Keiner versteht mich

Vor einigen Tagen habe ich auf diesem und einem anderen Blog über die Grundlage unseres Denkens und Handelns diskutiert. Und auch wenn jeder Mensch einzigartig und nicht wirklich in Kategorien einzuordnen ist, würde ich zwei von uns als Rationalisten bezeichnen. Sie wünschen sich die Vernunft als Grundlage unserer Auseinandersetzungen und Entscheidungen. Eine ist eine evangelikale Christin und ich würde mich als liberalen Christen bezeichnen. Und ich denke, dass wir damit die Denkweisen in unserer Gesellschaft im Prinzip nicht schlecht abbildeten.

Wir haben immer wieder neue Ansätze gesucht, unsere jeweilige Position den anderen zu erklären. Am Ende haben wir die Gespräche abgebrochen. Wir kamen nicht zueinander.

Und dabei waren wir alle reflektierte Menschen mit dem Wunsch, uns verständlich zu machen. Am Ende saßen wir wieder in unserer eigenen Blase und dachten wohl alle dasselbe: Wie borniert können die anderen bloß sein!

Genauso erlebe ich es in unserer Gesellschaft: Auch nach vielen Recherchen und Bemühungen vermittelt noch ungefähr jeder ZeitOnline-Artikel die Meinung: Wie doof können AfD-Anhänger bloß sein? Und SpiegelOnline versucht immer noch und immer wieder, Homöopathie-Anhänger mit wissenschaftlichen Argumenten zu überzeugen und begreift nicht, dass das denen egal ist. Die SPD versteht die Welt nicht mehr und die AfD fühlt sich sowieso von niemandem verstanden.

Und auch ich frage mich: Was ist da passiert? Warum reden wir aneinander vorbei? Und was muss passieren, dass wir doch noch zueinander kommen.

Denn wir leben nun mal in einer Gesellschaft. Und wir wären erfolgreicher, wenn wir kooperativ unsere Probleme lösen könnten. Dazu müssen wir erst einmal eine gemeinsame Basis finden. Welche könnte das sein?

Ihr könnt, wenn Ihr mögt, die Diskussionen im Netz auf „Überschaubare Relevanz“ und auf diesem Blog nachlesen. Und natürlich werde ich selbst weiter darüber nachdenken.

Über einen lebendigen Austausch würde ich mich freuen.

Wir müssen reden

Christoph war nicht ganz zufrieden mit mir, das wurde deutlich. „Warum willst du den interreligiösen Dialog?“, fragte er mich. Und ich sagte: „Weil er wichtig ist. Weil wir die anderen kennenlernen müssen, wie sie denken und so. Und die uns.“ – „Das reicht nicht“, meinte er. Christoph ist Experte für den interreligiösen Dialog. „Wie, das reicht nicht?“, fragte ich.

„Es kommt auf die persönlichen Beziehungen an“, sagte er. „Über den Koran und die Bibel reden und über Islamismus und Kopftuch und all das, ist gut und schön. Aber viel wichtiger ist: gemeinsam essen, lachen, reden. Organisiere doch mal ein Fußballspiel, etwas, wo man sich näher kommt.“

Ehrlich gesagt, ich wollte nicht Fußball spielen. Ich wollte über Koran reden und Bibel und Islamismus und Kopftuch. Darüber, dass in der islamischen Gemeinde fast ausschließlich türkisch gesprochen wird, türkisches Fernsehen geschaut und türkische Cola getrunken. Ich fand und finde das immer noch crazy und nicht sehr zielführend, was Integration angeht.

Und ich habe darüber auch geredet, aber eher so am Rande. Vor allem bin ich in jedem Jahr mit Konfis in der Islamischen Gemeinde Eidelstedt-Schnelsen gewesen. Am Anfang trafen wir uns noch in der Spanischen Furt unter einem Supermarkt. Dann kaufte die Gemeinde in Eidelstedt ein ehemaliges Pastorat, und nun haben sie sich eine Fabrikhalle am Ring 3 ausgebaut. Ein wenig neidisch bin ich schon. Über 400 Leute kommen zum Freitagsgebet, das schaffen sonntags bei uns nicht einmal die Katholiken.

