Auferstehung! Auferstehung?

Als gestern im Gottesdienst der Predigttext verlesen wurde, dachte ich spontan: Gut, dass ich nicht dran bin und darüber predigen muss. Paulus reflektiert über die Auferstehung, und er schreibt unter anderem: „Denn wenn es richtig ist, dass Tote überhaupt nicht auferweckt werden, dann wurde auch Christus nicht auferweckt. Wenn aber Christus nicht auferweckt wurde, dann ist euer Glaube vergeblich.“ (1. Korinther 15,16-17 nach der Basisbibel)

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Das leere Grab

Zweifel an der Auferstehung darf es also nicht geben, sonst können wir in letzter Konsequenz als Geistliche gleich unseren Beruf an den Nagel hängen und die Kirchen schließen. Andererseits glaubt nur die Hälfte der Kirchenmitglieder daran, dass Jesus von den Toten auferstanden ist.

Und die Bibel macht es einem nicht gerade leichter. Die Berichte vom Auferstandenen klingen reichlich mysteriös. Seine Vertraute Maria verwechselt ihn mit einem Gärtner (Johannes 20, 11-20), Kephas und sein Kumpel erkennen ihn stundenlang nicht, bis er ihnen in Emmaus das Brot bricht, er erscheint wie ein Geist, kann aber wie ein normaler Mensch Fisch essen (Lukas 24, 13-43). Und auch Paulus wehrt sich gegen ein allzu naturalistisches Verständnis: Er unterscheidet zwischen dem irdischen Leib, der stirbt, und dem himmlischen, der aufersteht (1. Korinther 15, 35-58). Er erinnert mich allerdings an einen Pastor, dessen Predigt umso länger wird, je unklarer ihm der Sachverhalt ist. Wie sollen wir uns diesen neuen Leib vorstellen? Als Astralkörper, reine Energie oder Sternenstaub?

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Dabei habe ich Auferstehung durchaus schon erlebt. Vielleicht nicht so wie in der Bibel, ich war natürlich auch noch nicht ganz tot. Aber nah dran. Und ich wäre es bestimmt ohne die Ärzte in Mainz und hier in Hamburg, ohne die Medizin – und wahrscheinlich ohne die Unterstützung vieler Menschen. Es ist allerdings die Art von Auferstehung, die Marie-Luise Kaschnitz in ihrem Gedicht beschrieben hat, das gerne von uns Pastorinnen und Pastoren zitiert wird: „Manchmal stehen wir auf / Stehen wir zur Auferstehung auf / Mitten am Tage / Mit unserem lebendigen Haar / Mit unserer atmenden Haut.“

Aber das ist nicht die Auferstehung, die in der Bibel gemeint ist. Dort wird deutlich gesagt: Jemand ist tot und wird wieder lebendig. Und das liegt außerhalb meiner Lebenserfahrung. Selbst Nahtod-Erlebnisse sind nichts anderes als das: nahe am Tod. Und neurologisch erklärbar. Von „drüben“ ist noch niemand wiedergekommen – außer Jesus. Und das ist eine Frage des Glaubens.

Der Glaube aber spielt sich nicht im Bereich der Erfahrungen ab, sondern im Bereich der Beziehung.

Diese Unterscheidung habe ich von Martin Buber. In seinem Buch „Ich und Du“ unterscheidet er die Du-Welt von der Es-Welt. Wir leben in beiden. In der Es-Welt sind Ich und Welt getrennt. Wir stehen den Menschen und Dingen gegenüber und können auch uns selbst „objektiv“ betrachten. In der Du-Welt gehen wir eine Einheit mit der Welt ein, leben in der Beziehung – unmittelbar und subjektiv. Und so „erfahren“ wir Gott auch nicht durch Anschauung und Denken, sondern nur, indem wir eine unmittelbare Beziehung zu ihm eingehen.

Klingt kompliziert. Und ich bin mir auch nicht sicher, dass ich ganz begriffen habe, was Buber meint. Aber nach vielen Jahren Theologie, theoretisch und praktisch, bin ich mir sehr sicher: Weder Gott noch die Auferstehung begreife ich jemals wirklich durch Denken und Logik, sondern nur, indem ich mich drauf einlasse. Erst dann werde ich mitkriegen, ob an dem Ganzen etwas dran ist.

