Tief ist der Brunnen…

Früher habe ich ziemlich viel gelesen, besonders im Studium. Klassiker der Weltliteratur waren darunter wie Faust I und(!) II, Der Herr der Ringe oder Peggy, der Blindenhund. Die Freude am Lesen blieb, aber die Inhalte veränderten sich. Im Beruf waren es vor allem Zeitungen und Zeitschriften, die mich fesselten, von  der Zeit über Psychologie heute bis Zeitzeichen und dem Deutschen Pfarrerblatt. Als die Onlinemedien aufkamen, konnte ich mir gar meine morgendliche Presseschau leisten.

Die Zeiten der Bücher waren, mit wenigen Ausnahmen, ziemlich vorbei. Aber nicht die der Hörbücher. Harry Potter hat für mich die Stimme von Rufus Beck. Ein liebender Mann ist natürlich Goethe, aber ich höre Martin Walser. Und Thomas Mann hätte ich ohne Gert Westphal nie geschafft. Mit ihm allerdings waren Joseph und seine Brüder purer Lese-, Verzeihung, Hörgenuss. 36 Stunden, 30 CDs. Es ist gut möglich, dass ich sie mir demnächst zum dritten Mal gönne.

Thomas Manns Worte und Gert Westphals Stimme führen uns in eine ferne Vergangenheit, als Geschichte und Mythos noch nicht zu trennen waren. „Höllenfahrt“ heißt das erste Kapitel – eine Reise zum Beginn der Welt, wie er uns von der Bibel berichtet wird. Und gleichzeitig eine Reise in unser Inneres, in die Ur- und Abgründe des Menschen. „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollten wir ihn nicht unergründlich nennen?“

Und so geht Thomas Mann auch erst einmal in die Anfangszeit zurück, zum Turm von Babel, der Urflut, Kain und Abel bis hin zum Paradies und der Schöpfung, ehe er in der Zeit der Patriarchen ansetzt: Abraham und Esau, Jakob und Joseph. Und er taucht ein in die Bilder- und Mythenwelt des Alten Orients, versucht zu verstehen, wie die Menschen damals gedacht und gefühlt haben: ihr Verständnis von der Zeit, vom Leben, von ihrer Umwelt und besonders von Gott und den Göttern.Thomas_Mann_1937

Und Thomas Mann erzählt – mäandernd und ausufernd und doch immer dicht und spannend. Wie es kam, dass ein Zeitraum von offenbar mehreren Jahrhunderten auf vier Generationen zusammenschrumpfen konnte. Warum Abraham aus seiner Heimat auswanderte und wie er „Gott entdeckte“. Warum Jakob humpelte – vom Engel an der Hüfte verwundet. Wie Joseph seinen Weg fand zwischen Bestimmung und eigener Anstrengung. Von seinen Schwächen und Stärken, Fall und Aufstieg. Wie Potiphars Frau dem Joseph in unglücklicher Liebe verfiel. Und Joseph sich am Ende mit seinen Brüdern versöhnte. Von seinem Weg mit Gott. „Beide Jakob und Joseph, Vater und Sohn, sind Menschen ‚mythischer Bildung‘, die immer wussten, was ihnen geschah, in allem irdischen Wandeln zu den Sternen blickten und immer ihr Leben ans Göttliche knüpften“, schreibt der Ägyptologe Jan Assmann.

Und doch geht es nicht nur darum, die Bibel zu bebildern. Thomas Mann verhandelt die großen Gegenwartsfragen: Was ist meine Bestimmung? Abraham machte sich auf den Weg, nicht nur um gute Weidegründe zu suchen, wie viele andere zu seiner Zeit. Er war auf der Suche nach Gott. Und zwar nicht irgendeinem Gott. Nicht dem zweitbesten, selbst wenn es der Eine Gott des mächtigen Pharao, die Sonne selbst wäre. Sein Anspruch galt nichts weniger als dem Höchsten.

Und „Abraham entdeckte Gott und machte einen Bund mit ihm, dass sie heilig würden – einer im anderen“. So sagt es sein Nachfahre Joseph dem Pharao. Glaube gibt es nur in Beziehung. Der Mensch ist an Gott gebunden wie Gott an den Menschen. Das ist die uralte und immer wieder neue Erkenntnis.

