Keiner versteht mich

Vor einigen Tagen habe ich auf diesem und einem anderen Blog über die Grundlage unseres Denkens und Handelns diskutiert. Und auch wenn jeder Mensch einzigartig und nicht wirklich in Kategorien einzuordnen ist, würde ich zwei von uns als Rationalisten bezeichnen. Sie wünschen sich die Vernunft als Grundlage unserer Auseinandersetzungen und Entscheidungen. Eine ist eine evangelikale Christin und ich würde mich als liberalen Christen bezeichnen. Und ich denke, dass wir damit die Denkweisen in unserer Gesellschaft im Prinzip nicht schlecht abbildeten.

Wir haben immer wieder neue Ansätze gesucht, unsere jeweilige Position den anderen zu erklären. Am Ende haben wir die Gespräche abgebrochen. Wir kamen nicht zueinander.

Und dabei waren wir alle reflektierte Menschen mit dem Wunsch, uns verständlich zu machen. Am Ende saßen wir wieder in unserer eigenen Blase und dachten wohl alle dasselbe: Wie borniert können die anderen bloß sein!

Genauso erlebe ich es in unserer Gesellschaft: Auch nach vielen Recherchen und Bemühungen vermittelt noch ungefähr jeder ZeitOnline-Artikel die Meinung: Wie doof können AfD-Anhänger bloß sein? Und SpiegelOnline versucht immer noch und immer wieder, Homöopathie-Anhänger mit wissenschaftlichen Argumenten zu überzeugen und begreift nicht, dass das denen egal ist. Die SPD versteht die Welt nicht mehr und die AfD fühlt sich sowieso von niemandem verstanden.

Und auch ich frage mich: Was ist da passiert? Warum reden wir aneinander vorbei? Und was muss passieren, dass wir doch noch zueinander kommen.

Denn wir leben nun mal in einer Gesellschaft. Und wir wären erfolgreicher, wenn wir kooperativ unsere Probleme lösen könnten. Dazu müssen wir erst einmal eine gemeinsame Basis finden. Welche könnte das sein?

Ihr könnt, wenn Ihr mögt, die Diskussionen im Netz auf „Überschaubare Relevanz“ und auf diesem Blog nachlesen. Und natürlich werde ich selbst weiter darüber nachdenken.

Über einen lebendigen Austausch würde ich mich freuen.

Kirche und Säkulares Forum

Kirche im Dialog (2). Hier steht der 1. Teil

Eine der ersten Reaktionen auf das neugegründete Werk der Nordkirche kam vom Säkularen Forum. Der epd (Evangelische Pressedienst) war sofort angetan: „In Zeiten zunehmender weltanschaulich und religiös motivierter Radikalisierung sei ein respektvoller Gedankenaustausch zwischen den verschiedenen Bekenntnissen Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben, sagte der Vorsitzende Helmut Kramer.“

Prof. Kramer machte im Hamburger Abendblatt (Leserbrief vom 8.3.2017) aber auch gleich deutlich, dass Kirche und Forum Welten trennen: „Die Gründung von ‚Kirche im Dialog‘ ist begrüßenswert. Wer aus der Kirche austritt, ist damit aber nicht konfessionslos, sondern konfessionsfrei.“ Wer konfessionslos sagt, meint: Den Anderen fehlt etwas. Wer konfessionsfrei sagt, meint: Die Anderen haben etwas zu viel. Nämlich Religion. Ob man auf der Basis wirklich zueinander kommt?

Und Kramer geht mit viel Skepsis in den „Dialog“: „Wenn die Kirche tatsächlich bereit wäre, in einen Dialog mit säkularen, konfessionsfreien Menschen einzutreten, müsste sie von dem Alleinvertretungsanspruch der Offenbarungsreligionen Abstand nehmen und auch kirchenfernen Menschen das Recht auf alternative Vorstellungen von Sinn und Werten zugestehen.“ Ups, da hat der Herr wohl ein paar tausend Veröffentlichungen der Kirche zum Thema Toleranz in den letzten Jahren und Jahrzehnten nicht wahrgenommen.

Ich habe mir mal die Forderungen des Säkularen Forums Hamburg angeschaut und den Eindruck gewonnen: Die wollen nicht nur eine Gleichberechtigung mit den Kirchen im öffentlichen Leben, sie wollen die Religion insgesamt zurückdrängen und Säkularität zur leitenden Weltanschauung machen.

Ok, der Dialog ist eröffnet.

Dialog mit Konfessionslosen

Kirche im Dialog (1)

Jüngst schneit eine Pressemeldung auf meinen Schreibtisch, dass die Nordkirche ein neues „Werk“ gründen will: „Kirche im Dialog“ – konkret: im Dialog mit Konfessionslosen.

