Ostermorgen

Exerzitien 32. Teil, Bingen 2018, die „vierte Woche“. Der Beitrag knüpft an den 29. Teil an: Karsamstag.

Der Tag, nachdem wir Jesus ins Grab gelegt hatten, hatte mich in eine seltsame Stimmung versetzt – nicht richtig traurig, eher melancholisch und nachdenklich. Ich hatte plötzlich keine rechte Vorstellung von meiner Zukunft und meinen Lebensplänen mehr. Selbst die römischen Thermen hatten ihre Anziehungskraft verloren.

Ich bettete mich also zur zweiten Nacht. Und was ich danach erlebte, kann ich bis heute nicht wirklich einordnen. War es Traum oder Vision, Halluzination oder Realität?

Ich öffnete die Augen. Es war früh am Morgen, die Sonne ging gerade auf. Ich hörte Stimmen, Frauenstimmen. Maria Magdalena konnte ich identifizieren, einige andere auch. Sie wollten bestimmt die Leichenpflege nachholen – aber konnten sie auch den Stein bewegen? Da hörte ich einige überraschte Rufe. Ich näherte mich, und da sah ich es auch: Der Stein war weggerollt worden. Ich hatte nichts bemerkt.

Plötzlich schauten die Frauen in eine andere Richtung. Ich konnte nichts erkennen, Sträucher und Bäume verwehrten mir den Blick. Aber ich hörte eine Stimme: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“, soll sie gesagt haben. So berichteten die Frauen später. Ich hatte vielmehr gehört: „Was sucht ihr das Leben beim Tod?“

Und dieser Satz sprach mich unmittelbar an. Wie eine Botschaft aus einer anderen Welt. Vielleicht war es ja ein Engel, wie die Frauen später behaupteten. Und er hatte ja Recht: Wenn ich Leben finden wollte, dann nicht hier beim Toten. Ich musste also weg. Aber wohin? Ich wusste es nicht. Nicht zu den Jüngern, dachte ich noch. Deren Denken und Reden kreiste bestimmt auch nur um den Toten und den Tod. Aber ich wollte auch nicht zu den Frauen in ihrer Trauer.

Sie waren ohnehin inzwischen wieder weggegangen. Bis auf eine, Maria Magdalena. Ich sah, wie sie mit jemandem sprach: „Bist du der Gärtner? Sag mir, wo ist der Leichnam? Hast du ihn weggebracht?“ Als Antwort hörte ich nur ein Wort: „Maria.“ Die Angesprochene erstarrte. „Rabbuni?“, fragte sie. Und dann: „Rabbuni!“ – mein Rabbi, mein Lehrer, mein Meister.

Nun wollte ich es selbst wissen und näherte mich. Als ich unter den Bäumen hervortrat, sah ich eine Gestalt aus dem Garten verschwinden. Aber ich konnte sie nicht mehr erkennen. Ich wandte mich Maria zu. Wie in Trance schaute sie mich an. „Ich habe Jesus gesehen“, sagte sie. „Wie, Jesus?“, fragte ich zurück. Aber sie hörte mir gar nicht richtig zu. Mit einem etwas entrückten Blick drehte sie sich um und ging aus dem Garten.

Und ich überlegte, was wohl mit ihr passiert sein mochte. Sie hatte wohl schon immer einen Sinn fürs Übersinnliche gehabt. Man hatte mir erzählt, dass Jesus ihr sieben Dämonen ausgetrieben hatte. Was immer das heißen mochte. Sicher war: Sie hatte eine besondere Beziehung zu Jesus gehabt und war von seinem Tod besonders betroffen.

Aber war das eine Erklärung für das, was ich gerade gesehen hatte? Ein einziges Wort, ich hatte es auch gehört: „Maria“ – und all ihre Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit war wie weggeblasen. Was hatte sie gesehen? Was hatte sie gehört? Was hatte sie berührt? Ein Wort? Eine Geste. Sie hat es mir nie erzählt.

Ich schaute mich um. „Was sucht ihr das Leben beim Tod?“, hatte ich noch im Ohr. Ich musste los. Erst einmal nach Jerusalem hinein. Die Stadt war nach dem gestrigen Ruhetag, dem Sabbat, zu neuem Leben erwacht. Was ich dort wollte, wusste ich noch nicht. Aber zumindest musste ich etwas essen.