Und immer wieder traf ich Mehmet, der eigentlich schon längst im Ruhestand in der Türkei sein wollte, aber ständig genau dann vor Ort war, wenn ich mit den Konfis vorbei kam. Und Sevgi hat unseren Jugendlichen so begeistert vom Islam erzählt, dass regelmäßig zwei, drei von ihnen nahe dran waren zu konvertieren.

Und dann kamen sie zu viert aus der islamischen Gemeinde zur Verabschiedung. Und die beiden Männer brachten den Auszug aus der Kirche durcheinander, weil sie die ersten mit den Blumen sein wollten. Und Sevgi hat mich nach einer bewegenden Rede zweimal lange in den Arm genommen.

Und heute weiß ich: Ja, ich will mit ihnen weiter und immer wieder reden über Koran und Kopftuch und Integration und alles. Aber das Wichtigste ist tatsächlich die Freundschaft und die Beziehung zwischen uns. Und das Trennende rutscht in der Prioritätenliste gerade ganz nach unten.

Danke, Sevgi. Danke, Mehmet.

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Mehmet Ünver und Ibrahim Orhan sind die ersten beim Auszug nach dem Gottesdienst
Foto: Wolfgang Hertwig

Dialog mit Konfessionslosen

Kirche im Dialog (1)

Jüngst schneit eine Pressemeldung auf meinen Schreibtisch, dass die Nordkirche ein neues „Werk“ gründen will: „Kirche im Dialog“ – konkret: im Dialog mit Konfessionslosen.

Dialog finde ich gut. Und wenn die Kirche über den eigenen Rand hinausschaut, finde ich es noch besser. Doch frage ich mich, welche Motive die Verantwortlichen mit dieser Gründung verbinden.

Vor dreißig Jahren habe ich verantwortlich an einem Projekt mitgewirkt, das ähnliche Ziele verfolgte. Neu anfangen – Christen laden ein zum Gespräch – „will den Glauben positiv und niveauvoll für eine ganze Stadt oder Region ins Gespräch bringen und fern stehende Menschen zum Neuanfang im Glauben und in ihrer Beziehung zur Kirche ermutigen“, heißt es heute auf der Webseite. Als wir es in Hamburg durchführten, gemeinsam mit den Katholiken und Freikirchen, gehörten auch noch geschätzte 70% einer dieser Kirchen an. Es war eine großartige Aktion, doch den Trend zum Kirchenaustritt hat sie auch nicht wesentlich beeinflusst.

Vor sechs Jahren gründete die Nordkirche eine Arbeitsstelle mit exakt demselben Namen wie das neue Werk: Kirche im Dialog. Sie versuchte erst einmal herauszufinden, mit wem man überhaupt reden wollte. Sie stellte fest, dass die meisten Konfessionslosen mit ihrer Situation ganz zufrieden waren. Gerne zitiert wurde die Antwort einer Ostdeutschen, die auf die Frage „Sind Sie religiös?“ antwortete: „Nein, ich bin normal.“

Zu den Empfehlungen dieser Arbeitsgruppe gehörte dann auch weniger, mit religiösen Themen an die Öffentlichkeit zu gehen, sondern auf „dritten Feldern“ wie Flüchtlingsarbeit und Kirchbauvereinen mit nichtkirchlichen Akteuren zusammenzuarbeiten. Vor allem aber solle man mit den Gesprächspartnerinnen und –partnern offen und empathisch umgehen, sie nicht vereinnahmen und die Mission Gott überlassen.

Nun also das Werk „Kirche im Dialog“, das in erster Linie Gemeinden und kirchliche Mitarbeitende unterstützen soll im Gespräch mit Außenstehenden. Als erstes wurde eine Fotoausstellung organisiert, in der Künstler, die der Kirche fernstehen, ihre Assoziationen zu „Gott“ darstellen durften – in der Hoffnung, dass unterschiedliche Menschen über das Thema miteinander ins Gespräch kommen. Auf der Webseite heißt es dazu: „Eine der Fotografinnen drückte es so aus: „Die Menschen sitzen vielleicht auf verschiedenen Stühlen, die auch alle anders aussehen. Aber letztendlich schauen sie doch alle in dieselbe Richtung und wollen alle etwas zum Anlehnen!“

Ein schöner Satz, aber stimmt er auch?