Dialog finde ich gut. Und wenn die Kirche über den eigenen Rand hinausschaut, finde ich es noch besser. Doch frage ich mich, welche Motive die Verantwortlichen mit dieser Gründung verbinden.

Vor dreißig Jahren habe ich verantwortlich an einem Projekt mitgewirkt, das ähnliche Ziele verfolgte. Neu anfangen – Christen laden ein zum Gespräch – „will den Glauben positiv und niveauvoll für eine ganze Stadt oder Region ins Gespräch bringen und fern stehende Menschen zum Neuanfang im Glauben und in ihrer Beziehung zur Kirche ermutigen“, heißt es heute auf der Webseite. Als wir es in Hamburg durchführten, gemeinsam mit den Katholiken und Freikirchen, gehörten auch noch geschätzte 70% einer dieser Kirchen an. Es war eine großartige Aktion, doch den Trend zum Kirchenaustritt hat sie auch nicht wesentlich beeinflusst.

Vor sechs Jahren gründete die Nordkirche eine Arbeitsstelle mit exakt demselben Namen wie das neue Werk: Kirche im Dialog. Sie versuchte erst einmal herauszufinden, mit wem man überhaupt reden wollte. Sie stellte fest, dass die meisten Konfessionslosen mit ihrer Situation ganz zufrieden waren. Gerne zitiert wurde die Antwort einer Ostdeutschen, die auf die Frage „Sind Sie religiös?“ antwortete: „Nein, ich bin normal.“

Zu den Empfehlungen dieser Arbeitsgruppe gehörte dann auch weniger, mit religiösen Themen an die Öffentlichkeit zu gehen, sondern auf „dritten Feldern“ wie Flüchtlingsarbeit und Kirchbauvereinen mit nichtkirchlichen Akteuren zusammenzuarbeiten. Vor allem aber solle man mit den Gesprächspartnerinnen und –partnern offen und empathisch umgehen, sie nicht vereinnahmen und die Mission Gott überlassen.

Nun also das Werk „Kirche im Dialog“, das in erster Linie Gemeinden und kirchliche Mitarbeitende unterstützen soll im Gespräch mit Außenstehenden. Als erstes wurde eine Fotoausstellung organisiert, in der Künstler, die der Kirche fernstehen, ihre Assoziationen zu „Gott“ darstellen durften – in der Hoffnung, dass unterschiedliche Menschen über das Thema miteinander ins Gespräch kommen. Auf der Webseite heißt es dazu: „Eine der Fotografinnen drückte es so aus: „Die Menschen sitzen vielleicht auf verschiedenen Stühlen, die auch alle anders aussehen. Aber letztendlich schauen sie doch alle in dieselbe Richtung und wollen alle etwas zum Anlehnen!“

Ein schöner Satz, aber stimmt er auch?

Wissenschaft oder Gott

2. Teil der Reihe über den Atheismus
Den 1. Teil findest du hier.

Für mich ist die Wissenschaft das Maß aller Dinge, wenn es darum geht, diese Welt zu erklären. Die „Schulmedizin“ ziehe ich der Homöopathie vor, die Naturgesetze hinterfrage ich nicht, und wenn es irgendwelche Phänomene gibt, die man noch nicht erklären kann, dann sind es eben Phänomene, die man noch nicht erklären kann – und keine Geister, Wunderheilungen oder Gotteserscheinungen. Natürlich hat Shakespeare recht, wenn er sagt: „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als Eure Schulweisheit sich träumen lässt.“ Aber das ist für Wissenschaftler eher ein ziemlich dünnes „Totschlagzitat“ und sagt mehr über unsere Schulweisheit als über die Dinge zwischen Himmel und Erde.

Nein, ich brauche Gott nicht als Platzhalter für unerklärliche Phänomene. Ich glaube auch nicht an Wunder, die die Naturgesetze außer Kraft setzen. Selbst die Entwicklung der Welt kann ich mit der Evolution gut und ausreichend erklären. Dem Kreationismus, der in christlichen und islamischen Kreisen verbreitet ist, stehe ich sehr skeptisch gegenüber.

Und doch komme ich von Gott nicht los. Und das liegt auch, aber nicht nur an meinem Beruf. Und das liegt daran, dass mich die Wissenschaft in anderen Bereichen überhaupt nicht überzeugt. Ein solcher Bereich ist die Liebe.

Ja, die Wissenschaft kann herausfinden, dass wir in der Liebe hormongesteuerter sind als wir manchmal annehmen. „Wissenschaftler entlarven Liebe als physiologischen Vorgang“, schrieb der Focus. Dass bei der Liebe wie bei allen Handlungen und Gefühlen physiologische Vorgänge eine Rolle spielen und dass man sie messen kann, überrascht mich nicht wirklich. Aber es befriedigt mich nicht. Liebe, das ist meine Überzeugung, ist größer und umfassender. Sie ist besonders. Sie umgibt ein Geheimnis. Erst dann wird sie bedeutsam und schön und groß – und poetisch. Es fehlt die Sprache der Dichter wie Max Frisch: „Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertigwerden; weil wir sie lieben, solange wir sie lieben.“

Und wenn ich mich entscheiden sollte, würde ich immer sagen: So ist Liebe. Und wenn sie noch so hormongesteuert ist.