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Beitragsbild: Die Erscheinung Christi vor Maria Magdalena nach der Auferstehung, von Alexander Andreyevich Ivanov (1806 – 1858) – Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21853920.
Das Video spielt den Song „I don’t know how to love him“ aus der Rockoper Jesus Christ Superstar von Andrew Lloyd Webber (1970), Text Webber und Tim Rice, gesungen von Yvonne Elliman. Lizenziert an YouTube durchUMG, AdRev for a 3rd Party (im Auftrag von Universal Pictures Film Music); UMPI, Really Useful Group Ltd (music publishing), ASCAP, CMRRA, UMPG Publishing, UBEM und 6 musikalische Verwertungsgesellschaften.

Lichtblick der Woche

„Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel“, schrieb Ute in unsere Gesprächsrunde „Zwischen Himmel und Erde“, in der wir uns über Predigttexte austauschen. Diesmal geht es um einen Engel, der Petrus aus dem Gefängnis befreit (Apostelgeschichte 12, 1-11).

Einem solchen Engel sind wir vielleicht noch nicht begegnet – aber Engel müssen nicht Männer mit Flügeln sein, so schrieb Rudolf Otto Wiemer:

Vielleicht ist einer, der gibt dir die Hand
oder er wohnt neben dir, Wand an Wand,
der Engel.

Dem Kranken hat er das Bett gemacht,
er hört, wenn du ihn rufst in der Nacht,
der Engel.

Und solchen Engeln sind wir begegnet – auch, ja gerade auch im Krankenhaus. Und nicht nur da.

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Bild: Pixabay
Das Gedicht von R.O. Wiemer ist urheberrechtlich geschützt. Deshalb habe ich nur einen kleinen Auszug abgedruckt. Es ist aber leicht im Netz zu finden.
Und wer noch bei „Zwischen Himmel und Erde“ mitmachen oder einfach nur weitere Infos möchte, schreibe mir bitte.

Lichtblick der Woche

Engelschöre

Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. (Lukas 2, 13-14)

Wir wünschen euch allen eine fröhliche, eine besinnliche, eine gesegnete Weihnachtszeit.

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Das Engelorchester haben wir von Utes Mutter geerbt. Es steht bei uns im Flur und erinnert uns an die vielen Engel, die uns umgeben.
(c) Erik Thiesen 

 

 

* Vom Engel, der fliegen wollte

Ein Märchen

Liebe Gemeinde,

Kinder brauchen Märchen, heißt es, und ich glaube: Erwachsene auch. Deshalb möchte ich heute ein Märchen erzählen. Und Märchen fangen an mit „Es war einmal“.

Es war einmal ein Engel. Manche Engel werden geboren, dieser Engel wurde geschaffen. Er war sofort erwachsen. Ein Schöpfer schuf ihn aus einem einzigen Holzstück. Und als der Engel fertig war, hielt der Schöpfer ihm einen Spiegel vor und fragte ihn: „Wie gefällst du dir?“ Und der Engel sagte: Weiterlesen

Little Companion Angel

Lichtblick der Woche

20170714_170800

Diesen „Engel to go“ schenkte uns Frau Seeland mit dem Auftrag, ihn auf die Route 66 mitzunehmen, die wir im nächsten Jahr fahren werden.

Von diesem Vorhaben werden uns weder Mächte noch Gewalten, weder Krebs noch irgendeine andere Kreatur abhalten (frei nach Römer 8). Und der Engel wird mitkommen.

 

Der unheimliche Engel

„Denn Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“ – das ist seit vielen Jahren der Taufspruchklassiker. Wir möchten, dass unsere Kinder behütet sind, auch wenn wir sie nicht selbst beschützen können. Gut, dass es dann die Engel gibt. Denn „Engel sind himmlische Wesen, die uns beistehen, wenn wir traurig, verzweifelt oder verängstigt sind“, wie es auf der Internetseite Engel-Orakel beschrieben wird.

engel-raffaelOder aber wir sehen Raffaels Engel, „die berühmtesten Lümmel der Kunstgeschichte“ („Die Welt“) vor uns. Doch Engel sind mehr, und sie sind keineswegs immer sympathisch. Weiterlesen