Und: Glaube ist Geschichte. Eine uralte Geschichte, die immer wieder neu erzählt und neu erlebt wird. Die wir immer wieder neu finden und weiterschreiben in unserem Leben. Und es lohnt sich, sehr genau zu lesen und zu hören, für Religiöse wie für Atheisten.

Das hat Thomas Mann getan. Sechzehn Jahre hat er geforscht und mit seinen Erkenntnissen selbst die Forschung bereichert. Vier Bände sind daraus geworden, fast anderthalbtausend Seiten. Nichts für Feiglinge. Aber es lohnt sich. Die alte Welt wird neu, lebendig, farbig. „Wie kann man noch einmal einer schönen geschminkten Frau in die Augen sehen, ohne sofort auch an die Schilderung der Frau des Potiphar zu denken, ihren ersten Auftritt, der auf zwei Seiten, subtil verschachtelt, ägyptische Lidstriche vorführt, Duftöle, Frisierkunst, gefälteltes durchscheinendes Leinen, träge Blicke aus verschwimmenden Kohleaugen und sich schlängelnde karmesinrote Lippen, die hochmütig nervös geschlossen sind: ‚Das war Mutemenet, eine verhängnisvolle Person'“, schreibt Dieter Bartetzko in der FAZ.

Und doch sollten wir Thomas Mann nicht alles glauben, natürlich nicht. Denn auch er wusste nicht wirklich, wie es zuging vor 3-, 4000 Jahren. Auch er hatte seinen eigenen Blick. Und der war nicht nur in die Vergangenheit gerichtet, sondern auch in seine Gegenwart. Er schrieb seine Romane zur Zeit des Nationalsozialismus. Sein Anliegen war es, der Unmenschlichkeit das Ideal des Humanismus entgegenzusetzen. Und das ist ein ebenso christliches wie atheistisches Anliegen und behält, wie wir auch und gerade wieder erleben, bis heute seine Aktualität.

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Beitragsbild: Blick in den Brunnen der Burg Königsberg i. Bay. Von Michaklu – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10597892
Bild im Text: Thomas Mann 1937, von Carl Van Vechten – Van Vechten Collection at Library of Congress, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28419

Thomas Mann, Joseph und seine Brüder, vier Romane in einem Band, geb. Ausgabe, S. Fischer Verlag, Frankfurt/M., 6. Aufl. 2007, 1344 Seiten
Thomas Mann, Joseph und seine Brüder, Texteinrichtung Gert Westphal, Deutsche Grammophon, 2005 30 CDs 
Assmann, Borchmeyer, Stachorski, Joseph und seine Brüder I und II, kommentierte Ausgabe, Fischer, Frankfurt/M, 2018Peggy-der-Blindenhund
Und wer sich ein wenig einarbeiten möchte, kann hier im Netz etwas ausführlicher forschen: Miriam Albracht, Mythos und Zeit in Thomas Manns „Joseph in Ägypten“, pdf-Datei, 76 Seiten, http://www.mythos-magazin.de/mythosforschung/ma_mann.pdf
Übrigens hat Jan Assmann gerade mit seiner Frau Aleida den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten.
Und schließlich: Peggy der Blindenhund hat mich zu Tränen gerührt. Ich war ungefähr sieben.

Der Einzug

Exerzitien 25. Teil, Bingen 2018, die „dritte Woche“.

Und weiter geht es mit unserer kleinen Fortsetzungsgeschichte über die letzten Tage Jesu (über ihren Hintergrund steht hier mehr). Die Planungen für den Einzug in Jerusalem sind abgeschlossen, die Vorbereitungen beginnen.

Nach den Beratungen hielt ich mich von der Gruppe fern; bei den Vorbereitungen hätte ich nur gestört. Und so machte ich mich auf den Weg in die Stadt. Wie ich schon vermutet hatte: Mit Rom kein Vergleich. Aber es lag eine seltsame Atmosphäre über der Stadt, eine explosive Mischung von Aufruhr, religiöser Anspannung und Festtagsstimmung.