Und so ist es auch mit dem Glauben. Man kann ihn vermessen und dabei viel lernen. Aber er bleibt ein Geheimnis – und gewinnt gerade dadurch seine Kraft. Was Max Frisch vom Liebenden sagt, erfahre ich ganz ähnlich auch als Glaubender.

Der Charme des Atheismus

  1. Teil der Reihe über den Atheismus

Die Auseinandersetzung mit dem Atheismus hat für mich schon immer einen großen Reiz gehabt. Schließlich geht es bei der Frage nach Gott nicht nur um die Fundamente der Erkenntnis und der Welt, sondern vor allem auch um meine persönlichen Grundlagen. Für mich als Pastor ist das ja besonders heikel. Käme ich zur Erkenntnis, die ganze „Sache mit Gott“ (Heinz Zahrnt) wäre Unsinn, wäre meine berufliche Zukunft gefährdet. Käme ich zum Schluss, an „Gott“ wäre etwas dran, könnte deshalb der Wunsch der Vater des Gedankens sein.

Atheisten lehnen den Theismus, das heißt den Glauben an einen persönlichen Gott, ab. Religiöse Menschen, sagen sie, glauben an einen imaginären Freund. Aber das beruhe nur auf Einbildung. Niemand hat Gott je beweisen können.

„Man kann aber auch nicht seine Nichtexistenz beweisen“, sagen andere. „Man weiß es eben nicht. Wir halten uns raus.“ Das sind dann die Agnostiker.

Wer hat nun Recht? Gibt es denn nun (einen) Gott oder nicht?

Die Antwort der Naturwissenschaft ist eindeutig: Selbst wenn es ihn gäbe, interessiert er uns nicht. Wissenschaft basiert auf dem Grundsatz „etsi deus non daretur“ – das ist lateinisch und heißt „als wenn es Gott nicht gäbe“. Und die letzten 400 Jahre haben gezeigt: Gott als Erklärungsmodell für irgendwelche Ereignisse in dieser Welt hat ausgedient. „Jedes Mal, wenn die Kirche ihr eigenes Bild von dem, was in der Welt geschieht, vorlegte und wenn es gleichzeitig zum selben Thema eine wissenschaftliche Alternative gab, hat diese sich als die bessere erwiesen. Jede Schlacht wurde von der Kirche verloren und zwar unwiderruflich.“ (Pascal Boyer, zit. nach „Glaube und Wissen“)

Da können mich auch zwei „Gottesbeweise“ nicht überzeugen, die heute noch eine Rolle spielen. „Wenn die Theorie vom Urknall stimmt – was war vor dem Urknall?“, fragen einige. Eine Variation ist die Aussage: „Wir werden nie alle Fragen wissenschaftlich beantworten können.“ Beide Aussagen weisen Gott einen Platz am Rande unserer Erkenntnis zu. Gott ist dort, wo unser Verstand (noch) nicht hinreicht. Das eliminiert Gott aus unserer erfahrbaren Welt – und für die Wissenschaft ist das auch kein Problem: Sie hat nicht den Anspruch, „alles“ zu erklären, sondern sie will forschen ohne Denkverbote. „Gott“ an irgendeiner Stelle der Theorie stört dann nur.

Der „Gottesbeweis“ des Mathematikers Kurt Gödel geht auf Leibniz zurück, der meinte: Wenn man etwas denken kann, gibt es das auch. Da ich Gott denken kann… Und damit schrumpft Gott auf eine Theorie meines Geistes. Mathematisch bestimmt schlüssig, theologisch fragwürdig.

Dagegen finde ich Florian Freistetters Argumentation sehr überzeugend, der zum Schluss kommt, „dass sämtliche ‚Gottes‘-Begriffe, die der Menschheit bisher eingefallen sind, zuverlässig widerlegt wurden. Aus diesem Grund, kann man beruhigt feststellen, dass es mit absoluter Sicherheit keine „Götter” geben kann … (Das schließt) natürlich nicht aus, dass es einen Bereich des Seins gibt, in dem unsere Vernunft versagt. Aber zu diesem Bereich können wir eben nichts sagen. Gar nichts … Ludwig Wittgenstein formulierte (es) einmal sehr treffend in Satz 7 seines Tractatus logico-philosophicus …: ‚Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.‘”

Hundert zu null also für die Wissenschaft? Der Wissenschaftler in mir ist an dieser Stelle zufrieden. Der Pastor aber sagt: Da muss es doch noch etwas geben…?