Du Opfer

Was kann schlimmer sein als Schmerzen und Krankheit, Streit und Einsamkeit, Stress und Gewalt? Das Gefühl, ein Opfer zu sein. Es ist mächtig, es ist destruktiv. Ganze Gruppen können sich unterdrückt und ausgeschlossen fühlen – ich erlebe es so zum Beispiel bei vielen Moslems, auch bei Pegida und anderen. Und einzelne Menschen können Opfer von Mobbing und Intrigen werden. Ich selbst habe es erlebt. Und ich erlebe mich heute als Opfer meiner Krankheit.

Meine Hauptwaffe gegen die Opferrolle war schon immer das Schreiben, erst analog, dann für mich am PC, jetzt öffentlich im Blog. Um aus der Ohnmacht herauszukommen, musste ich manchmal aggressiv werden. Ich habe dann versucht, die Aggressionen nicht öffentlich werden zu lassen, sondern so lange zu schreiben, bis ich die Situation neu deuten konnte. Bis ich wieder handlungsfähig wurde, um meine Lage zu ändern.

Schreiben ist für mich auch eine Form von Gebet. Beten kann man natürlich auf unterschiedliche Weise. Jesus zum Beispiel hat ja nicht geschrieben. Er ging in die Stille, immer wieder, zuletzt im Garten Gethsemane. Gerade dieses Gebet ist ein Beispiel dafür, wie er mit seiner Opferrolle umgegangen ist. Im Musical „Jesus Christ Superstar“ wird sein Kampf besonders eindrücklich dargestellt.

Es beginnt mit seinem Protest gegen Gott: „I only want to say, if there is a way, take this cup away from me, for I don’t want to taste its poison.“ Dann die Frage nach dem Warum: „Why should I die? Can you show me now that I would not be killed in vain?“ Und schließlich willigt er in seinen Weg ein: „God, Thy will is hard but You hold every card. I will drink Your cup of poison. Nail me to Your cross and break me, bleed me, beat me, kill me, take me now, before I change my mind.“

Auch das „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“ des Ignatius von Loyola kann dazu beitragen, aus der Opferrolle auszusteigen. Am Abend lasse ich den Tag noch einmal Revue passieren, möglichst ohne die Situationen zu bewerten – um dann die Frage zu stellen: Was könnte mir Gott sagen wollen? Wofür war es vielleicht gut? Oder wie kann das, was ich erlebt habe, zum Guten gewendet werden?

Selbst einer Krankheit wie dem Krebs kann man mit diesen Mitteln begegnen. Wir versuchen es immer wieder: Dem Krebs den Finger zeigen, wie eine Psychologin vorgeschlagen hat. Aktiv werden. Den eigenen Heilungskräften vertrauen. Schauen, wofür das vielleicht gut ist.

Aber das können wir nur selbst machen. Wenn uns andere erklären wollen, wie wir damit umgehen sollen, sind wir wieder in der Opferrolle. Das geht gar nicht.

Übrigens: Im Musical endet die Geschichte von Jesus am Kreuz. In der Bibel geht sie weiter. Ihre Botschaft lautet: Auferstehung ist möglich.

Wir Schlauen

Genauso wie wir zu den Guten gehören möchten, reihen wir uns gerne bei den Schlauen ein. Niemand möchte doch irgendwie doof rüberkommen. Und gerade in der heutigen Zeit, in der die Vernunft ein hohes Ansehen genießt und ohne Bildung nichts geht, ist Klugheit ein hoher Wert.

Das geht uns nicht anders. Deshalb feilen wir an unseren Blogtexten, und nicht jeder unserer Beiträge schafft es bis in die Endredaktion. Und offensichtlich hält genau das einige von Euch davon ab, einen Kommentar abzugeben: „Ich habe schon daran gedacht, etwas zu schreiben. Aber dann habe ich die anderen gelesen, und das hörte sich so klug an, da habe ich es nicht mehr gewagt.“ So oder so ähnlich hören wir es hier und da.

Doch was ist klug? Wenn jemand die Quantentheorie erklären kann, ist er ein guter Naturwissenschaftler, weil er viel weiß. In diesem Blog geht es aber nicht um Wissen, sondern eher um etwas, das wir mit Weisheit in Verbindung bringen. Nicht um „kluge“ Gedanken geht es, sondern ob diese Gedanken zum Weiterdenken anregen, fürs Leben einen Anstoß oder eine neue Erkenntnis bringen. Ja, auch wenn jemand sagt: „Das ist mir nun zu hoch“ – kann das ein sehr kluger Satz sein. Er kann hochfliegende Gedanken auf die Erde zurück bringen. Und wenn es um meine Erfahrungen und Einsichten geht, dann sind sie immer hilfreich – vorausgesetzt, sie sind ehrlich und authentisch.

Erinnern wir uns: Es waren Experten, die sagten: Die Titanic ist unsinkbar. Und es war ein Kind, das sagte: Der Kaiser hat ja gar keine Kleider an.

