Eine Woche Chemoland

Die letzten Tage waren hart. Härter, als ich gehofft hatte. Aber wahrscheinlich auch besser, als es hätte sein können. In den Vorgesprächen habe ich mich bemüht, bei den möglichen Nebenwirkungen nicht ganz so genau hinzuhören und alles auf mich zukommen zu lassen. Das halte ich immer noch für eine gute Idee.

Vor einer Woche konnte ich noch einen kilometerlangen Spaziergang machen. Jetzt bin ich froh, wenn ich um die Hinschwiese komme. Im Bauch schmerzt und drückt es heftig. Mal sehen, ob die Ärztin morgen eine Idee hat.

In den nächsten beiden Wochen bekomme ich „nur“ Antikörper gespritzt. Die Nachwirkungen sollen überschaubar sein. So geht es weiter, in sechs Zyklen – eine Woche das volle Chemo-Programm, zweimal Antikörper, also 18 Wochen. Das wird ein langer Ritt.

Mit ungewissem Ausgang; denn ob die Therapie anschlägt, wissen wir noch nicht. Und während ich vor der OP in Mainz meine Zukunft noch in Jahren plante, sind es jetzt weitaus überschaubarere Zusammenhänge. Die Grenzen des Lebens werden sichtbarer, gerade wenn sich die Krankheit auch körperlich in den Vordergrund schiebt.

Und doch halte ich mit Christoph Schlingensief daran fest: „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein.“ Dabei weiß ich doch gar nicht, wie es im Himmel aussieht. Kommt nach dem Tod die ewige Seligkeit? Oder eine neue Aufgabe? Oder gar nichts? Werde ich mit Gott beim Bier sitzen und feiern oder die großen Geheimnisse des Lebens klären? Diese Fragen sind noch nicht dran. Heaven can wait.

Was aber nicht warten kann, und das kann ich nicht oft genug sagen: Hier zu leben, mit Ute, mit der Familie, mit Euch. Ich möchte noch zwei, drei Ideen umsetzen, die ich ganz charmant finde. Ralf fragte auch nach einem Artikel über das Reformationsjubiläum. Auf der Terrasse vor dem Fenster versteckte gestern eine Krähe irgendein Zeugs unter den Steinen. Letzte Nacht hat es gestürmt. Und heute fallen wieder Blätter durch die Sonnenstrahlen.

Es ist so schön, dass es weh tut. Heaven can wait. Definitiv.

Statistiken

Aus aktuellem Anlass

Nun ist es also so weit. In der kommenden Woche beginnt die Chemotherapie. Mit den zurzeit üblichen Mitteln hat man ungefähr zehn Jahre Erfahrung. Neuere Medikamente für „meine“ Tumorart befinden sich noch in der Testphase. Ob sie besser sind als die herkömmlichen, weniger Nebenwirkungen haben, das Leben verlängern oder gar den Krebs besiegen können – keiner weiß es. Bisher sind die Ergebnisse übersichtlich.

Mit der „üblichen“ Chemo hat man zwar mehr Erfahrungen. Aber wie sie beim Einzelnen wirkt, ist auch sehr unterschiedlich. Man kennt nur die Statistiken.

Statistiken.

Statistisch gesehen, sagen die Ärzte, hört dieses Medikament nach ein bis zwei Jahren Gaußsche Kurveauf zu wirken. Wirklich wirksame Alternativen kennen wir zurzeit nicht. Das heißt, nach der „Gaußschen Normalverteilung“: Die Hälfte der Patienten lebt länger, die andere kürzer. Das wären interessante Gedankenspiele – wenn es dabei nicht um mein eigenes Leben ginge.

Was aber ist selbst diese Statistik wert? In meinem Fall verhält sich der Tumor absolut atypisch und überrascht selbst die erfahrensten Mediziner. Ich falle also aus jeder Statistik heraus, und damit wird jede Therapie zum : Probieren wir mal aus.

Das eröffnet den Gedanken und Phantasien viele Räume, von Angst und Panik bis zu Hoffnung und Zuversicht – und wir sind gerade dabei, eine Reihe von ihnen zu Tür Lichtdurchschreiten. Wobei die Türen zu den ersteren oft von selbst aufgehen und die anderen manchmal klemmen.

Aber wir nutzen alle Hilfen und Hilfsmittel, die wir bekommen können. Und dann gelingt es auch, immer wieder.

There is a crack in everything. That’s where the light gets in.

 

Die Gaußsche Kurve wurde erstellt von: Ark0n – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=203703