Exerzitien, die „2. Woche“

 

Exerzitien 12. Teil, Bingen 2016

Vor einem Jahr begann ich, über meine Exerzitien in Bingen zu schreiben. Die Beiträge finden sich sowohl unter der Themen- als auch Schlagwortsuche („Exerzitien“). Sie umfassen die „1. Woche“. Der Inhalt dieser Tage war, mit den Worten des Ignatius, „die eigene Sünde“. Und das heißt: Gibt es unsortierte Bereiche in meinem Leben? Was hindert mich, meiner Berufung zu folgen und damit zu mir selbst zu kommen?

In der „2. Woche“ ging es um die Frage: „Was ist meine Berufung?“ – und das meint für Ignatius: Wie sieht mein Leben in der Nachfolge Jesu aus? Deshalb meditierten wir nun die Geschichten der Evangelien: die Menschwerdung, die Geburtsgeschichten, die Jugend, der Beginn des öffentlichen Wirkens, die Botschaft und die Berufung der Jünger.

Weiter kam ich nicht. Denn am 5. August verdrängte der Körper endgültig den Geist.

Schon in den Wochen davor hatte ich z.T. erhebliche Rückenschmerzen. Ich war bei verschiedenen Ärzten gewesen, und alle diagnostizierten zuverlässig Verspannungen. Der letzte, den ich vor den Exerzitien konsultiert hatte, meinte nach seiner Behandlung: Jetzt könne es noch ein wenig schlimmer werden, dann aber trete bestimmt Besserung ein. Und tatsächlich: In der 1. Binger Woche wurde es immer ein wenig schlimmer. Aber es trat danach keine Besserung ein. Und so waren in der 2. Woche neben den Exerzitien-Meditationen die Schmerzen ein bestimmendes Thema.

Über diese 2. Woche haben wir damals nicht berichtet. Es hatten sich andere Themen in den Vordergrund geschoben. Bevor ich aber in einigen Wochen über die diesjährigen Exerzitien berichte, möche ich noch zuende erzählen, wie es damals war.

Task-Force-Gemeinde

Church of the Saviour – USA ’88, 4. Teil

Das Potter’s House dürfte in Washington D.C. schon eine Legende sein, ebenso wie sein Potters innenInitiator und die Geschichte, die hinter der Gründung steckt. In den Fünfzigerjahren wurde der Prediger Gordon Cosby mit seiner Frau einmal in eine Kirche in den New-England-Staaten eingeladen. Sie empfanden die Atmosphäre dort als ebenso unfreundlich wie kalt. Für die Nacht wurden sie über einer lauten Kneipe untergebracht, in der bis in die Morgenstunden wild gefeiert wurde. Am nächsten Morgen meinten sie, dass Jesus sich aber auf alle Fälle in dieser Kneipe wohler gefühlt haben dürfte als in der Gemeinde. Die Idee für Washingtons erste Teestube war geboren.

Potters innen neuSie eröffnete 1960 in Columbia Heights, im gemütlich-dunkelbraunen Stil der damaligen Zeit gehalten. Zur Zeit der Unruhen nach der Ermordung Martin Luther Kings war sie ein Ort des Friedens, und in den vielen Jahren und Jahrzehnten ihres Bestehens haben hier unzählige Menschen Obdach und Lebenshilfe gefunden. Hier wurden nicht nur neben Kaffee und einem guten Essen auch Bücher angeboten, hier fanden ebenso Ausstellungen, Gottesdienste und Versammlungen statt. Vor allem aber lebte das Haus von den Menschen, allen voran Gordon und Mary Cosby. Wir haben es selbst erlebt.

Potters OConnorKaum hatten wir einen Kaffee bestellt, setzte sich Elizabeth O’Connor zu uns („You are Germans!“) und erzählte von der Gemeinde, der Church of the Saviour. Später setzte sich Gordon Cosby himself dazu. Er war damals immerhin schon um die 70, und er erklärte uns die Grundzüge seiner Gemeinde: Ihm war es wichtig, dass die Menschen sich auf eine innere und eine äußere Reise begeben. Für die inward journey hatte die Gemeinde schon seit den Fünfzigerjahren in Maryland ein Recreation Center aufgebaut, um im Rhythmus der Natur, das heißt dem Rhythmus Gottes leben zu lernen. Und es ist wichtig, die eigene Berufung zu finden und auf die outward journey zu gehen. Das alles hat mich schon damals stark an die Exerzitien des Ignatius von Loyola erinnert, die ich selbst allerdings erst fast 20 Jahre später kennenlernen sollte.

Potters Cosby

Gordon Cosby

Die äußere Reise mündet dann nicht selten im Engagement für die Gemeinde. Die Church of the Saviour besteht aus verschiedenen Teams, zum Beispiel eins für das Recreation Center, ein anderes für das Potter’s House. Wenn aber das Team größer wird als etwa 30 Personen, muss es sich teilen und eine neue task, eine neue Aufgabe finden. Heute sind es 40 ministries, die zur Church of the Saviour und den aus ihr entstandenen Kirchen gehören, von einer Aids-Seelsorge über Familienbildung, Obdachlosenhilfe bis zur Fortbildung von kirchlichen Mitarbeitenden.

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Christ House

Cosby war wie Wallis zugewandt und geduldig, freundlich und ruhig. Man merkte aber auch, dass er es gewohnt war, aufmerksame Zuhörer zu haben. Zu Recht, wie Jim Wallis in seinem Nachruf beschreibt: Cosby hat unzählige Menschen begleitet und angeregt. Zum Beispiel Allan Goutcheus, den Präsidenten des Christ House, den wir auch im Potter’s House trafen.

ChristHouse Goutcheus

A. Goutcheus

Allan war Pastor der United Methodist Church und seine Frau Janelle Ärztin. Eigentlich wollten sie in Pakistan arbeiten, bekamen kein Visum und dafür Kontakt zu Gordon Cosby. Aus dieser Begegnung heraus entstanden das Columbia Health Center und das Christ House, eine Gesundheitsstation für Obdachlose: Hoffnung für die Hoffnungslosen. Im Unterschied zu den Gottesdiensten im Potter’s House und der Kirche der Church of the Saviour, die besonders von Weißen besucht wurden, nahmen hier auch sehr viele Latinos und Farbige teil. Wir kamen während unserer Zeit in Washington dann auch im Christ House unter.

Allan gab uns dann noch den Tipp, John Steinbruck von der Luther Place Memorial Church zu besuchen. Wir haben den Rat befolgt und nicht bereut.

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Das 2. Bild zeigt das Potter’s House bei unserem Besuch 2010 © Erik Thiesen
Alle anderen Bilder von 1988 © Johannes Jurkat

Vom Engel, der fliegen wollte

Ein Märchen

Liebe Gemeinde,

Kinder brauchen Märchen, heißt es, und ich glaube: Erwachsene auch. Deshalb möchte ich heute ein Märchen erzählen. Und Märchen fangen an mit „Es war einmal“.

Es war einmal ein Engel. Manche Engel werden geboren, dieser Engel wurde geschaffen. Er war sofort erwachsen. Ein Schöpfer schuf ihn aus einem einzigen Holzstück. Und als der Engel fertig war, hielt der Schöpfer ihm einen Spiegel vor und fragte ihn: „Wie gefällst du dir?“ Und der Engel sagte: Weiterlesen