Auf dem Rückweg kam ich an einem Hügel mit Olivenbäumen vorbei. Doch Oliven wurden hier keine mehr geerntet. Dafür waren Querbalken an die Stämme genagelt worden. Und an ihnen hingen Menschen, sterbend oder bereits tot. „Die Gruppe von Jehuda dem Messerwerfer,“ meinte ein Passant. „Die Römer kreuzigen alles, was nur entfernt nach Hochverrat aussieht. Und Jehuda hat immerhin einige Hoffnungen auf Befreiung in der Bevölkerung geweckt.“

Zurück in Betfage sah ich Jesus auf einer Bank sitzen. „Darf ich?“, fragte ich. Jesus rückte ein wenig zur Seite.

„Jesus“, sagte ich, „warum machst du das eigentlich? Ich meine, wenn dich die Leute dazu drängen würden, dann würde ich das ja noch verstehen. Aber diese ganze Inszenierung – es ist ja fast so, als ob du sterben wolltest.“

„Nun“, antwortete Jesus, „immerhin setzen meine Jünger große Hoffnungen in mich. Petrus sieht in mir den Gesalbten, den Messias, den Gottessohn. Judas hofft, dass ich die Römer vertreibe und ein gerechtes Reich aufrichte. Philippus sieht schon das Reich Gottes entstehen, und für Johannes bin ich der vollkommene spirituelle Lehrer. Alle setzen große Hoffnungen in mich.“

„Und du?“, fragte ich. „Was willst du selbst? Du hast etwas von Leid und Tod erzählt – ich sah heute eine Reihe von Gekreuzigten. Es war ziemlich grauenvoll. Und das mit der Auferstehung verstehe ich, ehrlich gesagt, nicht wirklich. Warum also das alles?“

„Es ist mein Weg.“

„Es gibt zweifellos angenehmere Wege und Ziele.“

„Du denkst an Rom, die Thermen und alles?“ Jesu Frage war eher rhetorisch gemeint. „Ja, vielleicht ist das ja dein Weg. Ein angenehmes Leben und dann heiter sterben.“ Ich hatte in Rom mit einigen Stoikern zu tun gehabt, auch Seneca getroffen, und in der Tat: Das schien mir ein durchaus überzeugendes Lebenskonzept zu sein.

„Aber das will nicht zu meinem Leben passen“, fuhr Jesus fort. „Ich bin Jude, unser Gott ist alles: liebender Vater und unberechenbarer Despot, hochemotional und von unergründlicher Tiefe. Er trennt zwischen seinem Volk und allen anderen und ist doch der Gott aller Menschen und für alle da. Und so sind wir Juden auch: Wir glauben schnell und sind gleichzeitig auf der Suche nach der ewigen Wahrheit. Wir lachen und tanzen und leiden unter der Ungerechtigkeit und der Herrschaft der Römer. Wir könnten Römer werden, wie unsere Vorfahren Babylonier hätten werden können, aber dann hätten wir uns verloren. Wir hätten Gott verloren. Es gibt für uns offenbar nicht den leichten Weg.“ Und nach einer Pause: „Nein, ich weiß selbst nicht richtig, wozu das alles gut sein soll. Aber ich bin überzeugt davon, dass es wichtig ist.“

Dann schwieg er. Ich auch. Nach einer Weile stand ich auf und ging ins Bett.

Am nächsten Tag ging ich hinunter ins Kidron-Tal. Etwa 30 m hinter dem Garten Gethsemane hatten sich die Jüngerinnen und Jünger mit gut 40 weiteren Menschen versammelt. Und als Jesus unter den Bäumen zu sehen war, begannen sie zu rufen: „Da ist er, Jesus, der Prophet aus Nazareth, Gesalbter, Retter, Sohn Gottes. Hosanna.“ Erst durcheinander, dann im Chor. Das Fohlen hatte vor Schreck kurz gebockt, aber dann hatte Jesus es im Griff. Das Geschrei sorgte für Aufsehen. Immer mehr Menschen strömten zusammen. Einige hatten schon von Jesus gehört und informierten die anderen.

Ich schaute die Leute an. Die meisten waren aus Neugier dabei. Andere hatten einen hoffnungsvollen Blick. Wieder andere ließen sich mitreißen. Und einen hörte ich hinter mir sagen: „Vielleicht schafft er ja das, woran Jehuda der Messerwerfer gescheitert ist.“

Es dauerte eine ganze Weile, bis Jesus das Kidron-Tal durchritten hatte und zum Goldenen Tor kam. Bis dahin waren vielleicht zwei- bis dreihundert Menschen zusammengekommen.

