Wechsel nach Niendorf

Wochenblatt 7-17„Pastor Thiesen wechselt nach Niendorf“ titelte das Niendorfer Wochenblatt in der vergangenen Woche. Da ist etwas dran, auch wenn – wie diverse Nachfragen zeigten – nicht allen klar wurde, was genau.

Da jederzeit neue Metastasen auftauchen können, macht die Arbeit als Pastor der Kirchengemeinde Niendorf nicht mehr wirklich Sinn. Doch statt mich in den vorzeitigen Ruhestand zu schicken, hat Propst Melzer zusammen mit dem Landeskirchenamt eine Stelle „zur besonderen Verwendung“ eingerichtet. Von den laufenden Aufgaben eines Gemeindepastors bin ich weitgehend befreit. Meine Schwerpunkte liegen nun in den Bereichen Spiritualität, Social Media und Stadtteilarbeit.

Und diesen Übergang feiern wir nun also am kommenden Sonntag um 15 Uhr in der Kirche am Markt: Abschied von der Gemeindearbeit nach 26 Jahren, Neubeginn auf der übergemeindlichen Stelle, Kontinuität als Pastor in Niendorf. Oder, wie Frau Seeland sagte: Ich wechsle nur die Abteilung, nicht die Firma und nicht den Ort.

Und trotzdem ist es ein besonderes Ereignis. Vor allem, weil der Anlass so besonders ist. Und weil Ihr und viele andere uns auf diesem Weg so gut begleitet haben, möchten wir  gerne mit Euch feiern. Es wird dann auch meine erste Predigt nach über einem Jahr sein. Deshalb wird in dieser Woche wohl auch keine Zeit für einen weiteren Blogbeitrag bleiben.

Ob Ihr nun am Sonntag dabei sein könnt oder nicht – Euch allen wünschen wir eine schöne Ferienzeit.

Das Beitragsbild zeigt den Tibarg, Blick Richtung Süden (c) Erik Thiesen

Sisyphos

Es war ein Tiefschlag, wieder einmal. So sehr hatten wir gehofft, dass wir diesmal eine gute Nachricht bekämen. Dass wenigstens für ein paar Monate so etwas wie Normalität einkehren würde. Dass die Krankheit ein wenig mehr in den Hintergrund treten könnte. Stattdessen eine weitere Metastase, fast 2 cm groß, voraussichtlich nicht sinnvoll zu operieren. Das bedeutet Chemo oder Immuntherapie mit ungewissem Ausgang, und die Lebenserwartung ist wieder um ein gutes Stück geschrumpft.

Gerade hatten wir wieder so etwas wie Hoffnung geschöpft. Die Blogbeiträge atmeten etwas von Vertrauen und Zukunft und Licht. Nun geht es wieder von vorne los. Ich höre wieder Leonard Cohen, „You want it darker“. Und wieder singe ich mit ihm, sehnsuchtsvoll und traurig: „I wish there was a treaty we could sign.“ Wie im Januar. Einen Monat später stellten wir eine Kerze auf mit der Aufschrift: „Es geht aufwärts“ und schrieben dazu: Gerade auch nach Rückschlägen.

Das stimmt. Doch es ist wie bei Sisyphos: Der Stein, den er gerade den Berg hinaufgerollt hat, rollt unweigerlich wieder herunter. Und er muss von vorn anfangen. Das macht nicht nur müde, es erschöpft auch. Die Kräfte werden mit den Monaten und Jahren ja weniger. Und die Gefahr wächst, dass der Stein, der den Berg herunterrollt, Sisyphos selbst erschlägt.

Der Schriftsteller und Existentialist Albert Camus hat diesen alten griechischen Mythos aufgenommen. So absurd ist die Situation des Menschen, meint er: Er sucht den Sinn in einer Welt, die keinen Sinn macht. Aber wenn man diese Situation annimmt und den Stein zur eigenen Sache macht, dann wird man frei. Dann kann man sich „Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen“. „Was bleibt, ist ein Schicksal, bei dem allein das Ende fatal ist.“ (aus: Der Mythos des Sisyphos)

Leonard Cohen scheint selbst das Ende angenommen zu haben. „I’m leaving the table“, singt er. Und so, wie er es singt, klingt es gut. Etwa so, wie es in der Bibel von Abraham, Hiob & Co gesagt wird: „Er starb alt und lebenssatt und wurde versammelt zu seinen Vorfahren.“

Soweit aber bin ich noch lange nicht. Auch wenn der Tod durchaus wieder in Sichtweite gekommen ist. Und auch wenn ich mir sogar vorstellen kann, mich einmal von der Arbeit zu verabschieden –  noch sind nicht alle Gespräche geführt. Noch soll so mancher Spaziergang getan und manches Glas Wein geleert werden. Vor allem aber: Ich habe einmal versprochen, meine Frau nie allein zu lassen, weder in guten noch in bösen Tagen. Gut, wir haben damals bewusst gesagt: … bis der Tod uns scheidet. Aber es war nie die Rede davon, dass es so früh geschehen könnte. I’m NOT leaving the table. Not yet.

Beitragsbild: Tizian, Sisyphos. Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3860214

Lichtblick der Woche

Lichtblick der Woche

„Wir schaffen das alleine, aber du fehlst.“ So oder ähnlich Kolleginnen und Kollegen in den letzten Monaten.

„Überlege dir für deine Zukunft, was dir gut tut. Aber es wäre schön, wenn es in Niendorf wäre.“ So oder ähnlich Mitglieder des Kirchengemeinderats in den letzten Monaten.

„Wenn es nicht sinnvoll oder möglich ist, weiter auf der Pfarrstelle zu bleiben, können wir eine „zbV-Stelle“ – zur besonderen Verwendung – einrichten. Machen Sie bitte Vorschläge, wie sie inhaltlich ausgestaltet werden kann.“ So oder ähnlich Propst Dr. Melzer in den letzten Monaten.

Heute ist mein offiziell letzter Tag als Gemeindepastor in Niendorf. Der Tag ist für Ute und mich in höchstem Maß ambivalent. Einerseits sind wir beide mit dieser Aufgabe intensiv verbunden gewesen und wir haben sie geliebt. Und der Grund für das Ausscheiden ist sch…

Andererseits haben uns viele Menschen diesen Schritt so leicht wie möglich gemacht, siehe oben. Und in der Zukunft wird es uns möglich gemacht, unsere Ideen umzusetzen – vorausgesetzt, der Krebs hält still.

„Dafür beten wir.“ So oder so ähnlich viele Menschen aus Gemeinde und Freundeskreis.

 

Übrigens – das Bild lesen wir als Sonnenuntergang UND Sonnenaufgang.