Worum es geht

Ekkehard Knörer schreibt in der März-Ausgabe der Zeitschrift „Merkur“ über Literaturblogs in der zweiten Hälfte des letzten Jahrzehnts – damals, als man noch „das Blog“ sagte und nicht „der Blog“. Er hört sich etwas nostalgisch an, fast wie Studentenerzählungen à la „Weißt du noch, wie wir uns in der Stammkneipe die Nächte um die Ohren gehauen und dabei die Welt gerettet haben?“. Ein Abschnitt aber hat mich nachdenklich gestimmt, weil ich so auch meinen Blog verstehen möchte:

„Worum es geht, das sind Texte als Vertrauensbeweise, mit denen eine oder einer ‚ich‘ nicht nur sagt, sondern das konkrete Ich, das man ist, meint und zur Verfügung stellt als vertrautesten Schauplatz für die Wahrnehmung einer Wirklichkeit, die kein Anderer so und nur so wahrnimmt. Das ist, wenn man es richtig macht, im Übrigen nicht Narzissmus, sondern eine Form von der Mitwelt zugewandter Bescheidenheit: Hier bin ich, ohne allzu große Rücksicht auf mich, nimm und lies – und mach damit, was du willst.“

Und ebenfalls in der März-Ausgabe schreibt der Gemeindebrief der Kirchengemeinde Niendorf „Präsent“ über den Blog (Seite 7) – auch hier als Screenshot zu sehen.

Entwicklungen im Leben und im Blog

Über vier Wochen sind nun seit der letzten OP vergangen, und der körperliche Aufbau braucht seine Zeit. Manchmal fühle ich mich erstaunlich fit, dann wieder bin ich ziemlich schlapp. Es dauert alles seine Zeit. Ende April wird die nächste Nachuntersuchung stattfinden. Wir hoffen, dass die Ärzte wenigstens dann nichts finden, auch wenn sie nach der letzten Metastase skeptischer geworden sind.

Denn die Weichen in die Zukunft werden schon gestellt. Es wird deutlich, dass ich nicht in die Gemeindepfarrstelle zurückkehren werde. Wir bemühen uns um eine Alternative „zur besonderen Verwendung“ und werden dabei auch von unserer Arbeitgeberin, der Kirche, unterstützt. Unser Ziel ist es, weiter mit den Menschen in Niendorf zu leben und zu arbeiten. Deshalb suchen wir hier auch eine neue Wohnung und sind dankbar, wenn ihr einen Tipp habt. Unsere Idealvorstellung: Tibargnähe, helle 3 Zimmer, 70-80qm, Tageslichtbad, Balkon, bezahlbar ;-).

 

Heute habe ich auch wieder ein wenig am Blog herumgebastelt. Ein Leser meinte, dass er inzwischen etwas unübersichtlich wird. Also habe ich die Untermenüs wieder auf die zwei „spirituell unterwegs“ und „Ich und die Anderen“ zurückgestutzt. Die „Großen Exerzitien“ gehören sinnvollerweise in die erste und der „Atheismus“ in die zweite Kategorie.

Dafür habe ich die Sidebar ergänzt um eine Suchfunktion und eine Schlagwortliste. Und innerhalb eines Blogbeitrags, der zu einer Reihe gehört, verlinke ich auf die vorhergehenden Texte.

Zwei weitere Funktionen habe ich in die Sidebar integriert: Wer die neuen Blogbeiträge per E-Mail erhalten möchte, klickt einfach auf „Folgen Gebrochenes Licht“. Und weiter unten steht nicht nur eine Liste der letzten Beiträge, sondern auch eine der letzten Kommentare.

Und wie immer gilt: Schreibt mir gerne eure Meinung.

Neues vom Blog

Vorgestern erschien ein Artikel im Niendorfer Wochenblatt über diesen Blog – für uns in vielerlei Hinsicht eine tolle Sache. Er war schön geschrieben und hat unsere Anliegen ganz gut zum Ausdruck gebracht. Wir haben uns richtig gefreut. Und viele Menschen wurden auf diese Seiten aufmerksam gemacht, wie wir an den Reaktionen sehen konnten. Vielen Dank an Kirsa Kleist und die Redaktion!

Aufmerksamen Leserinnen und Lesern wird nicht entgehen, dass wir gestern nicht nur den neuen „Lichtblick“ eingestellt haben, sondern auch etwas umgestellt haben. Als neue Abschnitte bzw. Menüs unter „Alle meine Blogs“ sind neu „Die Großen Exerzitien“ und „Atheismus oder Gott“.

Im – für uns – ziemlich unglaublichen Jahr 2016 spielen die Exerzitien in Bingen eine besondere Rolle. Geplant war, dass ich die Jahre bis zum Ruhestand in den Blick nehme und für diese Zeit Schwerpunkte bedenke. Das abrupte Ende dieser Zeit im Mainzer Krankenhaus lässt diese Erfahrungen noch einmal in einem besonderen Licht erscheinen. Was ist passiert? – dieser Frage stellen wir uns noch einmal mit zeitlichem Abstand und sind selbst gespannt, welche Antworten wir finden werden.