Plötzlich kehrte Ruhe ein. Aus dem Tor waren Soldaten gekommen, eine kleine Einheit von Pilatus‘ berittener Garde. Aber sie beobachteten nur. Als Jesus das Tor durchritten hatte, schlossen sie es sofort. Sie befürchteten wohl, dass es in den engen Gassen Tote und Verletzte geben könnte.

Jesus aber hatte erreicht, was er wollte.

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Beitragsbild: Henri van Waterschoot († 1748(?) in München), Einzug in Jerusalem – http://www.lempertz-online.de/, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15774002
Über die Arten von Kreuzigung gibt, natürlich, Wikipedia umfassend Auskunft.

Entscheidungen

Exerzitien 23. Teil, Bingen 2018, die „dritte Woche“.

Heute folgt der dritte Teil des Gesprächs mit Jesus unter den Ölbäumen über den Menschensohn. Johannes war gerade wieder zurück zu den Jüngern gegangen.

Wir saßen nebeneinander und schwiegen. Auf der Römerstraße sahen wir ein paar Soldaten und Händler. Dann fragte ich: „Und wie ist es so – zu wissen, was auf einen zukommt?“
„Ich wünschte, ich wüsste es nicht“, sagte Jesus. „In Kana saß ich unbeschwert beim Wein [Joh. 2,1-12], und bei Levi waren wir zusammen fröhlich [Mt. 2,3-17]. Ob das noch einmal so möglich sein wird? Auf der einen Seite möchte ich alles weit hinausschieben. Hier in Syrien bleiben, wo mich keiner kennt. Und dann wieder, dass alles so schnell wie möglich vorbei ist. Und über allem liegt ein Schatten.“ [Lk. 12,49-50]
Rom kam mir in den Sinn. Statt hier in der Provinz zu sitzen, könnte ich mich in den Thermen von einem Sklaven massieren lassen, mit Rufus plaudern und später zu Claudia gehen.
Stattdessen fragte ich Jesus: „Wann gehst du nach Jerusalem?“
„Schon bald“, sagte er. „Hier ist meine Mission beendet. Die Dinge müssen ihren Lauf nehmen.“
Ich war mir nicht sicher, ob ich das, was ich dann fragte, wirklich fragen wollte. Rom lockte, der Komfort und die Sicherheit. Das Leben. Jerusalem bedeutete Unsicherheit, Gefahr, vielleicht sogar Tod. Ich kannte mich dort gar nicht aus. Sadduzäer, Pharisäer, Essener, Zeloten… Drei Juden, vier Meinungen, fünf Parteien, hieß es in Rom über dieses merkwürdige Volk. Das doch nur einen Gott kannte und anbetete. Der aber nicht ganz so berechenbar war wie unsere Götter.
Das hatte ich während der Zeit mit Jesus gemerkt: Einerseits predigte er den guten Vater im Himmel, aber genau der bewahrte ihn offensichtlich nicht vor dem Leid, sondern schickte ihn vielleicht sogar in den Tod – mit einem vagen Versprechen von einer Art von Auferstehung, von der man noch nicht so richtig wusste, wie gut sie wirklich war.
Und trotzdem hatte ich das Gefühl: Wenn ich nach Rom zurückkehrte, würde ich Wesentliches verpassen. „Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein.“ Wer hatte das noch einmal gesagt? Egal.
Ich fragte also: „Kann ich mit nach Jerusalem?“
Jesus schaute mich an. „Lieber nicht“, sagte er dann. „Um deinetwillen und um meinetwillen. Du begibst dich in Gefahr und ich kann keine Gaffer gebrauchen.“
Ich nickte. „Das kann ich verstehen. Aber ich frage nicht so einfach aus Spaß. In Rom habe ich es zweifellos angenehmer als in Jerusalem. Und ich komme auch nicht deinetwegen mit.“
„Und warum dann?“
„Ich weiß auch nicht so genau. Ich habe noch nie so eine Stimme gehört wie du, wenn du vom Menschensohn geredet hast. Und doch habe ich das Gefühl, dass nicht Rom, sondern Jerusalem der richtige Ort für mich ist.“
„Aber ich werde nicht auf dich aufpassen“, sagte Jesus. „Die ganze Sache wird ohnehin schwer genug.“
„Das geht schon in Ordnung“, antwortete ich. „Ich passe schon alleine auf mich auf und komme dir nicht in die Quere. Und was geschehen soll, geschieht.“
„So sei es denn“, sagte Jesus und stand auf. „Aber halte dich im Hintergrund. Wenn es eng wird, sind mir meine Jünger wichtiger.“
„In Ordnung.“ Und damit gingen auch wir zu den anderen zurück.

