Die Exerzitien – ein Fazit

Exerzitien 36. Teil, Bingen 2018, die „vierte Woche“. Reflexionen der letzten beiden Tage, 4. und 5. Juli 2018

Die Grundlage der Exerzitien sind die Jesus-Geschichten aus der Bibel. Geschichten aber sind nicht eindeutig. Sie können in verschiedene Richtungen interpretiert werden. Ich finde meinen Ort und meinen Zugang. Und ich habe erfahren: Wenn ich mich, wie Pfr. Mückstein immer wieder anregte, in diese Geschichten hineindenke, dann bekomme ich noch einmal ganz neue Zugänge. Und neue Fragen. Was passierte wirklich am Ostermorgen? Hat Maria Jesus gesehen? Einige meiner ganz persönlichen Erkenntnisse habe ich hier zusammengetragen:

1. Jesus hätte seine Kreuzigung vermeiden können, indem er sich einfach weggeduckt hätte. Aber dann hätte er seinen Weg und seinen Auftrag verlassen. Er wurde nicht deshalb gekreuzigt, weil die Verhältnisse stärker waren als er, sondern weil er stärker war als die Verhältnisse. Leonard Cohen: „Steer your way past the ruins of the Altar and the Mall. Steer your way through the fables of Creation and The Fall. Steer your way past the Palaces that rise above the rot. Year by year, month by month, day by day, thought by thought.“
Jesus sendet uns. Dem Petrus sagt er: „Als du jung warst, hast du gemacht, was du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wird ein anderer dich führen, wohin du nicht willst.“ (Joh. 21,18) Es gibt Wege, die möchte man nicht gehen. Leider sind es manchmal die eigenen.

2. Jesus kommt, auch durch verschlossene Türen. Er wird nicht herbeigebetet, herbeigesehnt oder durch irgendwelche anderen Taten herbeigeholt.

sprechendes-kreuz1.jpg3. Der Auferstandene ist der Gekreuzigte. Auferstehung ist mit Schmerzen verbunden. Kruzifix Baum1Deshalb war, seltsamerweise, das Franziskus-Kruzifix (links) mein Ansprechpartner während der Passionswoche, der hölzerne Jesus (rechts) während der Auferstehungszeit.

4. Jesus haucht uns den Tröster ein, den Heiligen Geist, der uns die innere Kraft gibt, die uns immer wieder aufstehen lässt.

5. Die Sache mit der Vergebung ist in der Regel eine harte Arbeit am inneren und äußeren Frieden. Es ist wichtig, dabei „zart und genau“ zu sein (Kurt Marti). Im Gottesdienst sprechen wir uns diesen Frieden zu. Wir tun so, als ob das Reich Gottes mit seinem Schalom schon da wäre – oder wir im Himmel.

6. Die Thomas-Geschichte lehrt uns nicht, dass wir zweifeln dürfen. Sie lehrt mich, dass die Zeit des Sehens und Anfassens vorbei ist. Jetzt ist die Zeit des Glaubens. Oder anders gesagt: Jesus steht nicht mehr vor mir, er ist in mir.

7. Ob in Emmaus oder am See Tiberias: Jesus wird von seinen Freunden an Taten, Gesten und Worten erkannt, die sie an früher erinnerten. Sie, die ihre Geschichte verloren glaubten, fanden sie wieder (Lothar Steiger).

8. Am Anfang steht die Beziehung. In Galiläa fragten die Jünger: „Wo wohnst du?“ Und Jesus antwortete: „Kommt und seht.“ (Joh. 1,38-39) Am See Tiberias fragt Jesus Petrus dreimal: „Liebst du mich?“, ehe er ihn beauftragt. (Joh. 21,15-17)

9. Ich verdanke Gott mein Leben. Gott ist aber kein Herrschender, sondern ein Liebender. Und auch für ihn gilt: „Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen.“ (Max Frisch) Manchmal allerdings ist mit Gott schlecht auszukommen. Dann sollte ich zu Jesus gehen. Er ist Leidens- und Weggenosse.