Eine andere Frage, die mich schon immer begleitet hat, ist die nach Gott. Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich meinte, ihn gefunden zu haben. Die ist lange vorbei. Seitdem würde ich mich als permanenten Gottsucher bezeichnen.Inzwischen habe ich den Verdacht: Das liegt nicht an mir, sondern an Gott. Denn für mich ist Gott ein Geheimnis, dem ich mich immer wieder nähern, den ich aber nicht „haben“ kann.

Es gibt aber sehr unterschiedliche Erfahrungen, und einige kommen in den Kommentaren zum Ausdruck. Leider gibt es in diesem Blog keine Funktion, in der man sich alle Kommentare gesammelt anschauen kann – zumindest habe ich sie noch nicht gefunden. Deshalb möchte ich neugierig machen. Macht euch auf die Suche – wenn neben dem Blog statt „Hinterlasse einen Kommentar“ steht: „Ein Kommentar“ oder „Zwei Kommentare“…, dann ruhig einmal draufklicken und lesen. Es lohnt sich.

Wunsch nach Klarheit

Die Journalistin Kirsa Kleist hat im Niendorfer Wochenblatt (hier als E-Paper auf Seite 13 und hier als Screenshot) einen sehr schönen Artikel über diesen Blog geschrieben. Er hat bei mir auch gleich wieder den Wunsch entstehen lassen, wieder mehr unter die Leute zu gehen.

Aber das muss noch etwas warten, bis… ja, bis wann eigentlich? Bis ich mehr zu Kräften gekommen bin nach der letzten OP? Bis die Situation klarer geworden ist nach einem Gespräch mit dem Vorgesetzten, mit den Ärzten? Ich fürchte, dass in Zukunft nichts klarer wird. Ein Zustand, den Katharina Hagena in ihrem Buch „Das Geräusch des Lichts“ schön in einem Satz zusammenfasst: „Seit drei Wochen warte ich auf einen Befund, der darüber entscheidet, ob ich für den Rest meines Lebens darauf warten werde, dass etwas eintritt, von dem man nicht sagen kann, ob es am Ende eintritt oder vielleicht nicht oder ganz bestimmt nicht, aber alles natürlich ohne Gewähr.“ Wenigstens das weiß ich: Genau diesen Befund habe ich.

Immer wieder läuft es auf den Lichtblick der letzten Woche hinaus: „Wir können an den Tod denken oder wir können weiterleben.“ Leben wir also weiter. Der Tod sorgt schon dafür, dass wir immer wieder einmal an ihn denken.

Leben, das heißt dann auch, sich mit Alltäglichkeiten zu befassen: Im Blog hat das Inhaltsverzeichnis in etwa das Format, das ich mir vorgestellt hatte (ich finde es immer wieder erstaunlich, wie wenig komfortabel ein so verbreitetes Programm wie WordPress für jemanden wie mich ist). Die Rezension von Erik Flügges Buch ist eingestellt. Und die ersten Gedanken zu den beiden neuen Themen nehmen Gestalt an: Die erste Fragestellung, die mich schon immer beschäftigt hat, lautet: Gibt es überhaupt einen Gott? Und wenn ja, könnte man ihn beschreiben? Und die zweite: Wer bin ich und wer will ich sein? – Erfahrungen aus den Exerzitien im letzten Sommer. Und ich bin neugierig, wohin uns diese Fragen tragen.

Von toten Punkten und neuen Plänen

Momentan, so habe ich den Eindruck, ist die Auseinandersetzung mit der AfD an einem toten Punkt angekommen. Ich habe versucht, mich anzunähern und zu verstehen und die Notwendigkeit eines Dialogs darzustellen. Jetzt müsste es eigentlich konkret werden. Wird es auch – siehe die Diskussion unter „Die AfD – wirklich fremd?“. Das geht aber erst, wenn ich dazu körperlich wieder in der Lage bin.

Dafür gibt es zwei andere Themen, die mich beschäftigen. Das eine ist die Auseinandersetzung mit dem Atheismus. „Glaube und Naturwissenschaft“ ist eine der Grundfragen der Theologie, und ich maße mir nicht an, diese Diskussion erschöpfend und in ihrer Tiefe darstellen zu können. Aber ich kann erzählen, was ich begriffen habe und was mir wichtig ist.

Das andere Thema ist die Aufarbeitung der Exerzitien, die ich im August in Bingen abbrechen musste. Ich habe eine dunkle Ahnung, dass damals wichtige Dinge für mich passiert sind. Dann aber drängten sich existentiellere Fragen dazwischen. Ich möchte diesen Weg gerne aufarbeiten. Der Blog scheint mir geeignet, diese Erfahrungen zu teilen.

Darüber hinaus kommt demnächst eine Buchkritik über Erik Flügges „Der Jargon der Betroffenheit“ und Reviews auf die Filme „Life of Pi“ und „Von Menschen und Göttern“.

Schließlich: Die Seite „Inhalt“ (Untermenü von „Start“) befindet sich gerade im Aufbau.

Wir haben also noch etwas vor. Und ich freue mich, wenn ihr mit dabei seid.