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Unser ich-erzählender Römer konnte gar nicht wissen, von wem das Zitat war. Es wurde erst von Friedrich Schiller erfunden (Wallensteins Lager 11).

Der Menschensohn

Exerzitien 22. Teil, Bingen 2018, die „dritte Woche“.

Im letzten Blogbeitrag machten wir uns auf eine Reise, ins Judäa im Jahre 785 ab urbe condita. Dort finden wir uns jetzt wieder ein – im Kreis der Jünger Jesu. Jesus selbst hatte uns mit einigen Aussagen irritiert, in denen er vom Menschensohn sprach, und war dann weggegangen. Ich hatte Johannes gefragt, ob wir beide ihm nicht folgen und mit ihm reden könnten.

Menschensohn

Die Vision vom Menschensohn nach der Offenbarung

Johannes schaute mich an, ich nickte, und wir standen auf und gingen in die Richtung, in der Jesus verschwunden war. Wir fanden ihn gar nicht weit entfernt auf einem Stein sitzen. Er schaute uns an, als wir näher kamen. Wir setzten uns zu ihm.
„Was war denn das eben?“, fragte ich.
„Sagt ihr es mir“, antwortete Jesus. „Ich kann es auch nicht wirklich erklären.“
„So kenne ich dich eigentlich nicht“, sagte ich. „Ich bin jetzt etwa einen Monat bei euch, und du bist freundlich, positiv, manchmal crazy und besonders, voller überraschender Ideen und oft humorvoll. Zwei, drei Mal war das allerdings anders. Und ich erinnere mich, dass dabei auch der Menschensohn eine Rolle gespielt hat. Einmal hast du die Geistlichen hier sehr provoziert, als du meintest, du könntest Sünden vergeben.“ [Mt. 9,6]
„Als ob du mit Gott in allerdirektestem Kontakt stehst“, ergänzte Johannes. „Wahrscheinlich hat Simon auch an diese Situationen gedacht, als er meinte, du seist Gottes Sohn.“
„Es ist wirklich so“, sagte Jesus. „Es ist, als ob sich eine Tür zu einer anderen Wirklichkeit auftut. Ich habe es auch früher schon erlebt, in Nazareth. Als mir klar wurde, dass ich zum Täufer Johannes an den Jordan gehen musste. Und dann während der vierzig Tage in der Wüste. Aber das kann auch ganz natürliche Ursachen haben. Der Beruf Zimmermann sagte mir nie so zu, da kam die Berufung zum Jordan gerade recht. Und wenn man in der Wüste fastet und betet, dann erscheinen wie von selbst besondere Bilder.“
„Und es sieht so aus“, erwiderte Johannes, „als ob sie eine höhere Wahrheit beinhalten.“
„Ich glaube aber nicht, dass sie von Gott kommen“, sagte ich.
„Und wie erklärst du sie dann?“, fragte Johannes.
„Nun“, sagte ich, „ich denke mir das so: Jesus ist einerseits aufmüpfig gegen die Römer, andererseits konsequent gewaltlos, provoziert die hiesige Geistlichkeit, und die Leute sehen in ihm den Messias, da braucht man nicht mehr viel Phantasie: Die Katastrophe ist vorprogrammiert.“
„Ja“, unterbrach uns Jesus heftig. „Und Simon will sich gegen diesen Weg wehren. Wahrscheinlich will er kämpfen. Und dann verlieren wir alles. Kämpfen ist der menschliche, der normale Weg. Ich aber gehe den Weg der Liebe, und das heißt: der Hingabe.“
„Im Ernst?“, fragte ich. „Ich erinnere mich da aber an ein paar Sprüche, die gar nicht nach Liebe klangen. Du hast einmal gesagt: ‚Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen. Ich bin gekommen, das Schwert zu bringen.‘ [Mt. 10,34] Ist das der Weg der Liebe?“
Jesus schwieg lange. Dann sagte er: „Nein, das ist nicht der Weg der Liebe. Aber wahrscheinlich wird es so sein, dass diejenigen, die den Weg der Liebe gehen, Hass auf sich ziehen. Denn diejenigen, die den Frieden wollen, sind eine große Gefahr für die, die vom Unfrieden profitieren.“
„Aber dann kommt die Auferstehung“, warf Johannes ein.
„Genau“, sagte ich. „Das habe ich erst recht nicht verstanden. Wieso zum Beispiel nach drei Tagen?“
Jesus antwortete: „Beim Propheten Hosea heißt es: ‚Nach zwei Tagen macht Gott lebendig und nach drei Tagen richtet er auf.‘ [Hos. 6,2] Und vielleicht passt doch noch besser das Zeichen des Jona, der drei Tage und drei Nächte im Walfisch blieb.“ [Mt. 12,40]
„Das sind dann aber eher vier Tage, nach unserer Zählung“, gab Johannes zu bedenken. „So ganz will das nicht zusammenpassen.“
„Und heißt auferstehen dann, dass du wieder lebendig wirst und ewig lebst?“, fragte ich Jesus.
„Das wäre ja furchtbar“, entfuhr es ihm.
Johannes überlegte: „Irgendetwas aber geht dann weiter, nach einer kurzen Zeit.“
Wir vermuteten noch dies und das, kamen aber zu keinem gemeinsamen abschließenden Ergebnis.
Nach einer Weile stand Johannes auf und ging zurück zu den anderen. 

