Hirte und Herde

Im Mittelpunkt dieses Sonntags „Misericordias Domini“ (die Barmherzigkeit Gottes) steht das Bild vom Hirten, der auf seine Herde aufpasst und für sie sorgt. Jesus bezeichnet sich selbst als „guter Hirte“ (Johannes 10, 11-16), die Gemeinde spricht den 23. Psalm („Der Herr ist mein Hirte…“), und der Pastor (lat. für „Hirte“) hält die Predigt, deren Grundlage 1. Petrus 5, 1-4 auch vom Hirten spricht. Passt doch alles zusammen, oder?

 

Liebe Gemeinde!

Seit Kurzem sind wir auch bei Netflix und können uns aus dem Internet eine Menge unterschiedlicher Filme herunterladen. Wir haben dort die Serie „House of Cards“ für uns entdeckt. Sie spielt in Washington D.C., und die Hauptfigur ist ein Unsympath mit Namen Frank Underwood. Er ist ein Intrigant, absolut herzlos und ohne Moral und nur an seiner eigenen Karriere interessiert, für die er auch buchstäblich über Leichen geht. Andererseits zeigt er auch ziemlich gut, wie Politik geht. Und darin ist er ein absoluter Profi: Er schmiedet Koalitionen, verteilt Gefälligkeiten, um sie anderswo wieder einzufordern, verhandelt, macht Angebote, markiert rote Linien, die dann bei Bedarf nachverhandelt werden, und bindet bei allem geschickt die Presse mit ein.

Für dieses Geschäft darf man nicht allzu zart besaitet sein. Schwächen werden meist gnadenlos ausgenutzt, nicht nur von den eigenen Konkurrenten, sondern auch von der Öffentlichkeit. Und diese Regeln gelten ja nicht nur in der Politik, sondern im Prinzip auch im Wirtschaftsleben und nicht selten im eigenen Berufsleben.

Ich habe eine große Achtung vor den Menschen, die die Klaviatur der Macht beherrschen und spielen können. Vorausgesetzt natürlich, dass sie nicht, wie Frank Underwood, die Gesetze brechen, nicht nur für ihre eigene Karriere arbeiten, sondern auch für eine demokratische politische Einstellung. Und die gibt es. Gerade hier im Niendorfer Umfeld kenne ich eine Reihe von Politikerinnen und Politikern, die ehrlich für ihre Überzeugungen einstehen und denen ich vertraue.

Trotzdem ist mir dieser ganze Bereich unheimlich. Ich sympathisiere eher mit dem Neuen Testament. Dort steht nicht die Stärke im Mittelpunkt, sondern der gute Umgang miteinander. Jesus meint: „Wer unter euch herrschen will, sei aller Diener.“ Und Petrus setzt noch einen drauf: Wer in der Gemeinde Leitungsaufgaben übernehmen will, soll auch persönlich absolut integer sein. Er soll seine Aufgabe freiwillig übernehmen und von Herzen tun – nicht um daran zu verdienen, und auch nicht, um vor anderen gut dazustehen. Vorbild soll er sein. Und Petrus steht damit in der Tradition des Paulus, der von Führungspersönlichkeiten nicht nur Gastfreundlichkeit einforderte, sondern auch Besonnenheit, Gerechtigkeit und Selbstbeherrschung, Treue gegenüber der Ehefrau und gehorsame Kinder.

Nun, die Anforderungen mögen sich geändert haben. Aber bis heute erwartet man von uns Pastorinnen und Pastoren, dass wir eine Art Vorbildfunktion ausfüllen. Wir sollten nett sein, sozusagen von Berufs wegen. Lieber gutmütig als hartherzig. Lieber persönlich als distanziert. Lieber verbindlich als entscheidungsfreudig.

Ja, auch Geistliche können gute Leitungspersonen sein. Doch unsere Kernkompetenz liegt wohl eher im zwischenmenschlichen Bereich als darin, einen großen Betrieb zu leiten.

Damals, zur Zeit des Petrus, sah die Kirche allerdings auch noch anders aus. Es gab weder Bauausschuss noch Personalführung. Zur Gemeinde gehörten vielleicht 30, wenn’s hoch kam 100 Personen. Da kannte jede jeden. Und es war nicht einfach, im römischen Reich christlich zu leben. Weil die Christen nicht am Kaiserkult mitmachten, wurde ihre Loyalität infrage gestellt. Sie wurden kritisch beäugt und später auch mal mehr, mal weniger verfolgt und ausgegrenzt. Da brauchte es schon gute Gründe, zur Gemeinde zu gehören.

Und diese Gründe gab es. In der Gemeinde galten die Freien genauso viel wie die Sklaven, die Frauen wie die Männer. Die etwas hatten halfen denen, die nichts hatten. Es herrschte ein freier Geist. Auch die Lehre war noch nicht so festgelegt. Christinnen und Christen fühlten, wie Gott unmittelbar zu ihnen sprach und hatten gleichzeitig die Hoffnung, dass die Wiederkehr Jesu unmittelbar bevorstand. Es muss unter den ersten Christen eine große Aufbruchsstimmung geherrscht haben.

Aber es ging gleichzeitig auch einiges durcheinander. Wo keine Regeln gelten, setzt sich schnell der Stärkere durch. Deshalb war Petrus bemüht, die Gemeinde zu sortieren: Ihr Jüngeren, sagt er, ordnet euch den Älteren unter. Und ihr Älteren, handelt besonnen und beherrscht und habt immer das Wohl des Ganzen im Auge. Und seht zu, dass ihr glaubwürdig bleibt bis in euer Privatleben hinein.