9. Ich brauche Jesus, weil er mich immer wieder aufs Leben hinweist und auf den guten Gott.

10. Ich habe nichts, keinen Glauben und keine Sicherheit. In dem Moment, in dem ich Jesus erkenne, entschwindet er. Dietrich Bonhoeffer: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir sie brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.“ Was bleibt, ist der Auftrag.

Lichtblick der Woche

dav

Es gibt aber kaum
ein beglückenderes Gefühl,
als zu spüren, dass man
für andere Menschen etwas sein kann.
Dabei kommt es gar nicht auf die Zahl, sondern auf die Intensität an.
Schließlich sind menschliche Beziehungen
doch einfach das Wichtigste im Leben;
daran kann auch der moderne „Leistungsmensch“ nichts ändern.-
Dietrich Bonhoeffer, Brief aus der Haft 1944

Diesen Lichtblick zeigte uns unsere Schwester und Schwägerin Inke, bei der wir gerade vier schöne Tage genossen haben.

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Das Beitragsbild zeigt Dietrich Bonhoeffer mit Schülern, von Bundesarchiv, Bild 183-R0211-316 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5436013

 

Von guten Mächten

Seit meiner Jugend kenne ich das Gedicht, zuerst in der Vertonung von Siegfried Fietz, dann auch in der Gesangbuchfassung von Otto Abel (EG 65). Dietrich Bonhoeffer hat es im Dezember 1944 geschrieben, aus der Haft und nur wenige Monate vor seinem Tod.

Immer und immer wieder habe ich es gesungen und zitiert, höre ich es an der Schwelle zum Jahr 2018 noch einmal ganz neu.

1. Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr. Weiterlesen

Eigentlich bin ich ganz anders…

… aber ich komme so selten dazu (Ödön von Horváth).

Nach den letzten doch sehr kritischen Blogs über das Reformationsjubiläum, das mir sogar ein Like eines Hardcore-Atheisten eingebracht hat, habe ich aus Bayern einen Vortrag von Prof. Ralf Frisch bekommen mit dem Titel „Hat die evangelische Kirche noch eine Zukunft?“ (hier als Podcast). Prof. Frisch lehrt an der Hochschule in Nürnberg und ist Theologischer Referent der bayrischen Kirchenleitung. Und wenn ich ihn richtig verstanden habe, dann stellt er die These auf: Die evangelische Kirche löst sich auf, weil sie in ihrer Botschaft von allgemein humanistischen Aussagen kaum noch zu unterscheiden ist. Weiterlesen

Gott nuschelt

Es gibt einen Menschen in meinem Bekanntenkreis, der davon überzeugt ist, dass an den Horoskopen doch etwas dran ist. Genauso überzeugt ist er von seiner Vernunft und davon, dass es Gott nicht gibt.

Christen dagegen halten generell eher nichts von Horoskopen. Aber sie haben etwas Ähnliches. Es nennt sich „Herrnhuter Losungen“. Weiterlesen

Den Austausch fördern

Kirche im Dialog (5). Siehe Themensuche

Um mit Menschen außerhalb der Kirche in einen Dialog treten zu können, müsste man ja eine gemeinsame Sprache finden. Doch die religiöse Mundart verschwindet langsam. Manche Wörter werden gar nicht mehr verstanden oder bekommen eine andere Bedeutung. Wenn ich etwas fürs Wochenblatt geschrieben habe, sollte es ausdrücklich „nicht so kirchlich oder pastoral“ sein. Weiterlesen

Dialog oder Mission?

Kirche im Dialog (4). Siehe Themensuche

Dass der Vorsitzende des Säkularen Forums Hamburg, Prof. Helmut Kramer, ausgerechnet der Nordkirche ein vordemokratisches Dialogverständnis vorwirft, kann nur bedeuten, dass er entweder eine selektive Wahrnehmung hat, ein Feindbild braucht oder Lust an der Provokation hat. Trotzdem ist auch mir nicht ganz klar, mit welchen Voraussetzungen und Zielen die Kirche in den Dialog hineingehen will. Weiterlesen