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Beitragsbild: Jesus und seine Jünger, von Rembrandt – teylers.adlibhosting.com : Home : Info : Pic, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37648997
Bild im Text: Der Menschensohn, von  Gebhard Fugel (1863-1939) – http://www.johannesoffenbarung.ch/bilderzyklen/fugel.php, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=65392969

 

Berufungen

Exerzitien 19. Teil, Bingen 2016, die „zweite Woche“.

(Die kursiven Texte sind wörtlich meinem Binger Tagebuch von 2016 entnommen) 

PHILIPPUS UND NATHANAEL

Meine „Lieblingsberufung“ ist die des Nathanael: Philippus, bereits von Jesus überzeugt, will nun auch seinen Freund gewinnen. Doch Nathanael sträubt sich. „Was kann aus Nazareth schon Gutes kommen?“ Philippus versucht nun erst gar nicht, ihn zu überzeugen, sondern meint schlicht: „Komm und sieh selbst.“ Nathanael gibt sich einen Ruck. Und als Jesus ihn sieht, meint er: „Hier kommt ein aufrechter Mensch.“ – Das entspricht meiner Erfahrung: Menschen lassen sich kaum durch Diskussionen von Jesus überzeugen. Sie müssen sich schon selbst aufmachen und sehen. Und wenn sie dann so positiv empfangen werden wie Nathanael von Jesus, dann ist eine gute Grundlage gelegt.

LEVI

Jesus kommt an einer Zollstation vorbei und fängt mit Levi, dem Zöllner, ein Gespräch an. Levi ist es nicht gewohnt, dass ein Israelit respektvoll mit ihm spricht und steigt gerne ein – zunächst vorsichtig, dann immer vertrauensvoller. Und als sich Jesus bei ihm einlädt, ist seine Bude abends voll.

Das ist keine typische Bekehrungsgeschichte. Jesus überschreitet einfach eine Grenze, redet mit jemandem, mit dem sonst niemand redet. Und er feiert. Hat Jesus an dem Abend nur „gute Gespräche“ geführt? Oder nicht auch einfach mal Witze gerissen, Smalltalk gemacht oder den guten Wein, den es bei Levi sicherlich gab, genossen? Reden und feiern – könnte das ein Programm für die Gemeinde sein?

