich mir die Auferstehung vorstellen? Matthias Grünewald versuchte beide Seiten miteinander zu verbinden, indem er Jesus in einer Gloriole darstellte. Weit weniger überzeugend fand ich einen ähnlichen Versuch in einem Jesus-Film, der sich besonders nah an die Bibel anlehnte: Der Auferstandene tauchte in einem leuchtenden Gewand auf, mit einem entrückten Lächeln auf den Lippen. Es war ziemlich unerträglicher Kitsch.

Dagegen war die Darstellung im Film „Die Bibel – Jesus“ vom Regisseur Roger Young, den ich sonst für recht gelungen halte, für mich zu realistisch.

Und heute? Fromme Christinnen und Christen behaupten: „Jesus lebt.“ Aber Lukas hat ihn schon in den Himmel auffahren lassen (Lukas 24,51). Und wenn er heute irgendwo auftaucht, dann in einer Geschichte („Der Großinqusitor„), im Film („Jesus liebt mich„) oder im Glauben.

Wenn selbst 2000 Jahre theologischer Forschung die Frage nach der Auferstehung nicht klären konnten, dann soll es vielleicht ein Geheimnis bleiben. Ein Geheimnis kann man nicht lösen. Man kann sich ihm aber annähern.

Einmal habe ich es schon versucht, hier. Und dann während der Exerzitien in Bingen. Davon werde ich demnächst berichten.

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Bild: Matthias Grünewald, Isenheimer Altar, Auferstehung. Von hanneswave – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=161783rum zuzu30