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Die Fotos stammen von unserem Besuch im „Holy Land Experience“ in Orlando/Florida. Sie zeigen Nachbildungen des Grabes Jesu außen (Beitragsbild) und innen (Bild 1) sowie ein lebensgroßes Diorama von der Auferstehung (Bild 3). (c) Erik Thiesen

 

 

 

Aus aktuellem Anlass

Die gute Nachricht gestern war: Wir können wohl nach Borkum fahren, und den Gottesdienst am 25. März kann ich auch halten.

Die andere Nachricht: Das PET/CT-Leuchten am 5. Brustwirbel ist „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ eine Metastase. Und sie sitzt so nahe am Rückenmark, dass eine Bestrahlung außerordentlich kompliziert wird, wenn sie denn überhaupt möglich ist. Außerdem ist die Gegend schon zweimal bestrahlt worden. Es besteht die Gefahr, dass sich ein Ödem bildet, das mittelfristig zu Lähmungen führen kann. Deshalb wurde auch die Klinik in Mainz angefragt, ob eine (weitere) Rücken-OP sinnvoll und möglich wäre.

Die Fachleute wollen sich nun in jedem Fall noch einmal beraten. Sollten sie zur Entscheidung kommen, dass das Risiko zu hoch ist, steht die nächste systemische (Chemo-, Antikörper- oder Immun-) Therapie an. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem ich die letzte noch keineswegs weggesteckt habe.

Schon in der letzten Woche war die Stimmung eher grau gewesen. Jetzt müssen wir diese Informationen erst einmal verkraften.

Wenn einem die körperliche Kraft fehlt, nimmt man sich am besten eine Auszeit: ausruhen, auftanken, und warten, bis es wieder besser geht. Wenn einem psychisch die Luft wegbleibt, ist das komplizierter. Denn die Ursache dafür nimmt man ja auch in den Urlaub mit.

Keine Frage: Es tut gut, nicht allein zu sein. Und ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es wäre ohne die Hilfe und Unterstützung so vieler Menschen. Ohne beruflich und damit auch finanziell einigermaßen abgesichert zu sein. Ohne eine solch hervorragende medizinische Betreuung – und auch menschlich waren die Ärzte wieder einmal großartig.

Ich würde es mir aber auch mal wünschen, den Packen einfach mal ablegen zu können. Einschlafen in dem Bewusstsein: Alles ist gut. In den Urlaub zu fahren und alles hinter sich lassen zu können. Sich auf etwas freuen können ohne gleichzeitig zu denken: Wenn es die Gesundheit denn zulässt. „Aber man hat ja keine Wahl“, sagte eine Freundin, die auch mit genug Sorgen unterwegs ist.

Martin Gutl, österreichischer Priester-Dichter, schreibt im Hinblick auf Ostern („Die Ewigkeit der drei Tage„):
„Drei Tage warten –
Vom Standpunkt der Ewigkeit aus
ist das Warten keine Kunst.
Doch mit dem Blick auf unsere Herzen
können drei Tage eine Ewigkeit sein.“

Das kommt schon in den Geschichten der Bibel zum Ausdruck: Die Kreuzigung ist höchst real und wird auch so beschrieben. Die Auferstehung dagegen ist geheimnisvoll. Nie wird ganz deutlich: Haben die Jüngerinnen und Jünger alles bloß ausgedacht? Waren es Halluzinationen? War Jesus ein Geist oder ein Mensch? Die Auferstehung ist ein Ereignis aus einer anderen Welt. Es kommt – oder auch nicht. Wir haben es nicht wirklich in der Hand.

Warten können“ ist ein anderes Gedicht von Martin Gutl, das mich schon als Student sehr beeindruckt hat. Geduld sei eine christliche Tugend, sagt man so schnell. In der Tat: Vielleicht hat Geduld viel mehr mit Glauben, mit Vertrauen zu tun als ich bisher dachte.

Warten können, das wäre was.

 

Franziskus aus Holz

 

auch 10. Teil der Reihe über die Exerzitien. Bingen, 24. Juli 2016
Die vorherigen Beiträge sind unter dem Stichwort „Bingen“ versammelt.

Kruzifix Baum1Während der Exerzitien in Bingen bekamen wir Aufgaben, die Pfarrer Mückstein auf der Grundlage des Buches „Mit Jesus auf dem Weg“ von Gundikar Hock SJ (Münsterschwarzach 1998, vergriffen) erarbeitet hatte. Der Titel des Buches ist Programm für die Exerzitien: Das Ziel ist, das eigene Leben an Jesus auszurichten. Weiterlesen