PETRUS

Jesus steht am Ufer und fordert die erfolglosen Fischer auf, noch einmal die Netze auszuwerfen. Sie tun es, mit unglaublichem Erfolg. Auch ich habe Erfahrungen von Fülle gemacht, und es ist mir in meinem Leben schon viel geschenkt worden. Und doch bleibt mir die Geschichte fremd, ja ich wehre mich gegen diese Erfolgsgeschichte. Vielleicht weil mir beigebracht wurde: Nur wer Erfolg hat, ist etwas wert? Weil ich erfahren musste, dass andere mit weniger Aufwand einfach erfolgreicher waren? Sympathischer und entlastender ist mir Martin Buber: „Erfolg ist keiner der Namen Gottes.“   

Nachdem Petrus Jesus als Sohn Gottes angeredet hat, bekommt er einen neuen Namen. „Hat sich durch meine Berufung auch mein Name oder mein Wesen verändert?“, fragt der Exerzitienmeister. Wenn meine Berufung zum Pastor gemeint ist und wenn ich meinen Lebensweg von Schulzeiten bis heute in den Blick nehme, lautet die Antwort: Ja, durchaus. Am Anfang war ich doch sehr zurückhaltend. Heute müssen meine Gesprächspartner manchmal aufpassen, dass sie überhaupt zu Wort kommen…

Was aber bedeutet es, wenn Petrus die „Schlüssel des Himmels und der Erde“ bekommt? Vielleicht: Den Menschen, denen ich begegne, die göttliche Sphäre im Hier und Jetzt aufzuschließenim gegenseitigen Trost, in guten Gesprächen, in begeisternden Aktionen, Türen für Menschen „draußen“ öffnen.

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Beitragsbild: By Own work, user:M.chohan, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1718094

 

Der Ruf des Königs

Exerzitien 13. Teil, Bingen 2016, die „zweite Woche“.

(Die kursiven Texte sind wörtlich meinem Binger Tagebuch von 2016 entnommen) 

Ignatius schreibt in seinem Exerzitienbuch als Anleitung, dem „Ruf des Königs“ zu folgen und damit der eigenen Berufung gerecht zu werden – und er gibt damit auch einen Einblick in seine Vorstellungswelt: „Der erste Punkt ist: Sich einen menschlichen König vor Augen stellen, von Gott Unserm Herrn selber erwählt, dem alle Fürsten und alle Christenmenschen Ehrfurcht erweisen und gehorchen. Weiterlesen

Exerzitien, die „2. Woche“

 

Exerzitien 12. Teil, Bingen 2016

Vor einem Jahr begann ich, über meine Exerzitien in Bingen zu schreiben. Die Beiträge finden sich sowohl unter der Themen- als auch Schlagwortsuche („Exerzitien“). Sie umfassen die „1. Woche“. Der Inhalt dieser Tage war, mit den Worten des Ignatius, „die eigene Sünde“. Und das heißt: Gibt es unsortierte Bereiche in meinem Leben? Was hindert mich, meiner Berufung zu folgen und damit zu mir selbst zu kommen?

In der „2. Woche“ ging es um die Frage: „Was ist meine Berufung?“ – und das meint für Ignatius: Wie sieht mein Leben in der Nachfolge Jesu aus? Deshalb meditierten wir nun die Geschichten der Evangelien: die Menschwerdung, die Geburtsgeschichten, die Jugend, der Beginn des öffentlichen Wirkens, die Botschaft und die Berufung der Jünger.

Weiter kam ich nicht. Denn am 5. August verdrängte der Körper endgültig den Geist.

Schon in den Wochen davor hatte ich z.T. erhebliche Rückenschmerzen. Ich war bei verschiedenen Ärzten gewesen, und alle diagnostizierten zuverlässig Verspannungen. Der letzte, den ich vor den Exerzitien konsultiert hatte, meinte nach seiner Behandlung: Jetzt könne es noch ein wenig schlimmer werden, dann aber trete bestimmt Besserung ein. Und tatsächlich: In der 1. Binger Woche wurde es immer ein wenig schlimmer. Aber es trat danach keine Besserung ein. Und so waren in der 2. Woche neben den Exerzitien-Meditationen die Schmerzen ein bestimmendes Thema.

Über diese 2. Woche haben wir damals nicht berichtet. Es hatten sich andere Themen in den Vordergrund geschoben. Bevor ich aber in einigen Wochen über die diesjährigen Exerzitien berichte, möche ich noch zuende erzählen, wie es damals war.