Andererseits sollte der Geist Gottes nicht durch Regeln erdrückt werden. Und deshalb mahnt er seine Ältesten: Macht das alles freiwillig und mit Hingabe, mit Leidenschaft und Begeisterung. Seid mit eurem ganzen Herzen dabei.

Und er erinnert sie damit an ihre eigenen Erfahrungen. Irgendwann sind sie ja einmal selbst zur Gemeinde gekommen. Irgendetwas hat sie angesprochen, angetriggert. War es die Botschaft Jesu, der von Gott sprach wie von einem guten Hirten? War es die Gemeinschaft in der Gemeinde, das gute Miteinander, die Freiheit von den hierarchischen gesellschaftlichen Strukturen? Wir wissen es nicht, und wir werden es niemals herausbekommen.

Was wir aber wissen können, ist: Was hat uns einmal hierher in diese Gemeinde gebracht? Und warum sind wir immer noch da? Wir brauchen die Erfahrungen immer wieder, in denen wir merken: Es lohnt sich, Christin zu sein oder Christ. Es lohnt sich, in der Gemeinde zu sein. Gestern war wieder eine solche Situation.

Wir trafen uns mit dem KGR von morgens 9 bis nachmittags um fast 5 und berieten, was unsere Aufgabe für den Stadtteil in den kommenden Jahren für uns sein könnte. Wir diskutierten und hatten viele Ideen. Und am Schluss meinten die Moderatoren: Was uns am meisten beeindruckt hat, war, wie Sie miteinander umgingen. Offen und lebendig und anerkennend.

So macht Gemeinde Spaß. Und ein solches Engagement sehen wir ja auch an anderen Ecken unserer Gemeinde. Wer bei uns in die Kitas kommt oder bei einem Seniorennachmittag mitmacht, die Begegnungsstätte besucht oder die Exerzitien im Alltag – überall treffen wir auf Menschen, die mit dem Herzen dabei sind.

Zugegeben, auch Niendorf ist keineswegs perfekt. Es ist schon nicht einfach, eine solch große Gemeinde gut zu leiten; und die Aufgaben, die damit verbunden sind, kosten sehr viel Zeit und Kraft. Und es ist durchaus möglich, dass das Feuer, das wir einmal gespürt haben, kleiner wird oder sogar ganz verlischt. Viele verlassen dann die Gemeinde.

Besser wäre allerdings, dass wir uns dann, am besten mit anderen, auf die Suche nach etwas Neuem machen. Etwas, das unsere Begeisterung wieder anfachen kann. Manchmal wird einem das Neue einfach vor die Füße gelegt – wie damals, als die Flüchtlinge kamen. Manchmal muss man sich das Neue hart erarbeiten, und manchmal auch gegen diejenigen, die in der Gemeinde schon lange dabei sind. Nicht nur in der Kirche haben es neue Ideen schwer. Und wir sollten uns auch nicht entmutigen lassen, wenn wir mal scheitern. Wir können eigentlich nur herausfinden, ob etwas erfolgreich sein wird, wenn wir es machen.

Am Ende, so Petrus, steht ein großes Versprechen: „Wenn dann der oberste Hirte erscheint, werdet ihr den unvergänglichen Siegeskranz empfangen, der in der Herrlichkeit besteht.“ Ok, das sind Bilder, die uns nicht mehr ganz so geläufig sind. Der Siegeskranz ist im Sport so etwas wie die Goldmedaille gewesen. Die Christinnen und Christen lebten damals in der Erwartung, dass Jesus bald, vielleicht noch zu ihren Lebzeiten, wiederkommt, und dass sie dann mit der Herrlichkeit belohnt werden würden.

Wir wissen heute: Das mit der Wiederkunft Christi zieht sich. Und die Erwartung ist in den letzten 2000 Jahren etwas verblasst. Aber ich glaube, dass wir auch nicht bis zum Ende unseres Lebens oder gar bis zum Ende aller Zeiten warten müssen. Wenn ich etwas mit dem Herzen mache, dann erlebe ich etwas, das die Psychologen heute Flow nennen, einen Glückszustand, in dem ich ganz in meiner Arbeit aufgehen kann. Dann schmecke ich durchaus jetzt schon etwas von der Herrlichkeit Gottes. Und egal, ob das schon das Ergebnis oder erst der Vorgeschmack auf das ist, was noch kommen soll, eines kann ich dann sagen: Es lohnt sich, in jedem Fall.

Amen.

Bruno Latour: Jubilieren

Jubilieren - Latour, Bruno„Jubilieren – oder die Qualen religiöser Rede, dazu möchte er etwas sagen, aber es gelingt ihm nicht.“ So beginnt Bruno Latour sein Buch über eine Sprachform, die, wie er meint, früher einmal so viel Kraft entfaltet hat und heute nur noch fade geworden ist. Und er schämt sich. Er schämt sich, weil es ihm nicht gelingen will, das rechte Wort zu finden. Aber er schämt sich auch „dessen, was sonntags, wenn er zur Messe geht, von der Höhe der Kanzeln herab ertönt; aber er schämt sich auch des ungläubigen Hasses oder der belustigten Gleichgültigkeit derer, die über die spotten“. Weiterlesen